| Autor | John Steinbeck |
| Titel | Tortilla Flat |
| Verlag | Süddeutsche Bibliothek |
| Erscheinungsjahr | 1935 |
| Bewertung |

Als der spätere Literaturnobelpreisträger John Steinbeck im Jahr 1935 dieses Buch veröffentlichte, wurde es zu seinem ersten großen Erfolg. Schon zwei Jahre später gab es eine Adaption fürs Theater, 1942 wurde das Werk verfilmt. Interessant an dieser Chronologie ist vor allem: Das Erscheinen des Buchs fiel mitten in die Aktivitäten des New Deal. US-Präsident Franklin D. Roosevelt begegnete mit diesen Gesetzen der bitteren Armut, die nach der vorangegangen Weltwirtschaftskrise viel Teile der Bevölkerung getroffen hatte. Der New Deal wurde nicht nur eine wichtige Grundlage für den Aufstieg der USA. Er war auch ein Ausdruck des Versprechens, auf dem Amerika bis heute gebaut ist: Wenn du etwas leistest, kannst du etwas werden.
Die Handlung von Tortilla Flat spielt etwas eher, nämlich direkt nach Ende des Ersten Weltkriegs, und beruht auf Erfahrungen, die Steinbeck in den 1920er Jahren machte, als er sich in einer Zuckerfabrik etwas dazuverdiente und dort auch viele mexikanische Kollegen hatte. Das Besondere an seinem Ensemble in diesen 17 lose verbundenen Episoden: Vom amerikanischen Aufstiegsversprechen wollen sie gar nichts wissen. Sie sind Taugenichtse, Diebe, Tagelöhner, Landstreicher und Obdachlose. Sie wollen essen, trinken und vögeln, aber nicht unbedingt arbeiten, sich nach den Anweisungen anderer richten oder beim Aufstehen schon wissen, wie der Tag für sie ablaufen wird. Gemeinschaft ist ihnen wichtiger als Wohlstand.
Die Hauptfigur Danny kehrt 1919 aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause und erfährt zu seiner eigenen Überraschung: Er hat von seinem Großvater zwei Holzhäuser geerbt. Sie befinden sich in der Siedlung Tortilla Flat, einem Bezirk oberhalb der kalifornischen Stadt Monterey. In eines zieht er selbst ein, das andere überlässt er seinem Kumpel Pilon und dessen Freunden, nachdem der schlagfertige und durchtriebene Pilon ihn überzeugt hat, dass man ja kaum in zwei Häusern gleichzeitig wohnen kann. Pilon soll 15 Dollar Miete pro Monat zahlen, was er aber nie tut, und was Danny stillschweigend hinnimmt. Als das zweite Haus nach einem Saufgelage niederbrennt, ziehen Pilon & Co. direkt bei Danny ein.
Steinbeck erzählt davon, wie sie sich durch Glück, Geschick und Gaunereien das „tägliche Wunder des Essens“ organisieren, wie sie Unmengen von Wein konsumieren, den (durchaus an einem gelegentlichen Stelldichein interessierten) Nachbarinnen nachstellen und ansonsten in den Tag hinein leben. Alfred Andersch hat die Figuren in Tortilla Flat treffend als „deftiges und duftiges Gesindel“ beschrieben. Sie prägt „eine arglistige Mischung aus Gut und Böse“, wie es im Roman heißt, klar erkennbar wird auch ein sehr einfacher Glaube, der mal zur Erbauung im eigenen Unglück herangezogen wird, meist aber zum Selbstbetrug, um kleine Schandtaten doch noch mit einer Pseudo-Moral rechtfertigen zu können.
Steinbeck begegnet diesen Figuren mit großer Empathie. Er prangert keine Gesetzesübertretung an und fordert keine Moral ein, sondern zeigt vielmehr, wie Armut und Alkoholismus, Scham und soziale Ächtung zusammenhängen, auch damals schon. Für Spannung sorgen, neben den gelegentlichen Konflikten mit der Obrigkeit, vor allem zwei Elemente des Plots: Zuerst machen sich diese Spießgesellen auf die Suche nach einem sagenumwobenen Schatz aus Kleingeld, den ein weiterer Obdachloser (genannt „Der Pirat“) angeblich hortet. Dann verlässt Danny plötzlich die Gruppe und kommt völlig verändert wieder zurück, sodass sich seine Freunde um seine geistige Gesundheit sorgen.
Sehr klar zeigt Steinbeck, dass diese Figuren keine Verlierer sind, die am untersten Ende der Gesellschaft leben, weil sie nicht die nötigen Talente haben, um etwas aus sich zu machen. Er zeichnet hier schlichte Gemüter, die aber über einen feinen Humor ebenso verfügen wie über praktische Tatkraft, wenn es ihnen nötig erscheint. Diese Männer hätten andere Chancen im Leben, aber diese anderen Chancen und dieses andere Leben interessieren sie nicht. Sie sind nicht Gesindel, sondern Lebenskünstler, sie sind nicht Abschaum, sondern eine Subkultur.
Überspitzt wird dieses Element von Bewunderung für diesen Lebensentwurf, der in Tortilla Flat erkennbar wird, im Vorwort. Dort gibt sich Steinbeck einerseits ganz profan, sogar plump, wenn er etwa mit Sätzen wie „Diese Geschichte berichtet von…“ in das Geschehen einführt. Andererseits überhöht er sein Ensemble kolossal, indem er die Zusammenkünfte rund um die beiden geschenkten Häuser mit den Treffen von König Arthus und seiner Tafelrunde vergleicht. Auch die Überschriften der einzelnen Kapitel greifen dieses höfische Element wieder auf, so heißt beispielsweise die erste Episode: „Wie Danny, aus dem Krieg heimgekehrt, sich als Erben fand, und wie er gelobte, die Hilflosen zu schützen.“
Auch dadurch lässt sich Tortilla Flat wunderbar als Schelmenroman betrachten. Pilon ist kein Don Quijote und Danny ist kein Simplicius. Aber auch sie zeigen durch ihre bewusste Positionierung außerhalb der Gesellschaft, dass auch dort Nähe, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit existieren – und sie zeigen noch mehr, wie sehr diese Werte oft anderswo fehlen.
Bestes Zitat:
„Es ist eine in vielen Geschichten bezeugte Wahrheit, dass die Seele, die des höchsten Guten fähig ist, auch dem größten Übel hörig sein kann.“

