Respect

FilmRespect
ProduktionslandUSA
Erscheinungsjahr2021
Spielzeit145 Minuten
RegieLiesl Tommy
Hauptdarsteller*innenJennifer Hudson, Forest Whitaker, Marlon Wayans, Audra McDonald, Marc Maron, Mary J. Blige
Bewertung

Worum geht’s?

Das Biopic zeichnet die Karriere von Aretha Franklin nach. Der Film erzählt chronologisch, beginnend in ihrer Kindheit in einem Haushalt voller Musik und mit einem Priester als Vater, in dessen Kirchenchor sie ihr Talent entfaltet. Dann begleitet er die Sängerin vom ersten Plattenvertrag und ihre Emanzipation im Musikgeschäft bis zum Status als „Queen of Soul“ und mehrfache Grammy-Gewinnerin. Thematisiert werden sowohl private Schwierigkeiten wie die Trennung der Eltern, der frühe Tod ihrer Mutter und prügelnde Ehemänner als auch ihre Arbeitsweise im Studio und ihr künstlerisches Selbstverständnis. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit der 1950er, 60er und 70er Jahre (auch wenn die Karriere von Aretha Franklin durchaus auch danach noch florierte). So entsteht nicht nur ein Porträt einer der einflussreichsten Musikerinnen aller Zeiten, sondern auch ein Überblick über drei Pop-Dekaden.

Das sagt Shitesite

Musik war immer da – das ist die wichtigste Erkenntnis in Respect! Jennifer Hudson singt in der Hauptrolle toll und erinnert daran, wie vielseitig die Stimme der Künstlerin war, die als erste Frau in die Rock’N’Roll Hall Of Fame aufgenommen wurde. Mit Mary J. Blige ist gleich noch ein weiterer Popstar im Cast dabei, und es ist passend, dass Aretha Franklin zunächst selbst an der Konzeption des Films beteiligt war, bevor sie im August 2018 im Alter von 76 Jahren an einem Krebsleiden starb. Denn der Film lässt auch keinen Zweifel daran, wie sehr die „Queen Of Soul“ zeitlebens die Aufmerksamkeit genossen hat, vor allem auf der Bühne. Man kann hier toll nachvollziehen, wie sie Gospel in den RnB gebracht hat, auch die Entstehung von Welthits wie I Never Loved A Man The Way That I Loved You, Ain’t No Way oder Respect wird wunderbar – und auch mit dem nötigen Augenmerk für das musikalische Handwerk bei Komposition, Aufnahme und Performance – nachgezeichnet.

Allerdings überstrahlt die Musik in diesen fast zweieinhalb Stunden auch deutlich, und manchmal viel zu stark, die vielen Konflikte im Leben von Aretha Franklin, die leider oft nur angedeutet werden. Die Macht der Männer über Frauen erlebt sie bereits in ihrer eigenen Familie, wo sie früh traumatisierende Erlebnisse macht. Schon mit 12 Jahren wird sie Mutter, als Folge einer Vergewaltigung. Wer der Vater ihrer beiden Söhne ist, verrät sie niemandem, die Beziehung zu ihren Kindern spielt hier auch kaum eine Rolle. Es wird deutlich, dass Strenge und Glauben ihr Disziplin und Fokus gebracht haben. Die Kehrseite davon wird aber ebenfalls nicht explizit erläutert: Sie ist so brav und unsicher, dass sie sich zu Beginn ihrer Karriere herumschubsen lässt und sich entsprechend schwertut, ein eigenes künstlerisches Profil zu entwickeln. Ihre daraus folgende Arbeitswut und ihr (womöglich ebenfalls daraus folgender) Alkoholmissbrauch werden zwar gezeigt, aber nicht allzu tief beleuchtet. Sie ist oft gestresst, manchmal herrisch – was dabei in ihr vorgeht, verschweigt der Film. Das gilt auch für die sehr schwierige Emanzipation von ihrem Vater und die Konkurrenz mit ihren Schwestern.

Dass hier erzählerische Möglichkeiten verschenkt werden, um nicht allzu sehr am Bild der einmaligen Künstlerin zu kratzen, ist schade. Es fühlt sich letztlich wie ein Kompromiss an, der niemanden glücklich macht. Respect! hätte, um Trauma, prügelnde Ehemänner und Betrug nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken, viel intensiver auf Aretha Franklins Kreativität, ihren Schaffensprozess und ihr Miteinander mit anderen Musikern eingehen können. Dass dies nicht passiert, könnte man sogar als eine erneute Geringschätzung ihres Talents betrachten. Hätte man hingegen – was in einem Kinofilm die erwartbare Herangehensweise gewesen wäre – die persönlichen Dramen tatsächlich ausleuchten wollen, dann wäre hier mehr Konsequenz notwendig gewesen.

Zu dieser halbgaren Umsetzung passt der Blick auf das soziale und vor allem politische Engagement der Musikerin. Früh begleitet sie Martin Luther King bei seinen Reden und wird zur Kämpferin gegen Rassentrennung. Auch ihre Musik war dabei recht früh politisch, dieses Respect! passte zur Bürgerrechtsbewegung ebenso wie zur Frauenrechtsbewegung. Doch die Motivation für ihren Aktivismus wird hier nicht gut hergeleitet und wirkt deshalb wenn nicht egoistisch, so doch halbherzig.

Wenn der Film zeigt, wie Aretha Franklin erst zum Sprachrohr, dann zur Diva und auch zur Business-Frau wird, hat er seine größte Stärke in der konsequent weiblichen Perspektive. Beim Rückblick auf die Karriere der Musikerin wird klar: Immer wieder sprechen Männer für sie, beim Entdecken ihres Talents, bei den Verhandlungen mit der Plattenfirma und in Interviews. Im Langfilmdebüt von Regisseurin Liesl Tommy, die zuvor vor allem am Theater tätig war, haben stattdessen Frauen das Sagen, in der Regie ebenso wie bei Drehbuch, Hauptrolle und Co-Produktion. Gemeinsam lassen sie keinen Zweifel daran, welche Meilensteine Aretha Franklin erreicht hat – und dass sie bei fast jedem dieser Erfolge die erste Frau war, und somit Pionierin ebenso wie Vorbild.

Bestes Zitat

„Ich versuche immer noch herauszufinden, wer ich bin. Noch bin ich nicht sicher. Aber ich bemühe mich, die Antwort zu entschlüsseln.“

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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