Suki Waterhouse – „I Can’t Let Go“

ActSuki Waterhouse
AlbumI Can’t Let Go
LabelSub Pop
Erscheinungsjahr2022
Bewertung
Suki Waterhouse I Can't Let Go Albumcover

Sechs Jahre. So lange haben die Beatles gebraucht, um all ihre Alben außer dem Karriere-Schlusspunkt Let It Be zu veröffentlichen. In dieser Zeitspanne haben Acts wie Alessia Cara, Izzy Bizu oder die Section Boyz es geschafft, vom hoch gehandelten Newcomer (sie alle waren in der BBC-Liste des „Sound of 2016“ enthalten) wieder zu Nobodies zu werden.

Sechs Jahre hat auch Suki Waterhouse sich Zeit gelassen zwischen ihrer ersten Single Brutally und diesem heute erscheinenden Debütalbum. Es erscheint wie eine fahrlässig lange Zeit. Doch I Can’t Let Go zeigt sofort, warum die 1992 in London geborene Künstlerin es nicht eiliger hatte: Sie kann es sich leisten. Erstens hat sie in ihrer Karriere als Schauspielerin genug zu tun. Zweitens hatten ihr schon die begeisterten Kritiken für Brutally gezeigt: Sie wird nicht als Ex-Model betrachtet, das sich nun auch als Sängerin versucht. Vielmehr war erkennbar, wie ernsthaft ihr musikalisches Ethos ist und wie groß ihr Talent. Die zehn Songs auf dieser Platte untermauern das.

„Es gibt so vieles, worüber ich noch nie gesprochen habe. Das Schreiben von Musik war für mich immer der Ort, an dem ich mich dabei sicher fühlte. Jeder Song auf dem Album war eine Notwendigkeit. In vielerlei Hinsicht habe ich mein Leben als Außenstehende beobachtet – selbst wenn ich mittendrin war. Es ist, als wäre ich eine Besucherin gewesen, die zusah, wie die Dinge geschahen”, sagt Suki Waterhouse über diese Lieder. In der Tat haben viele Stücke den Charakter von Tagebucheintrag und Selbstanalyse. „Wenn ich feststeckte oder das Gefühl hatte, den Bezug zu meinem inneren Sinn und meinem äußeren Ziel verloren zu haben, habe ich beides wiedergefunden, indem ich in meinen Erinnerungen gesucht und jene Ereignisse aufgespürt habe, die in den schattigen Bereichen der Psyche vergraben waren“, sagt die Songwriterin. Auf dem Cover blickt sie passenderweise, als könne sie selbst nicht fassen, was sie da sieht – auch wenn es womöglich ihr Spiegelbild ist.

Die Single Moves eröffnet die Platte erst behutsam, dann durchaus kraftvoll und sogar etwas großspurig im Sound. Das hat in Summe einen betörenden Effekt, der vor allem durch Wiederholung erzielt wird. „Moves ist ein Song, den ich eines Abends auf der Couch zu schreiben begann, als ich zur Gitarre griff und einfach mal schaute, was dabei herauskam“, erklärt sie. „Es war ein Moment, in dem ich den Drang verspürte, eine frühere Verbindung zu lösen und gleichzeitig wieder darauf zu vertrauen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich denke oft: ‚Was passiert, wenn man jemanden trifft, der den Verlauf des ganzen Lebens verändert?‘ Der Song spekuliert über diese Reise, eine, die über Lust und körperliche Sehnsucht hinausgeht, bei der man weiß, dass man nun etwas zu geben hat.“ Das schlägt sich unter anderem in der ebenso verführerisch wie bedrohlich klingenden Zeile “I might put some goddamn moves on you, babe / I know you need it” nieder und ist ein gutes Beispiel für das Selbstbewusstsein, mit dem Suki Waterhouse hier agiert.

Devil I Know könnte man sich als eine sinnlichere Variante von Sheryl Crow (“Back in hell / at least I’m comfortable / need your body / when my fire’s gone”) vorstellen, durch die sehr urtümlichen Drums wird der Song dabei erstaunlich beunruhigend. Melrose Meltdown vereint Schwermut und Eleganz, Verletzlichkeit und große Geste, wie man das etwa von Lana Del Rey kennt, zeigt aber auch Zähne: „Es geht um das Zerbrechen einer Illusion, die Befreiung aus einem Käfig, in dem ich mich selbst gefangen hielt und den ich für sicher hielt. Es ist ein süßer Abschied, aber da schwingt auch Wut mit“, sagt Suki Waterhouse.

Dazu passt, dass sie Alanis Morissette und Fiona Apple als frühe Einflüsse benennt, ohnehin hat I Can’t Let Go eine höchst erstaunliche Zeitlosigkeit. Put Me Through It zeigt den besonderen Charakter ihrer Stimme, Wild Side ist souverän und cool, in On Your Thumb wird fast beiläufig eine Traurigkeit in Töne gegossen, die uralt klingt, unüberwindbar und dabei doch reizvoll. In Bullshit On The Internet steckt der Wunsch nach einem dickeren Fell angesichts von Social-Media-Anfeindungen, und die Ahnung, dass es am Ende vielleicht doch besser (und in jedem Fall menschlicher) ist, solchen Gemeinheiten mit Sensibilität statt mit Ignoranz zu begegnen. My Mind lässt wieder viel Raum für die sparsamen Gitarrenakkorde, den Gesang (“Nothing left to lose / only my mind”) und vor allem die Atmosphäre, die dadurch heranschwebt. In all diesen Songs kann man zudem wundervolle Melodien entdecken.

Umgesetzt hat Suki Waterhouse ihre Ideen mit Produzent Brad Cook, von dessen Arbeit sie schon lange begeistert war (womöglich war das Warten auf seine Verfügbarkeit auch ein Grund für die lange Entstehungszeit dieses Debüts). „Die Wochen, die ich mit Brad in North Carolina verbracht habe, waren mit Abstand die besten meines Lebens“, schwärmt sie auch im Nachhinein noch. Mit dem Album-Schlusspunkt Blessed zeigen die beiden vielleicht am deutlichsten, was sie geleistet haben: Der Track ist reduziert und schwebend, gönnt sich ganz am Schluss aber auch ein fast schmerzhaftes Gitarrenfeedback. „Es ist ein Lied über die Zerbrechlichkeit der Familie, eine Reflexion über die Momente, die ihr Gefüge auf die Probe stellten, in denen das vermeintliche Licht auch Schatten birgt“, erklärt die Künstlerin.

Auch dieses Beispiel beweist, wie falsch die Behauptung “I don’t have much to say” als erste Zeile in Slip ist, das sie mit einer besonders hohen Kopfstimme singt. Später heißt es darin “My mind is broken”, und das scheint für die Grundaussage von I Can’t Let Go schon eher zu stimmen. Suki Waterhouse würde das womöglich bestätigen, schließlich sagt sie selbst: „Das Album ist eine Erkundung jener Momente, in denen es nichts mehr zu verlieren gibt. Was übrig bleibt und nicht weggeworfen werden kann, ist das Selbst.“

Website von Suki Waterhouse.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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