Es gab Milchkaffee und im Hintergrund Amy MacDonald: Im Berliner Café „Signorina Yv“ habe ich Sascha und Sebastian von Madsen getroffen. Wir haben über das neue Album Labyrinth gesprochen, über die Bedeutung von Festivals und die Frage, ob man der neuen Platte anhört, dass sie in Bochum entstanden ist. Außerdem haben die Jungs verraten, warum man für gute Ergebnisse auch mal Mist aufnehmen muss.
Der erste Eindruck beim Hören von Labyrinth: Madsen wollen unbedingt optimistisch sein. Stimmt das?
Sebastian Madsen: Wir wollen es nicht sein, wir sind es einfach. Solche Sachen suche ich mir beim Schreiben nicht aus, das passiert einfach. Aber es stimmt: Es ist eine optimistische Platte.

Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie mitten in der Wirtschaftskrise aufgenommen wurde – und auch noch in Bochum. Beeinflusst so ein Ort Euren Sound?
Sebastian: Ich habe mich in Bochum zuerst sehr unwohl gefühlt, alles wirkte recht trist und merkwürdig. Im Laufe der Zeit lernt man die etwas eigene Art der Menschen dort aber lieben. Das haben wir in jedem Fall aus Bochum mitgenommen.
Sascha Madsen: Auch das Schroffe und Direkte in der Region haben wir sicher bemerkt. Auch wenn das nicht unbedingt maßgebend für die Platte war.
Sebastian: Außerdem haben wir zwar in Bochum aufgenommen, aber ich habe diesmal an ganz verschiedenen Orten geschrieben. Früher habe ich mich immer in unserem Heimatdorf in das Büro meiner Eltern zurückgezogen und dort komponiert. Diesmal war das ganz anders. Mein Herz bleibt hier etwa ist in der Badeanstalt in Clenze entstanden. Andere Songs draußen beim Spazierengehen im Wendland, viele Lieder auch hier in Berlin.
Der zweite Eindruck: Alles klingt größer, vielschichtiger, ambitionierter. War das Absicht?
Sascha: Das war schon ein bisschen das Ziel. Wir hatten über 40 Songs zur Auswahl, von denen es 12 aufs Album geschafft haben. Und allein durch die Auswahl gibt man natürlich schon eine Richtung vor. Und da wollten wir etwas Neues.
Sebastian: Die drei ersten Platten klangen alle sehr dicht, sehr komprimiert. Als würde eine Band in einem kleinen Raum spielen. Das wollten wir diesmal ganz bewusst ändern. Es sollte größer klingen, nach Halle, nach Stadion. Wir wollten wissen: Was passiert, wenn Madsen mal so richtig fett klingen, mit Chören und marschierendem Schlagzeug? Das war für uns eine Herausforderung.
Es ist aber auch eine Abkehr von der sehr organische Entwicklung der Band. Warum macht Ihr nicht weiter wie bisher?
Sebastian: Wir sind ja auch Forscher. Wir wollen uns nicht langweilen. Und es gab auch einige Bands, die uns zu diesem Schritt inspiriert haben. Green Day zum Beispiel mögen inzwischen als Teenie-Punkband gelten. Aber wir fanden die schon immer gut, und die haben das mit American Idiot geschafft. Auch die Kings of Leon waren mit ihrem letzten Album ein entscheidender Einfluss. Sie haben eine ganz bestimmte klangliche Größe erzielt, die aber nicht unbedingt auf Erfolg abzielt. Das ist uns auch wichtig: Es geht uns ausschließlich um den Sound.
Habt Ihr nicht Angst, mit dem opulenten Ansatz die Fans zu verprellen, denen Madsen mit Indie-Sound besser gefällt?
Sebastian: Ich habe vor jedem Album Angst, dass es den Fans nicht gefällt. Aber wir haben bewusst gesagt: Wir kacken jetzt mal auf Indie oder nicht Indie. Diese Zwangshaltung ging mir auf die Nerven, und wir wollten für uns andere Türen öffnen. Queen, Bruce Springsteen, U2. Und dabei haben wir gemerkt: So ein Ding ist viel schwieriger aufzunehmen als eine Platte, die rough und kompakt klingt.
Sind auch deshalb von den 40 Songs nur 12 übrig geblieben?
Sebastian: Da war auch wahnsinnig viel Scheiß dabei. Ich bin sicherlich ein paar Mal über das Ziel hinaus geschossen.
Sascha: Das ist aber auch wichtig. Man muss sich an die Extreme heranwagen, um zu sehen, wie weit man gehen kann. Notfalls muss man dann eben wieder ein Stück zurückschrauben.
Sebastian: Aber nur so konnte ein Lied wie Labyrinth überhaupt entstehen. Wir haben uns damit aus unserem Korsett befreit. Und dazu muss man erst einmal offen sein für alles – und dann aussortieren.
Die Aufnahmen sind nun fertig, die Veröffentlichung steht bevor, dann geht es auf Tour. [Wenige Tage nach dem Interview brach sich Sebastian Madsen bei einem Video-Dreh die Hand. Die für Mai angesetzte Tournee wurde deshalb auf den Winter verschoben. Bei Festivals im Sommer werden Madsen aber einzelne Konzerte spielen.] Was ist für Euch die spannendste Phase?
Sascha: Die Konzerte werden sicher spannend, weil die neuen Songs viel komplexer sind und wir da teilweise an unsere Grenzen stoßen. Außerdem müssen wir jetzt alle viel mehr singen – mal abwarten, ob das klappt (lacht). Aber am aufregendsten ist eigentlich immer das, was als nächstes ansteht.
Sebastian: Auch die Zeit im Studio war diesmal sehr spannend. Denn die Produktion war das Gegenteil von unserer bisherigen Arbeitsweise: Wir wussten lange Zeit selber nicht, wie die Platte klingen würde, weil wir fast alles einzeln eingespielt haben und bis kurz vor Schluss nur ganz viele Puzzleteile hatten. Wir waren uns selbst nicht sicher, ob das alles gut zusammenpassen würde. Aber der Tag der Wahrheit ist meistens der erste Tag auf Tour. Für uns selbst, weil wir dann sehen, ob wir die Songs überhaupt so auf die Bühne bringen können, wie wir uns das vorstellen. Und dann sieht man auch, ob die Leute das gut finden. Wenn die Fans bei den neuen Liedern genauso mitsingen und feiern wie bei den alten, dann ist das ein Erfolg. Und wenn nicht, dann muss man mal nachdenken.
Sascha: Man ist da ein bisschen ausgeliefert. Aber diese Spannung genießen wir auch. Wenn es klappt – das ist das Größte, was es gibt auf der Welt.

