Lonnie Holley – „MITH“

ActLonnie Holley
AlbumMITH
LabelJagjaguwar
Erscheinungsjahr2018
Bewertung
Lonnie Holley MITH Albumcover

Außergewöhnlich ist wahrscheinlich das Wort, das Lonnie Holley am besten auf den Punkt bringt. Das gilt für seine Biografie („His early life was chaotic“, heißt es beinahe beschönigend im Abriss auf seiner eigenen Homepage). Es gilt für seine Kunst, die bereits in namhaften Institutionen wie dem Metropolitan Museum of Art, MassMOCA und der National Gallery of Art zu sehen war. Und es gilt natürlich auch für sein Schaffen als Musiker. Nach dem Debüt (mit Ü60!) Just Before Music im Jahr 2012 und Keeping A Record Of It im Jahr darauf legt er nun mit MITH sein drittes Album vor.

Der 68-Jährige kombiniert in den zehn Songs, von denen die meisten mehr als 7 Minuten lang sind, weiterhin autodidaktische Klavierimprovisationen mit Stream-of-Consciousness-Texten, mal zu einem federnden Rhythmus (How Far Is Spaced-Out?), mal mit einem Hauch von Latin-Einflüssen (There Was Always Water), manchmal zwischen Scat-Gesang und Lautmalerei (Copying The Rock). Mitgewirkt haben dabei der aus Philadelphia stammende Multiinstrumentalist Laraaji, das Jazz-Duo Nelson Patton, Saxofonist Sam Gendel und als Produzenten Richard Swift und Shahzad Ismaily.

Mehr als fünf Jahre hat Lonnie Holley an den Stücken gearbeitet, die unter anderem in Portugal, New York City und Atlanta aufgenommen wurden. Zwei Elemente stechen dabei auf MITH hervor. Erstens ist die Platte geprägt von einer aufgewühlten, unberechenbaren Atmosphäre, wie man sie in Down In The Ghostness Of Darkness am deutlichsten hören kann. Zweitens ist das Album noch politischer als die ersten beiden Werke des Manns aus Birmingham, Alabama. Einige Lieder sind geprägt von den Debatten um die US-Präsidentschaft und den Wahlsieg von Donald Trump, auch die „Black Lives Matter“-Bewegung hat sehr deutliche Spuren hinterlassen. „I’m a suspect / in America“, lauten die ersten Zeilen der Platte. Es gibt in I’m A Suspect frei schwebende Klavierakkorde, mehrere Stimmen übereinander und ein paar Bläser. So vage die Struktur ist, so klar bleibt die Botschaft, und so unmissverständlich ist der Schmerz, der darin steckt.

Die Single I Woke Up In A Fucked-Up America lässt bereits im Titel keine Zweifel an der Bewertung der Lage seines Landes. Es gibt darin wilde Percussions und ein Instrument, das wie ein Schiffshorn klingt, mindestens genauso einschneidend ist aber seine Stimme. Immer wieder wird deutlich: Hier wird nicht bloß Unbehagen artikuliert, sondern eine sehr konkrete, körperliche Gefahr beschrieben. Die Angriffe, die Lonnie Holley hier benennt (historische wie im fast 18-minütigen I Snuck Off The Slave Ship und aktuelle) haben nicht Benachteiligung zum Ziel, sondern Vernichtung – und entsprechend radikal ist seine Reaktion.

Das reduzierte Coming Back (From The Distance Between The Spaces Of Time) mit seinen vergleichsweise vielen elektronischen Elementen kann man eher als Klangteppich betrachten denn als einen wirklichen Song. Back For Me klingt, als würde der Pianist in einer sehr verwirrenden Hotelbar sich an seinem letzten Arbeitstag die Freiheit nehmen, einfach mal das zu spielen und zu singen, was ihn schon immer im Innersten bewegt hat. Sometimes I Wanna Dance wird tatsächlich beschwingt und vergleichsweise straight, wie ein verwirrter Boogie Woogie von Fats Domino.

Es wird Leute geben, die MITH unhörbar finden, und Leute, die hier ein Genie am Werk erkennen. In jedem Fall schafft es Lonnie Holley, einen sehr eigenen Sound zu erschaffen und in seinen Texten mühelos den Bogen vom Banalen bis zum Universellen, von der Geschichte bis zur Zukunft zu spannen. Auch das ist in der Tat: außergewöhnlich.

Website von Lonnie Holley.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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