| Act | Fruit Bats |
| Album | Baby Man |
| Label | Merge |
| Erscheinungsjahr | 2025 |
| Bewertung |

Das Erste, was man auf dieser Platte hört, ist ein ganz leises, fast vernuscheltes „Mmmkay?“ Vielleicht versichert sich der Mann, der dann Sekundenbruchteile später Gitarre spielen und singen wird, damit bei einem Toningenieur oder bei seinem Produzenten Thom Monahan, dass die Technik bereit ist für die Aufnahme, dass er wirklich loslegen kann mit diesem Lied namens Let You People Down, in dem es um Zweifel, die Suche nach Erlösung und sogar Selbstmordgedanken geht, aber noch mehr um Verantwortung für andere.
Auch später gibt es auf Baby Man immer mal wieder solche kleinen Studiokommandos zu Beginn der Tracks. Normalerweise würde man sie für das finale Album wegschneiden. Eric D. Johnson, der Mann hinter Fruit Bats, lässt sie hier aber ganz bewusst hörbar bleiben. Denn sie unterstreichen das, was das Album ausmacht: Baby Man ist viel spontaner, intimer und verletzlicher als sein bisheriges Oeuvre.
Schon seit Beginn des Jahrtausends ist der Singer-Songwriter aus dem Mittleren Westen unter diesem Namen aktiv, erste größere Aufmerksamkeit für seine Soloarbeit erntete er 2019 mit Gold Past Life. Zudem ist der Grammy-nominierte Künstler auch bei Bonny Light Horseman aktiv.
Für Baby Man wählt er aber einerseits eine ganz neue Ästhetik. Während er sich sonst gerne Zeit lässt, seine Lieder wachsen zu lassen und ein klangliches Kaleidoskop zu erschaffen, ist hier alles sehr kompakt. Kein Track ist länger als 4 Minuten, das gesamte Album ist nicht einmal eine halbe Stunde lang. Statt üppige Arrangements (Johnson spielt normalerweise mit einer kompletten Band und hat diese auch bei den Kompositionen im Hinterkopf) hört man hier fast nie mehr als ein Instrument, meist die Gitarre, manchmal Klavier oder Banjo. Nur ganz selten gesellen sich ein paar Synthesizer-Töne dazu. „Minimalist maximalism“, nennt er diesen Sound.
Andererseits hat er auch seine Arbeitsweise auf den Kopf gestellt, nämlich komplett auf Skizzen und Notizen verzichtet, die sich im Vorfeld angesammelt hatten. Stattdessen folgte er der „Morning Pages“-Methode: Eine spontane Idee, eine frische Beobachtung oder ein gerade einsetzender Stream-of-consciousness vom Vormittag wurde direkt in einen Text und in Noten verwandelt und am selben Nachmittag noch aufgenommen. So war Baby Man innerhalb von zwei Wochen im Kasten. In Puddle Jumper thematisiert er sogar kurz, dass ihn die Aufgabe, eine leere Seite mit Wörtern und einer Komposition zu füllen, nun keineswegs mehr schreckt. Das Lied ist auch sonst typisch für die Platte: im Sound maximal versonnen, im Text scharf reflektiert. “Das ist nicht einfach nur ein weiteres Album der Fruit Bats. Es ist ein tiefer Einblick in den rohen, schnörkellosen Kern von Johnsons Songwriting”, hat KLOF dieses Zusammenspiel beschrieben.
Besonders konsequent wird das im Titelsong umgesetzt. „Things were far less crazy / back when I was a baby man”, heißt es darin, und die Herausforderungen des Erwachsenwerdens findet man auch in vielen anderen Stellen als Thema der Songs. Hier ist es das Erleben von Trauer, das Lossagen vom kindlichen Glauben, der Schmerz beim Erkennen der Kälte der Welt. Die wenigen Klaviertöne sind so zart hingehaucht, dass das Ergebnis nahe an acappella ist. Es schwingt Nostalgie darin mit, es ist aber auch klar, dass sich Eric D. Johnson trotzdem nicht in diese Lebensphase zurückwünscht, sondern akzeptiert hat, was das Erwachsenwerden ihm (und uns allen) abverlangt. In Moon’s Too Bright erkennt er: In den eigenen Träumen können sich schräge Sachen ereignen, aber das wahre Leben kann noch viel seltsamer sein. Auch hier lautet die Schlussfolgerung aber immerhin: „I‘m trying so hard not to die.“
Auf sein Jüngeres Ich blickt Eric D. Johnson zweimal mit Klavierbegleitung. Two Thousand Four überrascht mit einer extrem hohen Kopfstimme à la Bee Gees. First Girl I Loved zieht ebenfalls einen Vergleich zwischen damals und heute. „When I was 17, I used to know you“, heißt es über die Vergangenheit. Die Jugendliebe sei nun vermeintlich verheiratet, mit Haus, Kind, eigenem Auto und allem drum und dran. „You turned into a grown up, feeling stranger”, lautet die Vermutung über die Gegenwart. Es bleibt auf reizvolle Weise offen, ob er diese Entwicklung als begrüßenswert betrachtet.
Creature From The Wild besingt eine Begegnung, die sich als ein Segen erweisen sollte. Wie Johnson verrät, ist das Lied eine Hommage an seinen im Frühjahr verstorbenen Hund namens Pinto (einen Teil der Einnahmen aus den Streams dieses Vorab-Tracks spendet er sogar an eine Hilfsorganisation für Straßenhunde). „Wir ziehen unsere Hunde groß, als wären sie unsere Kinder. Aber, verdammt, sie werden höchstens 15 Jahre alt, wenn man Glück hat. Die Zeile ‘and you saved us for a while’ ist einfach aus mir herausgepurzelt. Aber Hunde können uns wirklich erretten, für diese kurze, wertvolle Zeit.“
In Stuck in My Head Again wird die Wahrnehmung unzuverlässig. Stimmen kommen vielleicht aus einem Traum, Gesichter verschwimmen, all dies in sehr entscheidenden Momenten, die maximale Geistesgegenwart erfordern würden. Building A Cathedral kreist um den Wunsch nach Miteinander, solange es mit den richtigen Leuten ist. Die neue Fruit-Bats-Wirkung bringt das letzte Lied der Platte am besten auf den Punkt. Das Album lebt von seinem Mut zur Reduktion, von Tönen und Wörtern, die Raum für Resonanz bekommen, statt gleich vom nächsten Ton oder nächsten Wort verdrängt zu werden. In Year Of The Crow gibt es fast mehr Pausen und Stille als Klänge. Und dann ist das Lied sehr plötzlich zu Ende. Diese Irritation passt letztlich bestens zum Ansatz, den Johnson hier verfolgt: Auch der Text hat Lücken – womöglich, weil da ein Schmerz so groß ist, dass man ihn nicht mit Worten zum Ausdruck bringen kann.

