| Act | Arctic Monkeys |
| Album | Humbug |
| Label | Domino |
| Erscheinungsjahr | 2009 |
| Bewertung |

Wer sind die Arctic Monkeys?
Antwort A: Die erfolgreichste und einflussreichste Rockband der jüngeren Geschichte. Der Beweis: Ihre ersten beiden Singles waren Nummer eins in England, ihre ersten beiden Alben ebenfalls.
Antwort B: Teeniepopper. Der Beweis: Als unlängst Bilder aus dem Studio in New York auftauchten, wo das Quartett mit Produzent James Ford am neuen Album bastelte, waren vor allem weibliche Fans empört: Die Jungs hatten plötzlich wilde Haare, sahen wie Mädchen aus oder wie Penner. Ein Aufschrei der Frisur-Empörung ging durch die einschlägigen Medien, wie man das sonst nur bei Miley Cyrus oder den Jonas Brothers erwarten würde.
Antwort C: Seriöse Kenner erwachsener Songwriting-Kunst. Der Beweis: Bandleader Alex Turner wagte sich im vergangenen Jahr mit seinem Nebenprojekt The Last Shadow Puppets auf die Spuren von Burt Bacharach und Scott Walker.
Antwort D: Groupies in der Welt des oberflächlichen Glamour-Rap. Der Beweis: Schlagzeuger Matt Helders wurde zuletzt wiederholt beim wilden Feiern mit P Diddy gesichtet.
Antwort E: Beinharte Rocker. Der Beweis: Der größte Teil des neuen Albums wurde von Josh Homme (Queens Of The Stone Age) produziert, einem Mann, der so finster und furchteinflößend ist, dass wohl nicht einmal Gustav von Tokio Hotel eine Schlägerei mit ihm anfangen würde.
Natürlich sind die Arctic Monkeys all dies. Sie sind ein Rätsel, ein wandelnder Widerspruch. Noch nie haben sie die Medien zu nah an sich herangelassen, noch nie scherten sie sich um Erwartungen. Humbug treibt das auf die Spitze. Zwar zeigen sich die Bandmitglieder erstmals auf einem Albumcover. Doch sie posieren so, dass man ihre Gesichter nicht erkennen kann. Das passt zur Musik: Das Album ist sperrig, geheimnisvoll, düster.
Es gibt hier keine Hits wie I Bet You Look Good On The Dancefloor oder Fluorescent Adolescent und auch sonst nichts, was sofort zündet. Bestes Beispiel ist Potion Approaching: Die zackige Strophe ist typisch Monkeys, doch wo früher ein Refrain kam, gibt es nun bloß ein pseudo-psychedelisches Etwas. Dazu kommen mächtige Riffs (Crying Lightning), Spaghettiwestern-Gitarren (My Propeller) und die Erkenntnis: Alles ist auf Effekt aus, aber dahinter steckt wenig Substanz. Noch ein Beleg: Dangerous Animals erinnert an Fake Tales Of San Francisco vom ersten Album, verhält sich dazu aber wie der Affe zum Mensch.
Hinter diesem Problem muss man Josh Homme vermuten. Die Sessions in seinem Studio in der kalifornischen Wüste haben allen Beteiligten hörbar Spaß gemacht, aber die Ergebnisse der Bonhomie sind leider nur halb so amüsant.
Es gibt immer noch gute Momente wie das elegante Secret Door, die melodische Opulenz von Cornerstone oder den unverkennbaren Ehrgeiz von Dance Little Liar. Wenn man bedenkt, dass die Bandmitglieder noch immer Anfang 20 sind, dann hört man hier weiterhin riesiges Talent und kolossales Potenzial. Doch zum ersten Mal überhaupt sind die Arctic Monkeys nicht mehr eine Klasse besser als der Rest ihrer Generation.
Für viele Fans wird Humbug eine Enttäuschung sein, und wohin die Reise für die Arctic Monkeys in Zukunft gehen wird, ist völlig ungewiss. Spätestens jetzt ist klar: Die Arctic Monkeys können alles und wollen alles. Sie sind die Verkörperung der Unberechenbarkeit. „Wie immer ihr uns nennt – genau das sind wir nicht“, hatten sie schon mit ihrem Debüt gewarnt. Nun treiben sie dieses Credo zum äußersten. Das ist das Beste an Humbug: Es macht diese Band noch ein kleines bisschen spannender. Und öffnet reichlich neue Türen.

