„Damals haben so viele britische Bands hier gespielt. Wir hatten den Eindruck, ihr habt die Nase voll davon. Und zumindest wir wollten euch eine Auszeit gönnen.“
Das sagt Gary Jarman über die Phase in den Nullerjahren, in denen sich The Cribs auf deutschen Bühnen erstaunlich rar gemacht haben. Heute Abend sind sie zurück in Berlin, sie rätseln selbst, ob ihr letzter Auftritt in der Hauptstadt nun 18 Jahre her ist oder vielleicht nur 14. Auf jeden Fall scheinen sie im Columbia-Theater wild entschlossen, die Fans für die lange Wartezeit zu entschädigen.
Dark Luck, Opener des aktuellen Albums Selling A Vibe, eröffnet auch die Show und bringt sofort ein Gefühl von Inferno, Gefahr und Aufregung in den Saal. I’m A Realist beweist danach, wie unverbraucht auch das ältere Material klingt, spätestens beim folgenden Hey Scenesters! ist bereits klar: Zu so etwas wie Routine sind The Cribs gar nicht in der Lage, auch nicht nach 25 Jahre nach ihrer Gründung. Jeder Song an diesem Abend klingt ausreichend kaputt und imperfekt, um diese durchgenudelte Sache von „Männer stehen mit Gitarren auf der Bühne und machen Krach“ tatsächlich spannend klingen zu lassen. Immer wieder werden die Jarmans offensichtlich übermannt von der eigenen Energie. Keiner von ihnen scheint je hundertprozentig sicher zu sein, was die anderen beiden gerade tun – und vor allem, was sie im nächsten Moment womöglich anstellen werden.
Das wird von den Fans im Columbia-Theater natürlich entsprechend gefeiert. We Share The Same Skies bekommt Sonderapplaus, Come On, Be A No One wird allen gewidmet, die The Cribs schon 2005 live gesehen haben. Nach rund einer Stunde fällt die Spannung bei der Quasi-Ballade Burning For No One und Looking For The Wrong Guy vom neuen Album kurz ab. Aber das vergrößert nur den Triumph, als dann Be Safe ertönt, direkt danach Men’s Needs und Mirror Kissers, bevor Pink Snow die Show in Berlin beschließt.

Auch wenn man mit eigenen Augen gesehen hat, dass die Instrumente gestimmt wurden und ein Soundcheck stattgefunden hat, will man das während dieser Show nie so ganz glauben. So rabaukig das klingt, so groß ist trotzdem die Vielfalt der stilistischen Einflüsse. Es gibt viel aus der Garage, aber auch Harmoniegesang, fast versonnenes Geschrammel von Ryan und einmal auch elektronische Drums von Ross. Die Zeit zwischen der (erstaunlich soften, aber sehr überzeugenden) Vorband Baby Sniff und dem Auftritt der Cribs hatten ein paar Songs von den Beach Boys bis zu den Ramones, von den Strokes bis zu einem Duett von Kylie Minogue und Jason Donovan überbrückt. Genau damit ist auch das klangliche Spektrum der Cribs abgedeckt, auch wenn das in der schieren Wucht ihrer Performance manchmal untergehen kann. Einen der Songs widmet die Band aus Wakefield dem 2024 gestorbenen Steve Albini, und die Ästhetik des Produzenten, mit dem sie unter anderem das 2017er Album 24–7 Rock Star Shit aufgenommen hatten, ist hier überdeutlich: Rockmusik muss spontan sein, soll von ihrer Intensität leben, darf Fehler enthalten.
Weil sie so lange nicht mehr in Berlin aufgetreten waren, „sind heute Abend ja praktisch alles neue Songs“, scherzt Gary Jarman an einer anderen Stelle, als erSummer Seizures ankündigt. Dass selbst die Klassiker an diesem Abend so klingen, als hätten weder die Band noch das Publikum sie jemals satt, ist am Ende der Show eine ebenso überraschende wie fantastische Erkenntnis.
