| Act | Stephen Malkmus & The Jicks |
| Album | Sparkle Hard |
| Label | Domino |
| Erscheinungsjahr | 2018 |
| Bewertung |

Als Stephen Malkmus noch der Sänger bei Pavement war, mit denen er 1992 das erste Album veröffentlichte, hätte man ihn wahrscheinlich gekreuzigt für diesen Satz. Es war die Zeit, in der Nirvana und Pearl Jam zwar fette Verträge bei Major-Labels hatten, aber dennoch so energisch die Fahne von Anti-Kommerz und Indie-Ethos hochhielten, als dürften sie sonst nie wieder auf einem Flohmarkt nach zerrissenen Jeans und Wildlederjacken stöbern. „Ich habe mit diesem Album versucht, mich mehr in die Hörer hinein zu versetzen. Dabei sind keine Pop-Songs entstanden, aber die Stücke kommen schneller auf den Punkt und unterstreichen unsere Qualitäten als Band“, lautet dieser Satz. Malkmus, 52 Jahre alt und Vater von zwei Töchtern, hat ihn im Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt und rückt ihn sogar in die Nähe der Krise der Musikindustrie. Also könnte man das so interpretieren: Er biedert sich beim Publikum an und wird gefälliger, um mehr Platten zu verkaufen.
Natürlich klingt er auf Sparkle Hard trotzdem nicht plötzlich wie James Blunt. Im Gegenteil: Dass seine Songs nun nicht mehr komplett freigeistig / durchgeknallt sind, sondern eine klarere, nachvollziehbarere Form haben, stärkt sie letztlich. Das siebte Album von Stephen Malkmus & The Jicks ist zugänglicher, verliert aber damit nichts vom einmaligen Charakter und der „ziellosen Leichtigkeit“ (Musikexpress), die diese Musik ausmacht.
Das zeigt sich schon im Auftakt Cast Off, der mit Klavierakkorden beginnt, ganz behutsam, tastend, als würden sie dem Künstler in genau diesem Moment erst einfallen, als erlebe man hier live mit, wie diese Komposition erst Gestalt annimmt. Der erste Bruch zu diesem schönen, eleganten Sound entsteht, als dann die brüchige Stimme von Stephen Malkmus erklingt und „Cast off from the shadow“ singt, der zweite Bruch, als das Rock-Instrumentarium (insbesondere die extra-bratzige E-Gitarrre) hinzukommt. Gleich der erste Track zeigt damit schon, was Sparkle Hard insgesamt ausmacht: das ist zweifelsohne erwachsen, es ist aber auch zweifelsohne kraftvoll und inspiriert.
Bike Lane wird zu einem Highlight. Darin gibt es einen bewusst primitiv rumpelnden Boogie in der Strophe, viele filigrane Elemente in den anderen Teilen – und im Text einen Verweis darauf, wie widersprüchlich und segmentiert unsere Gesellschaft ist. Das Lied thematisiert einerseits das zivilgesellschaftliche Engagement für einen neuen Radweg, von Leuten, die kaum andere Sorgen im Leben haben. Andererseits geht es um Freddie Gray, einen Afroamerikaner, der 2015 zum unschuldigen Opfer von tödlicher Polizeigewalt in Baltimore wurde.
Auch Shiggy beweist: Wenn Stephen Malkmus & The Jicks straight und sogar eingängig sein wollen, können sie das problemlos. Man will nicht direkt “Hit“ dazu sagen, aber es ist klar, dass das beispielsweise in allen künftigen Konzerten ein herausragender Moment sein wird. Auch Refute ragt heraus. Erstens wird hier im Stile der Kinks (wenn sie sich jemals an Country mit Geige und Steel Guitar versucht hätten) über die Fallstricke des Online-Datings gesungen, zweitens gibt es in der zweiten Strophe einen spektakulären Gastauftritt von Kim Gordon (Sonic Youth).
Natürlich kann die Band aus Portland, Oregon, weiterhin auch unkonventionell sein. Fast in jedem Lied auf Sparkle Hard, das mit Chris Funk (The Decemberists) produziert wurde, gibt es zumindest Passagen, die das unterstreichen. In Rattler irritieren ein Vocoder-Effekt und ein instrumentaler, aber sehr wuchtiger Quasi-Refrain. Das zunächst akustisch betrübte Kite gönnt sich später viel Wah-Wah und ein ausgiebiges Space-Rock-Outro. Future Suite setzt auf jazzige Akkorde und Rhythmik, der acappella-Teil ganz am Schluss ist darin eine ebenso überraschende wie tolle Idee.
In Middle America scheint Countryrock das angesagte Genre zu sein. Die Zeilen „Men are scum / I won’t deny“ würde man dort aber wahrscheinlich nicht so pauschal unterschreiben. Solid Silk wird schön mit wundervollen Streichern, akustischer Gitarre und sanftem Schlagzeug, aber mit genau der richtigen Prise „schräg“ in Arrangement und Text, um nicht oberflächlich zu werden. Das ähnlich gelagerte Brethren darf man bestimmt „kunstvoll“ nennen, auch wegen des schicken Harmoniegesangs.
Der Schlusspunkt ist, genau wie der Auftakt, sehr typisch für Sparkle Hard: Difficulties / Let Them Eat Vowels ist ambitioniert und opulent, verschmilzt offensichtlich zwei Songs zu einem Gesamtkunstwerk und entwickelt dabei innerhalb von mehr als 7 Minuten auch noch einen schrägen Groove, der an die Flaming Lips denken lässt. Das Lied ist wie das gesamte Album: Stephen Malkmus & The Jicks wagen etwas und kommen damit durch.
