Futter für die Ohren mit Mike D, Sienna Spiro, Jack White, Alexis Taylor, Mike Simonetti und Fink

Track der Woche: Mike D – „True Colors“

Satte 15 Jahre ist es her, dass eine Platte erschien, die ausschließlich neue Tracks enthielt und unter Beteiligung von jemandem entstand, der „Mitglied bei den Beastie Boys“ in seinem beruflichen Lebenslauf stehen hat. Am 28. August wird sich das ändern, wenn Mike D sein erstes Soloalbum Thank You vorlegt. Der Titel ist keineswegs ironisch gemeint und eindeutig auch nicht als Schlusswort vor einem ultimativen Mic Drop. Vielmehr verspürt der 60-Jährige offenkundig große Dankbarkeit dafür, dieses Ding mit dem Stöbern nach Samples, dem Basteln im Studio und dem gewitzten Sprechgesang noch immer durchziehen zu können. „Es hat so viel Spaß gemacht, diese Musik mit Menschen zu machen, die ich liebe, und ich habe unsere Zusammenarbeit sehr zu schätzen gelernt“, kommentierte Mike D. „Und ich hoffe einfach, dass es für andere Spaß macht und nicht zu ernst ist, denn seien wir ehrlich, ich bringe diese Musik in eine sehr seltsame, dunkle und machtfixierte Welt, die Kunst, Gefühle, Mitgefühl, Empathie und Gleichberechtigung wirklich entwertet“, sagt er über die Entstehung des neuen Werks. Thank You wird zwölf Songs umfassen, die größtenteils in sehr freigeistigen Sessions in seinem Heimstudio entstanden sind. Seine Söhne Skyler und Davis haben mitgearbeitet, als weitere Gäste sind beispielsweise Carter Lang, Jared Solomon, Ging, Jason Lader, Eddie Ruscha und Tyran Donaldson dabei. Mit True Colors ( ) gibt es jetzt die dritte Vorab-Single und sie klingt genau so, wie ein Stück klingen muss, dass von einem Beastie Boy kommt: cool, stilsicher und ein bisschen durchgeknallt.

Unzulänglichkeit ist das Gefühl, das auf dem anstehenden Debütalbum von Sienna Spiro alles dominieren wird. „Ich war mir der Vergänglichkeit schon immer sehr bewusst; ich habe große Angst davor, dass Dinge enden und Menschen gehen. Dieses Gefühl ist so stark, dass ich mich oft gar nicht erst auf neue Beziehungen oder Dinge einlasse, von denen ich weiß, dass sie nicht von Dauer sein werden. In gewisser Weise habe ich also den Großteil meines Lebens mit dem Gefühl verbracht, eine Besucherin zu sein – wie jemand, der nur auf der Durchreise ist“, sagt die Lodnonerin über Visitor, das am 3. Juli erscheinen wird. Auch der jetzt als Single veröffentlichte Quasi-Titelsong The Visitor () spricht diese Perspektive an. „In the back of my mind / I know I’m temporary“, lautet eine der zentralen Zeilen des Songs, den Sienna Spiro gemeinsam mit Omer Fedi (SZA, Lil Nas X) und Michael Pollack (Justin Bieber, Miley Cyrus) geschrieben und produziert hat. Das Lied wartet nach knapp drei Minuten mit einem 20-köpfigen Streichorchester auf, dirigiert von Oscar-Preisträger Peter Rotter. Allerdings zeigen schon die Passagen davor: Für einen großen Song braucht es nur klassisches Klavier, eine umwerfende Stimme und echten Schmerz. Dass die 20-Jährige noch länger über Defizite singen muss, ist indes nicht zu erwarten. Sie hat es auf die „Critics‘ Choice“-Shortlist bei den BRIT Awards 2026 geschafft, war in den Kategorien „Best Vocal Performance“ und „Breakthrough Pop Artist“ für die American Music Awards 2026 nominiert und kommt weltweit bereits über 1,2 Milliarden Streams. The Visitor hat sie in einigen der namhaftesten Studios der Welt aufgenommen, etwa dem wie Electric Lady Studios in New York und an der Londoner Abbey Road. Auch sie selbst sieht sich auf dem Weg, ihre Komplexe zu überwinden. „Die Arbeit an diesem Album hat mich gelehrt, den Moment zu genießen, anstatt mir ständig Sorgen um die Zukunft zu machen. Ich hoffe, dass die Platte den Menschen Trost spendet, indem sie ihnen zeigt, dass alles vergänglich ist. Wir müssen uns nicht immer beeilen, Dinge loszulassen – wir können zulassen, dass sie uns etwas bedeuten, auch ohne dass sie für immer bleiben müssen.“

Jack White hat längst sein eigenes Tonstudio eingerichtet, als Kernstück seines „Third Man Records“-Ökosystems. Wie er dort arbeitet, konnten Fans zuletzt online in der Mini-Dokumentation „Third Man Release Lab“ verfolgen. Dort war auch erstmals Material zu hören, das für Frozen Charlotte aufgenommen wurde und am 10. Juli als siebtes Studioalbum von Jack White erscheinen wird. Die Single Dollar Bill ( ) zeigt zu Beginn, wie viel Faszination für ihn noch immer in der Aufgabe steckt, eine E-Gitarre neue Töne zu entlocken. Ein großer Sänger (und Texter) wird der Mann, der seit zwei Jahren Mitglied in der Rock & Roll Hall of Fame ist und bisher 46 Mal für den Grammy nominiert wurde, nicht mehr. Als Geheimwaffe erweist sich dafür das rumpelnde, kraftvolle Schlagzeug wie einst bei den White Stripes. Frozen Charlotte wird natürlich auf Vinyl erscheinen, eine limitierte Ausgabe davon in „Zug Island Blue“, eine weitere in „Ice Blue“.

Wenn man Alexis Taylor, das Mastermind von Hot Chip danach fragt, wer sein liebster zeitgenössischer Songwriter ist, kommt als Antwort: Will Oldham. Diese Wahl ist überraschend, hätte man beim Elektrotüftler doch eher andere Namen erwartet als einen Grantler mit Wurzeln in der Folk Music. Genauso verblüffend ist die Coverversion von I See A Darkness (), die Taylor nun gemeinsam mit dem New Yorker Produzent Mike Simonetti vorlegt. Das Lied, bekanntermaßen auch schon einmal von Johnny Cash intoniert und deshalb vielleicht Oldhams bekannteste Komposition, erfährt hier eine unfassbare Verwandlung, bewahrt die Behutsamkeit des Originals und fügt einen Hauch von House hinzu, wobei eher der Sequenzer denn der Beat für Ungeduld und Lebendigkeit sorgen. Auch der zusätzliche Gesang von Elizabeth Wight (Pale Blue) ist traumhaft. Am 12. Juni werden Taylor und Simonetti eine gemeinsame EP vorlegen, darauf gibt es I See A Darkness noch als Claire Rousay Remix, außerdem den Song Perfect Kiss und als vierten Track eben diesen auch noch als Black Forces Remix.

Das Grundprinzip bei den Aufnahmen für das neunte Studioalbum von Fink lautete: „Wenn es 1974 nicht existierte, darfst du es nicht benutzen.“ Finian Paul Greenall, der hinter diesem Namen steckt und die gerade erschienene Platte namens The City Is Coming To Erase It All in Cornwall aufgenommen hat, nennt diesen Ansatz „Nowstalgia“. Wie das klingt, zeigt beispielsweise Dark Edges (): Es gibt Picking auf der akustischen Gitarre, ein vorsichtiges Arrangement und selbst im Gesang nicht zu viel Aufregung. Es geht um eine unerklärliche Anziehungskraft, die zweifelsohne auch dieses Lied hat. Am 3. und 4. Oktober ist Fink live im UT Connewitz in Leipzig zu sehen.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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