| Film | Better Man – die Robbie-Williams-Story |
| Produktionsland | Australien, USA |
| Erscheinungsjahr | 2024 |
| Spielzeit | 134 Minuten |
| Regie | Michael Gracey |
| Hauptdarsteller*innen | Robbie Williams, Jonno Davies, Asmara Feik, Steve Pemberton, Alison Steadman, Kate Mulvany, Damon Herriman, Tom Budge, Raechelle Banno |
| Bewertung |
Worum geht’s?
Der Film zeichnet die Karriere von Robbie Williams nach. Regisseur und Drehbuchautor Michael Gracey zeigt ihn zunächst als unbeliebten Jungen in Stoke-on-Trent ohne große Perspektiven, der seine Verletzlichkeit vor allem durch eine große Klappe überspielen möchte. Schon als Kind träumt der kleine Robert vom Rampenlicht, wie sein Vater, der die Familie schließlich verlässt, um als drittklassiger Show-Act durchs Land zu tingeln. Die Chance auf eine echte Karriere bietet sich für Robert, als Manager Nigel Martin-Smith eine Boyband zusammenstellen will. Der 15-jährige Robbie (wie er sich künftig nennen soll) setzt sich beim Casting durch und wird Teil von Take That. Die Band sammelt zunächst Erfahrungen mit Auftritten in Schwulenclubs und wird dann zum Teenie-Phänomen mit riesigem Erfolg in England und international. Robbie genießt dabei die Rolle als Popstar und Bad Boy, was aber zu häufigen Konflikten mit dem Manager führt, der auch seine Ambitionen als Texter nicht ernst nimmt. Mit 21 Jahren verlässt Robbie Williams die Band und startet eine Solokarriere, die ebenfalls höchst erfolgreich wird. Der Kampf gegen seine Dämonen ist damit aber längst nicht vorbei: Er hasst seinen Körper, er hat Angst vor der Bühne, er zweifelt an seinem Talent, er sucht einen Ausweg in Alkohol und Kokain – was zunehmend die Beziehungen zu alten Schulfreunden, seiner Verlobten und auch seiner Mutter und Großmutter, die ihn gemeinsam großgezogen haben, zerstört. Er setzt sich immer ambitioniertere Ziele, doch selbst als er vor mehr als 100.000 Menschen in Knebworth singt, begleiten ihn Selbstzweifel und Selbsthass, Depressionen und Drogen.
Das sagt Shitesite
In einer Schlüsselszene von Better Man wird die erste Begegnung von Robbie Williams mit seinem späteren Songwriting-Partner Guy Chambers nachgestellt. Robbie gibt Kostproben seiner Texte und Songideen, zunächst albern-freche Raps im Stile von Eminem, die Chambers jedoch nicht überzeugen. Er verlangt nach Inhalten, die echt sind, die etwas Emotionales offenbaren, die dem Autor etwas abverlangen. „Ich soll mich also direkt nackig machen?“, fragt Williams etwas überrascht. „Okay, das mache ich sowieso immer gleich beim ersten Date.“ Dann präsentiert er ein paar Zeilen aus Something Beautiful – und es macht Klick zwischen den beiden.
Dieser Moment ist bezeichnend für die Karriere des Popstars, und sie ist auch elementar für das Verständnis dieses Films. Robbie Williams ist ein großartiger Texter – aber er glaubt selbst nicht an sein Talent. Er träumt in diesem Moment bereits seit Jahren davon, seine Ideen in Songs einfließen zu lassen, konnte sich bei Take That damit nie durchsetzen, und hat nun die Gelegenheit, mit einem renommierten Komponisten endlich ans Ziel zu kommen – und er hält mit den Ideen, die am besten sind, zunächst hinterm Berg. Und als er dazu aufgefordert wird, tatsächlich etwas von seinem Innersten preiszugeben – macht er einen Witz über sein Image als Weiberheld.
Genau dieses Miteinander von Minderwertigkeitskomplex und Selbstüberhöhung, von Reflexion und Exhibitionismus ist der wichtigste Aspekt seiner Musik, und sie findet sich auch hier. Better Man ist einerseits im höchsten Maße eitel. Es gehört eine ordentliche Dosis Narzissmus dazu, einen Kinofilm über das eigene Leben für mehr als 100 Millionen Dollar zu drehen (Robbie Williams fungiert dabei als Executive Producer und hat sieben Jahre lang mit am Drehbuch gearbeitet). Es ist andererseits höchst erstaunlich, in diesem Film dann ein Leben im Rausch nachzuzeichnen, sich über weite Strecken als gemein, bösartig und unreif zu inszenieren und dafür in erster Linie Mitleid einzufordern. Aber genau dieser Widerspruch ist der Kern von Robbie Williams, auch in seiner Musik. „So self aware / so full of shit (…) / so need your love / so fuck you all“, hat er das in einem seiner besten Songs einmal gesungen. Ego A Go Go hieß ein Lied bereits auf seinem Debütalbum, es ging darin um die Verzweiflung an seiner Rolle als Promi, über die er sich zugleich lustig machte. Genau diesen Konflikt zeichnet auch Better Man nach.
Dass Robbie Williams dabei im gesamten Film von einem mit Motion Capture generierten Schimpansen dargestellt wird, der lediglich die Stimme des Sängers hat, ist ein Geniestreich. Erstens umgehen die Macher damit das Dilemma, das jedes Musik-Biopic hat: Wer soll die Hauptrolle spielen? Sieht er dem Original ähnlich genug? Hat er die typischen Bewegungen, Gesten, Mimik drauf? Hat er die Stimme? All das wird hier hinfällig. Zweitens greift die Idee das Selbstbild des Künstlers auf. „I’ve been a cheeky monkey all my life. There’s no more cheekier monkey than the coke-snorting, sex-addict monkey that we find in the movie“, hat Robbie Williams zur Veröffentlichung des Films gesagt. Auch früher hat er sich schon wiederholt als „Affen auf der Bühne“ bezeichnet, in einer Szene mit einer Therapiesitzung in Better Man nennt er sich im Vergleich zum Rest der Menschheit „zurückgeblieben“ („less evolved“). Drittens passt das Bild wunderbar zur Redewendung vom „Monkey on my back“ für eine Bürde oder ein Laster, das man nicht los wird, und die bezeichnenderweise aus dem Drogenslang kommt. Denn auch für die Personifizierung des Imposter-Syndroms („Es läuft im Wesentlichen einfach darauf hinaus, aus der Angeberei eine Kunst zu machen. Genau das habe ich getan. Ich habe die Angeberei zu einer Kunst erhoben“, hat Robbie Williams einmal gesagt) werden hier Affen genutzt, die immer wieder im Publikum stehen und dem Mann auf der Bühne deutlich machen wollen, dass er nichts drauf hat.
Vor allem aber macht es der Schimpanse viel einfacher, diese Figur zu mögen. Da ist kein Multimillionär zu sehen, der über sein Leben jammert, sondern ein Primat. Die Figur wird zu einem Symbol, mit dem man tatsächlich schnell mitfühlen kann – im rührenden, maximal kitschigen Ende auch gerne bis zu den Tränen. Als nach 10 Minuten in diesem Werk das erste Lied von Robbie Williams erklingt, nimmt man den Affen schon gar nicht mehr als Besonderheit wahr, und das ist eine enorme Leistung.
Die Idee passt zudem wunderbar zur frechen, selbstironischen und gerne auch anarchischen Art von Robbie Williams, die hier sehr gut rüberkommt, und ist zugleich ein Gegengewicht für die Tendenz zur Selbstüberhöhung, die in einem Biopic stets angelegt ist. Regisseur Michael Gracey, dessen zweiter Spielfilm Better Man ist, nimmt damit in gewisser Weise auch das gesamte Format auf die Schippe, Robbie Williams selbst betrachtet den Film als „satirisches Musical“. Dazu passen die tollen Choreografien (vor allem bei Rock DJ auf den Straßen von London), viele sehr originelle Bilder, ein erstaunliches Tempo und natürlich die Songs, die teils neu eingesungen wurden und die Texte noch heller strahlen lassen.
So sehr Better Man damit Inszenierung ist (auch angesichts der biografischen und chronologischen Freiheiten, die sich das Drehbuch nimmt), so sehr bleibt der Film dennoch die „Selbstentblößung eines Mannes im Bann seiner Ängste und Süchte“, wie es Birgit Roschy bei epd film genannt hat. Robbie Williams ist ein Getriebener, er giert nach Akzeptanz und Mitgefühl, er ist maßlos, im Exzess ebenso wie im Ehrgeiz („I wouldn’t be so alone / if they knew my name in every home“, hat er einmal in I Will Talk And Hollywood Will Listen gesungen).
Manchmal ist der Film dabei etwas arg eindeutig in den Kommentaren aus dem Off, auch in den Dialogen und Bildern. Dann bekommt man ganz genau mitgeteilt, was der arme Robbie gerade durchmacht, und wie man sich selbst im Kinosaal dabei fühlen soll. Eine Schwäche ist auch der flapsige Umgang mit Entzug, Therapie und Läuterung, die aus dem Bad Boy angeblich einen Better Man gemacht hat: Es gilt, ein paar Beziehungen zu klären, schwupp ist man ein anständigerer und glücklicherer Mensch. Dazu passt der extrem versöhnliche Charakter des Films. Trotz der sehr giftigen Promi-Schlagzeilen-Schlachten, die hier auch gut nachgezeichnet werden, kommt letztlich niemand wirklich schlecht weg: nicht der Vater, der den kleinen Jungen verlassen hat, nicht die Ex-Verlobte Nicole Appleton von All Saints, die auf Druck ihres Managements das gemeinsame Kind abgetrieben hat, nicht die ehemaligen Bandkollegen bei Take That, die ihn nie ernst genommen haben, nicht Oasis, die ihn lächerlich gemacht haben, nicht Guy Chambers, von dem sich Robbie Williams nach Escapology getrennt hat.
Dass Better Man nur ein Zehntel seiner Produktionskosten wieder eingespielt hat, liegt also eindeutig nicht an mangelndem Weichspül-Faktor. Es liegt auch nicht daran, dass hier Möglichkeiten zur Identifikation für das Publikum fehlen würden, denn der Film schafft es, eine sehr menschliche Ebene anzusprechen. Kaum jemand von uns hat es aus einfachen Verhältnissen zum Superstar geschafft. Aber jeder von uns will Anerkennung, die Liebe seiner Eltern, Möglichkeiten zur Entfaltung. Die Hürde zu einem größeren Erfolg ist wahrscheinlich genau die Ambivalenz, die elementar für die Kunst von Robbie Williams ist. Provokation und Selbstmitleid, riesiges Ego und tausend Komplexe, die Fähigkeit, die eigene Seele in enorm intelligenten Texten auszuleuchten, und die Unfähigkeit, daraus irgendwelche tragfähigen Schlüsse für das eigene Verhalten abzuleiten: All das findet sich hier wieder. Better Man ist vielleicht genau deshalb kein Blockbuster geworden, aber es ist genau deshalb ein großartiger Robbie-Williams-Film.
Bestes Zitat
„Ich möchte kein Niemand sein.“

