Es kommt nicht so oft vor, dass ein Album so klar als Höhepunkt einer Karriere herausragt, sowohl hinsichtlich der künstlerischen Anerkennung als auch im kommerziellen Erfolg, wie bei The Greatest von Cat Power. Als sie diese Platte 2006 als ihr siebtes Studioalbum veröffentlichte, wurde das zum Triumph: Das Werk erreichte Platz 34 in den US-Charts, ihr bis heute größter Erfolg, brachte ihr zudem Awards und viel Lob von der Kritik ein, etwa die Berücksichtigung auf Platz 6 in den damaligen Jahrescharts des Rolling Stone.
„The Greatest ist eines dieser magischen Alben … Aus einer bestimmten Perspektive betrachtet reiht es sich in dieselbe historische Tradition ein wie sowohl Dusty In Memphis als auch Norman Fucking Rockwell. Es ist die Art von Platte, die sanfte Wellen durch die Geschichte schlägt. Sie existiert außerhalb der Zeit und bewegt sich gleichzeitig vorwärts und rückwärts“, hat Tom Breihan für Stereogum darüber geschrieben. Das 20. Jubiläum feiert Chan Marshall, die Frau hinter Cat Power, nun einerseits mit einer Tour, bei der sie Abend für Abend ihr Schlüsselwerk in voller Länge spielen wird. Andererseits hat sie gestern die EP Redux vorgelegt, mit drei Songs, die eine enge Verbindung zur Zeit von The Greatest haben.
Der erste davon ist Try Me, im Original von James Brown. Den Track hatte Cat Power auch für The Greatest auf der Liste. Es wurden bei den Sessions sogar einige Takes angefangen, aber nie fertiggestellt – und letztlich wurde The Greatest das erste Album in ihrer Diskografie, das ohne Coverversion auskam. Jetzt hat sie den Song doch noch aufgenommen, und zwar mit Dirty Delta Blues, also den Musikern, die sie einst auch auf der Welttournee zu The Greatest begleitet hatten. Judah Bauer (Gitarre; The Jon Spencer Blues Explosion), Gregg Foreman (Keyboard; The Delta 72), Erik Paparozzi (Bass; Lizard Music) und Jim White (Schlagzeug; Dirty Three). Gemeinsam übersetzen sie einerseits den Schmerz in Töne, der in diesem Lied steckt, andererseits den Willen, sich beherrschen zu wollen, um sich nicht davon übermannen zu lassen. Der Gesang ist nicht prahlerisch, aber tief, der dezente Kontrabass ist eine ebenso schöne Idee wie die Orgel am Schluss.
Das zweite Stück der EP, die mit Stuart Sikes (Loretta Lynn, The White Stripes) in Austin aufgenommen wurde, ist die Eigenkomposition Could We, die damals auch auf The Greatest zu hören war. Im neuen Arrangement stechen der forsche Bass und das luftige Piano heraus: Es scheint tatsächlich um nichts anderes zu gehen als um das Ausloten von Möglichkeiten, das schon in diesem Songtitel steckt.
Schließlich bietet Redux noch eine spektakuläre Version von Nothing Compares 2 U, das Prince komponiert und Sinead O’Connor einst zum Hit gemacht hat. Cat Power widmet ihre Fassung des Lieds über Sehnsucht und einen Verlust, der sich nie wird wettmachen lassen, dem Gitarristen Teenie Hodges, der auf The Greatest mitgespielt hatte und 2014 gestorben ist. Ihre Interpretation ist abgeklärt, aber auch hier ist der Kampf erkennbar, den diese vermeintliche Beherrschtheit erfordert. Die zweite Stimme zwischendurch ist ein Gänsehaut-Moment, und die Gesamtwirkung ist nicht Drama, sondern Intensität.
Natürlich merkt man, wie geübt Cat Power im Umgang mit Coverversionen ist. Das vielleicht größte Kompliment, das man Redux machen kann, lautet: Alle drei Lieder klingen tatsächlich neu. Nicht nur neu interpretiert, sondern als würden sie erst genau in dem Moment entstehen, in denen sie gesungen werden.


