Liebe Frau Gesangsverein – „Nackt“

ActLiebe Frau Gesangsverein
AlbumNackt
LabelRoaring Disc Records
Erscheinungsjahr2018
Bewertung
Liebe Frau Gesangsverein Nackt Albumcover

Der Name dieser Band aus Köln könnte kaum besser gewählt sein. Liebe Frau Gesangsverein spielt natürlich auf die im 19. Jahrhundert entstandene Redewendung an, mit der man großes Erstaunen zum Ausdruck bringen kann. Statt „Herr“ (womit damals auch eine religiöse Konnotation verbunden war) heißt es hier aber „Frau“, und diese so prominent platzierte Dame ist Sängerin Ricarda Giefer, die tatsächlich das Geschehen auf dem Debütalbum Nackt dominiert.

Gemeinsam mit Sven Mees (Drums), Christoph Korb (Bass), Ralph Brachtendorf (Gitarre) und produziert von Kurt Ebelhäuser hat sie eine Platte hingelegt, die viel Talent für originellen Alternative-Rock zeigt und auch Texte mit einigen guten Ideen enthält. Das Problem bei diesem 2016 gegründeten Quartett ist: Die Zutaten passen nicht recht zusammen.

Vor allem passen die Texte nicht zur Musik. Manchmal wirkt es, als sollten hier möglichst viele Wörter in einen Songtext gepackt werden, die dort (aus gutem Grund) noch nie jemand platziert hat, etwa „Morgensteifigkeit“, „Hafenpanorama“ oder „feilgeboten“. Dass etliche davon tatsächlich nach 19. Jahrhundert (siehe Bandname) klingen, ist auch nicht hilfreich. Dazu passt, dass Ricarda Giefer immer überdeutlich artikuliert singt. Ihre Stimme klingt dadurch nach Kunst, Varieté, Chanson und Theater – nicht nach Punkrock, den sich Liebe Frau Gesangsverein auf die Fahnen geschrieben haben. In jedem Moment wirkt es, als sei der Wille, sich auf einer Bühne zu produzieren, bei ihr unbesiegbar groß, als wolle sie zwanghaft etwas beweisen, als sei da zu viel Make-Up auf den Stimmbändern.

Lunapark verdeutlicht dieses Problem: Ein klasse Riff eröffnet das Lied, dann ertönt aber diese Stimme, die überhaupt nicht dazu passt. Zwischendurch übernimmt Gitarrist Ralph Brachtendorf ein paar Zeilen, der weit davon entfernt ist, ein begnadeter Sänger zu sein, aber sein Part integriert sich trotzdem viel stimmiger in diesen Sound. Auch Erfunden zeigt, woran der Ansatz des Quartetts womöglich krankt: Das Stück ist sprachlich bedeutungsschwanger (wieder mit etlichen altmodischen Begriffen, die wohl besonders tiefgründig und poetisch wirken sollen) und erzählt von Menschen, die sich mit einem unkonventionellen Leben brüsten, sich dabei aber als Blender entpuppen. Der Verdacht liegt nahe, dass Liebe Frau Gesangsverein selbst solche Menschen sind. In jedem Fall räumen sie hier ein, dass sie dumm genug sind, immer wieder auf solche Schwafler hereinzufallen, weil sie vielleicht selbst von einem Dasein als Bohemien und Libertin träumen, ohne die Mittel oder den Mut zu haben, das wirklich zu erreichen. Hier sein ist so schwer solidarisiert sich ebenfalls mit den Outlaws und Aussteigern. „Ich habe Angst vor der Tiefe / und werde nicht ins Wasser gehen“, heißt es darin, womöglich vergleicht sich Ricarda Giefer damit mit Virginia Woolf.

Dieser Hang zu Blasiertheit ist sehr schade, denn erstens ist die Musik hier auf Top-Niveau und weckt Erinnerungen beispielsweise an Bloc Party, die Foo Fighters, Beatsteaks oder Hole. Zweitens zeigen auch die Texte, dass Liebe Frau Gesangsverein zumindest originelle Blickwinkel finden. In Schwarzes Brett werden Kleinanzeigen für Haustiere, Möbel und Coaching als Aufhänger gewählt, um auf die eigene Unzufriedenheit zu verweisen: „Ich bin immer auf der Suche und hab‘ viel Plunder abzugeben / ich würde gerne mit anderen tauschen / manchmal gern das ganze Leben“. In Rückwärts verlieben wird ein Beziehungskrach zum Ausgangspunkt eines falsch herum abgespielten Films, womit sich die Frage stellt, was eigentlich aus all der Gewissheit und Romantik der Anfangstage geworden ist. Auch Nächtliche Gespenster ist eine ungewöhnliche Geschichte vom Auseinanderleben. Watt erweist sich als Powerballade, die aus dem Blick in die Waschmaschine (!) ein paar schöne Momente herauszieht.

Ganz oft wirkt Nackt aber leider, als hätte die Band erst (mehr als gute) Rocksongs geschrieben und dann hätte jemand versucht, seine (auch nicht ganz schlechten) Gedichte dazu zu singen. Aber beides hat keine passgenaue Verbindung, manchmal hakt es am Metrum, manchmal am Versmaß, oft an der gekünstelten Betonung. So klar ist, wie wichtig die Eigenheiten von Ricarda Giefer für diese Band sind (ohne sie wären Liebe Frau Gesangsverein bloß eine weitere gewöhnliche Gitarrenkombo), so sehr stehen sie einem größeren Rock-Vergnügen hier auch im Weg.

Website von Liebe Frau Gesangsverein.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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