| Act | Madsen |
| Album | Smile |
| Label | Goodbye Logik |
| Erscheinungsjahr | 2026 |
| Bewertung |

Naivität ist eine Eigenschaft, die Madsen in der mehr als 20-jährigen Geschichte ihrer Band immer wieder unterstellt wurde. Sie sehen liebend gerne das Positive, betonen Hoffnung auch noch in den düstersten Zeiten, beschwören Freundschaft und Miteinander in einer Welt voller Egomanen. All dies tun sie auch noch zu beglückenden Melodien. Auch das heute erscheinende Smile, ihr zehntes Album, dürfte wahrscheinlich wieder solche Vorwürfe hervorbringen.
Pass auf dich auf wird diesem Kritikpunkt wahrscheinlich Nahrung geben, der angenehm zurückgenommene Song handelt rund um die Zeilen „Pass auf dich auf / ich mach’ das doch auch“ von Menschlichkeit und Empathie, womöglich könnte man gar „Nächstenliebe“ dazu sagen. Jeder Berg bewegt sich packt das Sprichwort von der Zeit, die alle Wunden heilt, ins Kleid einer Powerballade. „1, 2, 3 / lass die Liebe frei / alle sind gleich / keiner bleibt allein“, heißt es in Auf die Barrikaden, vorgetragen auch noch von einem Kinderchor – und das ist natürlich für jeden schwer zu ertragen, der nur ein Promille Zynismus in sich trägt.
Auch diesmal gilt jedoch: Wenn du solche Verse blauäugig, unterkomplex oder gar unglaubwürdig findest, dann sagt das mehr über dich aus als über die Musik von Madsen. Es sei daran erinnert, dass „naiv“ auf das lateinische Wort „nātīvus“ zurückgeht, was „angeboren“ oder „natürlich“ bedeutet. Mit anderen Worten: Solche notorischen Optimisten wie Madsen sind wir eigentlich zunächst alle. Die meisten von uns hören nur irgendwann im Laufe ihres Lebens damit auf.
Dass Johannes, Sascha, Sebastian Madsen und Niko Maurer dies nicht tun, macht ihre Songs so besonders. Mehr denn je zelebrieren sie mit Smile dabei auch ihre Gemeinschaft. Erstens haben sie durchaus auch ein paar Querelen hinter sich. „Jahrzehntelang zusammen in einer Band zu spielen ist nach wie vor ein großes Privileg. Und auch wenn uns das gemeinsame Musikmachen genau so viel Freude bereitet wie in den Anfangstagen – eine Band muss zwischenmenschlich gepflegt werden. Gerade in unserem Jubiläumsjahr 2025 mussten wir uns mehr denn je reflektieren und auch einige Konflikte austragen. Das ist und war oft unbequem – aber es lohnt sich“, erzählt Sänger Sebastian Madsen. Zweitens agiert das Quartett mehr denn je in Eigenregie: Smile wurde im eigenen Studio aufgenommen und von der Band selbst produziert. Es erscheint auf dem eigenen Label „Goodbye Logik Records“, auch Social Media, Videoclips und das Management ihrer Band haben die Musiker mittlerweile weitestgehend selbst in die Hand genommen.
Die damit verbundene Freiheit hört man der Platte sehr deutlich an. Bleiben wir bei Auf die Barrikaden: Da gibt es einen HipHop-Beat, Scratches, Kuhglocken und Samples, zwischendurch scheint die Gitarre aus Fight For Your Right To Party zu erklingen, und tatsächlich wirkt das alles, als seien die Beastie Boys zu Hippies geworden. Achterbahn baut zu einem (zugegebenermaßen abgenutzten) Bild für das Auf und Ab des Lebens erstaunlich viel Elektronik ein. I Don’t Give A Fuck plädiert dafür, all die YouTube-Kommentare, WhatsApp-Nachrichten und Instagram-Bewertungen gepflegt links liegen zu lassen, das Klangspektrum reicht dabei von brachial bis niedlich und zeigt nicht zuletzt die Vielseitigkeit in der Stimme von Sebastian Madsen.
Hasta la Vista Baby beweist, dass Madsen auch mal böse und schonungslos sein können. Im tollen Neue Erinnerungen erklingt ein Gitarrensound, den man noch nie bei Madsen gehört hat, inklusive Slide-Effekt. „Der Refrain zu diesem Song ist bereits in der Pandemie entstanden. Wie so viele Menschen waren wir frustriert, haben den Stillstand kaum noch ertragen. Kein Input, kein Austausch, die alten Erinnerungen aufgebraucht“, erläutert Sebastian Madsen seinen Text, der die Sehnsucht nach kleinen und großen Abenteuern besingt, nach legendären Momenten in Gemeinschaft, ob Road Trip ans Ende des Kontinents, spontaner Grillabend am Baggersee oder einfach ein gutes Gespräch im richtigen Moment, nach dem man wieder anders auf die Welt blicken kann.
Der Titelsong als Auftakt von Smile setzt auf Sprechgesang in der Strophe, nicht nur deshalb kann man an Kraftklub denken. Es geht um einen Zettel mit einem aufmunternden Spruch, der dann eine ansteckende Wirkung entfaltet. „Wenn ein kleines Stück Papier meine Wunden wieder heilt / kann ein Lächeln womöglich Nationen vereinen.“ Dem Refrain fehlt ein Tick melodische Raffinesse, doch als das Lied durch den „Wohoho“-Teil gerade allzu kalkuliert zu werden droht, sorgt die ganze leise Backgroundstimme von Lisa Who für ein feines Gegengewicht. Love Is A Killer, Pt. 2 setzt die Zusammenarbeit mit Walter Schreifels (Rival Schools) vom 2012er-Album Wo es beginnt fort und besingt eine On-Off-Beziehung der fiesesten Sorte, wobei gerade die instrumentale Passage im letzten Drittel enorm viel Spannung erzeugt.
Auch in 1995 nimmt die Band aus dem Wendland die eigene Historie in den Blick. „Wir sind jung und wir sind Punk“, heißt es über die Zeit, als Bandmitglieder zwischen 12 und 16 Jahren alt waren. Der Song ist famoser Pop-Punk und zeigt zugleich, wie leicht die Revolte in der Provinz ist. Sebastian Madsen: „1995 war Punk schon längst tot. Das haben uns die Älteren zumindest erzählt. Uns war das allerdings egal. Wenn bei uns auf dem Dorf junge Menschen mit bunten Haaren, Toxoplasma-Shirts und Lederjacken mit Patches herumliefen, war das aufregender als Super Nintendo spielen. Es gab auf einmal respektlosen Humor, politische Haltung, bewusstes Anecken, in kleinen, eingeschworenen Gruppen ‘dagegen‘ sein – und natürlich Musik! Mit drei Akkorden die Welt erobern! Lauter spielen als die anderen! Auf den Gitarren-Verzerrer treten und dabei debil grinsen. 1995 haben wir genau das gelernt und es nie vergessen.“
Wie weit sie dabei gekommen sind, zeigt ein Track wie Rauch im Wind, der wie die Strokes zu ihren besten Zeiten klingt. Auch der Album-Abschluss Ein Licht vereint Energie und Esprit, Zusammenhalt und Miteinander, Wucht und Überzeugung, auf einem Niveau, das an Biffy Clyro oder die Foo Fighters denken lässt. Vor allem aber zeigen Madsen auch diesmal wieder auf entlarvende Weise, wie schön es sich anfühlen kann, naiv zu sein – und was Coolness eigentlich für ein bescheuertes, überhebliches, unmenschliches Konzept ist.

