Element of Crime Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin

Futter für die Ohren mit Element Of Crime, Villagers, The Kills, Clipping, Heaven Shall Burn und Donots

Die Wikipedia-Seite von Element Of Crime feiert in diesem Jahr ihr 20. Jubiläum, auch Goldene Schallplatten und Top-10-Alben kann die 1985 gegründete Band um Sven Regener bereits für sich reklamieren. Wie erstaunlich das alles ist bei einer Musik, die so wenig plakativ ist (schließlich gilt bis heute im Prinzip, dass diese Band nicht im Radio läuft, keine Hits hat und auch nicht Festival-kompatibel ist), unterstreicht auch das Livealbum Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin, das heute veröffentlicht wird. Den Titelsong (***) haben Element Of Crime als Single veröffentlicht, und er ist prototypisch für die meisterhafte Balance aus Musikalität, Poesie und Atmosphäre, die man von ihnen kennt – und natürlich wird man auch nicht viele Bands finden, die so schön über warmes Bier, Minigolf und Currywurst singen können, alles im selben Lied. Das Material der Platte geht auf die fünf Shows zurück, die Element Of Crime im vergangenen Jahr in der Hauptstadt gespielt haben, mit so unterschiedlichen Kapazitäten wie Privatclub (200 Menschen im Publikum), Lido (500), SO36 (800), Admiralspalast (1800) und Zitadelle Spandau (9000). Zusätzlich zum dritten Livealbum in der Karriere der Band gibt es einen Dokumentarfilm von Charly Hübner, der die gesamte Tour begleitet hat. Das Werk ist bereits seit 1. Oktober im Kino zu sehen.

The Kills sind gerade auf Tour (nämlich in den USA), aber das gilt für Alison Mosshart und Jamie Hince ohnehin fast dauerhaft. Auch die gerade erschienene Happier Girls Sessions EP ist in gewisser Weise zwischen Konzerten entstanden. Sie enthält vier Tracks, darunter eine Coverversion von Billie Eilishs 2021er Hit Happier Than Ever. „Es ist alles die Schuld von Sirius XM“, erklärt Alison Mosshart scherzhaft. „Wir wurden vergangenes Jahr gebeten, eine Akustik-Session mit ihnen zu machen, und sie baten um ein Cover als Teil der Session. Ich mochte Happier Than Ever schon immer sehr und habe es zu Hause immer wieder gesungen. Es schien eine gute Wahl zu sein, denn ich liebte den Song und sang ihn gerne.“ Die akustische Coverversion gefiel Laurence Bell bei ihrer Plattenfirma Domino so gut, dass er The Kills bat, eine elektrische Aufnahme zu machen. „Da waren wir nun in London und nahmen eine nicht-elektrische EP auf, und was ist der erste Song darauf? Ein elektrisches Cover des akustischen Covers, das wir gemacht haben… und je mehr Strom, desto besser. Danke Billie, dass du so einen brillanten Song geschrieben hast“, sagt Mosshart. Die Kills-Version (***1/2) wird als physische Single veröffentlicht (allerdings nur im DOM-Mart verfügbar sein) und taumelt superb zwischen Eleganz und Abgrund, klingt gleichzeitig nach Lounge und nach Müllhalde. Insbesondere der vor Leidenschaft brodelnde Schlussteil ist toll. Die von Grammy-Preisträger Paul Epworth produzierte EP wird außerdem drei Akustik-Versionen von Songs enthalten, die auf dem 2023er Album God Games enthalten waren, nämlich 103, New York und Better Days.

Schon am 10. Mai ist That Golden Time erschienen, das sechste Album von Conor O’Brien alias Villagers. Dass es ein halbes Jahr später mit Mountain Out Of A Molehill (***1/2) noch eine neue Single gibt, mag zunächst überraschen. Aber erstens liegt der Song, der von einem verspielten, fast niedlichen Schwung lebt, der dann unter anderem von Pauke und Streichern unterstützt wird, Conor O’Brien besonders am Herzen. „Es ist für mich eine Art Psychodrama – ein Lied, das den ewigen Aufmerksamkeitssucher in mir bändigen soll. Im Grunde ist es ein gut gemeinter Rat an mich und mein wachsendes Ego“, sagt er über das Stück. Zweitens hat er neben seiner Musik gerade ein Buch herausgebracht, und da sind Cross-Marketing-Effekte wahrscheinlich sehr willkommen. Passing A Message (bei Faber Music erschienen) versammelt die Lyrics von über 80 Villagers-Songs, Zeichnungen, Fotos und bislang unveröffentlichte Textfragmente in einem Hardcover-Format.

Von Clipping dürfen wir hoffentlich nächstes Jahr auch wieder einen Longplayer erwarten, die aktuelle Single Run It (****1/2) ist in jedem Fall ein recht hoffnungsvoll stimmendes Indiz in dieser Hinsicht, schließlich ist es das erste neue Material das Trios aus Los Angeles seit der Veröffentlichung ihrer beiden Horrorcore-Alben 2019/20. Im Text kann von Hoffnung natürlich keine Rede sein. Es geht um Prostitution, Drogenmissbrauch und Waffengewalt, zu einem erstaunlich wuchtigen Beat und einem Refrain, der tatsächlich instrumental daher kommt. Kongenial begleitet wird Run It von einem Video (Regie: Lawrence Klein), in dem Clipping  von Geheimagenten durch Washington DC, Berlin, Prag, Neu-Delhi, Bangkok und Seoul verfolgt werden. Wieder einmal klingen Daveed Diggs, Jonathan Snipes und William Hutson also nach nichts anderem als der Zukunft – als hätte jemand HipHop gehackt, und zwar jemand, der sehr verwirrt und sehr alarmiert ist.

Ein wunderbares Video haben auch Heaven Shall Burn für Keinen Schritt zurück (***1/2) produziert, ihre Zusammenarbeit mit den Donots. Auch sie legen damit erstmals seit Of Truth And Sacrifice (im März 2020 #1 der deutschen Albumcharts) neue Musik vor, und der Anlass ist das Bedürfnis, sich im mitunter sehr konservativen Metal-Genre und im politisch leider auch nicht ganz astreinen Thüringen klar gegen Rechts zu positionieren. „Was die musikalische Grundeinstellung und die politische Attitüde angeht, so liegen wir absolut auf einer Wellenlänge und sind deshalb schon seit Urzeiten befreundet“, erzählt Maik Weichert, Gitarrist von Heaven Shall Burn, über die Kooperation. „Wir haben uns nun schon seit Ewigkeiten bei allen Gelegenheiten die Taschen vollgehauen, dass wir unbedingt mal etwas zusammen machen müssen. Wir haben einfach gefühlt, dass es nun an der Zeit ist, damit ernst zu machen. Die Donots sind in Sachen musikalischem Drive, Live-Wahnsinn und klarer politischer Kante ein absolutes Schwergewicht in der Musikszene. Eine Marke, die genau die Tugenden verkörpert, die auch wir hochhalten“, ergänzt er. In puncto Intensität und Härte lässt das Ergebnis keine Wünsche offen, dazu gibt es schöne Zeilen wie „Dem Kapital / bist du doch scheißegal“ (die würde auch Slime gefallen, deren Schweineherbst Heaven Shall Burn auf der B-Seite zusammen mit DŸSE covern). Ingo Donot wiederum bezeichnet Heaven Shall Burn als „eine der außergewöhnlichsten und besten Gitarren-Bands unserer Zeit. (…) Ihr Engagement gegen Rechts macht die Band nochmal wertvoller, denn eine klare Positionierung und Abgrenzung gegen Rückwärtsgewandtheit, erzkonservative Strukturen, Rassismus und Faschismus findet im Metal meiner Meinung nach immer noch viel zu wenig statt auf breiter Fläche. Hier sind’s dann ganz klar die Punk- und Hardcore-Wurzeln der Jungs, die sich schönerweise überall zeigen und die diese Kollaboration auch so folgerichtig machen für mich.“ Auch jenseits der gegenseitigen Wertschätzung und der ideologischen Schnittmengen ist er sehr angetan von Keinen Schritt zurück. „Ich finde das Ergebnis großartig, bin glücklich, dass Punk und Metal wirklich so gut Hand in Hand gehen, wie ich das immer schon vermutet habe.“ Die physische Single erscheint am 22. November.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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