| Act | Fever Ray |
| Album | Plunge |
| Label | Rabid Records |
| Erscheinungsjahr | 2017 |
| Bewertung |

„Need a song but / mustn’t hurry“, beginnt die zweite Strophe im zweiten Track dieser Platte, und den Titel Mustn’t Hurry scheint Karin Dreijer wörtlich genommen zu haben. Immerhin ließ sie ihre Fans nach dem selbstbetitelten Debütalbum acht Jahre auf neues Material von Fever Ray warten. Man kann ihr zugute halten, dass sie zusätzlich ja auch noch bei The Knife aktiv ist. Man kann angesichts des heute erscheinenden Plunge aber auch einfach anerkennen, wie ausgefeilt diese Musik ist, wie präzise die Texte, wie meisterhaft die Produktion – wobei all das mit dem richtigen Maß an Emotion verbunden ist.
„A pain in me / a beast fo feed”, singt die Schwedin in Mustn’t Hurry, und das sind unverkennbar die treibende Kräfte nicht nur für diesen Song, sondern auch für die anderen zehn Stücke dieses Albums und für ihre Musik insgesamt. Der Sound ist kalt und dornig, und doch will man sich hineinstürzen, so reizvoll ist er. Später klingt auch das intensive An Itch gefährlich und zugleich verführerisch, das exotische Red Trails verbreitet eine faszinierende Atmosphäre, in der auch Phänomene wie „setting the snow on fire“ vorstellbar werden. IDK About You ist energisch, turbulent, anstachelnd und mit einer erstaunlich verspielten Melodie versehen. Der Track zeigt auch, wie auf Plunge immer wieder Tribal-Elemente dafür sorgen, so etwas wie ein ursprüngliches, organisches Gegengewicht zu all den digitalen, klinischen Sounds zu schaffen.
Aufgenommen hat Karin Dreijer größtenteils in ihrem eigenen Studio in Stockholm, mitgewirkt haben die Produzenten Paula Temple, Deena Abdelwahed, NÍDIA, Tami T, Peder Mannerfelt und Johannes Berglund. Gemeinsam haben sie eine Ästhetik erschaffen, die am Sound des Debüts anknüpft, sich aber doch weiterentwickelt. Ein Track wie Falling beginnt wie eine Klanginstallation und braucht über anderthalb Minuten, bevor es überhaupt (halbwegs) als Musik erkennbar wird, dann noch einmal fast genauso lange, bis ein Beat beginnt, für mehr Struktur zu sorgen. Das ebenfalls experimentelle A Part Of Us setzt auf noch mehr Effekte und noch mehr ungewöhnliche Sounds, als man das ohnehin bei Fever Ray kennt.
This Country bietet nicht nur einen Sound mit reichlich Widerborsten und eine giftige Stimme, sondern am Schluss auch die Erkenntnis: „Every time we fuck we win / this house makes it hard to fuck / this country makes it hard to fuck.“ Auch To The Moon And Back ist im Text reichlich explizit, obwohl es zu Beginn klanglich nicht so weit weg ist von dem, was OMD 30 Jahre zuvor gemacht haben, einschließlich des melodischen Talents. Mama’s Hand macht gegen Ende von Plunge am deutlichsten, dass Familie ein zentrales Thema dieser Platte ist, auch wenn die keineswegs auf Blutsverwandtschaft beruhen muss. Die Musik selbst scheint auch hier nicht zu wissen, welcher Ton in welchem Moment als nächstes kommt.
Der Opener Wanna Sip verweist indes auf einen Aspekt, den man bei Fever Ray ob all der Tonstudio-Tricks, spektakulären Live-Inszenierungen und geheimnisvollen Videos gerne vergisst: Es ist diese kranke, kaputte Stimme von Karin Dreijer, die zentral für die Wirkung dieser Musik ist. Sie klingt wie etwas, das einst sehr niedlich und unschuldig war und dann von einem fiesen Virus heimgesucht wurde. Mit vergleichsweise reduzierten Mitteln werden in diesem Song, wie auch auf Plunge insgesamt, Spannung und auch Härte erzeugt, es gibt zugleich ein paar wuchtige und sogar plakative Passagen. Aber es ist diese Stimme, die inmitten all dieser Sounds tatsächlich für Drama sorgt.

