Track der Woche: Kraftklub – „Schief in jedem Chor“
Kraftklub haben nicht nur eine stattliche Diskographie voller umwerfender Alben zu bieten, sondern auch eine genauso stolze Geschichte von spektakulären Album-Release-Kampagnen, die gerne Guerilla-Elemente einbauen. So ist es auch diesmal. Das erste Indiz auf ihren fünften Longplayer, der Sterben in Karl-Marx-Stadt heißen und am 28. November erscheinen wird, war ein riesiges Schild mit dem Albumtitel (den noch niemand als solcher identifizieren konnte) in ihrer Heimatstadt Chemnitz. Das Schild enthielt auch einen Countdown, und als der abgelaufen war, gab die Band ein spontanes Konzert, das mit der ersten Single der Platte eröffnet wurde. Schief in jedem Chor (****1/2) ist nicht ganz so zackig und plakativ, wie man das vermutet hätte (sagen wir: die Gitarrenarbeit ist eher Shout Out Louds als The Hives). Der Song lebt stattdessen von seiner Botschaft, die perfekt zu Kraftklub passt: Die Kombination der Gefühle von Isolation (man ist anders als alle anderen), dem daraus erwachsenden Frust (sie haben „noch immer Bock auf Streit“) und der umso beglückenderen Erfahrung von Zusammenhalt, wenn man sich mit anderen dieser Außenseiter verbünden kann (notfalls auch in sehr luftigen Höhen, wie das spektakuläre Video zeigt). Dieser Ansatz funktioniert natürlich weiterhin wunderbar, wie nicht nur die Live-Nachfrage beweist: Für die Tour im nächsten Jahr sind bereits mehr als 200.000 Tickets verkauft.
Auch Pabst musizieren in ihrem neuen Clip bevorzugt an Orten, an denen man es nicht erwartet. Das Berliner Trio hat sich für die übermorgen erscheinende Single I Felt All There Is To Feel (****) als Verstärkung Shane Parsons (DZ Deathrays) herangeholt. Der Song vereint Wucht, Härte und Cleverness und überrascht in der Strophe mit dem Beinahe-Sprechgesang. Zugleich ist der Track ein Vorgeschmack auf das vierte Studioalbum This Is Normal Now, das am 28. November herauskommt. „Es ist knapp drei Jahre her, dass wir unseren letzten Song rausgebracht haben. Seitdem hat die ganze Welt sich mindestens viermal komplett umgekrempelt, und hat uns einfach alles fühlen lassen, was es zu fühlen gab. Eine Erkenntnis: Mit 14 Stunden Screentime fühlt man nicht mehr viel. Wir hoffen trotzdem, dass euch ein neuer Pabst-Song etwas fühlen lässt“, sagt die Band dazu. Ab Dezember läuft die begleitende Tour, am 30. Januar 2026 werden Pabst dann in Leipzig im UT Connewitz zu sehen sein.
Johanna Söderberg hat mit First Aid Kit drei Nummer-1-Alben in ihrer schwedischen Heimat vorzuweisen. Nina Persson hat als Sängerin der Cardigans weltweit laut Schätzungen mehr als 15 Millionen Tonträger verkauft. Die beiden zu den bekanntesten Stimmen Schwedens zu zählen, ist also sicher nicht geprahlt. Und die Idee, Songs for Nina And Johanna zu schreiben, wie es James Yorkston mit dem gleichnamigen Album getan hat, leuchtet auch schnell ein. „Ich habe versucht, ihnen Raum zu lassen. Sie interpretieren die Songs, wie sie sie fühlen“, sagt der Schotte über die Zusammenarbeit mit Persson (sie singt bei fünf Liedern auf der Platte mit ihm gemeinsam) und Söderberg (sie ist bei vier Stücken dabei). Ihre Wurzeln hat die Kooperation in der Zusammenarbeit von James Yorkston mit dem in Stockholm ansässigen Second Hand Orchestra, von dem ebenfalls einige Leute an der Platte mitgewirkt haben, die am 22. August erscheinen wird. Die Vorab-Single Love / Luck (***1/2) verweist recht deutlich auf diesen Ursprung: Die Basis ist eine Schrammelgitarre, dann entwickelt sich so etwas wie die pure Freude am gemeinsamen Singen mit Johanna Söderberg. Es geht in dieser Musik ganz offensichtlich nicht um Perfektion, sondern um Innigkeit. Gemeinsam nicht mit den beiden Schwedinnen, sondern mit Viking Moses ist James Yorkston demnächst auf Tour. Am 21. Januar spielen sie in Leipzig im UT Connewitz.
Auch Li Lykke Timotej Svensson Zachrisson alias Lykke Li darf man weiterhin zu den prominentesten schwedischen Sängerinnen zählen. Ihr letztes Album Eyeye (2022) chartete zwar selbst in der Heimat nicht mehr. Wie sehr sie aber einen Song mit ihrer Stimme prägen kann, beweist ihre aktuelle EP Covers, zumal sie sich mit Stand By Me (Ben E. King) und Love Hurts (The Everly Brothers) zwei Tracks annimmt, die man unzählige Male in ganz unterschiedlichen Interpretationen gehört hat. Das Schlüsselstück der EP ist Into My Arms (***1/2), im Original von Nick Cave & The Bad Seeds. Der Schmachtfetzen behält seine Romantik und Intensität, bekommt aber einen neuen Charakter, ohne Bombast und Drama, fast wie eine klangliche Schwester von Cyndi Laupers Time After Time. Das ist tatsächlich eine Entdeckung – und man darf der Sängerin wünschen, dass trotz dieser Songauswahl im Hause Lykke Li derzeit kein Liebeskummer herrscht.
Eine lustige Geschichte haben sich Mark Oliver Everett von den Eels und Kate Mattison von 79.5 rund um ihre Zusammenarbeit ausgedacht. Er nennt sich Bronco Boo, sie ist Katie Boo, und zusammen sind sie folglich die Boo Boos. Sie legen am 19. September ihr Debütalbum Young Love vor. Entstanden ist das Duo, als er einen Song ihrer Band im Radio entdeckte und sehr angetan war. Aus einer ersten Kontaktaufnahme entstand eine intensive Korrespondenz zwischen New York (sie) und Los Angeles (er), schließlich die Idee eines eigenen Projekts. Die Auskopplung That’s Not A Thing (***1/2) ist der erste Song, den die Boo Boos gemeinsam geschrieben haben. Er fügt sich aber sogleich in eine Reihe legendärer Paarungen und hätte mit seiner großen, unschuldigen Romantik und dem ausgeprägten Wohlklang mit Country-Touch auch wunderbar zu Johnny Cash und June Carter oder Nancy Sinatra und Lee Hazlewood gepasst.

