Modest Mouse – „An Eraser And A Maze“

ActModest Mouse
AlbumSmile
LabelGlacial Pace
Erscheinungsjahr2026
Bewertung
An Eraser And A Maze Modest Mouse Albumcover

Man kann Kinder ziemlich gut zum Staunen bringen, wenn man ihnen die Farbmischung von Lichtwellen demonstriert. Man nimmt eine Taschenlampe mit einer roten Folie vorne, eine grüne und eine blaue. Kreuzt man dann den roten, grünen und blauen Lichtstrahl, entsteht keineswegs das, was bei der Mischung derselben Farben aus dem Malkasten entstehen würde (ein schlammiges, dunkles Braun). Stattdessen wird aus drei bunt leuchtenden Taschenlampen in Summe weißes Licht.

So ähnlich kann man sich vielleicht die musikalische Herangehensweise von Modest Mouse vorstellen: Aus jeder Ecke kommen ganz unterschiedliche (in diesem Fall: Schall-)Wellen. Man müsste bei ihrem Aufeinandertreffen eine wenig reizvolle Kakophonie erwarten. Doch stattdessen entsteht etwas Strahlendes. So ist es auch auf An Eraser And A Maze, dem achten Studioalbum der Band aus dem Bundesstaat Washington. „Bei diesem Album habe ich meinen Filter ausgeschaltet und einfach alles geschehen lassen. Obwohl das jeder verdammte Musiker behauptet, wenn er ein Album veröffentlicht“, sagt Frontmann Isaac Brock, der das Werk mit Unterstützung von Jacknife Lee, Suzy Shinn und Justin Raisen selbst produziert hat.

Was die Platte besonders macht, ist die Tatsache, wie intensiv Brock diesen künstlerischen Ansatz hier selbst thematisiert und (sowohl textlich als auch klanglich) reflektiert. Nach dem Tod von Schlagzeuger Jeremiah Green (er starb 2022 kurz nach Veröffentlichung des Vorgängers The Golden Casket) ist Brooks mittlerweile das letzte verbliebene Originalmitglied. Die Fragen, wer oder was Modest Mouse sind, welche Rolle er darin spielt, und was einmal bleiben könnte, wenn es die Band nicht mehr geben sollte, sind sehr zentral für An Eraser And A Maze.

Dogbed In Heaven / Give It A Skeleton zeigt diese beiden Charakteristika vielleicht am klarsten. Brock besingt die eigene Bucket List, voller Wissen um Vergänglichkeit ebenso wie um die eigenen Unzulänglichkeiten. Der Sound ist zuerst stark von Folk und Country geprägt, verwandelt sich im letzten Drittel aber recht unvermittelt in etwas, das deutlich näher an Garage Rock ist. Das auf reizvolle Weise chaotische Rotten Fruit (feat. Justin Raisen) enthält die Zeile “Inside of every grave I know I’ve found a favorite friend.” Die Verse „Look how far we haven’t come / oh my God, we’re so fucking dumb“, ist in Look How Far sicher keine Bilanz der mehr als 30-jährigen Bandgeschichte, sondern vielleicht eine ultimative Abrechnung mit unserer Zivilisation, in einem prototypischen Modest-Mouse-Sound. Der Schlusspunkt Impossible Somedays hat viel Melancholie, aber auch unverkennbare Kraft, vor allem durch den tollen Bass.

Auch Picking Dragon’s Pockets als Album-Auftakt bringt die Besonderheiten von An Eraser And A Maze bestens auf den Punkt: Der Track wandert von verfremdet zu verspielt zu eingängig – und das alles innerhalb der ersten 15 Sekunden. 15 weitere Sekunden später kommen „wuchtig“ und „umwerfend“ als Attribute hinzu, auch danach bleibt die Single in jedem Moment ambitioniert und einfallsreich. Das ähnlich gelagerte I Can’t Talk Right Now beginnt wie eine Klangcollage und wird dann immer größer im Sound.

Überhaupt, dieser Sound: An Eraser And A Maze klingt unglaublich gut, klar und prägnant. Den Platz auf dem Schlagzeughocker nimmt meist Joe Plummer ein, insgesamt wurde das Fehlen von Jeremiah Green aber durch mehrere Leute ersetzt, die teilweise auch innerhalb eines Songs zugleich zu hören sind. Egal, ob die Lieder dabei im Berserker-Modus unterwegs sind (wie etwa der Song About Nothing, der mit viel Punch und Tempo nicht nur Lust darauf hat, plakativ zu sein, sondern auch ein bisschen zu eskalieren) oder sich als filigran entpuppen (wie Remember Yourself, das Leichtigkeit und Coolness auf einer akustischen Basis vereint): Die Beteiligten finden immer die genau richtigen Regler-Einstellungen dafür.

Das etwas psychedelische Life’s A Dream wird getragen von einem schweren und originellen Bass, Absolutely Necessary Never bewahrt sich inmitten all der rhythmischen Experimente eine erstaunliche Tanzbarkeit. Speak ‘N Spell (Or Not) wird vom ersten, schroffen Gitarrenakkord an ein toller Indierock-Moment: Das Riff bleibt ein Highlight, der Chorgesang im Refrain wird auch schnell eins. In der Irgendwie-Grunge-Dynamik von Third Side Of The Moon wird die Stimme von Isaac Brock noch faszinierender, zudem zeigt sie sich in dieser Atmosphäre auch auf geradezu abenteuerliche Weise wandlungsfähig.

Nicht alles ist zwingend oder überzeugend in diesen 15 Tracks und knapp 49 Minuten. Das reduzierte Knocked Down By Waves beispielsweise ist eher eine Skizze und offen gesagt kein Stück, das dieses Album gebraucht hätte. Stoner Party würde man im Rap wohl als „Skit“ bezeichnen, und auch innerhalb der Songs gibt es immer mal wieder Passagen, die dann doch nicht bloß Reibung und Spannung, faszinierende Irritation und gewollte Disbalance mit den anderen Schallwellenquellen erzeugen, sondern vielleicht doch nicht ganz durchdacht sind. Genau diese Idee, erst einmal alles zuzulassen, war aber das Credo für An Eraser And A Maze, und es erweist sich insgesamt auch als Erfolgsrezept. „Gedanken, Emotionen, Gefühle, all das … man ist wie eine Suppe, und es ist nicht immer einfach, die einzelnen Zutaten herauszufiltern“, sagt Brock. Die Rezept, die er hier kreiert hat, sorgen aber in jedem Fall dafür, Modest Mouse eine relevante Zukunft offen zu halten.

Website von Modest Mouse.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →