| Act | Thees Uhlmann & Band |
| Album | 100.000 Songs Live in Hamburg |
| Label | Grand Hotel van Cleef |
| Erscheinungsjahr | 2022 |
| Bewertung |

Wäre ich ein Fußballtrainer, ich hätte liebend gerne einen Spieler wie Thees Uhlmann in meiner Mannschaft. Es gibt sicher Leute mit mehr Talent gesegnet sind, eine größere Eleganz am Ball haben und auf dem Platz einen besonderen Esprit verströmen. Aber um solche Ausnahmeerscheinungen kann man kein Team aufbauen. Man braucht Spieler, die zu jeder Trainingseinheit kommen, auch bei Mistwetter. Die ein Strahlen ins Gesicht bekommen, bloß weil sie die Teamkameraden wieder treffen und den Geruch von Umkleidekabine, feuchtem Rasen und Voltaren-Salbe wieder wittern können – einfach, weil sie das Miteinander mit den Jungs und das Spiel selbst so lieben. Die sich reinhauen in jedem Spiel, als wäre es ein WM-Finale. Leute wie Thees.
Wie sehr er es genießt, Rockmusik zu machen, gemeinsam mit seiner Band, gefeiert von seinem Publikum, beweist sein Umgang mit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Am 1. Juli 2020 gab es in den meisten Bundesländern wieder eine Freigabe für Outdoor-Veranstaltungen mit begrenzten Zuschauerzahlen und festen Sitzordnungen. Nur ein paar Tage später stand Thees Uhlmann wieder auf der Bühne für pandemiekonforme Konzerte mit seinem „Danke für die Angst“-Trio.
Das mag auch daran liegen, dass Covid-19 so etwas wie einen Höhenflug für den 1974 geborenen Musiker ausbremste. Im September 2019 erschien sein Album Junkies und Scientologen und erreichte Platz 2 in den deutschen Charts. Daran schlossen sich, natürlich, etliche Konzerte an, im Dezember begann er in Dresden seine bis dahin größte Tournee mit 16 Konzerten. Bei zwei Terminen daraus, am 17. und 18. Dezember 2019 in der jeweils ausverkauften Großen Freiheit 36 auf St. Pauli, ist sein erstes Livealbum entstanden, das heute erscheint.
100.000 Songs Live in Hamburg kann man als sehr taugliche Werkschau des Mannes betrachten, der als Sänger von Tomte (vier Songs seiner Ex-Band sind auch hier vertreten) seine ersten Erfolge feierte und mittlerweile auch als Buchautor unterwegs ist. Vor allem aber zeigen diese 23 Lieder, auch wenn während der Aufnahmen von der bevorstehenden Corona-Zwangspause noch niemand etwas ahnen konnte: Musik zu machen und live zu spielen, ist für Thees Uhlmann das Lebenselexier.
Fünf Jahre nicht gesungen eröffnet die Platte. Die Orgel klingt wie ein Statement, der Rest auch. Der Sänger scheint sich fast selbst überholen zu wollen mit jedem einzelnen Vers, so viel Schaffensdrang, so viel Ungeduld stecken darin – und ein so großer Wunsch, möglichst viele Lieder, möglichst viel Text, möglichst viel Intensität in diesen Abend zu packen. „Nicht euer Ernst“ meint er am Ende des Songs angesichts der frenetischen Reaktion des Publikums. Kurz darauf kommt nach einer guten Minute von Die Toten auf dem Rücksitz ein Laut aus seinem Körper, der sich nicht richtig beschreiben lässt. Er klingt wie „Tjiiaarrh!!!“. Dieses Geräusch kann man trotzdem ganz mühelos interpretieren: Er weiß nicht wohin mit all dieser Energie, Begeisterung und Dankbarkeit. Das Geräusch wird noch öfter zu hören sein an diesem Abend.
In Vom Delta bis zur Quelle entfaltet sich am Ende ein toller Wechselgesang mit dem Publikum. Ich sang die ganze Zeit von dir löst als erstes Tomte-Lied in der Setlist die pure Glückseligkeit aus, auf der Bühne offensichtlich genauso wie bei den Fans. Die ausufernde Ansage vor Lat: 53.7 Lon: 9.11667 erzählt nicht nur eine nette Anekdote von seiner 8-jährigen Tochter, sondern beschwört (genau wie das Lied) in erster Linie den Zusammenhalt, die Gemeinschaft, bis hin zu einem gemeinsamen Genpool der ganzen anwesenden Nordlichter, der zumindest unterstellt wird.
Auch Junkies und Scientologen unterstreicht diesen Ansatz: Es ist maximal inklusiv, alle gehören dazu, alle halten zusammen – zumindest all diejenigen, die Thees Uhlmanns Idee von der Menschenliebe teilen. „Genial“, lautet sein Urteil am Ende von Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf. Das Publikum sieht es offensichtlich ähnlich: Der „Gefangenenchor St. Pauli“ singt einfach weiter, als sich die Band längst von der Bühne verabschiedet hat.
Zugleich zeigt 100.000 Songs Live in Hamburg auch, welche Elemente das Schaffen dieses Künstlers prägen und wie vielseitig er dabei durchaus sein kann. Zu Danke für die Angst könnte man Countryrock sagen, in Und Jay-Z singt uns ein Lied tragen eine kleine, sehr hübsche Gitarrenfigur und ganz viel Menschlichkeit das gesamte Lied, 100.000 Songs glänzt mit dem schönsten Refrain im Oeuvre dieses Künstlers, Katy Grayson Perry wird als Punk angekündigt und zumindest auch sehr rasant und ruppig umgesetzt. Wenn in Römer am Ende Roms die Mundharmonika einsetzt, ist das einer der schönsten Momente in der deutschen Musikgeschichte, nichts weniger.
Die beiden direkt aufeinander folgenden Tomte-Songs Korn & Sprite und Schreit den Namen meiner Mutter werden mit so viel Vorwärtsdrang gespielt, als könnte man irgendwo, wo all diese Instrumente und Stimmen hinstürmen, eine glorreiche Zukunft (oder wenigstens eine schönere Vergangenheit, die sich wiederbeleben lässt) finden. Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip Hop Videodrehs nach Hause fährt zeigt, wie geschickt Thees Uhlmann Melancholie und Alltägliches (statt Glamour und hochtrabende Lyrik) in seinen Songs einfangen kann. Angesichts von Was wird aus Hannover könnte man ihn fast als feinen Beobachter der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte titulieren, auch wenn er eine so hochtrabend klingende Berufsbezeichnung sicher niemals akzeptieren würde. Ein Satellit sendet leise zeigt ihn als Storyteller mit Geschichten voller leicht schräger Figuren wie in den Werken von Sven Regener, den er später in seiner letzten Ansage des Abends auch zitiert.
Die Schönheit der Chance erweist sich als perfekter Abschluss der Show, zuvor hatte Thees Uhlmann in Zugvögel schon gesungen: „Wir fliegen nicht, weil wir können / sondern weil wir fliegen müssen“ – natürlich verhält es sich bei ihm genauso mit der Rockmusik, mit dem Konzertespielen, mit der Gemeinschaft mit Band und Publikum, das am Ende aus vollem Herzen das „Uhuho-uhuhoho“ mitsingt. Am Ende waren es sogar 170 Konzerte, die er innerhalb von drei Jahren rund um die Junkies und Scientologen-Veröffentlichung gespielt hat. Und natürlich kündigte er auch pünktlich zur Veröffentlichung dieses Livealbums gleich wieder vier neue Auftritte an.

