Futter für die Ohren mit Dinosaur Jr., Kristin Hersh, Tricky, Die Sterne und Fat Dog

Track der Woche: Dinosaur Jr. – „Several Got Away“

Etwas mehr als 20.000 Euro muss man gerade bei Ebay hinlegen, wenn man dort einen Gitarrenverstärker von Mesa Boogie aus der Mark-1-Reihe kaufen will (falls man überhaupt einen findet). J. Mascis, Gitarrist und Sänger bei Dinosaur Jr., ist nun stolzer Besitzer eines solchen Geräts mit Baujahr in den 1970er Jahren. Es führt ihn zugleich zurück in die Vergangenheit seiner 1984 gegründeten Band. „Ich habe denselben Verstärker gekauft, den Chris Dixon hatte, als wir unser erstes Album aufgenommen haben. Er hat uns damals bei sich zu Hause mit genau diesem Amp aufgenommen. Er hat einen wirklich interessanten Klang, den ich schon lange nicht mehr hinbekommen habe. Genau zu diesem Sound wollte ich auf diesem Album zurück“, sagt er. Das neue Equipment wird auf dem anstehenden There Near (kommt am 28. August heraus) also eine prominente Rolle spielen. Gemeinsam mit Schlagzeuger Murph und Bassist und Sänger Lou Barlow legt er somit bereits das sechste Studio-Album seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren vor. „Man hört immer wieder, dass Rick Rubin Bands dazu bringt, ihr erstes Album zu hören und zu sagen: Lasst uns wieder zu diesem Sound zurückkehren. Also habe ich mir seinen Rat einfach selbst gegeben“, sagt Mascis. Die erste Single Several Got Away () wird Fans der ersten Stunde begeistern. Das Riff hat eine urwüchsige Kraft, alles rumpelt und scheppert herrlich, zwischendurch entwickelt sich sogar ein Groove. Garniert wird der Song von einem kongenialen Gitarrensolo, einer erstaunlich filigranen Gesangsmelodie im Refrain und einem sehr amüsanten Videoclip. Regisseur Guy Kozak sagt dazu: „Ich wollte etwas mit einem Augenzwinkern machen, das sich wie ein kleiner Hinterhof‑Film anfühlt und gut in den bestehenden Kanon der Dinosaur Jr.‑Videos passt. (…) Die Jungs waren für alles zu haben, und ich fühlte mich geehrt, dass sie mich mit meiner Kamera wie einen Verrückten über ein großes Feld hinter ihnen herjagen ließen. Wegen des engen Zeitplans musste ich an einem Wochenende eine Menge über visuelle Effekte lernen, aber ich bin sehr zufrieden damit, wie alles geworden ist.“

Auch Tricky ist beim anstehenden Werk in gewisser Weise wieder zum eigenen Kern zurückgekehrt. Die 14 Tracks, die nun das am 17. Juli erscheinende Album Different When It’s Silent bilden werden, wollte er eigentlich gar nicht unter seinem eigenen Namen veröffentlichen, sondern als ein weiteres Nebenprojekt. Doch sein Manager Alan McGee war, als er das in Frankreich und Bristol produzierte Material gehört hatte, felsenfest überzeugt: „Mann, das ist ein Tricky-Album. Das ist das Beste seit Maxinquaye.“ Den bisher zwei Vorab-Tracks lässt Tricky nun die Single I’m Yours () folgen, die den Künstler zumindest in guter Form zeigt. Der Track ist erstaunlich rockig, kombiniert einen klasse Bass mit einer fiesen E-Gitarre, scheint gleichzeitig einlullen und aufrütteln zu wollen. Als Gastsänger ist Mitch Sanders dabei, der ebenfalls aus Bristol stammt und auf dem 15. Studioalbum von Tricky eine sehr prominente Rolle einnehmen soll.

Bei Album #12 kommt Kristin Hersh an, wenn am 18. September Sugar On Blackstone erscheint. Auch sie sendet jetzt den dritten Vorboten los, nämlich die Single Moths (). Das klingt schroff und eigen, wie man es von ihr kennt, in der Gitarrenarbeit ebenso wie in der Stimme. Moths setzt auf überlagernde Gesangsspuren fast wie in einem Kanon und unstete Trommeln, denen auch das ergänzende Tamburin nichts von seiner Schwere nimmt. Dass damit ein Gefühl von Bedrohung erzeugt wird, ist kein Zufall. Das Lied handelt von einem guten Freund der Künstlerin, der ganz in der Nähe ihres eigenen Hauses in Providence erschossen wurde. „Sein pulsierendes Herz blieb stehen, keine Zeit mehr, die man in Herzschlägen messen kann – nach nur 38 Jahren. Sein rastloser Geist, durchlöchert wie sein Körper. Niemand will Geister so sehen müssen; es war alles so dunkel. Eines Morgens half ich seinen Kindern, sich für die Beerdigung ihres Vaters anzuziehen“, schildert sie dieses Erlebnis. Eine der Erkenntnisse, die sie für Sugar On Blackstone (der Titel bezieht sich auf einen Stadtteil) daraus abgeleitet hat, lautet: „Wahrscheinlich gilt das sowohl für das Leben als auch für die Musik. Wir können nicht anders, als einander zu lieben – so schmerzhaft es auch ist.“ Auf der Platte wird Kristin Hersh wieder von etlichen langjährigen Wegbegleitern unterstützt, auch aus den Bands, in denen sie parallel zum Solowerk weiterhin spielt. So wirken Schlagzeuger Rob Ahlers (50 Foot Wave) und Cellist Pete Harvey (Throwing Muses) mit.

Ein bisschen in der eigenen Geschichte als Band schwelgen dürfen in diesen Tagen auch Die Sterne. Schließlich feiern sie das 30. Jubiläum ihres Erfolgsalbums Posen – und zwar, indem sie die Platte erstmals seit dem ursprünglichen Release 1996 wieder auf Vinyl verfügbar machen. Posen war damals das dritte Album der Band um Frontmann Frank Spilker und eines der Schlüsselwerke der Hamburger Schule, produziert von Chris von Rautenkranz. Mit Was hat dich bloß so ruiniert () wurde einer der zwölf Songs sogar zu so etwas wie einem Hit für Die Sterne. Kein Wunder, zeigt das Lied doch all ihre Stärken: Rotzfrech wird die Akkordfolge von House Of The Rising Sun nachgeahmt, der Bass ist funky, das Energielevel hoch, bis hin zu einer famosen Eskalation am Ende. Vor allem zeigt der Text, wie mutig und neu die Band damals mit der deutschen Sprache umging, diese Verse lassen sich einerseits sofort nachvollziehen (und mitschreien) und bieten andererseits genug Irritation und Poesie. Dazu kommt ein Video, in dem Die Sterne gekonnt die mit Posen aufkommenden Sellout-Anfeindungen auf die Schippe nehmen – was der Heavy Rotation im zu dieser Zeit noch existierenden deutschen Musikfernsehen keineswegs im Wege stand.

Sehr funky (und heavy) können auch Fat Dog sein, wie sie mit Cancel Me (I’m Tired) () beweisen. Die Single ist der Titelsongs fürs zweite Album des Quintetts aus London, das am 2. Oktober erscheinen wird. Zwei Jahre nach dem Debüt Woof legt die Band um Sänger Joe Love diesmal nach eigenen Angaben etwas mehr Wert auf die Texte (sie wurden also nicht erst auf den letzten Drücker ergänzt), und natürlich geht es erneut darum, die famose Live-Energie von Fat Dog einzufangen. Im Falle von Cancel Me (I’m Tired) gelingt das wunderbar und klingt wie Franz Ferdinand auf Stereoiden.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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