Maja Göpel – „Unsere Welt neu denken“

AutorMaja Göpel
TitelUnsere Welt neu denken. Eine Einladung
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2020
Bewertung
Maja Göpel Unsere Welt neu denken Buchcover

Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste erreichte Maja Göpel im Jahr 2020 mit diesem Buch. Rund ein halbes Jahr hielt sich Unsere Welt neu denken in diesem Ranking. Das ist durchaus ungewöhnlich für das Werk einer Ökonomin, die zum Zeitpunkt des Erscheinens in der ziemlich bürokratischen Position als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) tätig war. Liest man diese knapp 200 Seiten mit dem Abstand von vier Jahren, wird aber schnell klar, wie dieser Erfolg zu erklären ist.

Erstens: Unsere Welt neu denken wurde im Februar 2020 veröffentlicht, also genau in den Beginn der Covid-Pandemie hinein – und das war perfektes Timing. Es wurde in dieser Zeit zum „Buch der Stunde“, wie ttt – Titel, Thesen Temperamente feststellte. Corona hat uns allen die Verletzbarkeit unserer Zivilisation gezeigt. Das vielleicht schon vorher vorhandene Gefühl von Zerstörung, Bedrohung und Krise rückte dadurch näher, auch stellte sich die Frage deutlich dringender: Könnte unsere Welt vielleicht ganz anders sein? Sollten wir das vielleicht sogar anstreben? Diese Ahnung „So wie es ist, wird und kann es nicht bleiben“, die auf dem Klappentext benannt wird, adressiert die Autorin mustergültig.

Sie tut das nicht, indem sie neue Thesen oder gar neue Forschungsergebnisse präsentiert. Aber sie liefert einen sehr guten Überblick prägender ökonomischer Theorien von Adam Smith bis Thomas Piketty, die sie mit aktuellen Erkenntnissen aus der Umwelt- und Sozialforschung verknüpft. Das dürfte bei allen Menschen, die sich ohnehin bereits um den Planeten sorgen und sich entsprechend informieren (rund um Aussagen wie „Menschliche Systeme sind nicht nachhaltig und müssen notgedrungen zusammenbrechen, wenn wir nicht lernen, sie umzubauen.“) für Bestätigung sorgen. Noch viel mehr hat Maja Göpel aber all die im Blick, die noch nicht so weit, aber offen dafür sind, Veränderung in Betracht zu ziehen.

Das führt zum zweiten Erfolgsfaktor von Unsere Welt neu denken: Das Buch ist sprachlich sehr klar, liefert anschauliche Beispiele und prägnante Schlussfolgerungen. Man muss nicht VWL, Physik oder Nachhaltigkeitswissenschaften studiert haben, um hier folgen zu können. Man muss auch nicht der Meinung der 1976 geborenen Autorin zustimmen. Vielmehr geht es ihr darum, Narrative, Illusionen und Gewohnheiten zu hinterfragen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Das findet seine Entsprechung darin, dass sie Chancen und Handlungsoptionen betont, die Macht der Einzelnen und vor allem der Gemeinschaft. Passend dazu spricht sie Leser*innen wiederholt direkt an, schließlich sollen sie Selbstwirksamkeit (auch bei der Lektüre) entdecken und erfahren. Auch Wiederholungen („Sie erinnern sich…“) und Zwischenfragen („Wie klingt das für Sie?“) arbeiten als rhetorische Mittel in diese Richtung.

Göpel zeigt an einigen Stellen ihre persönliche Betroffenheit und auch ihr bisheriges Engagement. Sie ist offenkundig nicht neutral im Sinne von „es gibt zwei Optionen, die gleichwertig sind“, sondern positioniert sich klar. Sie ist aber keine Aktivistin, sondern agiert klar wissenschaftlich. Es gibt Wertung, vor allem aber Haltung. Die Politikökonomin will nicht missionieren, sondern aufklären und durchaus auch vermitteln zwischen Menschen, die im Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz vielleicht über das Ziel hinausschießen, und solchen, die sich von beängstigenden Prognosen eingeschüchtert fühlen und darauf mit der „Kopf in den Sand“-Methode reagieren.

„Wer akzeptiert, dass es Grenzen gibt, der muss auch akzeptieren, dass Güter und Verschmutzungsrechte endlich sind. Wenn der Kuchen aber nicht immer größer werden kann, stellt sich automatisch die Frage, wie er zu verteilen ist. Wenn die Ökosysteme nur eine bestimmte Menge an Rohstoffen hergeben und eine bestimmte Menge an Abfall und Abgasen aufnehmen können, stellt sich automatisch die Frage, wer wie viel verbrauchen, wegwerfen und ausstoßen darf. Umweltfragen sind immer Verteilungsfragen, Verteilungsfragen sind immer Gerechtigkeitsfragen“, ist eine typische Argumentationskette und verweist zugleich bereits auf viele zentrale Themen des Buchs. Sie wünscht sich „eine Zukunft, in der wir wieder besser teilen können und gelernt haben, auch mal zufrieden zu sein mit dem, was ist“ und strebt nach einem – wohlgemerkt demokratisch legitimierten – „neuen Gesellschaftsvertrag für hohe Lebensqualität bei niedrigem ökologischen Fußabdruck“.

Sehr eindrucksvoll zeigt sie die Notwendigkeit für ein anderes Wirtschaften, die Risiken des Glaubens an ewiges Wachstum, Deregulierung und ökologischen Raubbau. Sie erinnert daran, dass es Zeiten und Gesellschaften gab, in denen nicht jeder Aspekt unseres Lebens in Geld umgerechnet wurde, was sie beispielsweise mit der gut herausgearbeiteten Unterscheidung zwischen Preis und Wert unterstreicht. „Das inzwischen globalisierte Fortschrittsmodell (…) hat also nicht nur die Natur, sondern auch Kulturen und Lebensweisen einer rasend voranschreitenden Homogenisierung und Ökonomisierung unterworfen. Rund um den Globus“, attestiert sie. Die vielleicht größte Leistung von Unsere Welt neu denken ist, dass sie all das, was die meisten von uns quasi als Naturgesetz betrachten, weil alle Wirtschaftsbosse, sehr viele Politiker und neuerdings auch etliche Influencer es uns als solche weismachen wollen, als „Scheinwelt“ entlarvt. Neoliberale Konzepte sind wissenschaftlich widerlegt, stehen auf zunehmend wackligen Füßen und drohen, die Menschheit ins Verderben zu führen.

Sie macht auch nicht den Fehler, die Umkehr zu einem gesünderen Wohlstandsmodell nur in die Verantwortung von Konsumentinnen und Konsumenten zu legen. Stattdessen zeigt sie blinde Flecken und Zirkelschlüsse, veraltete Denkweisen und Konzepte, die nicht mehr in die Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts passen und auch in der Politik weit verbreitet sind, wenn diese alles unterlässt, „was das Wachstum dessen gefährden könnte, wofür Geld ausgegeben wird. Denn scheinbar kann nur Wachstum Arbeitsplätze, Investitionen und Steuereinnahmen sichern. Jeder und jede in diesem System muss demzufolge zum Wachstum beitragen, genauso wie alle darauf angewiesen sind, dass alle dasselbe tun.“

Unsere Welt neu denken zeigt auch: Was Maja Göpel empfiehlt, würde nichts anderes als ein anderes Wirtschaftssystem und damit vielleicht auch eine andere Weltordnung und ein anderes Menschenbild erfordern. Das sind sehr große Ziele, und das Buch hat sehr wenige Seiten, die das wirklich untersetzen könnten. Das führt zu den Schwächen des Werks. Vereinfachung ist zwangsläufig bei diesem knappen Umfang, trotzdem bleibt sie an einigen Stellen fragwürdig. Schade ist auch, dass keine konkreten Lösungen (weder eigene Vorschläge noch Impulse aus der Forschung) benannt werden, die in einer so großen Dimension oder wenigstens in einzelnen Aspekten für positive Veränderung sorgen könnten. Gerade im Kapitel „Markt, Staat und Gemeingut“, wo es um konkrete Instrumente und Lösungen hätte gehen können, bleibt sie (bis auf die Erwähnung des bereits etablierten Emissionshandels) etwas sprunghaft und vage.

Womöglich wird die Autorin darauf verweisen, dass es ihr in erster Linie um Denkanstöße und die Veränderung von Mindsets geht, die Voraussetzung für tatsächliche Lösungen sein sollen, die von anderen (idealerweise: uns allen) zu entwickeln sind. Vielleicht hält sie sich auch deshalb zurück, weil dieses Buch auch durch einen sehr unaufgeregten Duktus auffällt. Die hier aufgezeigten Ziele erfordern nichts weniger als eine Revolution in unserem Zusammenleben. Aber sie begegnet dem weder mit Heilsversprechen oder Besserwisserei noch mit Drohungen von Weltuntergang oder Szenarien von Verbots- und Verzichtsdiktatur. Stattdessen verweist sie immer wieder auf Gestaltungsmöglichkeiten, auf die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Konsens, auf die Erfordernis – gerade in Zeiten der Multikrise – klug, vernünftig und gerecht zu agieren. Ihre Botschaft ist so klar wie einleuchtend: Nachhaltigkeit bedeutet nichts anderes als Zukunftsorientierung.

Bestes Zitat:

„Je energischer jemand behauptet, dass irgendetwas alternativlos sei, umso genauer sollten Sie es hinterfragen.“

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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