Track der Woche: Leoniden – „I Still Feel“
Rund 90 Minuten dauert ein durchschnittliches Rockkonzert. Leoniden aus Kiel spielen bei ihrer aktuellen Performance fast doppelt so lang. Und was noch erstaunlicher ist: Sie spielen in diesen fast drei Stunden immer nur dasselbe Lied. Die neue Single I Still Feel () ist natürlich gut genug, um sie eine ganze Weile auf „Repeat 1“ laufen zu lassen: tanzbar, klug, eingängig und dabei auf angenehme Weise eben doch nicht „in your face“. Man sollte indes bloß nicht den Fehler machen, bei dieser Darbietung von einer Endlosschleife zu sprechen. Denn der feine Unterschied zwischen „erstaunlich lang“ und „tatsächlich endlos“ ist genau der Kern von I Still Feel. Es geht um den Wunsch nach Ewigkeit und das Erkennen von Endlichkeit; „But Björk gets old while Kurt stays young, how can I have both?“, lautet die Entsprechung bei der Betrachtung popmusikalischer Held*innen im Text. „Es ist ja eigentlich nicht zu begreifen, dass das Leben endlich ist. So ganz habe ich das Konzept immer noch nicht akzeptiert“, sagt Sänger Jakob Amr. „Trotz meiner Angst vor dem Tod liegt in der Endlichkeit aber auch eine gewisse Schönheit, weil ich meine eigenen Ideen so nicht überleben muss. Insofern hat beides seinen Reiz.“ Der zweite Aspekt ist die Erkenntnis, wie nah große Schwüre und schnelle Erschöpfung beieinander liegen, natürlich auch in der Liebe. Im Clip, in dem Leoniden das Lied immer und immer wieder spielen, zerstört Jakob Amr mit einer Axt (genauer gesagt: mit drei Äxten, nach 72 Minuten muss er zum ersten Mal wechseln) ein überdimensioniertes Vorhängeschloss wie eines von denen, die ewige Liebe am Geländer einer Brücke repräsentieren sollen. „If you say forever one more time / I’ll remind you that we die“, steht darauf. Das ist natürlich auf den ersten Blick unromantisch, auf den zweiten Blick vielleicht ein Einfordern von Präzision, die in einer Beziehung auch sehr wertvoll sein kann. Nicht zuletzt zeigt die Mega-Performance, in der die Band den Song mehr als 50 Mal am Stück spielt, wie sehr Leoniden ihre eigene Musik weiterhin lieben.
Die Freude am eigenen Schaffen ist auch bei Eric D. Johnson alias Fruit Bats sehr ausgeprägt. Nur wenige Wochen, nachdem er das erste Album unter diesem Namen im Kasten hatte, ging er bereits wieder ins Studio. Diesmal nicht mit dem Ansatz, wie bei Baby Man alles alleine zu machen, sondern mit der Idee, den kreativen Höhenflug gemeinsam mit seiner langjährigen Tourband zu nutzen, bestehend aus David Dawda (Bass), Josh Mease (Gitarre), Frank LoCrasto (Keyboard) und Kosta Galanopoulos (Schlagzeug). So entstand das Album The Landfill, das am 12. Juni erscheinen wird. Die zweite Single The Goddamn Sun () ist tatsächlich aus einem gemeinsamen Jam hervorgegangen, und das hört man auch: Der Song klingt entspannt, harmonisch und so, als würde sehr talentierte (und im Falle von Johnson sogar Grammy-nominierte) Künstler einfach ihrem großen Talent freien Lauf lassen. „Manchmal reichen Worte nicht aus, und ein Refrain kommt ganz ohne sie aus. Diese ‚ooooh‘-Melodie schlummerte ein paar Jahre lang als Sprachmemo auf meinem Handy. Sie kam mir irgendwo in einem großen, halligen Backstage-Badezimmer mit Fliesen in den Sinn und lag dann eine Weile auf Eis“, erzählt Johnson zur Entstehung von The Goddamn Sun. „Der Rest des Songs entstand während einer Songwriting-Session mit meinen Bandkollegen Kosta Galanopoulos und Josh Mease – wir spielten einfach drauf los, und diese alte Melodie passte einfach perfekt hinein. Der Text handelt von etwas, worüber schon viele im Laufe der Jahre geschrieben haben – der alten Geschichte vom Warten darauf, dass die Sonne wieder scheint.“
John Carpenter ist weiterhin enorm produktiv, erst recht für einen 78-Jährigen. Seit 2015 hat er vier Platten in seiner Lost Themes-Reihe vorgelegt, zudem zwei neue Soundtracks, ein Remix-Album und zwei EPs. Jetzt gibt der Halloween-Macher sein Debüt als Comic-Autor. Am 4. August wird seine Graphic Novel Cathedral bei Storm King Comics erscheinen, das begleitende Album gleichen Titels kommt dann am 7. August über Sacred Bones Records heraus. Beides ist dabei künstlerisch eng verknüpft, betont der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Komponist: Jeder Track des Albums repräsentiert ein Kapitel des Comics, zusätzlich bieten die Liner Notes der Platte zusätzliche Hintergründe zum Plot von Cathedral. Die Single Lord Of The Underground () bietet im Video mit Illustrationen aus dem Comic einen Vorgeschmack auf die grafische Umsetzung und zeigt im Sound, dass Carpenter, der wieder mit seinem Sohn Cody Carpenter (Synthesizer) und Daniel Davies (Gitarre) zusammengearbeitet hat, noch ein ganzes Stück härter agiert als zuletzt. Der Song hat Druck und Wucht (obwohl hier ein echtes Schlagzeug sicher noch wirkungsvoller wäre), wie immer sorgen aber vor allem die Synthies und eine spukige Klaviermelodie für die unheimliche Atmosphäre. Das könnte beispielsweise auch ein früher Song von Rammstein sein und belegt erneut, wie gut Metal und Horror zusammenpassen. „Es war so filmisch und lebendig“, sagt Carpenter über den Traum aus dem Jahr 2024, der die Geschichte von Cathedral inspiriert hat. Es geht darin um eine verlassene Kirche im Zentrum von Los Angeles, die wie ein Lost Place wirkt, sich dann aber als Tatort eines grausamen Verbrechens entpuppt. „Ich dachte: Das muss ich vertonen. Es ist gewissermaßen unser erstes Heavy‑Metal‑Album.“.
Ein bisschen wie ein Horrorfilm kommt auch das Video zur Single Head In The Air () von My Ugly Clementine daher. Kein Wunder: In der dritten Kostprobe für das kommende Album Apply Autonomy (erscheint am 4. September) leben Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronck ihre Wut, Durchtriebenheit und Lust auf Rache aus, durch den zwischendurch sphärischen und am Ende verzerrten Gesang bekommt der Song auch ein gespenstisches Element. Im Herbst geht das Trio aus Österreich mit seinem vierten Album auf Tour, am 10. Oktober schauen sie auch in Leipzig im Werk 2 vorbei.
Zwei Tage später werden in Leipzig auch Placebo live zu erleben sein. Ihre Show am 12. Oktober in der Quarterback Immobilien Arena ist bereits ausverkauft. Die Band um Frontmann Brian Molko wird dann im Rahmen ihrer 30th Anniversary Tour vorrangig Songs aus ihren ersten beiden Alben Placebo und Without You I’m Nothing performen. Passend dazu erscheint das Debütalbum am 19. Juni in einer neu abgemischten Version unter dem Titel Placebo Re:Created. Wie das klingen wird, zeigt die gerade erschienene Neufassung von Nancy Boy (), das 1997 ein Top-10-Hit im UK wurde und Placebo somit den Durchbruch brachte. Der Song wurde von den originalen Masterbändern neu abgemischt, er klingt nun tatsächlich frischer, zeitgemäß ist er ohnehin sowieso. Die präsenter wirkende Stimme von Brian Molko stellt auch den Text als Geschichte von Bisexualität und Sucht stärker in den Vordergrund, der angepasste Sound unterstreicht die Gefühle von Verwirrung, Ungeduld und Extrovertiertheit. Natürlich betont Molko, die Neufassung sei keineswegs bloß ein Cash-In zum Bandjubiläum. „Wir betrachten dieses Album als eine Art Director’s Cut. Wir haben die Songs nicht von Grund auf neu aufgenommen. Stattdessen (…) haben wir 30 Jahre Live-Erfahrung in die Aufnahmen einfließen lassen. Bei diesem Projekt ging es darum, das Album gewissermaßen zu vollenden, es klanglich ins 21. Jahrhundert zu holen und dabei gleichzeitig die Integrität und den Geist des Originals zu bewahren“, erklärt er. Bei den Sessions zum 1996 veröffentlichten Debütalbum hätte die Band schlicht noch nicht die nötigen Kompetenzen gehabt, um all ihre Ideen perfekt umzusetzen. Jetzt könne man sich mit viel mehr Erfahrung noch einmal diesen Songs widmen. „Es geht nicht darum, etwas zu verbessern, denn mit dem Original war nichts falsch. Es geht darum, es zu vervollständigen.“

