Futter für die Ohren mit Madsen, Get Well Soon, Hot Chip, Soft Loft und Der Assistent

Track der Woche: Madsen – „I don’t give a fuck“

Wenn man so ein schönes Jubiläum wie das zehnte Studioalbum feiert, darf man auch mal etwas nostalgisch werden. Madsen tun das. Sie veröffentlichen am 5. Juni Smile, und der Clip zur letzten Vorabsingle I Don’t Give A Fuck ( ) zeigt Szenen von Konzerten und Interviews aus der gesamten Geschichte der Band aus dem Wendland. Auch im Song steckt durchaus ein bisschen Altersweisheit. Es geht darum, über all den Kommentaren, Sticheleien und Erwartungshaltungen stehen zu können, die einen glauben lassen sollen, man habe nicht die richtige Optik, nicht die angesagten Statussymbole, zu wenig Bedeutung oder zu viel nicht konforme Meinung. „Egal, wie gut es bei einem läuft: Irgendwo anders läuft es besser. Das bekommen wir täglich durch kleine Bildschirme gespiegelt. Viele schöne Menschen zeigen, wie perfekt ihr Leben ist“, erklärt Sänger Sebastian Madsen den Hintergrund des Songs. „Gleichzeitig wird geurteilt, kritisiert und offen beleidigt. Der Ton hat sich verändert. Meinungen sind impulsiver und unreflektierter geworden. I Don’t Give A Fuck ist der Versuch, sich von all dem frei zu machen. Es tut gut, diesen Satz zu schreien und zu sagen: Wir sind gut so wie wir sind!“ Das vertonen Madsen mit einer Strophe, die zerbrechlich klingt, bis das „Eieiei“, das scheinbar einen noch süßeren Part einläutet, in Wirklichkeit zu einem knüppelharten Refrain überleitet, bevor das Stück ganz am Ende noch mal eine Nummer brachialer wird. Wer Kraftausdrücke nicht mag, kann den Song vielleicht auch einfach als eine Anleitung zur emotionalen Resilienz begreifen. Das wird viel Spaß machen auf den Festivals, die Madsen im Sommer beehren, und auch auf der Tour im Herbst, für die es mittlerweile auch einen Termin in Leipzig gibt, nämlich am 2. Oktober im Haus Auensee.

Auch Get Well Soon blicken in diesen Tagen zurück, nämlich auf 20 Jahre Bandgeschichte. Die Band um Konstantin Gropper hat gerade das Album Minus The Magic herausgebracht. Als vierte Auskopplung gibt es jetzt The 4:3 Days ( ). Der Titel spielt an auf die Ära, bevor sich (rund um die Jahrtausendwende) 16:9 als neues Bildschirmformat durchgesetzt hat, der dazugehörige Clip kommt also konsequenterweise noch in den alten Proportionen daher und versammelt viele Eindrücke aus dem Tour-Tagebuch von Get Well Soon. Die Lust auf Retrospektive steckt auch im Lied: Gropper blickt auf seine Adolszenz zurück („Will I always be 16?“, lautet eine der Fragen), der Refrain ist so ungewöhnlich in der Melodieführung, dass er eigentlich gar nicht so hymnisch sein dürfte, der Sound wird insgesamt sehr kraftvoll und organisch, was auch daran liegen mag, dass die Band zum ersten Mal eine Platte gemeinsam live eingespielt hat. „Dieses Album handelt von der Mitte des Lebens. Und es richtet sich an Menschen mittleren Alters“, stellt Gropper klar, der in diesem Jahr 44 wird und nach vielen Arbeiten für Kino- und Fernsehproduktionen sowie als Produzent jetzt offensichtlich wieder mehr Fokus auf Get Well Soon legt: Es soll 2026 noch ein zweites Album folgen.

Zur School of 2006 gehören auch Hot Chip. Sie lassen es sich ebenfalls nicht nehmen, ein bisschen in der eigenen Geschichte zu schwelgen. Die Alben The Warning, Made In The Dark und One Life Stand bringt die Band gerade neu auf schwerem Vinyl und mit allen B-Seiten heraus. Das erinnert daran, wie stilprägend die Londoner mit ihren ausnehmend harmonischen Elektrosounds waren: Zu ihren Tracks konnte man damals plötzlich Tanzen und emotionale Offenheit verbinden. Man musste nicht am Rand herumstehen oder möglichst cool performen, sondern durfte sich die eigene Euphorie oder auch Traurigkeit anmerken lassen, sogar mitten auf dem Dancefloor. Als besonderes Schmankerl gibt es erstmals Bally ( ) in digitalem Format. Das Stück war ursprünglich eine Bonus-Single, die 2006 nur der Vinyl-Erstpressung von The Warning beigelegt war. Nun gibt es den Song auf allen gängigen Kanälen, er ist auch im Tracklisting der Neuauflage von The Warning enthalten. Zu Beginn ist der Song enorm sachte, es gibt Handclaps statt Monsterbeats, Harmoniegesang statt Synthieflächen. Auch danach agieren Hot Chip maximal einfühlsam und auf reizvolle Weise vertrackt, einschließlich der wunderbar warmen Stimme von Alexis Taylor und einer verlorenen E-Gitarre, die beweist, wie genau beispielsweise The XX damals schon zugehört haben.

Noch weiter zurück reicht die ästhetische Sehnsucht von Tom Hessler alias Der Assistent. Die prägenden Sounds für das am 19. Juni erscheinende Album Ultramarin sind an den frühen 1990ern geschult. Yacht Pop, Balearic und Downbeat nennt der einstige Fotos-Frontmann als wichtige Einflüsse für die acht Tracks auf seinem dritten Album als Der Assistent. Wie das klingt, zeigt Wenn der Scirocco weht () als zweite Single. Es gibt einen Dub-Bass, eine prägende Klaviermelodie, verspielte Bongos und mysteriöse Zeilen wie „Ich habe ein Ticket pro Person / für die parallele Dimension.“ Das alles klingt genau so, wie die Fototapete im Video aussieht, mit Sonnenuntergang, Meer, Palmen und einem warm säuselnden Wüstenwind.

„Last year is still over me“, singt Jorina Stamm in der neuen Single von Soft Loft. Man könnte meinen, damit sei das ereignisreiche Jahr 2025 für das Schweizer Quintett gemeint, zu dem unter anderem Headliner-Tourneen, Shows bei großen Festivals und die Aufmerksamkeit prominenter Medien wie BBC 6 und KEXP gehörten. Doch in Wirklichkeit geht es in F U Want It ( ) um den guten alten Liebeskummer. Man wurde verlassen, man ist verletzt, sogar sehr. Und man würde trotzdem jederzeit wieder die Tür (und das Herz) aufmachen für diese Person, der man nachtrauert, auch noch nach Jahren. „I’d still have you again / if you wanted.“ Die Musik dazu ist reduziert und trotzdem spannend, etwa durch die abgedämpften Gitarrensaiten und den nur angedeuteten Beat. Am 4. September erscheint des Album Throw The Dice, geschrieben und produziert von der Band selbst.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

Alle Beiträge ansehen von Michael Kraft →