Track der Woche: Beabadoobee – „Sun has set“
Pylon wird das vierte Album von Beabadoobee heißen, das am 18. September erscheint. Der Titel zeugt vom poetischen Blick auf die Welt, den Beatrice Laus weiterhin hat: Der Begriff bezeichnet die Hochspannungsmasten, die oft am Rand von Fernstraßen stehen. Der Anblick dieser Pfeiler war für die auf den Philippinen geborene und in London aufgewachsene Künstlerin oft ein tröstliches Zeichen, wenn sie auf Tour war und Heimweh verspürte. Denn erstens gibt es solche Masten fast überall auf der Welt, sie sind also ein vertrautes Element. Zweitens steckt darin der Gedanke, dass man vielleicht bloß der richtigen Stromleitung folgen muss, um irgendwann wieder im so arg vermissten Zuhause anzukommen. Die vielen Konzerte hatten für die 26-Jährige natürlich auch positive Aspekte, schließlich sind sie Ausdruck ihres weltweiten Erfolgs, zu dem beispielsweise gehört, dass der Vorgänger This Is How Tomorrow Moves (2024) die Spitze der UK-Charts erreichte. Die Anerkennung für ihr Schaffen ist mittlerweile so groß, dass sie auf Pylon mit einigen der Acts zusammenarbeiten konnte, die sie früher als Fan bewundert hat. Zu den Gästen, die auf der neuen Platte mitwirken, gehören etwa Hayley Williams (Paramore), Brendan Yates (Turnstile), Evan Stephens Hall (Pinegrove), Chino Moreno (Deftones) und Shane Moran (Title Fight). Diese Riege zeigt schon, dass sich der Sound der 14 Lieder noch ein bisschen deutlicher in Richtung Rock verschoben hat, und die neue Single Sun Has Set () beweist das. „Viele der Songs auf diesem Album sind Dinge, die ich gerne jemandem gesagt hätte. Dieser Song hat diese kleinliche Engstirnigkeit – es ist so: Ich hasse dich. Du wirst hierbleiben und dir anhören, wie sehr ich dich hasse. Weil ich das nie sagen durfte“, erklärt Beabadoobee. Man kann bei diesem Befreiungsakt an Vorbilder wie Alanis Morissette oder Hole denken, die Lust auf Randale, auf das Genießen einer Machtposition und auf Schonungslosigkeit zeigt sich dabei nicht nur im POV-Video von Beabadoobees Partner und langjährigem visuellen Mitstreiter Jake Erland, sondern auch im Sound.
Auch Phoebe Bridgers wartet zur neuen Single Lost Boys () mit einem höchst sehenswerten Clip (Regie: Lance Oppenheim und Pablo Rochat) auf. Sie begibt sich darin als Teil eines Live-Rollenspiels auf einen Renaissance-Jahrmarkt, was allerlei skurrile Bilder hervorbringt und die Kernaussagen „Lost boys never grow up“ unterstreicht: Wer sich in Ritterrüstungen gekloppt hat, nur um das eigene Ego zu bestätigen, dem dürfte auch ein paar Jahrhunderte später nicht allzu viel Verstand zuzutrauen sein. Die Melodie des Songs schwingt sich immer weiter auf, alles wird immer eleganter und eindrucksvoller, ohne jemals plakativ zu sein. Hinter diesem Schönklang scheint bei der vierfachen Grammy-Preisträgerin aber immer eine beunruhigende, irritierende Ebene zu stecken. Das macht sehr neugierig aufs neue Album Lost Weekend, das ab 14. August verfügbar sein wird.
Wenn eine Band ihr „bisher persönlichstes Album“ in Aussicht stellt, fängt bei Kritikern und selbst bei Fans in der Regel bloß das große Gähnen an. Sehr oft ist das ein leeres Versprechen oder Selbsttäuschung der Künstler. Wenn Django Django diese Aussage für das anstehende Doveland (kommt am 6. November heraus) tätigen, darf man aber hellhörig werden. Schließlich wurden Dave Maclean, Jim Dixon, Vincent Neff und Tommy Grace bisher vor allem für ihre Rhythmen und den repetitiven Sound gefeiert, in dem Wörter eher dazu dienten, surreale, bildhafte Szenen zu skizzieren und die Atmosphäre zu unterstützen. Tagebucheinträge, Nabelschau und Selbstoffenbarung gab es bisher nicht von der Band, deren Debüt 2012 für den Mercury Prize nominiert und mit Platin ausgezeichnet wurde. „Die Texte sind viel introspektiver und handeln davon, durch die Trauer zu reisen. Sie erinnern daran, dass wichtige Menschen nur für einen Teil deiner Geschichte da sind“, sagt Dixon nun. Das liegt daran, dass er in der Zeit seit dem Vorgänger Off Planet (2023) seinen Vater verloren hat, auch die ältere Schwester von Dave Maclean ist während der Arbeiten an der neuen Platte, die größtenteils mit Produzent Nick McCarthy (Franz Ferdinand) sowie Komponistin und Produzentin Polly Ester in deutschen Studios aufgenommen wurde, gestorben. Die erste Single Cameos () ist luftig, heiter und profitiert von erstaunlich dramatischen Streichern. Der Titel ist inspiriert von J.G. Ballards Roman Die Betoninsel, wie Dixon erläutert. Die Idee einer Person, die eine Rolle in einer größeren Geschichte spielt, passte wunderbar in den Kontext des Albumkonzepts. Doveland entstammt einem Online-Mythos über eine gleichnamige Kleinstadt im amerikanischen Mittleren Westen, die angeblich verschwunden ist. Es gibt Leute, die behaupten, dort einst gelebt zu haben, aber man findet Doveland auf keiner Landkarte. Django Django wollten dieser Idee nachspüren: der Suche nach einem Ort, die womöglich per se aussichtslos ist. Zeilen wie „Are we alone?“ oder „Will we ever know?“ in Cameos unterstreichen das, in jedem Fall ist es auch ein Indiz für die Ambitionen, die noch immer in der Band stecken. „Nach vier Alben, auf denen alles möglich war, langweilten wir uns langsam“, ergänzt David Maclean. „Also sind wir zurück zu den Grundlagen gegangen.“
Man möchte immer gerne gratulieren, wenn jemand ein Kind erwartet. Bei Nina, einer Hälfte von 6euroneunzig, steht demnächst Nachwuchs ins Haus. Allerdings muss man auch zögern angesichts der Folgen, die das im Musikgeschäft haben kann: Im schlimmsten Fall ist man jahrelang raus, und damit ist die Karriere zu Ende. Das Duo aus Berlin weiß das bestens, schließlich ist Kat, die andere Hälfte, auch bereits Mama, stand schwanger auf Festivalbühnen und organisierte dann eine Tour, auf der auch Stillen und Windelwechseln möglich war. Es steht also nicht zur Debatte, dass 6euroneunzig a) jetzt keineswegs weg vom Fenster sind und b) natürlich weiterhin eine Agenda verfolgen, die sich mit aller Macht dafür einsetzt, dass Frauen einfach Frauen (und Mütter) sein dürfen, ohne deshalb auf irgendetwas (Kinder, Partys, Spaß, Geld) verzichten zu müssen. Nach der EP Fotzen an die Macht gibt es jetzt mit der Single Knutschen auf der Parkbank () ein neues Lebenszeichen, das ebenfalls unterstreicht, dass sich ihr Sound noch lange nicht abgenutzt hat. Die Musik knallt und weiß genau um die Unmittelbarkeit, die man mit Technobeat und ein paar House-Elementen erzielen kann, der Text zeigt mit seinem nostalgischen Ansatz eine neue Facette. Kat & Nina blicken auf ihre Teenager-Zeit zurück, auf prägende Jahre und auf eine Lebensphase, in der ganz vieles ganz aufregend ist – einfach, weil es zum ersten Mal passiert.
„Es fühlt sich so an, als käme ich mit jedem Album, das ich mache, dem Werk, das ich wirklich erschaffen möchte, ein Stück näher“, sagt Sabrina Teitelbaum alias Blondshell vor der Veröffentlichung ihres dritten Longplayers. Das von Yves Rothman produzierte Violins wird elf Stücke enthalten und am 25. September erscheinen. Den Titelsong () gibt es bereits vorab, er entwickelt seine Kraft eher über Druck als Tempo und glänzt mit einem klasse Arrangement, das am Ende eine beinahe betörende Wirkung entfaltet. „Dieser Song bringt das Album in vielerlei Hinsicht auf den Punkt. Beim Schreiben fühlte ich mich stark zu Bildern von Geduld und Freundlichkeit hingezogen – etwa dem Moment, in dem man den Kopf an die Schulter eines anderen lehnt –, aber auch zu Bildern von Gewalt“, sagt Teitelbaum, die zuvor schon mit Blondshell (2023) und If You Asked For A Picture (2025) gezeigt hatte, wie intelligente und zeitgemäße Rockmusik geht „Zudem ließ ich mich von der Vorstellung inspirieren, langsam zu heilen und mich von äußeren Einflüssen nicht drängen zu lassen. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit. Ich bin zwar noch nicht an dem Punkt in meinem Leben, an dem ich eine strikte ‚Keine-Arschlöcher‘-Politik verfolgen kann, aber mir gefällt der Gedanke, mich von Menschen zu trennen, die meine Grenzen nicht respektieren.“ Sehr sehenswert ist auch das Video von Sabra Binder: Blondshell soll hier eine Eisskulptur in Form eines Rehkitzes vor dem Schmelzen bewahren – und das ist ein schönes Bild für die Themen von Bedrohung, Geduld und persönlichem Wachstum, die Violins prägen.

