Sienna Spiro – „Visitor“

ActSienna Spiro
AlbumVisitor
LabelCapitol
Erscheinungsjahr2026
Bewertung

Ein Klavier. Ein roter Vorhang. Eine Frau am Mikrofonstativ. Ein einzelner Scheinwerfer direkt hinter dem kleinen runden Podest, auf dem sie steht. Das Setting ist sagenhaft altmodisch, genau wie das, was danach im Januar 2026 auf dieser Bühne der Tonight Show mit Jimmy Fallon passiert. Die Frau, die mit Minikleid, sehr langen dunklen Haaren und weißen Stiefeln ebenfalls aus einem anderen Zeitalter stammen könnte, tanzt nicht, geht nicht auf das Publikum ein und kommuniziert auch nicht mit den Musiker*innen um sie herum. Sie singt einfach. Und die Leute flippen aus.

Die On This Hill heißt das Lied, das Sienna Spiro hier performt. Nach der ersten Strophe gibt es Szenenapplaus, weil nun auch das Orchester zu sehen (und zu hören) ist. Der zweite Szenenapplaus folgt nach der zweiten Strophe, diesmal nur für den Gesang der jungen Frau aus London, nach der dritten Strophe jubelt der Saal noch ein Stück lauter, und manch einer hat da vielleicht auch schon Tränen in den Augen aus Mitgefühl mit ihr und vor Begeisterung für die Schönheit und Klasse dieses Songs. Als das Stück zu Ende ist, bringt Jimmy Fallon bloß noch ein „Oh my God! Oh my goodness! Wow!“ heraus, während die Leute im TV-Studio längst Standing Ovations geben.

Es ist beinahe rührend, dass man solche Reaktionen mit so etwas Ursprünglichem hervorrufen kann wie einer umwerfenden Stimme, die ein großartiges Lied singt. Natürlich gibt es etliche Beispiele für solche Momente in der Pop-Geschichte, in denen einem vor lauter ungeahnter Klasse die Kinnlade herunterklappt oder in denen ein einzelner Auftritt zum Urknall für eine Karriere wird. Aber dieser Auftritt, der bei YouTube bisher mehr als 3,5 Millionen Mal angesehen wurde, wirkt trotzdem anders. Schließlich leben wir in Zeiten, in denen jeder innerhalb von Minuten und mit kostenloses Tools synthetische Stimmen erzeugen kann, die komplett optimiert sind. Ich kann eine KI trainieren mit Klangbeispielen von Aretha Franklin, Etta James, Mariah Carey und meinetwegen noch Maria Callas und sie dann ein ebenfalls komplett von Maschinen erdachtes Lied singen lassen, mit halsbrecherischer Melodieführung und schwülstig-opulentem Arrangement. Aber es würde wahrscheinlich nicht einmal in die Nähe der Wirkung kommen, die Sienna Spiro hier erzielt, mit echten Instrumenten, echter Stimme, echtem Talent und echtem Schmerz.

Die 20-Jährige wurde schon vor diesem Auftritt hoch gehandelt, aber er hat ihre Prominenz noch einmal auf ein ganz neues Level gehoben. Sie kommt weltweit auf 1,2 Milliarden Streams, hat etliche Award-Nominierungen in der Tasche und mehr als 135.000 Tickets für ihre aktuelle Tournee verkauft. Alle drei Vorab-Singles für das heute erscheinende Debütalbum waren gleichzeitig in den Billboard Hot 100. Mit Material Lover ist sie gerade auf dem Soundtrack von Der Teufel trägt Prada 2 vertreten, und auch sonst wird in diesem Sommer kein Weg an dieser Stimme vorbeiführen.

Man hört Visitor nichts von der damit einhergehenden Erwartungshaltung an. Die zehn Lieder wirken, genau wie die Performance bei Jimmy Fallon, gleichzeitig wie aus der Zeit gefallen und ganz in sich selbst ruhend. Es gibt eine große Ernsthaftigkeit, eine große Liebe für die Wirkung von groß arrangiertem, hoch emotionalem Pop und viel Respekt vor der Geschichte dieses Genres.

This Is My House eröffnet die Platte und verströmt vom ersten Ton an Eleganz und Selbstbewusstsein. Die Streicher, das Schlagzeug, der Backgroundchor – alles klingt direkt wie in einem Klassiker. Sienna Sprio stellt sich ohne mit der Wimper zu zucken in eine Tradition, die von Frank Sinatra bis Amy Winehouse reicht. Great Expectation ist einer der Momente, der unterstreicht, wie gerechtfertigt das ist. „I sing just to know I’m alive“, lautet das Credo in einer Zeile, und es dürfte in den vergangenen hundert Jahren Musikgeschichte niemanden geben, dem das nicht durch Mark und Bein geht.

So viel Unsicherheit, so viel Schmerz, so viel Selbsterkenntnis und so viel emotionale Intelligenz wie in We’re Not In Love hat man selten gehört. In The Visitor stecken ganz viel verletzter Stolz, aber null Prozent Selbstmitleid. Die On This Hill erweist sich als größte Melodie des Albums – wenn es so etwas wie ein Messgerät für Intensität gäbe, müsste es danach eine neue Skala bekommen. Auch You Stole The Show singt Sienna Spiro fast durchweg im roten Bereich, ohne dass man jemals den Eindruck hätte, es würde sie anstrengen. In Time, You & Me scheint sie sich zuerst als Interpretin fürs nächste Bond-Theme zu bewerben. Dann wird klar: Es ist mehr als das. Diese 210 Sekunden klingen, als würde sie ein Gesetz erlassen, dass es allen anderen Stimmen für alle Zeiten untersagt, überhaupt auf die Idee zu kommen, jemand anders als Sienna Spiro könne für die Aufgabe der musikalischen Untermalung von 007-Abenteuern noch infrage kommen.

Sehr geschickt schafft sie es auf Visitor auch, für die nötige Abwechslung zu sorgen und dabei doch einen sehr einheitlichen Sound zu wahren. Pure wird ausnahmsweise nicht vom Klavier getragen, sondern von Gitarrenpicking. He’s Not My Baby, I’m His wird mit einem federnden Beat und anfangs angedeutetem Sprechgesang zum modernsten Moment des Albums, ohne sich bei irgendwelchen Trends und Konventionen anzubiedern, und auch, ohne die Dramaturgie und Stimmigkeit der Tracklist in irgendeiner Weise zu stören. Der Abschluss Mono No Aware rückt mit semi-akustischer Gitarre und Kontrabass etwas mehr in die Nähe von Jazz.

Natürlich hilft es für so viel Souveränität, dass Sienna Spiro schon ihr halbes Leben lang Songs schreibt, auch dass Visitor in einigen der namhaftesten Studios der Welt aufgenommen wurde. Aber auch das ist eine Besonderheit im Vergleich zu anderen großen Stimmen, die für Staunen in TV-Studios und anderswo gesorgt haben: Weder Whitney Houston noch Celine Dion, Christina Aguilera oder Beyoncé hatten jemals nennenswerten Anteil an Komposition und Text ihrer Lieder. Sienna Spiro arbeitet hier bei neun von zehn Liedern zwar auch mit Unterstützung, ist aber unverkennbar nicht nur die Stimme, die diese Zeilen singt, sondern die emotionale Quelle dieser wundervollen Songs.

Sienna Spiro bei Instagram.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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