In England nennen sie so etwas ein «statement of intent». Würde man das übersetzen, käme wahrscheinlich irgend etwas zwischen «Duftmarke» und «Kampfansage» heraus (also «Dampfmassage»?). In jedem Fall ist schon nach dem ersten Lied klar: Madsen haben sich für ihr mogen erscheinendes viertes Album mächtig etwas vorgenommen.
Labyrinth, der Titelsong am Beginn, ist ein fast sechsminütiges Monster, das sich von A-Capella-Intro über Piano-Schnulze, Ska-Feger, Powerballade und Postrock-Passage hin zu einem Finale Furioso entwickelt, das zum Himmel will, nach oben, in unerreichte Sphären. «Uns war von vorneherein klar, dass die neue Platte diesmal mehr nach Stadion klingen sollte», erklärt Sänger Sebastian Madsen im Interview mit mir den neuen Anspruch.
Der entsprechende Ehrgeiz ist hier überall präsent. Es gibt reichlich Chorgesang, viel Tanzbares, tolle Melodien und am Ende sogar einen Dudelsack. Der zackige Beat im feinen Mein Herz bleibt hier lässt erahnen, dass die vier Jungs aus dem Wendland nicht nur Gitarrenmusik hören. Das wunderbar zuversichtliche Zwischen den Zeiten ist nicht unendlich weit entfernt von Barclay James Harvests Hymn. Die Gutmenschen-Utopie Jeder für jeden beweist mit wuchtigem Schlagzeug und ausgetüftelten Gitarrensounds, wie sehr Only By The Night von den Kings Of Leon für das gesamte Album Pate gestanden hat.
Dennoch: Wenn Madsen sich vorgenommen hatten, ein Album zu machen, das alle umhaut, dann sind sie gescheitert. Und das liegt paradoxerweise ausgerechnet daran, dass Labyrinth derart ambitioniert ist.
Alle drei bisherigen Madsen-Album waren organisch und authentisch. Sie waren einfach da und genau so, wie sie sein sollten. Labyrinth hingegen will etwas darstellen, führt etwas im Schilde, verfolgt ein Ziel – und verliert deshalb genau den Charme und die Natürlichkeit, die zu Madsens größten Stärken zählen. Ein bisschen ist es wie beim Dornauszieher von Heinrich von Kleist: Solange er ganz in sich versunken ist, bietet er einen makellosen Anblick. Sobald er aber versucht, bewusst anmutig zu sein, verschwindet seine Grazie.
Gröl-Rock wie den Rausschmeißer Sieger mit seinem Fußball-Refrain (da merkt man, dass Madsen lange mit den Toten Hosen auf Tour waren) und Radio-Anbiederung wie die Single Das muss Liebe sein (schlecht geklaut bei Float On von Modest Mouse) können andere einfach besser.
Trotzdem zeigt auch Labyrinth, dass es nach wie vor Vieles gibt, was nur Madsen so gut können. Viele der Refrains hier sind weltklasse. Kaum jemand in Deutschland kriegt ein Lied hin, das so FrischFrommFröhlichFrei nach vorne prescht wie Mit dem Moped nach Madrid oder einen so verträumt-entspannten Sound wie in Obenunten. Eine kleine Nettigkeit wie Schön, dass du wieder da bist hätte beispielsweise von den Sportfreunden Stiller höchst peinlich geklungen. Und auch die mittlerweile patentierte Erbauungs-Lyrik, die sich auch hier wieder reichlich findet, würde in den Händen weniger fähiger Gruppen schnell nach Kirchentag klingen.
Auch Labyrinth beweist das enorme Songwriting-Talent von Sebastian Madsen. Die Platte ist so gut, dass man sich nach wie vor wundern muss, warum Madsen nicht schon längst in einer Liga mit den Toten Hosen, den Sportfreunden Stiller oder zumindest Revolverheld spielen. Zumindest kann man Madsen nach diesem Album nicht mehr vorwerfen, sie hätten es nicht versucht.


