Querbeat – „Randale & Hurra“

ActQuerbeat
AlbumRandale & Hurra
LabelOdeon
Erscheinungsjahr2018
Bewertung
Querbeat – „Randale & Hurra“ Albumcover

Vom Bolzplatz singen Querbeat in einem Lied dieser Platte. An anderer Stelle mischen sie, gemeinsam mit Reggae-Meister Gentleman, Deutsch, Spanisch und Französisch im Text, Rap, Riddim und ein bisschen Latin im Sound und feiern damit die strahlende Kraft der Bengala.

Nicht nur die Verbindung von Fußball und Pyrotechnik erinnert auf Randale & Hurra an die Ultra-Szene. Querbeat (sie haben übrigens genau elf Mitglieder), gegründet vor 18 Jahren von Schulfreunden in Bonn und nun mit ihrem zweiten Album mit eigenen Songs am Start, zeigen hier noch ein paar weitere Charakteristika, die man auch bei Ultras finden kann: Sie halten sich für Freigeister, sind aber in ihrem Blick auf die Welt ziemlich engstirnig. Sie erheben den eigenen Lebensentwurf auf eine fast totalitäre Weise zum Standard. Und ihnen ist nichts wichtiger als Selbstdarstellung.

Endstufe 2 eröffnet die Platte und deutet das schon an. In Hifi-Sprache bedeutet das hier besungene Zünden einer zweiten Endstufe: Es wird noch lauter, noch fetter. Natürlich nervt das im Zweifel auch mal die Nachbarn, was Querbeat aber ignorieren, ohne Rücksicht auf Verluste und schon gar nicht interessiert daran, ob jemand überhaupt Lust auf so viele Dezibel mit ihnen als Absender hat. „Mehr Freaks braucht das Land“, heißt es zu Dancehall-Klängen im folgenden Track. Freaks wird letztlich aber keine Aussage (oder gar Analyse) über das Land, sondern wieder nur der laut artikulierte Anspruch, keine Rücksicht nehmen zu müssen. Aus der Aussage „Wir bleiben erstmal für immer“ (gemeinsam mit dem Rap-Duo 257ers) spricht offensichtlich auch die Erfahrung, nicht überall willkommen zu sein, was womöglich daran liegt, dass Querbeat auch nervig und übergriffig sein können.

Man muss natürlich von einer Band, die im Kölner Karneval groß geworden ist, keine philosophischen Texte erwarten. Es ist auch völlig okay, dass auf Randale & Hurra unzweifelhaft der Spaßfaktor im Vordergrund steht. Handwerklich bekommen Querbeat das auch gut hin: Die Grundhaltung ist schmissig, fast alles will unbedingt eingängig, mitreißend, gerne auch hymnisch sein. Die Bläser verbreiten oft eine ansteckende Ungeduld, und auch, wenn man durch Acts wie LaBrassBanda, Moop Mama oder Meute (oder meinetwegen auch Feine Sahne Fischfilet) diesen Ansatz mittlerweile häufiger gehört hat, bleibt er wirkungsvoll.

Der Widerspruch aus vermeintlichem Idealismus, der in Wirklichkeit bloß kollektiv ausgelebter Narzissmus ist (wie bei den Ultras), wird in den Texten von Frontmann Jojo Berger trotzdem immer wieder unangenehm deutlich. Der Titelsong Randale & Hurra ist ein weiteres Beispiel dafür. „Ich bin dagegen / weiß nicht genau wofür“, singt er, offensichtlich ohne verstanden zu haben: Unangepasstsein braucht mehr als nur launisch zu sein, Charakter ist etwas anderes als Egozentrik. Auch Ciao Loser ist dahingehend ein typischer Song. Hier gibt es überraschenderweise einmal nicht bloß Party, Kumpels und HochDieTassen, sondern ein Bekenntnis zu Zweifeln, Einsamkeit und Unzufriedenheit. Dieses alte Verlierer-Selbst soll indes abgeschüttelt werden. „Alles, was ich sein will, kann ich sein“, lautet das Wunschziel, aber bezeichnenderweise soll es nicht durch Arbeit an sich selbst erreicht werden, sondern durch eine unverhoffte Änderung der äußeren Umstände.

In Hänger, das man als Ballade gelten lassen kann, werden Rumgammeln und Abhängen zelebriert, rund um Zeilen wie „Wir haben nichts / aber auch nichts Besseres zu tun.“ In diesem Chill-Modus will Berger aber gefälligst nicht angesprochen werden, „sonst hängt zwischen uns noch der Haussegen schief“. Letzter Song, das etwas Vocoder und recht viel Elektronik einsetzt, könnte auch Resteficken oder Notgeiler Typ im Club heißen. Selbst bei Dates kommt Berger nicht aus seiner Selbstverliebtheit heraus, wie Romeo beweist: „Du wünscht dir ein schönes Gedicht / ich erzähl dir mal was über mich / ich kann nicht so gut Komplimente / hab nicht so viele Worte für dich.“ Musikalisch ist das Lied stark, sogar der Da-da-dap-dö-do-döp-Teil fügt sich hier stimmig ein und steht Mitgröl-Hymnen von Scooter oder den Fratellis in nichts nach. Trotzdem bleibt auch hier der Gesamteindruck: Das ist in der Attitüde so unsympathisch, dass man beim besten Willen keinen Spaß dazu haben kann.

Website von Madsen.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →