Casper Live in Bielefeld

Futter für die Ohren mit Casper, Cary, Gurriers, Chalet Belgiques und Tocotronic

Stolz ist eine gefährliche Sache, vor allem, wenn er auf die eigene Herkunft bezogen ist. Wenn Casper nun Casper – Live in Bielefeld ankündigt (erscheint auf Vinyl, CD und als Konzertfilm), könnte man das in diese Kategorie packen. Unter dem Motto „Verliebt in die Stadt, die es nicht gibt“ hat er am 15. Juni eine Show in der SchücoArena in Bielefeld gespielt, die in mehrfacher Hinsicht besonders war. Es war sein einziger Auftritt in diesem Jahr. Es war eines der größten Konzerte seiner Karriere mit 26.000 Tickets, die innerhalb von 24 Stunden ausverkauft waren. Und es war die Erfüllung eines Lebenstraums, in der größten Arena seiner Heimatstadt zu spielen, vor seinen Fans, mit vielen Freunden. Schaut man jetzt auf Momente wie Lass es Rosen für mich regnen (***1/2), kann man sich aber an die Definition erinnern, die Arthur Schopenhauer einst getroffen hat, und in der Stolz sehr genau von Eitelkeit unterschieden wird. Stolz kommt von innen, aus der „direkten Hochschätzung seiner selbst“, legt der Philosoph dar. Eitelkeit hingegen ist der Versuch, das Selbst über Wertschätzung von außen aufzuwerten. Das Livealbum fällt eindeutig in die erste Kategorie, denn es ist überdeutlich, wie dankbar Casper für diesen Abend ist, und wie sehr er sich vor allem diesen Triumph erarbeitet hat. Lass es Rosen für mich regnen vereint Härte und Überraschungen (inklusive der Gastauftritte von Provinz-Sänger Vincent Waizenegger und Lena), die Überzeugung in das eigene Talent und die kleine Verwunderung darüber, dass dieses Talent ihn tatsächlich so weit getragen hat. „Das ist mit das Beste was ich je erlebt habe“, hat Casper zum Ende des Konzerts gesagt. Da darf man auch mal sagen: Herzlichen Glückwunsch!

Cary aus Leipzig hat mit vielen Vorab-Tracks gezeigt, wie groß ihr Talent ist und wie schnell sie einen sehr individuellen Sound zwischen Elektronik und HipHop geschaffen hat, den sie selbst „Future Pop“ nennt. Ein weiteres schönes Beispiel ist Seitenstreifen (****), das Atmosphäre und Poesie vereint, eine tolle Stimme und originelle Details (entstanden ist der Track wieder mit ihren Stammproducern Loybeatz und Tinkah). Zur Intensität des Lieds trägt auch bei, dass Seitenstreifen nur gut zwei Minuten lang ist. Gerade hat Cary ihr Debütalbum angekündigt, das Allein oder Einsam heißen wird und am 7. Februar herauskommt. Natürlich wird es bei diesem Titel auch darauf um Isolation, Verlassen und Verlassenwerden, Angst und Frust gehen. Anfang 2025 ist zum Release auch eine Tour geplant, die Cary am 26. Februar in Leipzig im Werk 2 abschließen wird.

Fünf Männer aus Irland, die Gitarrenmusik machen, die vor 20 Jahren en vogue war – nichts könnte langweiliger klingen. Der Sound von Gurriers lässt tatsächlich an Acts wie The Enemy, The Rakes oder We Are Scientists denken, das gilt auch in der neuen Single Dipping Out (****), die vom aktuellen Debütalbum Come And See stammt. Der Song zeigt aber in Wirklichkeit: Die Kombination aus Melodie und Intelligenz, aus Spaß am Groove und Lust auf Eskalation wird nie langweilig werden. Wer sich spontan überzeugen will: Heute sind Gurriers im Naumanns in Leipzig zu sehen.

Solch ein Zusammentreffen von, pardon, No Name und Big Name wie bei Chalet Belgiques ist selten. Die eine Hälfte des in Hamburg gegründeten Duos ist die Malerin, Videokünstlerin und Musikerin Cindy Hennes, die aus Belgien stammt. Die andere Hälfte ist Sonja Glass, die seit ihrer Zeit bei Boy ziemlich intensiv daran gearbeitet hat, nicht mehr als Big Name wahrgenommen zu werden. Sie hatte, wohl auch durch die Kombination aus unerwartetem Riesenerfolg und daraus folgender Erwartungshaltung, zuletzt eindeutig die Lust aufs Musikgeschäft, beinahe auch die Freude am Musikmachen überhaupt verloren. Jetzt haben beide zusammengefunden und sich offensichtlich beflügelt. „Wir sind uns gegenseitig eine musikalische Partnerin, ohne den gewohnten Weg einer Band zu gehen. Wir schreiben zusammen, finden gemeinsame Schnittmengen und lassen uns so viel Freiheit wie möglich. Wo uns die Reise hin führt, sehen wir dann“, sagen sie zur Zusammenarbeit, deren Weg zunächst zur EP Nummer 1 geführt hat, die am 22. November erscheinen wird. Die zweite Single Wenn du nur wüsstest (****) macht viel Lust darauf, vereint Tiefgang mit Pop-Appeal, Eleganz mit Tanzbarkeit. „Wir lieben das, was wir tun. Doch es geht nicht um uns. Es geht ausschließlich um die Musik, die wir erschaffen“, sagen Chalet Belgiques, deren wichtigstes Ziel es ist, sich „künstlerisch frei zu bewegen, Dinge auszuprobieren und daran Spaß zu haben“.

Im Sommer hatten sich schon Madsen mit einem erstaunlich eindeutigen politischen Statement (Faust hoch) positioniert, jetzt scheinen die bedrohliche Lage der Welt und vor allem der Aufstieg des Rechtspopulismus sogar Tocotronic zu veranlassen, das Reich der verklausulierten Poesie zu verlassen und sich zu einer zumindest halbwegs eindeutigen Botschaft hinreißen zu lassen. Die Single Denn sie wissen, was sie tun (***1/2) darf man als solche werten mit Zeilen wie „Diese Menschen sind gefährlich / sie sind gänzlich unverdreht / sie leben völlig selbstverständlich / Terror als Identität.“ Natürlich gönnt sich die Band, neuerdings wieder zum Trio geschrumpft, auch die Freiheit, weiter spinnert zu sein und in bester Hippie-Manier an die Kraft von Kunst, Liebe und Nonkonformismus zu glauben. „Darum muss man sie bekämpfen / aber niemals mit Gewalt / wenn wir sie auf die Münder küssen / machen wir sie schneller kalt“, heißt es tatsächlich. Die Monstertrucks im Video-Hintergrund (Regie: Timo Schierhorn) sieht die Band als „Sinnbild für die Finsternis unserer Gegenwart und für die Niedertracht, die in uns, um uns und um uns herum die Oberhand gewinnt“. Musikalisch ist das passenderweise Rock ohne Aggressivität, aber zweifelsohne inspiriert. Zudem darf man Denn sie wissen, was sie tun als Vorboten auf ein neues Album von Tocotronic betrachten. Das könnte spannend werden.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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