Systemsprenger

FilmSystemsprenger
ProduktionslandDeutschland
Erscheinungsjahr2019
Spielzeit120 Minuten
RegieNora Fingscheidt
Hauptdarsteller*innenHelena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Gisa Flake
Bewertung

Worum geht’s?

Bernadette, genannt „Bernie“, ist 9 Jahre alt und verhaltensauffällig. Sie prügelt sich, ist impulsiv und manipulativ. Sobald sie ihren Willen nicht bekommt oder sich bedroht und provoziert fühlt, kann ein gewaltiger Wutausbruch folgen. Das meint nicht Weinen und Brüllen, wie man es vielleicht bei einem Mädchen im Grundschulalter erwarten würde, sondern massive Randale, körperliche Übergriffe auf andere und Selbstverstümmelung. Die anderen in der Schule sagen „Psycho“ zu ihr, und schon bald wird sie dauerhaft suspendiert. Auch Pflegefamilien, Heime und Aufenthalte in der Kinderpsychiatrie hat die 9-Jährige schon hinter sich, doch nirgends schlägt eine Therapie an, überall scheitern die Versuche, so etwas wie einen Zugang zu ihr zu finden. Benni sehnt sich danach, wieder bei ihrer Mutter wohnen zu dürfen, aber die ist völlig überfordert und hat Angst vor dem eigenen Kind. Zudem gibt es Zuhause noch zwei kleine Geschwister, die vor Bennis Aggressivität geschützt werden sollen, und einen aggressiven Freund der Mutter, der die ohnehin unberechenbare Laune des Kindes weiter reizt und zudem immer wieder ein Trauma triggert, das Benni als Kleinkind erlitten hat. Die zuständige Sozialarbeiterin will das Mädchen trotz all der gescheiteren Maßnahmen nicht aufgeben. Doch auch sie ist mit ihrem Latein weitestgehend am Ende.

Das sagt Shitesite

Bei einem Anti-Aggressions-Training stellt man sich prügelnde Ehemänner vor, vielleicht auch gewalttätige Jugendliche. Genau mit dieser Klientel hat es der ehemalige Boxer Micha auch normalerweise zu tun, dessen ungewöhnliche Methoden für eine Einzelbetreuung häufig erfolgreich sind. Dass er sich nun mit einem 9-jährigen Mädchen auseinandersetzen muss, zeigt, wie extrem der Fall von Benni ist. Sie ist kein Wildfang, kein Temperamentsbündel, kein Rabauke, sie ist nicht ungestüm, draufgängerisch, impulsiv – oder wie auch immer man sonst solche Kinder nennt. Benni ist ein Berserker. Unberechenbar, wütend und gefährlich. In ihr steckt eine Energie, die sich nicht kontrollieren lässt, und über kurz oder lang gehen alle Menschen deshalb zu ihr auf Distanz, die eigene Mutter ebenso wie die Personen, die mit ihrer Betreuung beauftragt sind.

Dieses Kind macht Angst. Schon daraus erwächst ein großer Teil der Spannung in Systemsprenger. Zugleich ist Benni, auch mit dieser Wirkung arbeitet der Film sehr gekonnt, eben trotzdem auch ein Kind. Es gibt Leichtigkeit und Lebensfreude in ihrem Leben, sie kann auch liebenswürdig und unschuldig sein, und natürlich ist sie hilfsbedürftig. Auch durch diese Szenen wird deutlich, dass ihr Verhalten nicht nur in einem ungewöhnlichen Temperament begründet ist, sondern auch in ihrem Leiden, das nicht episodisch ist, sondern die einzige Konstante in ihrem bisherigen Leben. Es schmerzt sie, nirgends ankommen zu können. Was sie am liebsten haben will (Geborgenheit in einer vertrauten Umgebung, am liebsten bei Mama), bekommt sie nicht, auch ihre anderen Wünsche werden nicht ernst genommen. Nähe gibt es immer nur temporär, gemietet, von Leuten, die dafür bezahlt werden, Zeit mit ihr zu verbringen.

So gelingt es Nora Fingscheidt, die fünf Jahre am Drehbuch für diesen Film gearbeitet und parallel intensiv vergleichbare Fälle recherchiert hat, dass man mit Benni als Opfer ebenso leidet wie mit den Menschen, die ihr helfen wollen und dann kapitulieren müssen. Man könnte Wut als zentrales Gefühl in Systemsprenger betrachten, doch in Wirklichkeit ist es Ohnmacht: „Was geht in diesem Kind vor? Wie kann ihm geholfen werden? Wie soll es eine Zukunft haben?“, fragen sich die Erwachsenen. Zugleich erlebt man Überforderung, Angst und Frust auch bei Benni selbst.

Sagenhaft intensiv wird das durch die herausragende Leistung von Helena Zengel in der Hauptrolle. Dazu kommt eine visuell ambitionierte Umsetzung, etwa durch schnelle Schnitte und sehr dynamische Kameraarbeit. Nicht zuletzt hat Systemsprenger, das in acht Kategorien beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde, auch eine systemische Ebene. Wenn als Ultima Ratio eine dauerhafte Unterbringung des Kindes in der geschlossenen Psychiatrie diskutiert wird oder im Notfall die Polizei hinzugezogen wird, weil niemand das Mädchen zur Räson bringen kann, dann zeigt der Film, wie schnell Kinder- und Jugendhilfe in einem solchen Fall ratlos sind – selbst dann, wenn sich die darin tätigen Menschen nicht nur aus Professionalität, sondern auch aus echtem Mitgefühl engagieren. Und nicht zuletzt wird deutlich, wie gerne wir Kindern angemessene Entwicklungsmöglichkeiten und große Individualität einräumen möchten – und wie stark wir ihren Alltag dennoch bereits reglementieren, damit sie nicht zu Störfaktoren unserer gesellschaftlichen Routinen werden.

Bestes Zitat

„Wenn ich mich weigere, frisst mich die Gesellschaft auf.“

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →