Futter für die Ohren mit Suede, The Lemonheads, Das Paradies, Alli Neumann und Dropkick Murphys

Track der Woche: Suede – „
Disintegrate“


„Es ist wirklich aufregend, in dieser Band zu sein. Es fühlt sich an, als würden wir kreativ immer noch neue Wege gehen“, sagt Sänger Brett Anderson über das neue Album von Suede. „Das ist ein groß angelegtes und ambitioniertes Album. Ein Album für die große Bühne, das noch einen Gang höher schaltet“, fügt Bassist Mat Osman hinzu beim Blick auf Antidepressants, das am 5. September erscheinen wird. Erstaunlich an diesen Aussagen ist, wie glaubwürdig sie klingen aus dem Mund von zwei Männern, die bereits seit 1981 (!) zusammen Musik machen. Wenn nun das zehnte Studioalbum ihrer Band ansteht, die Platin-Auszeichnungen erhalten hat, den Mercury Prize gewonnen hat und vom NME in den „Godlike Genius“-Status erhoben wurde, ist da ganz offensichtlich nicht nur Leidenschaft und Ehrgeiz da, sondern sogar Nervenkitzel. Dass Suede weiterhin inspiriert klingen, beweist auch die Single Disintegrate (***1/2), die zugleich Opener des neuen Albums sein wird, das erneut mit ihrem langjährigen Produzenten Ed Buller aufgenommen wurde. Ein entschlossener Beat trifft auf eine Joy-Division-Gitarre und Anderson scheint mit noch mehr Leidenschaft in der Stimme als sonst gegen die eigene Vergänglichkeit ansingen zu wollen. Nach Angaben der Band wurde das neue Werk stark geprägt von der Live-Erfahrung nach drei Jahren Tournee zum Vorgänger Autofiction, auch das hört man hier heraus. Brett Anderson sagt zur anstehenden Platte: „Wenn Autofiction unser Punk-Album war, dann ist Antidepressants unser Post-Punk-Album. Es geht um die Spannungen des modernen Lebens, die Paranoia, die Angst, die Neurose. Wir alle sehnen uns nach Verbundenheit in einer entfremdeten Welt. Genau dieses Gefühl wollte ich in den Songs einfangen. (…) Das ist gebrochene Musik für gebrochene Menschen.“

Auch The Lemonheads sind eine Indie-Institution, die sich gerne mal viel Zeit lässt mit neuen Platten. Für den Herbst ist nun ihr neues Album Love Chant angekündigt, es wird dann der erste Longplayer seit fast 20 Jahren sein. Mastermind Evan Dando hat sich für die Vorab-Single Deep End (***1/2) mit Tom Morgan (Smudge), der mitkomponiert hat, J Mascis (Dinosaur Jr), der E-Gitarre spielt, und Juliana Hatfield zusammengetan, die im Hintergrund singt. Die größte Ähnlichkeit zeigt der Song aber vielmehr zu den Strokes: Es gibt plakative Elemente, aber eine Slacker-Grundstimmung, das Stück klingt wie eine Band in der Findungsphase (im positiven Sinne), nicht wie jemand, der gerade das 30. Jubiläum seines erfolgreichsten Albums gefeiert hat. Die B-Seite ist der Non-Album Track Sad Cinderella, eine Coverversion von Townes Van Zandt, umgesetzt als Duett mit Erin Rae..

Bei Album #3 kommt Florian Sievers alias Das Paradies demnächst an, wenn am 26. September Überall, wo Menschen sind erscheinen wird. Von einer Institution kann man also beim besten Willen noch nicht sprechen. Doch bei einem Track wie An einem Kirschbaum in einem Sommer (****) ahnt man schon wieder, dass man auch für die nächsten 25 Jahre weiterhin jedes Lied des Künstlers aus Leipzig lieben wird, weil so viel Charakter, Wärme und Klugheit darin steckt. Die Single ist positiv und schwungvoll, dabei aber im genau richtigen Maße verspielt und rätselhaft – und sie wird großzügigerweise begleitet von einem zweiten Vorab-Stück namens Bei den Regendrops.

Alli Neumann nimmt man bisher vielleicht nicht unbedingt als Poetin war, sondern eher als quirlige, eigenständige Pop-Stimme. Auch die neue Single Vom anderen Stern (***1/2) ist vordergründig an Funk-Track mit hohem Spaßfaktor. Das Lied zeigt aber zugleich, wie viel die Künstlerin aus aus Flensburg lyrisch zu bieten hat. Erstens sind Zeilen wie „Ich bin leicht schwer verliebt“ wunderbares Pop-Material, zweitens schafft sie es wieder einmal, mit ihrem typischen Mix aus Deutsch und Englisch spannende neue Reim-Möglichkeiten zu schaffen. Und drittens wird Vom anderen Stern ein Song, der Begierde und körperliche Lust thematisiert, ohne peinlich zu sein – was eine Leistung ist. „Vom anderen Stern ist nach einem Tagtraum entstanden – ein Traum von einer Flucht vor der Alltagstristesse und den eigenen ständigen Erwartungen, die für mich in der Stadt so laut sind. Berlin inspiriert mich, aber irgendwann brauche ich auch Abstand von meinem ewigen Streben nach mehr in der Großstadt. In dem Song geht es um das befreiende Gefühl, durch Liebe der Realität zu entkommen und in eine andere Dimension zu fliehen“, sagt Alli Neumann. „Manchmal fühlt es sich an, als wäre die einzige Möglichkeit, wirklich zu leben, weit weg von all dem, was mich ständig ablenkt. Vom anderen Stern ist eine Einladung, alles hinter sich zu lassen und mit einem Menschen, den man liebt, etwas Echtes und Neues zu erleben.“ Da für den Herbst auch eine Tour ansteht (am 26. November schaut sie in Leipzig im Täubchenthal vorbei), darf man das wohl auch als Vorbote für ihr drittes Album betrachten..

Zu den vielen Dingen, die an den Dropkick Murphys großartig sind, gehört ihre Weigerung, die Lüge vom „Land of the free, home of the brave“ zu verbreiten oder gar ihre US-amerikanische Heimat zu glorifizieren. Stattdessen erzählen sie von all dem, was schief läuft und ungerecht ist. Unter Donald Trump bekommen sie dafür natürlich reichliche Beispiele, zudem wird dieser Protest noch wichtiger. Die Single Who’ll Stand With Us? (***1/2) unterstreicht das und klingt genau so, wie man sich die Band aus Boston wünscht: keltisch, feurig, rotzig, aufrecht. Dass sie Klassenkampf und Trump-Kritik nicht nur 254 Sekunden lang hochhalten wollen, lässt der Titel des neuen Albums erahnen: For The People kommt am 4. Juli digital heraus, die Vinyl- und CD-Version mit 5 Bonustracks wird dann am 10. Oktober folgen.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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