| Film | In Liebe, Eure Hilde |
| Produktionsland | Deutschland |
| Erscheinungsjahr | 2024 |
| Spielzeit | 124 Minuten |
| Regie | Andreas Dresen |
| Hauptdarsteller*innen | Liv Lisa Fries, Johannes Hegemann, Lisa Wagner, Alexander Scheer, Emma Bading, Sina Martens, Fritzi Haberlandt, Florian Lukas, Jakob Diehl |
| Bewertung |
Worum geht’s?
Berlin in den 1940er Jahren: Hilde ist Zahnarzthelferin, etwas schüchtern, interessiert an Literatur und frisch verliebt. Als sie schwanger von ihrem Freund Hans wird, ist sie überglücklich – zumal sie schon über 30 ist und davon ausgegangen war, dass sie keine Kinder bekommen kann. Hans macht ihr kurz darauf einen Heiratsantrag, und die gemeinsamen Freunde freuen sich für das Paar. Doch die frisch gebackenen Eheleute leben in Angst. Nicht so sehr, weil Hilde eigentlich mit Franz zusammen ist, der als Jude aber aus Deutschland fliehen musste und schon länger kein Lebenszeichen mehr gesendet hat. Sondern, weil Hilde und Hans zu einer kommunistischen Widerstandsbewegung gegen das Nazi-Regime gehören. Sie haben sich kennengelernt, als er jemanden suchte, mit dem er Morsen üben kann, weil die Gruppe über ein verstecktes Funkgerät mit dem sowjetischen Geheimdienst konspirieren will. Zudem verteilen sie heimlich Flugblätter, hören verbotene Radiosender, um Informationen über deutsche Kriegsgefangene streuen zu können, und überkleben Propaganda-Plakate mit Tucholsky-Zitaten. Als die Gruppe auffliegt, wird auch Hilde von der Gestapo verhaftet.
Das sagt Shitesite
Stickern ist derzeit ja ein beliebtes Hobby bei jungen Menschen: Man platziert Aufkleber in der Öffentlichkeit, an Verkehrsschildern, Stromkästen oder Klotüren. Man gewinnt damit einerseits ein Publikum für die Inhalte des Stickers (den bevorzugten Fußballverein, eine Einladung zu einer Veranstaltung, das Logo der Lieblingsband) und sendet andererseits die Botschaft: „Ich war hier, und ich habe mein Revier markiert.“
So etwas Ähnliches betreiben Hilde und ihr Freundeskreis auch in diesem Film: Sie überkleben Plakate, mit kleinen Zetteln, die knappe Schreibmaschinen-Botschaften enthalten und mit Spucke angebracht werden. Der Vergleich zeigt einen der erstaunlichen Aspekte von In Liebe, Eure Hilde: Die Aktionen der Widerstandsgruppe, die für alle Beteiligten zum Urteil „Hochverrat“ führen werden, wirken fast wie die Streiche einer Jugendbande. Die Konspiration findet beim Eisessen, Mopedfahren und Camping am See statt, in einem unbeschwerten, strahlenden Sommer.
Das ist eine Schwäche an diesem Film. Die systemische Ebene von Terror, Unterdrückung, Bespitzelung und Willkür findet hier nicht statt. Man findet auch keine Monster-Nazis, sondern beispielsweise eine zunächst strenge Gefängnis-Aufseherin, die nach und nach Mitgefühl mit Hilde entwickelt, oder einen Gestapo-Mann, der den Good Cop womöglich nicht nur aus taktischen Erwägungen gibt. Auch die Gruppe (die wirklich existiert hat und von der Gestapo den Namen „Rote Kapelle“ bekam, bevor mehr als 50 ihrer Mitglieder hingerichtet wurden) zeigt in ihren Gesprächen keine ideologische Tiefe, ihre Nadelstiche sind zudem nicht besonders erfolgreich im Kampf gegen das Regime. Als die Titelheldin verhaftet wird und ihr nach und nach klar wird, welche Konsequenzen ihr tatsächlich drohen, scheint ihr das zuerst fast unwirklich vorzukommen, obwohl klar war, welches Risiko sie eingeht und welche Strafe dafür verhängt werden kann. Auch diese Reaktion passt zum Eindruck, dass dies alles eher Spielerei gewesen sein könnte als Überzeugung.
Zugleich ist der Fokus aufs Private und Menschliche ungeheuer wirkungsvoll. Denn einerseits kommt die Kälte des Systems hier ebenfalls über Menschen zum Ausdruck. Wenn im Verhör behauptet wird, die anderen Mitglieder der Gruppe hätten sich auch bereitwillig gegenseitig verraten, um vielleicht einen persönlichen Vorteil zu erhaschen. Wenn ein Gynäkologe direkt nach der Risikogeburt anmerkt, das Baby habe ohnehin keine Überlebenschance (und man heraushört, dass er sie ihm auch gar nicht wünscht). Wenn der Verteidiger im Prozess lediglich lustlos mit einem Satz anmerkt, es gebe keine Argumente, die man zur Entlastung gegen die in der Anklage erhobenen Vorwürfe vorbringen könnte.
Andererseits wird deutlich, dass der Widerstand von Hilde (und wohl auch von den meisten ihrer Mitstreiter*innen) keinem politischen Masterplan folgt, sondern einfach dem Wunsch entspringt, etwas zu tun, und dem Gefühl, dass man sich mit diesem System nicht gemein machen darf. Es geht nicht um Mut und Revolte, sondern um Haltung und Anstand. Damit zeigt In Liebe, Eure Hilde zugleich, wie leicht und selbstverständlich es hätte sein können, sich gegen die Nazis aufzulehnen, und wie schwer und tollkühn es doch zugleich war. Als Hilde in der Gruppe immer aktiver wird, passiert das aus moralischer Notwendigkeit, vielleicht auch ein bisschen aus Fatalismus. „50 werde ich nicht“, sagt sie einmal im Gespräch mit ihrer kranken Mutter, und ihr früher Tod scheint für sie eine Gewissheit zu sein, die sie schon weit vor ihrer Hinrichtung verinnerlicht hatte.
Formal findet das seine Entsprechung in sehr vielen Szenen, die sich viel Zeit nehmen für das Unmittelbare, Alltägliche. Es geht eine Treppe hinauf. Eine Erdbeere wird gekostet. Ein Zelt wird aufgebaut. Es gibt praktisch keine Musik, dafür aber zwei Zeitebenen: Die Erlebnisse nach der Verhaftung werden chronologisch erzählt. Die Rückblenden, in denen deutlich wird, wie Hilde nach und nach in die Widerstandsgruppe involviert wurde und sich dort auch selbst immer aktiver eingebracht hat („Traust du mir keinen eigenen Willen zu?“, fragt sie Hans an einer Stelle, als dieser vermutet, sie sei nur ihm zuliebe dabei), hingegen umgekehrt chronologisch, was nicht immer ganz überzeugend ist, zumindest aber am Ende für einen dicken Kloß im Hals sorgt, als das Urteil vollstreckt und direkt danach der zarte Beginn dieser Romanze gezeigt wird.
Liv Lisa Fries, die für ihren Auftritt mit dem Deutschen Filmpreis für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde, trägt dabei einen erheblichen Teil des Films. Sie lässt Hilde über weite Strecken eher schüchtern und stoisch wirken statt als eine Draufgängerin, zugleich schafft sie es subtil, die Widersprüche zu zeigen, die mit ihrer Situation einher gehen: Sie hasst das NS-Regime und setzt trotzdem ein Kind in diese Welt. Sie hat viele Zukunftspläne, erst recht als junge Mutter, und riskiert dennoch ihr Leben. Sie will trauern und vielleicht sogar zusammenbrechen, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt, muss aber als Mutter für ihr Neugeborenes weiter funktionieren.
Die Hauptdarstellerin kann aber nicht den größten Makel des Films kaschieren: Nicht nur die Politisierung der Figuren wird unzureichend nachgezeichnet, auch die Liebesgeschichte zwischen Hilde und Hans ist nicht ausreichend glaubwürdig. Zwar rät ihr selbst die Schwiegermutter in spe, sie solle ruhig „ein bisschen ihren Spaß haben“, während Franz nicht da ist. Aber wieso sie Hans dann – in einer Zeit, die allen Protagonist*innen dieses Films wie eine vorläufige erscheint – so sehr ins Herz schließt, dass sie ihr Leben für diese Beziehung aufs Spiel setzt, wird nicht richtig plausibel. Auch das passt aber letztlich zum Charakter von In Liebe, Eure Hilde: Es gibt keinen Heroismus in dieser Geschichte, sondern nur Unmenschlichkeit, Brutalität und Tragik.
Bestes Zitat
„Ein fallendes Blatt / vom Winde getragen / zeigt uns an / dass die Stunde geschlagen / das Erfüllte sanft von uns schreitet / das Unerfüllte bleibt / und leidet.“ (aus dem Abschiedsbrief von Hans Coppi an seine Frau)

