The Reds, Pinks And Purples – „Summer At Land’s End“

ActThe Reds, Pinks And Purples
AlbumSummer At Land’s End
LabelTough Love
Erscheinungsjahr2022
Bewertung
The Reds, Pinks And Purples – „Summer At Land's End“ Albumcover

Ein wenig fies ist das schon, was Glenn Donaldson da macht. Der Mann, der hinter The Reds, Pinks And Purples steckt, nimmt nämlich Rezensenten wie mir die Arbeit ab. Zumindest, wenn es darum geht, die Musik der Band aus San Francisco möglichst anschaulich und kompakt zu beschreiben. Das tut er nämlich immer schon selbst, und auch noch an denkbar prominenter Stelle: im Albumtitel.

Anxiety Art (2019), You Might Be Happy Someday (2020) und Uncommon Weather (2021) hießen die bisherigen Longplayer, und jeweils genau so klangen sie auch. Das trifft jetzt auch wieder auf Summer At Land’s End zu. Alles auf dem erneut selbst aufgenommenen Werk wirkt wie unter einem Schleier, einer Dunstglocke aus tagelanger kalifornischer Hitze. Zugleich gibt es eine völlige Abwesenheit von Stress oder Aufregung, so wie man das in einem Erholungsgebiet erwarten darf, das der Platte den Namen gegeben hat.

Don’t Come Home Too Soon gibt als Auftakt direkt die klangliche Richtung vor: Ein sanfter Jangle trifft auf ein verwaschenes Gitarrensolo, das Grundgefühl ist Sehnsucht, vielleicht auch Reue, als Referenz kann man an The Smiths denken oder an 4AD-Bands aus den Neunzigern, die Glenn Donaldson selbst als wichtige Einflüsse für Summer At Land’s End benennt.

Im folgenden Let’s Pretend We’re Not In Love wird nicht ganz klar, wer hier wem etwas vormachen will. My Soul Unburdened besteht aus nur drei Akkorden und bezieht seine Wirkung aus der Kraft der Wiederholung. Pour The Light In rückt mit ein bisschen mehr Schwung und Leichtigkeit in die Nähe der Shins, auch New Light setzt auf eine Licht-Metapher: “New light is in you / I’m blinded by all there is.” All Night We Move erweist sich als vergleichsweise opulent arrangiert, trotzdem bleibt auch hier die Schrammelgitarre als Ursprung erkennbar, die offensichtlich Basis fast aller dieser Tracks war.

Drei der zwölf Songs bleiben instrumental. Der sieben Minuten lange Titeltrack Summer At Land’s End wirkt wie My Bloody Valentine, wenn ihnen alle Aggressivität abhanden gekommen sein sollte (und verzichtet entsprechend auch gleich ganz auf ein Schlagzeug). Dahlias And Rain setzt auf eine kraftvolle Orgel als Kontrapunkt zum schwelgerischen Sound, im Album-Abschluss Never Said I Was Sorry Then entwickeln The Reds, Pinks And Purples eine tolle Atmosphäre.

Reizvoller sind dennoch die Lieder, denen Donaldson auch einen Text gegönnt hat – erst recht, weil seine Stimme, die hier immer ganz nah ans Ohr gemischt ist, so prägend für diese Musik ist. In Tell Me What’s Real verweist er auf die Erkenntnis, dass wir Wahrheiten in unserer Wahrnehmung verdrehen, und dass sie manchmal auch von anderen verdreht werden, womöglich auch bloß, um uns zu schonen. In I’d Rather Not Go Your Way wird eine Veränderung beim Gegenüber thematisiert, die keineswegs wertgeschätzt wird. In Upside Down In An Empty Room klingt er, als hätte ihn jemand sehr ultimativ gekränkt, in sehr jungen Jahren, und er sei nie darüber hinweg gekommen.

Das ist alles hübsch und schafft inmitten der beschaulichen Atmosphäre auch genug Abwechslung: Mal werden die Drums etwas kraftvoller, mal sorgt ein Flanger-Effekt auf der E-Gitarre für etwas Irritation, mal scheint sich der Bass ins Land von New Order davonschleichen zu wollen. Dynamik fehlt der Platte aber in dem Sinne, dass kein Song wirklich herausragt, was diesen Summer At Land’s End etwas einschläfernd und eher zum Soundtrack für die Hängematte als für eine Strandparty macht. Dass Glenn Donaldson nicht nur bei The Reds, Pinks And Purples spielt, sondern auch in reichlich weiteren Projekten aktiv ist, und dass er diese Platte auch als 2-Disc-Dinked-Sonderedition auf den Markt bringt, die ein komplettes zweites Album enthält, verstärkt den Verdacht, dass hier etwas mehr Qualitätskontrolle hilfreich gewesen wäre, oder vielleicht auch ein Korrektiv mit dem wichtigen Hinweis: Das ist ganz nett, aber da geht noch mehr, wenn man etwas mehr kompositorische Mühe hineinsteckt.

The Reds, Pinks And Purples bei Bandcamp.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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