2016 haben sich Megan de Klerk, Emiel de Nennie, Tessa Raadman, Sergio Escoda und Jim Geurts im Popmusik-Studiengang des Konservatoriums von Amsterdam kennengelernt. Dass sie danach zwei Jahre bis zu ihrem ersten Album gebraucht haben, ist fast nicht zu glauben. Denn die Niederländer klingen auf dem Debüt Fool For The Vibes so hibbelig und hyperaktiv, dass man schnell ahnt, wie quälend lange sich diese Zeit für sie angefühlt haben muss.
Eine Karriere im Schnelldurchgang haben EUT in gewisser Weise dennoch gemacht. Im Jahr nach der Gründung der Band wurde die erste Single Supplies direkt zum Radiohit in der Heimat, mittlerweile haben sie beispielsweise im Vorprogramm von Beck gespielt. Dass dieser Künstler die Ästhetik der Neunziger mit geprägt hat, passt gut ins Bild, denn die anderen Vorbilder des Quintetts stammen ebenfalls aus dieser Ära: Hole, Weezer, Wilco und die Pixies. Das klingt auf Fool For The Vibes immer wieder durch: Don’t You Love Me vereint Beats mit etwas Melancholie und Dunkelheit, was zu Garbage passen würde. In Bad Sweet Pony hat die Stimme von Frontfrau Megan de Klerk eine besonders große Ähnlichkeit zu Nina Persson (Cardigans). Crack The Password mit seiner vergleichsweise klassischen Rock-Instrumentierung würde vielleicht zu Blur in ihrer Mid-90s-Phase passen.
Was EUT daneben auszeichnet, zeigt bereits der Opener Look (Who Has Decided After All), der auch die Zeile mit dem Albumtitel enthält: Der Track will groß und spektakulär und dabei auch komplex sein. Ein ungewöhnliches Riff steht im Zentrum, aber letztlich klingt das wie 20 Lieder in einem. Diesen Effekt kann man auf Fool For The Vibes immer wieder erleben: Man könnte versuchen zu zählen, wie viele unterschiedliche Teile ein Song hat, aber spätestens wenn man bei 6 ankommt, ist man schon so sehr hineingezogen, dass man durcheinander kommt – und dass es vor lauter Spaß dann auch egal ist.
Storm Of Stars ist ein gutes Beispiel dafür: Das Stück beginnt mit bloß zwei Gitarrentönen und wird dann wieder ein schillerndes Pop-Kaleidoskop, in dem immer alles in Bewegung und in Unruhe ist. Immer, wenn man in Lie Detector gerade erkannt hat, wie toll eine Passage ist, und dann mehr davon will, beginnt schon der nächste Teil, was kurz bedauerlich ist, bis man merkt, dass der neue Teil auch toll ist. In The Buggs (Part I) ist bis auf das Schlagzeug kaum auszumachen, welche Instrumente da genau zum Einsatz kommen, weil es entweder ungewöhnliche Instrumente sind oder stark verfremdete Sounds oder eine Kombination aus beidem. Die schon erwähnte Single Supplies ist cool, mutig, ungewöhnlich und eigenwillig: Vieles darin ist catchy und plakativ, aber es geht bei EUT auf keinen Fall darum, allen gefallen zu wollen.
Vom eigenen Ideenreichtum scheint die Band manchmal selbst fast überfordert zu sein. Bassist Sergio Escoda rechnet deshalb das Verdienst von Produzent Tijmen van Wageningen hoch an: „Für unser Debütalbum haben wir nach jemandem gesucht, der unsere Songs verstanden hat und der das alles zusammensetzen konnte: Popsongs voller Kontraste. Wie kein anderer kann Tijmen zwischen einer angsteinflößenden Achterbahn und einem friedlichen Fluss balancieren. Viele Songs auf dem Album sind Kontraste ihrer selbst und haben uns textlich wie auch musikalisch ganz schön herausgefordert.“
I Came To Be Gone ist der einzige Fall, in dem es nicht gelingt, alles gut unter einen Hut zu bekommen. Dem stehen aber reichlich Entdeckungen gegenüber wie die gelegentliche Eleganz in Sour Times, das Verliebtsein als Ausweg und Flucht aus „the big bad world that will still throw rocks at my door” preist. „You can kiss me / because it’s healthy”, lautet die einfach klingende Einladung in Ping Pong Ball, aus dieser ersten Zeile entspinnt sich dann aber ein Lied über eine offensichtlich ziemlich komplizierte Liebesgeschichte. Tygo Dex wird geheimnisvoll im Sound und wirft im Text einen Blick auf die eigenen Unzulänglichkeiten und sogar Abgründe. „All I want to do is be myself / but I don’t know how”, singt Megan de Klerk. Es ist wieder ein Song, in dem EUT am Ende noch einmal eine Schippe drauflegen, was in diesem Fall fast hymnisch klingt.
How Did U Know beendet das Album in typischer Manier: atemlos und energisch, bis es in einer Explosion mündet (an die sich dann doch noch eine kleine Omnichord-Reprise anschließt). Auch dieser Song zeigt, dass Vielfalt und Ideenreichtum bei EUT nicht erst in Arrangements oder im Spiel mit Effekten in der Studioarbeit stecken, sondern direkt in der Komposition. Und gerade das Durcheinander und der Überfluss verleihen dem Quintett dabei Individualität und damit Charakter. Sobald man sich kurz dabei ertappt, nach mehr Fokus zu verlangen, wird klar: Das würde diese Lieder keineswegs stärker, sondern bloß gewöhnlicher machen.


