Jochen Distelmeyer – „Gefühlte Wahrheiten“

ActJochen Distelmeyer
AlbumGefühlte Wahrheiten
LabelFour Music
Erscheinungsjahr2022
Bewertung
Jochen Distelmeyer Gefühlte Wahrheiten Albumcover

Dass Jochen Distelmeyer auf Englisch singt, ist kein ganz so großer Schock mehr. Vor sechs Jahren hat er bereits das Album Songs From The Bottom Vol. 1 veröffentlicht und darauf beispielsweise Lieder von Britney Spears oder Lana Del Rey gecovert. Auf Gefühlte Wahrheiten, seinem (wenn man die Coverversionen und eine Liveplatte nicht mitzählt) zweiten Soloalbum, überrascht er aber zu Beginn der zweiten Hälfte mit drei selbstgeschriebenen Songs auf Englisch. Und das lässt dann doch aufhorchen von einem Musiker, der schon zu Zeiten von Blumfeld für seine Poesie gefeiert wurde und der 2015 mit Otis auch einen eigenen Roman vorgelegt hat.

Zuerst fällt zwar sein deutscher Akzent auf, danach merkt man aber schon inmitten der Nashville-Atmosphäre von Gone Girl, dass der Text eigentlich viel zu gut ist für jemanden, der kein Muttersprachler ist: So ein Lied hätte man sehr gerne von Ryan Adams gehört. Roads Of Regret setzt fast nur auf akustische Gitarre und Gesang, man könnte sich das tatsächlich gut im Oeuvre von Merle Haggard oder Johnny Cash vorstellen. The Reason ist noch deutlicher Country-inspiriert (Steel Guitar und so), und es zeigt einen Effekt, der dann für Gefühlte Wahrheiten insgesamt sehr wichtig wird: Jochen Distelmeyer nutzt hier viele dieser ganz großen, mit so vielen Klischees behafteten Wörter wie Silence und Temple, Evil und Hatred, die aber in der Muttersprache des Pop problemlos funktionieren und kein bisschen abgeschmackt oder pompös klingen.

Das ist an anderen Stellen der Platte anders. Insbesondere gilt das, weil der fast 55-Jährige in seine Lieder hier immer wieder eine explizite Körperlichkeit packt. Er singt unverstellt von Begierde, Hingabe, Libido. Schon der Auftakt Komm (so nah wie du kannst) will ganz offenkundig sinnlich sein, etwa im Stile von Beyoncé oder auch Terence Trent D’Arby. Die eingeforderte Nähe ist eindeutig auch sexuell gemeint, und der Sound (produziert hat wieder Swen Meyer, wie beim Cover-Album) setzt das stimmig um, bis hin zu einer überraschenden Verwandlung von Slow-Soul zu Rock am Ende. Tanz mit mir erzählt von Magie, Zauber und Flirt auf der Tanzfläche, aber erwähnt auch ausdrücklich „Sex Appeal“. In Nur der Mond singt Distelmeyer, der zuletzt auch wieder Konzerte mit Blumfeld gespielt hat: „Brauch dich jetzt hier Haut an Haut.“

Das alles klingt wie Soft-Pop, der Viagra genommen hat. Es löst zwar keinen Ekel, aber doch Cringe-Momente aus: Man schämt sich, man will nicht Zeuge davon sein, oder man will wenigstens, dass der Künstler seine Lust mit Worten in einer Fremdsprache tarnt. Warum ist das so? Dürfen nicht auch Ü50-Sänger noch vom Geschlechtsverkehr singen? Natürlich dürfen sie das. Das Unbehagen hat andere Ursachen. Die erste davon findet sich auf der ästhetischen Ebene: Es geht in diesen Liedern oft um unbedingte Leidenschaft, aber die passt weder zu seiner dünnen Stimme noch zum polierten, makellosen Sound. Der zweite Grund steckt im Inhalt: Distelmeyer ist auf Gefühlte Wahrheiten immer der Verführte, also passiv, ein Opfer ohne Widerstandskraft und Wille, schon wieder fassungslos getroffen von Amors Pfeil. Ist dieser Verführte dann aber zum Teil eines Paars oder einer Beziehung geworden, wird er schnell sehr fordernd im Artikulieren seiner Erwartungen, und es hagelt plötzlich Imperative.

In Hey Dear kommt beides am deutlichsten zusammen: „Ich spür das Verlangen / und es lässt mich nicht los / mein Herz steht in Flammen / und der Sog ist zu groß“, formuliert er eine Sehnsucht, von der er nicht sicher sein kann, ob sie erwidert wird, womöglich gar im gleichen Ausmaß. Und gerade die Idee, dass das Gegenüber vielleicht nicht so empfindet, lässt das Ergebnis gespenstisch und creepy wirken: So ein Lied würde ein Stalker singen über eine Frau, die nichts von ihm wissen will. Das beschwingte Im Fieber kreist um eine ähnliche Situation. „Sag was ist oder lass mich gehen / weiß nicht was wird, wenn wir uns wiedersehen.“ Auch an anderen Stellen dieser Platte gibt es kaum mehr Rätsel, auch keine Befindlichkeiten. Es ist klar, dass es um Gefühle geht, und um die Kraft, die sie haben – sodass sie sich manchmal wie die einzigen, absoluten Wahrheiten anfühlen.

Am stärksten werden die Lieder, in denen Erotik (weitgehend) außen vor bleibt. Zurück zu mir wird hoch elegant, vom Klavier über die Streicher bis hin zum Call and Response mit dem Frauenchor – und es evoziert mit seiner Melodie auch wieder dieses erhebende Gefühl im Refrain, das man spätestens seit Wir sind frei so sehr liebt. In Manchmal schildert Distelmeyer seine Eindrücke nach dem Umzug nach Berlin, das Resultat ist Soul in der Art, wie ihn Manfed Krug schon einmal interpretiert hat. Ich sing für dich beschließt die Platte entspannt, tröstlich, warm, universell und auch mit ein bisschen Tagespolitik. Das Highlight des Albums wird das mehr als elf Minuten lange Nicht einsam genug. Es klingt wie eines dieser Lieder von, jawohl, Bob Dylan, die immer weiter mäandern. Es ist eine Großtat, in der sich Jochen Distelmeyer als großer, weiser, rätselhafter Erzähler gibt, der alltägliche Zufallsbegegnungen, biblische Bilder und politische Verfehlungen auf wunderbarste Weise zusammenfügt.

Website von Jochen Distelmeyer.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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