Track der Woche: Tränen – „Chrom im Wald“
Man hat im deutschen Pop ja eine ausgesprochen große Liebe für alles Außerirdische. Zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle versetzte Fred vom Jupiter die Menschenweibchen auf der Erde in helle Aufruhr, Codo (der Dritte, aus der Sternenmitte) konnte nichts dagegen tun, dass dann doch jemand im Sauseschritt die Liebe mitbrachte vom Himmelsritt, und Major Tom war uns ist natürlich völlig losgelöst. In etwas jüngerer Vergangenheit begab sich Paul Eisen auf einen Weltraumspaziergang, Ulrich Ida besingt die Perseiden, Sarah Connor und Sido fühlen sich gemeinsam gleich Interstellar. Womöglich wirkt da noch das Erbe von Leuten wie Wernher von Braun nach, vielleicht liegt es auch an der Erkenntnis, dass die bundesdeutsche Wirklichkeit nicht allzuviel Glamour und Aufregung bietet, noch nicht einmal für Menschen, die in Bands spielen. Auch Tränen widmen sich jetzt diesem Thema. Die neue Single Chrom im Wald () erzählt von einem mysteriösen Ding, das tagsüber vergessen im Gestrüpp liegt, nachts jedoch Signale entsendet und ein Wesen entlässt, das ziemlich reizvoll zu sein scheint. Gwen Dolyn und Steffen Israel verkleiden sich im dazugehörigen Video nicht nur als Mulder & Scully, sondern haben aus dieser Idee auch einen sehr eingängigen und originellen Song gemacht, dessen Gitarrenmelodie so klasse ist, dass man sogar das auf zwei Silben ausgedehnte „Du kommst na-hachts an mein Fenster“ im Refrain verzeiht. Auf ihrem zweiten Album Leben in einer Katze (kommt am 30. Oktober heraus) werden Tränen der Alien-Thematik treu bleiben, nicht unbedingt streng im Sinne von Raumschiffen und grünen Männchen, sondern im Sinne von Menschen, die sich auf dem eigenen Planeten nicht zugehörig fühlen, und in denen zugleich die Fantasie steckt, dass es irgendwo da draußen viel schöner, harmonischer und vielfältiger sein könnte. Am 10. März stellt das Duo, bestehend aus der Leipziger Sängerin und dem Kraftklub-Gitarristen, sein neues Album in Leipzig im Täubchenthal vor.
So gelassen wie in der Single Cap In Hand () hat man Eels wahrscheinlich noch nie gehört. Frontmann Mark Everett klingt zwar auch hier nicht wie ein Sonnenschein, aber in seiner Stimme steckt fast keine Trauer und Resignation mehr, zudem wird sie begleitet von einem sehr prominenten Bass, der fast ein bisschen Motown-Feeling verbreitet. „Ich wollte auch bei diesem Song irgendwie erschöpft klingen, wie jemand, der sein Leben vermasselt hat, aber jetzt seine Fehler einsieht und mit eingezogenem Schwanz versucht, Wiedergutmachung zu leisten“, sagt er über das Lied, in dessen Zentrum demnach „a broken man who’s picking up the pieces“ steht, der Erkenntnisse wie diese gewonnen hat: „Doesn’t make much sense / to build another fence.“ Das Stück ist die erste Kostprobe aus dem 16. Studioalbum Cookie Happened, das am 16. Oktober erscheinen wird.
Dass Johnny Marr erst bei seinem fünften Soloalbum ankommen wird, wenn er (als dann fast 64-Jähriger) am 2. Oktober The Age Of Everything vorlegen wird, mag man kaum glauben. Schließlich ist er berühmt für seine Umtriebigkeit und Produktivität. Aber erstens hat er nun einmal lange in Bands gespielt (unter anderem mit den Cribs und Modest Mouse, und natürlich auch in dieser nicht ganz unbedeutenden Gruppe mit Morrissey) und erst 2013 überhaupt erstmals eine Solo-LP vorgelegt. Zweitens hat er auch seitdem immer wieder Lust auf darüber hinaus gehende Aktivitäten. So hat er unlängst etwa mit Billie Eilish (das Bond-Theme No Time To Die), den Gorillaz, Franz Ferdinand und Noel Gallagher’s High Flying Birds aufgenommen, zudem seine Autobiographie und ein Fotobuch veröffentlicht und das Orchesterkonzert „A Night With The Johnny Marr Orchestra“ umgesetzt. Die neue Single Spin () zeigt, wie unnachahmlich seine Gitarrespiel (hier mit einem schönen Hang zum Jangle) weiterhin ist. Das Lied unterstreicht aber auch, dass er eben kein geborener Frontmann ist: Spin hat eine erstaunlich betonte Tanzbarkeit, zündet aber nicht ganz, weil erstens der Melodie etwas Esprit fehlt und zweitens die Stimme nicht stark genug für dieses vergleichsweise muskulöse Backing ist. Die neue Platte wird zehn Songs enthalten, etliche davon hat Johnny Marr schon während seiner Tournee an der Ostküste Nordamerikas Ende 2025 gespielt und dabei auch weiterentwickelt. Zu den Themen und zum Titel der Platte sagt Marr: „Dieses Album war für mich am befreiendsten. Der Titel kam mir schon früh im Entstehungsprozess in den Sinn und wurde zu einer Idee, der ich mich nicht mehr entziehen konnte. Er schien das zusammenzufassen, was meiner Meinung nach viele Menschen gerade empfinden. Er ist allumfassend, aber nicht unbedingt negativ gemeint. Die durch die Technologie hervorgerufene Überforderung ist in unserer Kultur spürbar, aber wenn man die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, könnte darin auch ein Gefühl der Möglichkeiten liegen.“
Wenn man mehr als sein halbes Leben gemeinsam in einer Band verbracht hat, zudem auf sechs Gold- und zwei Platin-Auszeichnungen sowie etliche weitere Preise für das eigene Schaffen verweisen kann, dann darf man sich schon einmal selbst zum 30-jährigen Bestehen gratulieren. Die Sportfreunde Stiller tun das mit dem gerade veröffentlichten Album Happy Birthday. Auch mit der Single Hey Buddies! () feiern Peter, Flo und Rüde in erster Linie sich, ihren Zusammenhalt und das Miteinander mit den Fans. Das ist nicht verwerflich. Dass das Trio auf seinen Markenkern setzt, überrascht auch kaum: Es gibt unausgereimte Reime, Hippie-Ethos („Liebe ist Macht / was hat denn schon der Hass gebracht?“) und eine einfache, aber wirkungsvolle Klaviermelodie, die für die Eingängigkeit sorgt. Wer das Jubiläum mitfeiern will, hat am 30. Juni auf der Parkbühne Leipzig dazu Gelegenheit.
„The first two records were both laptop records essentially“, sagt Sänger James Smith über die ersten beiden Alben von Yard Act. Beim Longplayer #3 ist das britische Quartett bewusst anders vorgegangen: Smith, Sam Shipstone (Gitarre), Ryan Needham (Bass) und Jay Russell (Drums) haben erstmals live aufgenommen, gemeinsam in einem Raum. Innerhalb von fünf Monaten entstanden auf diese Weise mehr als 40 Songs, die sie gemeinsam mit Produzent Justin Meldal-Johnsen (Nine Inch Nails, St. Vincent, Beck) in Leeds und Los Angelesaufgenommen haben. Die Ergebnisse, die es ab 17. Juli auf ihrem dritten Album You’re Gonna Need A Litte Music zu hören gibt, machen Yard Act sehr selbstbewusst. „Ich glaube, die besten Alben der meisten Bands kommen etwa beim dritten oder vierten Album heraus, wenn sie ihre Einflüsse endgültig hinter sich lassen und ihren eigenen Stil entwickeln“, hat Smith beobachtet. Bassist Ryan Needham führt Blur als Beispiel dafür an. „Das hier ist Parklife. Auf dem ersten Album haben sie sich noch an Genres orientiert; das zweite war ein Aufbegehren dagegen, aber sie wussten noch nicht so recht, was sie eigentlich machten. Und dann haben sie Parklife gemacht, das die perfekte Essenz von allem war.“ Dass das keine bloße Angeberei ist, unterstreicht die Single Redeemer (): Das ist zwar ziemlich weit weg von der Parklife-Ästhetik, aber edgy, plakativ, schonungslos, roh und aufregend.

