Die Höchste Eisenbahn – „Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an“

ActDie Höchste Eisenbahn
AlbumWenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an
LabelMila Records
Erscheinungsjahr2025
Bewertung
Die Höchste Eisenbahn – „Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an“ Albumcover

„Für uns Menschen muss überall der Punkt, bin zu dem wir vordringen können, anstatt der Wahrheit gelten“, hat Friedrich Hebbel 1838 in sein Tagebuch geschrieben. Die meisten von uns leiden wahrscheinlich an dieser Erkenntnis, dass da immer ein Rest von Unergründbarem bleibt, etwas Undurchdringliches, ein Mysterium. Die Höchste Eisenbahn hingegen hat daraus eine Kunst gemacht. Auch auf dem vierten Album von Moritz Krämer (Gesang und Gitarre), Francesco Wilking (Gesang und Gitarre), Felix Weigt (Bass und Keyboards) und Max Schröder (Schlagzeug) fragt man sich in jedem der 14 Lieder wieder: Worum geht es hier eigentlich? Zugleich klingt Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an so zugänglich und einnehmend, dass man problemlos auf so etwas wie Klarheit oder gar Eindeutigkeit verzichten kann.

Wie diese Rätselhaftigkeit zustande kommt, kann man sich recht schnell erklären: Alle vier Mitglieder der Band aus Berlin steuern Ideen zu den Songs bei, Krämer und Wilking arbeiten nicht nur im Gesang, sondern auch beim Schreiben quasi in einer Ping-Pong-Methode – und die Brüche, Lücken oder auch Widersprüche, die dabei auf Textebene entstehen, lassen sie gerne bewusst bestehen. Diesmal hatten sie dabei noch mehr Freiheit als zuvor: Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an ist im eigenen Studio entstanden, wurde von der Band selbst produziert und auf dem eigenen Label veröffentlicht.

Dass sie daraus ein so überzeugendes Ergebnis gemacht haben, demonstriert ein Lied wie Jeder hat was zu verlieren besonders gut. Das Stück ist im Vergleich zum Rest des Albums zurückgenommen, fast etwas schläfrig. Erst als die Percussions vom Schlagzeug abgelöst werden, entwickelt sich zumindest ein bisschen psychedelische Schunkelstimmung. Und textlich kann man vielleicht erahnen, dass es um eine kriselnde Beziehung geht, wird angesichts von Zeilen wie „Hey, du lachst / so dass es mich traurig macht“ oder „High Hopes / dein Herz / hast nichts dazugelernt“ aber auch im Ungefähren gehalten. „Ein schöner Song. Kompliziert und kryptisch, aber trotzdem leicht, weil man merkt, dass es nichts zu verstehen, sondern nur zu fühlen gibt“, meint die Band dazu – und genau das ist das Prinzip, das auch hier Die Höchste Eisenbahn ausmacht.

Den Themenkomplex Trennung / Abschied / Liebeskummer kann man vielleicht trotzdem als so etwas wie das Leitmotiv für diese Platte betrachten. „Seit du weg bist, bin ich ein Idiot“, heißt es gleich zum Auftakt. Es geht um eine Verbindung, die unverbrüchlich wirkte, ganz organisch und extrem wichtig, aber dann irgendwie verloren ging. Auch Hotpants besingt so eine enttäuschte Zuneigung (in diesem Fall aus Kindertagen) und zeigt zugleich auch, wie schwierig eine Liebe werden kann, wenn eine der beteiligten Personen (egal welchen Alters) mit sich selbst nicht mehr zufrieden ist.

Das zuerst dezente, dann elegante Wir machen uns fertig zeigt noch eine der Methoden, mit denen das Quartett manchmal seine Inhalte verschleiert: Das Ende der Zeilen wird gerne vernuschelt. So klingen die unreinen Reime etwas besser, vor allem aber trägt es ebenfalls zum Geheimnis dieser Lieder bei. Alles was ich dir sagen wollte beginnt mit kurzem acapella-Harmoniegesang. Auch hier bekommt man ein paar Indizien zum Thema, aber niemals Gewissheit. Vielleicht geht es um eine verpasste Chance, um nicht geklärte Konflikte, um Selbsttäuschung, Bequemlichkeit oder Harmoniesucht an falscher Stelle. Unverkennbar ist die Musik dabei der ultimative Trost, als Medium zur Verarbeitung, sogar als Wundermaschine: „Wenn der Chor das singt / kommst du zurück“, lautet die Hoffnung. Heimlich hat nicht nur schicke Bläser zu bieten, sondern ausnahmsweise auch mal ein paar ganz offensichtliche Verse: „Wenn es mir schlecht geht, denke ich an dich / und dann geht es mir noch viel schlechter / das soll aufhören / aber das tut es nicht.“

Genauso prägend sind der Schwung, die Freude an Melodien und die schiere Musikalität, die man hier erleben kann. Die Bahn blickt ebenso funky wie fluffig auf Ausgehen und Exzess, man könnte fast glauben, Belle & Sebastian hätten sich ins Berghain verirrt. Gitarre Ärztin Blau hat einen ähnlich tanzbaren Drive, so könnte man sich vielleicht eine rätselhafte Variante von Von Wegen Lisbeth vorstellen. Wenn in Ich seh dich an und ich seh mich ein prominentes und freigeistiges Klavier auf Motown-Rhythmik trifft, würde das bestimmt auch Das Paradies gefallen.

Morgens gehts dir gut ist von Anfang an groß und nimmt sich selbstbewusst viel Raum, als hätten Noel Gallagher’s High Flying Birds eine Morgenmuffel-Hymne aufgenommen. Dieses Leben hat noch einen Tick mehr Punch und ein geradezu jubilierendes Arrangement rund um die Erkenntnis, dass es manchmal den Blick auf den Tod braucht, um zu erkennen, wie schön das Leben ist: „Wenn ich irgendwas bereue, dann nur, dass ich es zu lieb gehabt hab, dieses Leben.“ So beglückend positiv können sonst nur wenige Bands klingen, ohne dabei plump zu werden, etwa die Shout Out Louds.

„Montag, Dienstag, Mittwoch sind meine Bürotage“, lauten die ersten Wörter in Bürotage, und natürlich gibt es keine andere Band der Welt, die aus so einem Beginn eine so reizvolle, geheimnisvolle, eingängige Pop-Zauberei machen könnte (oder auch nur auf die Idee käme, einen Text derart zu beginnen). Ich komm gleich nach klingt beiläufig, aber diesen Eindruck zu erwecken, braucht ganz viel Souveränität, Eingespieltheit und Selbstvertrauen – und all das hat Die Höchste Eisenbahn. „Nichts fängt von vorne an / das ist so viel passiert / vor jedem Anfang“, heißt es zum Abschluss der Platte, der „Repeat“-Button ist nach diesen 51 Minuten aber trotzdem eine ziemlich verheißungsvolle Option.

Wie die Band verrät, existiert (angeblich) zu jedem Songtext auf Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an auch ein eigener Roman. Man wäre natürlich sehr neugierig, daraus mehr Informationen, Kontext und Hintergründe zu den Inhalten dieser Lieder zu erfahren. Zugleich leuchtet sofort ein, warum Moritz Krämer und Francesco Wilking dieses Textdokument vorerst für sich behalten: Es bewahrt die Essenz ihrer Kunst.

Website von Die Höchste Eisenbahn.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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