Rankings mit den besten Livealben aller Zeiten sind weiterhin sehr beliebt, allerdings finden sich darin regelmäßig auch Platten, bei denen man hinterfragen kann, wie „live“ das Werk wirklich ist. Bei Thin Lizzys Live And Dangerous (1978) soll beispielsweise viel im Studio nachgebessert worden sein. Paul McCartney hat zu Wings Over America (1976) selbst eingeräumt, dass die Platte mit reichlich Overdubs vor allem bei den Gesangsspuren auf den Markt kam. Rosie auf dem AC/DC-Livealbum If You Want Blood You’ve Got It soll sogar komplett im Studio eingespielt worden sein. In jedem Fall sind Livealben aber in der Regel insofern bearbeitet, dass sie nur eine Auswahl der Songs enthalten, die auf der Bühne performt wurden, manchmal als Zusammenstellung von verschiedenen Konzertorten, meist auch ohne die vollständigen Ansagen. Blond gehen für ihre erste Liveplatte einen anderen Weg. Das am 18. Juli erscheinende Perlen (Live) enthält nicht nur die 16 Songs ihrer ausverkauften Show im Berliner Huxley’s, sondern auch die komplette Interaktion mit dem 1700-köpfigen Publikum, von Animationen über kurze Dialoge bis hin zu Ansagen, die für das Tracklisting der Platte so schöne Titel wie Kotpositivity bekommen haben. Das Trio aus Chemnitz dokumentiert damit in 94 Minuten exemplarisch die wunderbaren Erfahrungen der beiden Tourneen zum im vergangenen Jahr erschienenen Album Perlen. Als erste Kostprobe ist gerade die Liveversion von Ich sage ja (****) erschienen, die bestens illustriert, wieso Blond diesen Triumphzug antreten konnten: Das Lied ist eingängig und relevant, der prominente Groove und der Call-and-Response-Aufbau funktionieren live natürlich besonders gut. Man darf hier gerne tanzen und denken gleichzeitig, man darf Gemeinschaft und Empowerment erleben. Und einen Gastauftritt von Paula Carolina (bei Du musst dich nicht schämen) bietet das Album auch noch.
Bleiben wir noch bei Trios aus Sachsen: LSSNS, die teils in Leipzig, teils in Helsinki ansässig sind, haben sich mit dem Leipziger Coldwave-Projekt Warm Graves zusammengetan. Gemeinsam werden sie am 12. Juli die EP Re: Gemini veröffentlichen, die auf der ersten Single aus dem LSSNS-Debütalbum Transit beruht und zwei Überarbeitungen dieses Tracks enthält. Anlass für die Kooperation waren nicht nur die kurzen Wege in Leipzig, sondern auch eine gemeinsame Geschichte, denn Jonas Wehner von Warm Graves hat lange Zeit gemeinsam mit LSSNS-Mann Patrick Sudarski in einer Band gespielt. „Als er mich fragte, ob ich einen Remix für Gemini machen könnte, fühlte es sich wie eine schöne Gelegenheit an, musikalisch wieder in Kontakt zu kommen. Bei Remixen provoziere ich bewusst Unfälle, indem ich zuerst Chaos schaffe und dann neue Spuren darüber aufnehme. So sind diese zwei sehr unterschiedlichen Versionen entstanden. Während ich beim Rework hauptsächlich Veränderungen an Harmonien und Arrangement vorgenommen habe, ist der Remix zu einem völlig neuen Stück geworden, das dem Original kaum noch ähnelt.“ Tatsächlich ist Gemini im Warm Graves Remix (***1/2), direkter als die Vorlage und sehr spannend.
Ein Remix war auch der Ausgangspunkt für eines der erstaunlichsten Comebacks des Jahres 2024: Propaganda sind tatsächlich zurück und veröffentlichen mehr als 40 Jahre nach ihrer Gründung ihr drittes Album. Das selbstbetitelte Werk wird am 11. Oktober erscheinen und ist zuhause in Düsseldorf entstanden. Dass Ralf Dörper und Michael Mertens dort wieder gemeinsam an neuer Musik gearbeitet haben, hängt mit ihrem ehemaligen Label-Kollegen Holly Johnson (Frankie Goes To Hollywood) zusammen, der sie 2015 um einen Remix gebeten hat. Dabei entstand der Gedanke, dass sie nach dem international erfolgreichen Debüt A Secret Wish (1985) und dem 1990 veröffentlichten Nachfolger 1234 der Synthie-Pop-Welt vielleicht doch noch etwas zu geben haben. Tracks wie die Vorab-Single Tipping Point (***1/2) bestätigen das mit einem ebenso lebendigen wie zeitlosen Sound irgendwo zwischen Trance und Pop. Der Text handelt von Umweltverschmutzung und beweist, dass Propaganda weiterhin überzeugt sind, dass man elektronische Tanzmusik auch mit ernsthaften Texten versehen kann. Als Gäste auf dem Album sind der Oscar-prämierte Filmkomponist Hauschka und Sängerin Thunder Bae dabei.
Desperate Journalist aus London legen am 27. September ihr fünftes Album No Hero vor. Das Quartett zeigt mit der fast sechs Minuten langen Vorab-Single Unsympathetic Parts 1 & 2 (***1/2), mit wie viel Ambitionen sie dieses Werk angegangen sind. Es gibt treibende Drums, einen sehr originellen Bass und zuerst viel Schwermut in der Stimme von Jo Bevan, dann zum Schluss fast drei Minuten lang gar keinen Gesang mehr. „Dies ist der erste Song, den wir speziell als Synth-Track geschrieben haben, es wird von denen auf dem Album noch mehr geben“, sagt Jo Bevan, die ebenso wie Robert Hardy (sonst Gitarren und Klavier) und Simon Drowner (sonst Bass) auch selbst am Synthesizer komponiert, was somit für alle in der Band außer Schlagzeugerin Caroline Helbert gilt. „Der Text ist inspiriert vom Film Opening Night von John Cassavetes/Gena Rowlands, den ich kurz vor dem Schreiben der Melodie zum ersten Mal gesehen hatte und der mich mit seiner gleichzeitig traumhaften und düsteren Atmosphäre beeindruckt hatte. Er schien gut zu der wirbelnden und doch spannungsgeladenen Akkordfolge zu passen, die Rob sich ausgedacht hatte. Dann habe ich natürlich einen vage satanischen Chor-Refrain hinzugefügt. In Teil 2 dreht sich alles um den Weltraum, das Vergessen oder eine Art dissoziative Traumwelt.“
Zu den vielen Talenten von Tom Hessler scheint es zu gehören, seine Musik stets unter Namen zu veröffentlichen, die vollkommen suchmaschinenuntauglich sind. Einst war er Sänger der Hamburger Band Fotos, sein erstes Solowerk hat er dann im vergangenen Jahr als Der Assistent herausgebracht. Im Oktober wird der Nachfolger erscheinen und Amnesie am Amazonas heißen. Dass man darauf, wie schon beim Solodebüt, erlesenen und poetischen Pop erwarten darf, lässt die Single Klinik unter Palmen (***1/2) vermuten: Man kann an Lounge, Yacht und Hängematte denken und angesichts des wohligen Sounds gewiss sein: Dieses Krankenhaus ist eindeutig eine Wellness-Klinik.
