Als Tori Amos im September 1999 diese Platte veröffentlichte, hatten zuvor all ihre Alben zumindest Platin-Status in den USA erreicht. Die beiden unmittelbaren Vorgänger From The Choirgirl Hotel (1998) und Boys For Pele (1996) kamen in ihrer Heimat sogar in die Top10 der Charts. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie möglichst schnell nachlegen wollte. Erstens gab es eindeutig eine große Nachfrage nach Material der damals 36-jährigen Künstlerin. Zweitens hatte sie in den 1980er Jahren, als sie fünf Jahre halbwegs erfolglos als Sängerin der Band Y Kant Tori Read tätig war, selbst erlebt, wie schwer es ist, im Musikgeschäft erfolgreich zu sein – und wird daraus vielleicht auch die Erfahrung abgeleitet haben, dass es lohnend ist, die Welle zu reiten, wenn man sie einmal erwischt hat.
Als fünfter Longplayer ihrer Karriere war deshalb eigentlich eine Platte geplant, die Livemitschnitte, B-Seiten und ein paar neue Tracks vereinen sollte. Letztlich bekam To Venus And Back aber einen ganz anderen Charakter und wurde ein Doppelalbum. Die erste Hälfte (Venus Orbiting) enthält komplett neue Studioaufnahmen, kann also als vollwertiges neues Album betrachtet werden. Die zweite Hälfte (Venus Live, Still Orbiting) versammelt Liveaufnahmen, die bei der Welttournee im Jahr zuvor entstanden waren und ihr gesamtes Oeuvre abdecken (es gibt Tracks von all ihren vier Alben, dazu auch einige Performances von B-Seiten).
Dieser Sinneswandel leuchtet schnell ein. Erstens war Tori Amos, die hier auch beim Songwriting eng mit ihrer Band zusammengearbeitet hat, damals in einer hoch produktiven Phase. Zweitens setzt sie die Entwicklung fort, die mit From The Choirgirl Hotel begonnen hatte: Es gibt reichlich Loops und Synthesizer. Diese Hinwendung zu elektronischen Klängen in ihrer Diskografie zu unterbrechen durch eine Sammlung von älterem, stärker vom klassischen Klaviersound geprägten Material, hätte sich für sie wie ein Anachronismus anfühlen müssen.
Als Beweis dafür kann man Stücke wie Juarez heranziehen, das von Femiziden in der gleichnamigen mexikanischen Stadt erzählt. Basis ist ein elektronischer, aggressiver Beat, das Ergebnis pendelt sich irgendwo zwischen Alanis Morissette und Nine Inch Nails ein – dass Tori Amos eine Pianistin ist, lässt sich hier kaum noch erschließen. In Riot Poof könnte man Enya und Garbage als Referenzen heranziehen, zu den vielen Schichten im mehr als 8 Minuten langen Datura (über eine halluzinogene Pflanze) gehören beispielsweise TripHop-Einflüsse und Rückwärts-Elemente.
Auch die Lead-Single Bliss ist vor allem rhythmisch ungewöhnlich. Tori Amos betrachtet darin „nicht nur den leiblichen Vater, sondern auch eine Autoritätsfigur – wer auch immer es ist, den ich in diese Rolle versetze. Bei Bliss geht es eigentlich um Kontrolle und um bestimmte Dinge in unserer DNA, die man nicht einfach so aussortieren kann. Man kann sich nicht vollständig von demjenigen trennen, der einen geschaffen hat, denn er ist ein Teil von einem“, sagt sie. Verpackt wird das in eine verwunschene und fast bedrohliche Strophe sowie einen erhebenden Refrain, in dem allerdings ebenfalls nichts erwartbar klingt.
Den Hang zu ungewöhnlichen Themen verdeutlicht auch Josephine, das sehr elegant die erste Ehefrau von Napoleon Bonaparte besingt. Concertina setzt auf eine verspielte, elegante Gesangsmelodie, Lust ist raffiniert reduziert, Suede gekonnt geheimnisvoll, Spring Haze verwebt filigran gleich mehrere klasse Melodien miteinander. Glory Of The 80’s klingt eher wie maximal 90‘s – und dafür, dass es damals so betont modern sein wollte, ist es erstaunlich gut gealtert. Es ist übrigens nicht der einzige Track auf To Venus And Back, in dem sich Tori Amos dem Sprechgesang annähert. Mit 1000 Oceans gibt es zum Abschluss des ersten Teils ausnahmsweise fast so etwas wie ein klassisches Liebeslied, das ihre Klasse und ihren besonderen Charakter als Sängerin unterstreicht.
Auch die zweite Hälfte mit den Konzertmitschnitten zeigt, wie groß die Lust auf Experimente und Entwicklung in dieser Karrierephase bei Tori Amos war. Der epische Auftakt Precious Things hat ein abenteuerliches Arrangement, Cruel zeigt, dass sie die elektronischen Elemente längst nicht nur im Studio schätzt, The Waitress ist im Vergleich zur Studioversion kaum wiederzuerkennen, Grunge schimmert darin in seiner Vorliebe für plakative Laut-Leise-Dynamik ebenso durch wie das Gespür für Atmosphäre aus dem TripHop.
Cornflake Girl ragt nicht als der Über-Hit heraus, sondern zeigt vielmehr, wie sehr es sich in ihre Ästhetik und die Qualität aller Kompositionen einfügt. In Bells For Her spürt man förmlich, wie das Publikum an ihren Lippen hängt, in Sugar prägen mächtige Drums und der Gesang die aufgewühlte Atmosphäre. Die Kombination aus hypnotischem Rhythmus, filigranen Tasten und verschwörerischem Text in Space Dog könnte auch von den Doors stammen, das schräge Mr. Zebra rückt nahe an Kunstmusik oder Musical oder Kinderlied. Im vergleichsweise straighten Girl stecken viel Kraft und Spannung, auch durch die prominenten Streicher.
Gegen Ende von To Venus And Back zeigt Little Earthquakes noch eine weitere Besonderheit, die im Rückblick auf diese Zeit überrascht: Die Musik von Tori Amos ist eigentlich kaum massenkompatibel und noch weniger Chart-tauglich. Ihre Songs können in manchen Passagen traumhaft schön sein, aber durch ihren gerne exaltierten Gesang in anderen Momenten auch anstrengend werden (was man hier insbesondere in der zweiten Hälfte des Doppelalbums manchem Track attestieren muss). Sie entfaltet hier eine sehr individuelle, ausgefeilte, stimmige Klangästhetik, die schon zur damaligen Zeit ebenso ungewöhnlich war wie die prominente Rolle einer bewusst weiblichen Perspektive, die nicht zuletzt im Albumtitel anklingt. Genau mit diesem Mut hat Tori Amos die Erfolgswelle losgetreten, die sie hier weiter reitet.


