| Film | Spencer |
| Produktionsland | Deutschland, Großbritannien, USA, Chile |
| Erscheinungsjahr | 2021 |
| Spielzeit | 117 Minuten |
| Regie | Pablo Larraín |
| Hauptdarsteller*innen | Kristen Stewart, Timothy Spall, Jack Farthing, Stella Gonet |
| Bewertung |
Worum geht’s?
Der Film betrachtet das Weihnachtsfest der Windsors 1991. Die Royals sind in Schloss Sandringham in Norfolk zusammengekommen, um gemeinsam zu feiern. Der Ablauf ist streng reglementiert, vom Outfit, das zu jeder Mahlzeit zu tragen ist, über die Sitzordnung bei Tisch bis hin zur vorgeschriebenen Gewichtszunahme, die alle nach Ablauf der drei Feiertage nachweisen sollen. Die strenge Etikette wird jedoch immer wieder durch das Verhalten von Prinzessin Diana gestört: Sie kommt zu spät, will sich nicht an die Regeln halten und scheint erdrückt von all den familiären Spannungen, die in der Luft liegen.
Das sagt Shitesite
Es ist nicht ungewöhnlich, wenn eine junge Mutter das Weihnachtsfest bei den Schwiegereltern feiert und dann die Gelegenheit nutzen möchte, auch das eigene Elternhaus noch kurz zu besuchen, das ganz in der Nähe ist. So geschieht es auch hier, doch in diesem Falle ist alles daran ungewöhnlich: Die junge Mutter ist die Princess of Wales. Sie findet kaum den Weg zum Haus, in dem sie aufgewachsen ist, obwohl sie sich eigentlich bestens in der Gegend auskennen sollte. Als sie dort ankommt, findet sie nur eine abgesperrte Ruine vor, und muss sich mit einem Seitenschneider den Weg bahnen, um dann in ihrem alten Kinderzimmer einen Heulkrampf zu bekommen, während draußen schon die Polizei überlegt, wie um Himmels Willen man diese Frau bloß wieder zur Vernunft (und zurück ins pompöse Landhaus der Windsors) bringen soll. Zu diesem Zeitpunkt von Spencer ist längst klar: Die Weihnachtsfeierlichkeiten sind für Diana eine Tortur, Schloss Sandringham empfindet sie als Gefängnis.
Regisseur Pablo Larraín verdichtet hier das ganze Dilemma dieser ebenso berühmten wie unglücklichen Frau, ihre Rolle als tragische Heldin, auf drei Tage. Diana erlebt (und inszeniert) einen Machtkampf zwischen ihrem Wunsch nach Individualität und den Traditionen des Königshauses. Sie weiß, dass ihr Mann eine Affäre hat, Prinz Charles wiederum misstraut ihr ebenfalls. Es gibt keinen Moment, in dem sie nicht unter Beobachtung steht. Verständnis findet sie nur bei ein paar Leuten vom Personal wie einer Kammerzofe oder dem Küchenchef, Entspannung findet sie nur beim Spielen mit den Kindern, Freude findet sie nirgends.
Kristen Stewart, die für ihre Rolle in Spencer eine Oscarnominierung als beste Hauptdarstellerin erhielt, verkörpert all dies grandios. Ihr gelingt aber noch mehr: So eindeutig der Film die Prinzessin als Opfer darstellt und Mitgefühl mit ihr einfordert, so unverkennbar lässt sie auch die Schattenseiten dieser Figur erkennen. Diana ist eitel, unreif, kapriziös, vielleicht paranoid. Denn man kann hier sehr wohl Einschüchterung und Intrige ausmachen, aber auch die Frage stellen, wie viel davon nur (vielleicht gar krankhaft) eingebildet ist.
Denn die damals 30-Jährige kommt mit einer Essstörung, reichlich Spleens und einem schnittigen Porsche Cabrio in dieses Schloss – und ohne den Hauch eines Bewusstseins dafür, wie privilegiert sie ist. Zugleich wird hier die These aufgestellt: Das Aufmüpfige schlummerte offensichtlich schon immer in dieser jungen Frau, aber zum Vorschein kommt es erst (und nur), als sie wirklich verzweifelt ist. Sie verlangt gar nicht unbedingt, dass für sie die Regeln der Monarchie umgeschrieben werden, aber sie möchte zumindest über die eigene Person, das eigene Leben, auch über ihr Bild innerhalb der Familie und in der Öffentlichkeit bestimmen können. Sie versucht krampfhaft, die eigene Identität zu bewahren statt sich mehr und mehr hineinzumorphen in eine für sie vorgesehene Rolle, die kaum noch etwas von ihrer eigenen Persönlichkeit übriglassen wird. Und sie merkt an diesen Weihnachtstagen, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist.
All dies wird erzählt in einer Atmosphäre, die auch dann nicht kälter, beklemmender, düsterer und einschüchternder sein könnte, wenn Spencer ein Horrorfilm wäre. Es gibt ganz viel Schweigen – Pinz Charles, die Königin und ihr Mann könnten ebenso gut Schaufensterpuppen sein, oder Roboter. Und es gibt kein anderes Gefühl als Unwohlsein: Man will selbst nicht sein an diesem Ort, den man da auf der Leinwand erblickt, und man wünscht auch niemandem, an diesem Ort sein zu müssen.
Dazu passen die spukigen Andeutungen auf den Geist von Anna Boleyn, auch die Traumsequenzen und Halluzinationen, sogar die neblige Landschaft. Die Filmmusik von Radioheads Johnny Greenwood unterstreicht ebenfalls diese Wirkung: Sie ist keltisch, aber in Richtung Jazz verfremdet. Das passt wunderbar zum Grundkonflikt einer uralten Tradition, die auf einen Freigeist trifft. Auch die quälende Wiederholung der Frustrationsmomente erweist sich als starkes künstlerisches Mittel. Gegen jeden einzelnen Punkt des genau festgelegten Ablaufs an diesen drei Tagen möchte Diana aufbegehren. In jedem einzelnen Fall stößt sie auf Widerstände, wird unter Druck gesetzt, gibt nach oder treibt die Situation auf eine Eskalation zu. Dass dieser Kampf immer wieder ausgefochten werden muss, zigmal pro Tag, ist auch für das Publikum erschöpfend – und stärkt so die Identifikation mit der leidenden Prinzessin.
Einen Anspruch auf Authentizität für den Plot erheben Larraín und Drehbuchautor Steven Knight dabei in keiner Weise. Es gäbe auch gar keine Quellen, aus denen man diese rekonstruieren könnte (auch wenn schon 1992 das Enthüllungsbuch von Andrew Morton erschien, für das Diana eng mit dem Autor zusammengearbeitet hatte, und in dem sie ihre auch hier thematisierte Rolle als Gefangene im goldenen Käfig bereitwillig ausbreitete). Die Filmemacher nennen ihr Werk, wie es zu Beginn in einer Einblendung heißt, stattdessen eine „Fabel, die auf einer wahren Tragödie basiert“. Ganz am Schluss, wenn die Prinzessin durch die Flure des Schlosses tanzt wie die selbstbewussten Popstars dieser Zeit durch ihre Videoclips, wird daraus sogar ein Märchen.
Bestes Zitat
„Es muss zwei von dir geben. Es gibt zwei von mir, zwei von Vater, zwei von jedem von uns. Denn da gibt es den echten und dann den, von dem man Fotos macht. (…) Wir müssen alle imstande sein, ab und zu Dinge zu tun, die wir hassen.“

