Eine Pause auf unbestimmte Zeit hatten Stereolab im Jahr 2009 angekündigt, nach fast zwei Jahrzehnten als Band. Dass dieser Break, zumindest was neue Musik angeht, bis heute andauern sollte, hätte damals wohl kaum jemand gedacht angesichts der zuvor gezeigten Produktivität mit unter anderem neun Alben. Insofern wird Pulse Of The Early Brain viele Fans aufhorchen lassen. Denn die 21 Tracks umfassende Sammlung von Seltenheiten aus der Karriere der englisch-französischen Band um Tim Gane und Lætitia Sadier enthält auch vier bisher unveröffentlichte Stücke.
Auch der Rest dürfte nicht nur für Komplettisten einen beträchtlichen Wert haben (wie schon die vier vorangegangenen Auflagen der Switched On-Serie, auf der die Band immer wieder einige ihrer Raritäten versammelt). Denn Stereolab, die seit 2019 zumindest wieder ein paar Konzerte gespielt und etliche Platten aus ihrer Warp-Phase neu herausgebracht haben, versammeln hier auch Material, das ursprünglich nur in kleinsten Auflagen erschienen war. Die Auswahl umspannt die Jahre 1992 bis 2008, also von kurz nach der Gründung bis zu der Zeit direkt nach dem Album Chemical Chords, von dem es hier ein paar Bonustracks gibt. Alles wurde von den Originalbändern remastered. Pulse Of The Early Brain wirkt damit „wie ein repräsentativer Steckbrief für eine der innovativsten Rockbands der 1990er Jahre“, wie Stereoplay ganz treffend angemerkt hat.
Die ersten beiden Tracks entstammen einer Zusammenarbeit mit Nurse With Wound aus 1997 und sorgen in Summe bereits für eine halbe Stunde Spielzeit. Simple Headphone Mind betont mit seinem repetitiven Charakter die Krautrock-Einflüsse der Band, der Bass wird darin viel prägender als die Drums, später gibt es Space-Sounds, Vogelzwitschern und eine stark verfremdete Stimme. Trippin‘ With The Birds greift mehrere Motive daraus wieder auf und gibt der mal verhuschten, mal aggressiven Gitarre eine etwas prominentere Rolle.
Nur 500 Exemplare waren ursprünglich von der EP Low Fi veröffentlicht worden, der nun hier vertretene Titeltrack klingt wie Belle & Sebastian meets Velvet Underground und besticht vor allem durch das verspielte Call & Response der Stimmen, zugleich lässt sich im Schlagzeug und den Gitarreneffekten aber auch eine Wildheit erkennen, die dem Namen der EP alle Ehre macht. Im folgenden [Varoom!] könnte die Bass Drum auch Heavy Metal sein, was für enormen Vorwärtsdrang sorgt, auch wenn man hier zugleich Elemente aus Slacker und Shoegaze erkennen kann.
Zu den Höhepunkten gehört das vergleichsweise straighte Laissez-Faire, in dem wieder ein typisches Stereolab-Prinzip erkennbar wird: Auf einem rumpelnden, beinahe schmutzigen Fundament sorgen insbesondere die verschiedenen Stimmen für viele filigrane, schillernde Momente. Spool Of Collusion hätte Blur zur Zeit von The Great Escape gefallen, das hoch elegante Instrumental Forensic Itch könnte man sich auch von den Beach Boys vorstellen. Magne-Music ist zugänglich und leichtfüßig, Unity Purity Occasional (geschrieben für eine Ausstellung mit Skulpturen von Charles Long im Jahr 2000) zeigt das Talent, Easy Listening mit Hochkultur zu vereinen.
The Nth Degrees scheint überraschenderweise stark von Mias zwei Jahre vorher veröffentlichtem Tanz der Moleküle beeinflusst, XXXOOO (von einer Flexi-Disk aus 1992, die einem Fanzine beigelegt war) ist reduziert, entwickelt aber trotzdem große Spannung. Der Rest wechselt gerne zwischen kakophonisch und groovy, es gibt turbulente Beats ebenso wie tolle Harmonien, manchmal erlebt man auf Pulse Of The Early Brain elektronische Effektgewitter, manchmal kann man hingegen eine Nähe zu Stoner Rock ausmachen.
Und die bisher unveröffentlichten Songs? Die Single Robot Riot ist stark, das Demo von Ronco Symphony wird vor allem deshalb interessant, weil es zeigt, dass Gesang und Harmonie im kreativen Prozess von Stereolab am Beginn stehen, nicht etwa erst als Dressing auf ein ansonsten fertiges Backing kommen. In der Originalfassung von Plastic Mile ist die feine Melancholie letztlich noch prägender als die prominente Orgel, das ausgefeilte Miteinander der beiden Stimmen oder die (wieder einmal) überraschende Komplettverwandlung des Songs im letzten Drittel. Die Live-Version von Cybele’s Reverie (aufgenommen 2004 in der Hollywood Bowl bei einem gemeinsamen Auftritt mit Air) führt noch einmal die Stärken dieser Platte (und dieser Band) vor Augen: Es gibt viel Schwung und Direktheit, zugleich viele teils faszinierende, teils durchgeknallte Details.


