| Act | Mark Lanegan und Duke Garwood |
| Album | With Animals |
| Label | Heavenly |
| Erscheinungsjahr | 2018 |
| Bewertung |

Duke Garwood nennt dieses Werk eine „heilende Platte“. Was der englische Gitarrist damit meint, soll wohl bedeuten: Man kann sich diesem Werk hingeben und etwas daraus ziehen. Vielleicht Einverständnis, vielleicht Trost, vielleicht sogar Kraft zum Weitermachen.
Das erstaunt auf den ersten Eindruck. Denn With Animals, seine zweite Zusammenarbeit mit dem Amerikaner Mark Lanegan (ehemals Screaming Trees) nach dem 2013er Album Black Pudding, hat nichts von Streichelzoo, auch nichts von den Tieren wie Hunden, Pferden oder Kaninchen, die gerne zu Therapiezwecken eingesetzt werden. Vielmehr klingt es, als lauerten hier überall gefährliche Reptilien, als kämpften Raubkatzen ums Überleben oder als würden sich verzweifelte Insekten auf das bisschen Aas stürzen, das noch übrig ist auf diesem Planeten.
Dabei handeln die zwölf Songs keineswegs vom Artensterben oder der Bedrohung von Biodiversität. Sie handeln vom guten, alten Schmerz. Es gibt Liebeskummer, Einsamkeit, Selbstvorwürfe. Der Titelsong ist ein gutes Beispiel. Zu einem vergleichsweise dichten Arrangement und einem dezenten Computerbeat besingt Lanegan „Animals as my healers / animals as my saviours“. Die Menschen scheinen hingegen die echte Gefahr zu sein: „Girl, you are a murderer“, heißt es.
L.A. Blue, das gut zu Tom Waits passen würde, ist ein Blues, aber noch viel düsterer und trauriger als es dieses Wort vermuten lässt. In Scarlett ist alles enorm reduziert, nur nicht die Verzweiflung, die darin steckt. Man könnte meinen, das sei ein Stream of Consciousness von jemandem, der kurz vor dem Delirium steht. Im verschleppten Feast To Famine reicht die Erfahrungswelt „from feast to famine / and all points in between”, zwischendurch lässt etwas zusätzlicher Hall die Stimme noch einsamer klingen. Wenn es in Upon Doing Something Wrong durch das Picking auf der akustischen Gitarre einen Tick heiterer wird, pulverisiert der Text diese Tendenz sofort: An einem Tag ist es „always raining“, am anderen „always aching“.
Der Auftakt Save Me illustriert die Klangästhetik von With Animals vielleicht am besten: Der Song ist mysteriös und sumpfig, die wenigen einzelne Instrumente lassen sich kaum klar ausmachen, auch ein Drone wird angedeutet. Der Gesang schwankt zwischen sehnsuchtsvoll („love me“, bittet Lanegan immer wieder) und verschwörerisch („Come on now, midnight children / sing your own harmony“, heißt es später). In My Shadow Life reichen ein paar Gitarrentöne aus, um eine hypnotische Wirkung zu erzielen, dazu gibt es wieder so einen Liebesschwur, bei dem man gar nicht sicher sein kann, ob da überhaupt noch jemand existiert, an den er sich richten könnte. Spaceman klingt so ursprünglich, als würde es nicht Mark Lanegan im Jahr 2018 singen, sondern ein Medizinmann im Jahr 1876, der mit einer Rassel ums Feuer herumtanzt, oder wenigstens Jim Morrison 1969 bei irgendeinem bekifften Ritual.
„Die Musik spielt eigentlich zwischen den Tönen, sie gewinnt ihre Kraft durch die Pausen, die leeren Stellen, die Raum für den Nachklang in unseren Ohren schaffen, für das bisschen Seelenrettung, das wir noch suchen“, hat der Musikexpress sehr treffend über With Animals geschrieben. Ghost Stories, das nur aus Gesang und E-Gitarre besteht, illustriert das eindrucksvoll und zeigt vielleicht am besten, wie toll die Konstellation aus Mark Lanegan und Duke Garwood passt. In Desert Song (mit den schönen Zeilen „Don’t let me escape this dream / even though it can’t be believed”) ist Garwoods akustische Gitarre sehr klassisch, es scheint nicht so sehr eine Reise in die Wüste zu sein, als vielmehr ins Spätmittelalter. Was Lanegan im One Way Glass findet, ist „something lonelier than death“. In Lonesome Infidel scheint etwas (vielleicht auch gleich alle Instrumente) rückwärts zu laufen, am Ende ertönt darin ein Pfeifen, das im Deutschen eindeutig zur Redewendung vom Pfeifen im Walde und im Englischen zu „whistling in the dark“ passt.
Das ist atmosphärisch meisterhaft, lyrisch spannend und in seiner existenzialistischen Herangehensweise vielleicht nicht gleich aufbauend, aber in jedem Fall faszinierend. Alles auf diesem Album klingt, als würden Duke Garwood und Mark Lanegan es auf einem verbrannten Planeten singen, in einer Welt nach der Apokalypse, womöglich gar als letzte verbliebene Vertreter unserer Gattung. Umgeben nur noch von Tieren.

