Futter für die Ohren mit Graham Coxon, Modest Mouse, Shearwater, Angus & Julia Stone und AB Syndrom

Track der Woche: Graham Coxon – „Alright“

Daniel Decker hat vor fünf Jahren ein Buch namens Not Availabe veröffentlicht, in dem er legendären Lost Albums nachspürt – also Platten, die zwar aufgenommen, aber dann aus ganz unterschiedlichen Gründen nie veröffentlicht wurden. Mehr als 300 Einträge enthält die von ihm zusammengetragene Liste. Castle Park von Graham Coxon findet sich darin nicht. Das ist mindestens erstaunlich. Denn erstens hat der 57-Jährige eine nicht zu leugnende Prominenz, als Gründungsmitglied von Blur, auch mit immerhin fünf Soloalben, die es in die Top40 im UK geschafft haben. Zweitens hätte man eine schöne Geschichte rund um diese zehn verschollenen Songs erzählen können. Graham Coxon hat sie 2011 mit Ben Hillier aufgenommen (der auch das wundervolle Think Tank von Blur betreut hat) im Rahmen der Session, in der auch das Material entstand, das dann schließlich auf dem 2012 Longplayer A+E landete. Die zusätzlichen Tracks sollten eigentlich ein direkt folgendes Album bilden, doch dann wurden Blur wieder aktiver (sie gingen damals mit William Orbit ins Studio, die Ergebnisse sind aber bis heute ihrerseits im Tresor geblieben), schließlich widmete sich Coxon noch diversen weiteren Projekten, sodass Castle Park keine Priorität mehr hatte. Am 19. Juni wird die Platte nun aus der Versenkung geholt: Das Werk wird als CD und LP erscheinen, im Coxons Store und in ausgewählten Plattenläden wird es auch eine Variante in waldgrünem Vinyl geben. Der LP liegt auch ein Set von vier Postkarten bei, die Coxon gestaltet hat. NachBilly Says (das er schon seit ein paar Jahren live spielt, was somit also keine komplette Neuentdeckung war), erscheint heute die zweite Vorab-Single Alright (). Der Song lebt von der unschuldigen Stimme und der niedlichen Grundstimmung, die später noch durch ein Pfeifen verstärkt wird, bevor auch das Zusammenspiel zwischen Gitarre und Schlagzeug immer interessanter wird. Coxon klingt wie ein notorischer Miesepeter, der endlich einmal unbeschwert klingen möchte. Dass einer der Songs auf Castle Park den Titel Forget Today trägt, scheint sich der Gitarrist zum Motto genommen zu haben. Neben dem bisher unveröffentlichten Werk schwelgt er nämlich derzeit besonders gerne im Gestern: Im Verlauf des Jahres werden all seine acht Soloalben sowie die beiden Soundtrack-Alben mit Original-Songs und Filmmusik zu den beiden Teilen von The End of The F***ing World (2018/19) und Superstate (2021) auf Vinyl neu aufgelegt.

Auch die neue Single von Modest Mouse kennen Fans wahrscheinlich schon aus ihren Konzerten. Third Side Of The Moon ( ) gehört seit rund zwei Jahren zum festen Live-Repertoire. Jetzt erscheint der Song als Vorbote auf das Album An Eraser And A Maze, das am 5. Juni veröffentlicht wird. Das Lied beginnt reduziert, hat aber bereits in diesem Part viel Energie, vor allem durch die charakteristische Stimme von Isaac Brocks. Schlagzeug und im Finale eine extra-giftige E-Gitarre sorgen dann für weitere Spannung und am Schluss sogar eine regelrechte Eskalation, zwischendurch täuscht der „Damm-damm-da-da-da-damm“-Teil aber auch Leichtigkeit an. Die zentralen Zeilen “I can’t remember if your eyes were green or brown or red / ‘cause you always spoke in a whisper and I ain’t so good at listening“ tauchen gleich mehrfach auf, was sich ebenfalls als reizvoll erweist. Brocks hat die 15 Tracks von An Eraser And A Maze selbst produziert, mit Unterstützung von Jacknife Lee (R.E.M., U2), Suzy Shinn (Weezer) und Justin Raisen (Charli XCX, Kim Gordon, Lil Yachty), der bei einem Stück auch als Feature-Gast benannt ist. Parallel zur neuen Platte feiern Modest Mouse in diesen Tagen auch das 30. Jubiläum ihres Debütalbums. „This is a long drive for someone with nothing to talk about“, scherzt Brocks über den Jahrestag.

Bilder voller Eis, Meer und Nebel prägen den Clip zu Daydream Unbeliever (), der neuen Single von Shearwater. Sänger Jonathan Meiburg hat sie bei einem Forschungsaufenthalt in die Antarktis selbst gedreht. Das ist in doppelter Weise bezeichnend. Erstens setzt Meiburg mit seinen Bandkolleg*innen Emily Lee und Dan Duszynski für das neue Album The New World (kommt am 31. Juli heraus) nämlich auf noch mehr Eigenständigkeit: Die Platte wurde selbst finanziert und produziert, sie wird zudem auf dem bandeigenen Label veröffentlicht. Zweitens waren Reisen wieder eine wichtige Inspirationsquelle. Die neun Songs der Platte wurden in London, Berlin, New York und Texas aufgenommen und enthalten auch einige Field Recordings. Mit dabei sind Multiinstrumentalist Shahzad Ismaily, Doug Wieselman (Saxofon und Klarinette), der Qanun‑Spieler Farouz Zriek, Leo Abrahams (Gitarre), der Ngoni‑Spieler Mamadou Kouyate, die Perkussionisten Mahamadou Tounkara und Moctar Kouyate (Ngoni Ba) und Schlagzeuger Thor Harris. Auf Daydream Unbeliever wirkt zudem Jamie Stewart (Xiu Xiu) mit, der darin einen Gong schlägt. Das Lied basiert ansonsten auf Klavier und Kopfstimme, später kommen wuchtige Drums, ungewöhnliche Streicher und eine E-Gitarre hinzu. Parallel bringen Shearwater mit More And More einen weiteren Vorab-Song heraus. „Wenn es euch so geht wie uns, wacht ihr morgens mit dem Gefühl auf, dass die Welt in Flammen steht – und hofft, ihr könntet damit umgehen, wenn ihr nur wüsstet, wo ihr anfangen solltet“, sagt Meiburg. „Daydream Unbeliever und More And More entstammen genau diesem unruhigen Zustand. Wenn sie euch helfen, euch ein bisschen weniger verrückt zu fühlen: Willkommen zu Hause.“

In der Zeit wurden kürzlich eine ganze Ausgabe lang attraktive Reiseziele in Europa vorgestellt. Dabei ging Autorin Silke Weber auch der Frage nach, was eigentlich den Reiz der griechischen Insel Hydra ausmacht, auf der seit Jahrzehnten viele Größen aus Musik und bildender Kunst gerne viel Zeit verbringen. Angus & Julia Stone haben sich unlängst auch dort einquartiert, in direkter Nachbarschaft des Hauses, in dem einst Leonard Cohen gelebt hat. „Es war eine magische Zeit auf einer der eigenwilligsten und schönsten Inseln, die wir je besucht haben“, erzählt Angus. Ein ganz besonderer Abend während ihres Aufenthalts hat nun für den Titel des neuen Albums der australischen Geschwister gesorgt: Karaoke Bar, ihr siebter Longplayer, wird am 4. September erscheinen. „Ein Abend in einer Karaoke-Bar kann so viel Gutes bereithalten … genau davon handelt dieser Song“, sagt Julia über den Titeltrack ( ), der jetzt als Single erscheint. „Jeder hat dort die Chance, gehört zu werden. Und oft ist es sogar noch mehr als das: ein Moment echter Verbundenheit. Wir sind zusammen, singen gemeinsam mit einem Raum voller Fremder, und all die Dinge, die uns normalerweise trennen, fallen einfach von uns ab.“ Das Ergebnis erzeugt mit einer warmen und einladenden Atmosphäre sowie einer gekonnten Kombination aus organischen und elektronischen Elementen eine ganz eigene Magie. Im Hintergrund gibt es, wie in einer echten Karaoke-Bar, ein bisschen angesäuselt wirkendes „lalala“, zudem haben Angus & Julia Stone clever diverse Songtitel eingebaut, die Karaoke-Klassiker sind.

Ein Trennungsalbum wird die neue Platte von AB Syndrom, die im Herbst erscheinen soll und Abriss heißen wird. Zumindest kann man das angesichts der neuen Single Du fehlst in meinem Life () vermuten. Bennet Seuss singt über den der Wunsch, gegen Trennungsschmerz anzukämpfen, sich zu beherrschen, sich nicht fallen zu lassen in all den Kummer, und über die Erkenntnis, wie schwer das ist, wenn einen jede Kleinigkeit erinnert an das, was war – und was eigentlich für immer hätte währen sollen. „Alles was ich weiß ist: Ich falle wieder“, lautet eine der schockierend ehrlichen Zeilen darin. Auch der Songtitel unterstreicht die Intelligenz dieses Lieds. Dass das letzte Wort des Satzes auf Englisch ist, verhindert zum einen, dass es cheesy klingt, zum anderen wirkt es wie der Versuch, über dieses Eingeständnis zumindest einen kleinen Filter zu legen, der vielleicht doch noch für etwas Distanz sorgen kann, und sei es durch die Verwendung einer Fremdsprache. Zum diesmal sehr klar erkennbaren Thema passt, dass Anton Bruch den Track mit weniger Computersounds als zuletzt unterlegt hat. Auch deshalb darf man auf den Nachfolger von Implosion (2024) enorm gespannt sein. Den Tourauftakt zur neuen Platte bestreiten AB Syndrom dann am 13. Oktober im Naumanns in Leipzig.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →