Futter für die Ohren mit PJ Harvey, Julia Holter, Editors, Tiemo Hauer und Bruckner

Track der Woche: PJ Harvey – „Voyager“

Man stelle sich das einmal vor: Da ist eine Band in Deutschland, die in den 1990er Jahren ein paar Hits hatte. Keine ganz kleinen Hits, sondern richtigen Erfolg. Sie macht Popmusik, nicht komplett leichtgewichtig, aber auch nicht allzu tiefgründig. Meinetwegen so ähnlich wie Die Prinzen. In dieser Band spielt ein Typ die Tasteninstrumente, nennen wir ihn Bodo Hahn. Und dieser Bodo Hahn wird nach seiner Prinzen-Karriere zuerst ein renommierter Teilchenphysiker, mit Professur an der drittgrößten Hochschule des Landes. Und dann wird er auch noch ein mindestens ebenso berühmter TV-Moderator, der in den populärsten Wissenschaftssendungen des Landes zu sehen ist, so jemand wie Harald Lesch oder Ranga Yogeshwar. Und dann haben wir diesem Bodo Hahn auch noch das neuste Lied von PJ Harvey zu verdanken. Klingt unglaubwürdig? Nicht, wenn man Deutschland durch UK und Bodo Hahn durch Brian Cox ersetzt. Er hat einst bei D:Ream (Things Can Only Get Better) gespielt, forscht und lehrt nun in Manchester und bringt seinen Landsleuten via BBC die Welt der Naturwissenschaften näher. Demnächst geht er mit seinem „Emergence“-Infoprogramm auf Welttournee, und für diese Shows fragte er bei PJ Harvey an, ob sie einen Song beisteuern könnte. Sie hatte einen passenden Track im Sinn, an dem sie bereits für ihr neues Album arbeitete. „Als mich Professor Brian Cox also bat, ein Werk für seine neue Sendung zu schreiben, schickte ich ihm eine Sprachnotiz des Songs, um zu sehen, ob er ihn ansprach. Sofort kamen ihm dabei die Voyager-Raumsonden in den Sinn sowie der Klang ihres Signals, das zur Erde zurückgesendet wird. Ausgehend von diesen Ideen entwickelte ich den Song weiter und besprach mit Dario Marianelli eine orchestrale Begleitung. Ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis; es ist wunderbar zu hören, wie die Orchesterpartitur meiner Musik eine solche Weite verleiht. Die Recherche zur Geschichte und Reise von Voyager 1 und 2 hat mir großen Spaß gemacht, und ich habe mich gefreut, den großartigen Carl Sagan im Song zitieren zu können“, sagt sie. Das Ergebnis heißt Voyager (), klingt durch seine prominenten Synthie-Flächen sphärisch-schwebend und entwickelt durch die tollen Streicher am Ende richtig viel Drama. Zugleich ist das Stück, das mit einem vollständigen Orchester in den Miraval Studios in der Provence aufgenommen wurde, so erhaben und zugleich verletzlich wie unser Planet, den der erwähnte Astronom und Raumfahrer Carl Sagan einst als „pale blue dot“ bezeichnet hat, was PJ Harvey nun in ihren Text einfließen lässt. Wann der Nachfolger zum Grammy-nominierten I Inside The Old Year Dying (2023) erscheinen wird, steht noch nicht fest.

Der Titel des neuen Werks von Julia Holter würde Brian Cox sicher auch gefallen: Materia wird die Veröffentlichung heißen, die sie als Mini-Album betrachtet. Sieben Tracks sind darauf zu finden. Das Format ist darin begründet, dass einerseits noch viele Ideen aus den Sessions zu ihrem sechsten Album Something In The Room She Moves (2024) übrig waren, andererseits auch neues Material zwischen Tourneen und aus Skizzen entstanden war. Ein Beispiel dafür ist Fantasy (), das es jetzt als erste Vorabveröffentlichung gibt. Mehr als ein Jahr hat die Amerikanerin an diesem Song gearbeitet, ihn immer wieder verändert und neue Ansätze ausprobiert. Dem Ergebnis hört man diese Vielfalt an: Der Rhythmus lässt Latin-Einflüsse erkennen, die Melodieführung wirkt asiatisch, alles macht fast den Eindruck eines akustischen Jahrmarkts. Und als man sich gerade fragt, was dieses Stück zusammenhält, merkt man: Es ist ihre wundervolle Stimme. Materia erscheint am 22. August.

Auch Tom Smith, Frontmann der Editors, hat nach eigenen Angaben einen „sehr produktiven Sommer“ hinter sich. Neben der Arbeit an seiner Soloplatte There Is Nothing In The Dark That Isn’t There In The Light (Brian Cox würde dieser Aussage vermutlich zustimmen) hatte er somit auch noch Zeit, neues Material mit der Band einzuspielen. „Die Sonne schien die meiste Zeit, wir waren im grünen Gloucestershire, nicht weit von meinem Wohnort entfernt, in diesem unscheinbaren kleinen Gewerbegebiet – es war so ziemlich das Gegenteil von einem Aufenthalt im Berghain!“, beschreibt er die Entstehungsbedingungen des dabei entstandenen Albums Surface, Echo & Sound, das am 30. Oktober herauskommt. Mit The Rush ( ) gibt es nun die zweite Vorab-Single, sie handelt von einem (ausgedachten) Gespräch am Tresen, in dem zwei Leute über das Leben reflektieren. „Diese Vorstellung, Trost bei den Menschen zu finden, die mir nahestehen – bei Freunden, geliebten Menschen und der Familie –, ist ein Thema, das immer wieder auftaucht. Es ist ein Thema, das in gewisser Weise in allem enthalten ist“, sagt Smith. Musikalisch umgesetzt wird das mit einem sehr energischen Schlagzeug, im Refrain mit etwas The-Cure-Ästhetik und mit einer Mandoline, die auf dem achten Studioalbum der Editors öfter zu hören sein wird. „Wir setzen sie nicht in einem folkigen Sinne ein. Aber sie bringt eine warme Note hinein, die sich durch alles im Mix hindurchsetzen kann“, sagt Gitarrist Justin Lockey, der das Album auch aufgenommen und produziert hat. „Als Klangtextur spielt das Instrument auf dieser Platte definitiv eine große Rolle. Viele der Rhythmen stammen ebenso sehr von der Mandoline und der Akustikgitarre wie vom Schlagzeug.“ Das passt zum Ansatz, dass die Editors nach dem Vorgänger EBM (2022) wieder stärker in Richtung ihrer Wurzeln und organischer, akustischer Sounds gehen wollen. Am 16. Februar 2027 kann man sich in Leipzig im Haus Auensee überzeugen, wie gut das geklappt hat.

Für dieses Venue (Kapazität: 3600 Plätze) hat es zwar nicht ganz gereicht, aber immerhin hat Tiemo Hauer in Leipzig schon im Täubchenthal und UT Connewitz gespielt, als die Menschen noch seinen 2010 veröffentlichten Hit Nacht am Strand im Ohr hatten. In seiner neuen Single singt der Stuttgarter über diese Zeit, als er mal viele Tickets verkauft hat. Und fügt dann zynisch hinzu, dass er dies auch heute noch tue – allerdings nicht mehr als Act auf der Bühne, sondern als der Mann hinter der Kasse eines Jazz-Clubs. „Wahre Geschichte“, sagt er. Diese Kombination aus Schonungslosigkeit beim Blick auf die eigene Karriere und einer sehr harten Abrechnung prägt den Song, der den passenden Titel trägt: Du bist gefickt (). Aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers („Deine Probleme sind jetzt dein Problem“, stellt dieser klar) wird dem Künstler ein erbarmungsloses Zeugnis ausstellt, zu Klavier, Streichern und Schlagzeug. Natürlich ist darin Selbstmitlied enthalten angesichts der Erkenntnis, nach insgesamt fünf Studioalben, einer Live-Platte und etlichen EPs (zuletzt 2021 Sie kommen immer wieder raus) letztlich wieder auf einem sehr überschaubaren Erfolgslevel angekommen zu sein. Allerdings packt Tiemo Hauer noch mehr Selbstironie in dieses Lied, sodass die Verlierer-Ballade nicht nur unterhaltsam (etwa im Stile von Danger Dan) wird, sondern auch ihren Stolz bewahrt.

Vielleicht sind Milky Chance daran schuld, dass es auch 13 Jahre nach Stolen Dance noch immer so viele Songs auf deutschen Festivalbühnen, im Radio und in Spotify-Playlists gibt, die einem Muster folgen: simpler Beat, verhuschte Schrammelgitarre, halb vernuschelter Gesang, der Gestus eher latent lustlos als wirklich leidenschaftlich. Auch Bruckner schätzen diesen Sound, und er hat ihnen immerhin einen Major-Vertrag und zwei Alben in den deutschen Top40 eingebracht. Am 25. September legen die Brüder Jakob und Matti Bruckner ihr drittes Album Zusammenbleiben vor. Den Titel darf man auf das Miteinander in der Band beziehen, ebenso in einer Liebesbeziehung oder Familie. Insbesondere Letzteres hat die neuen Platte geprägt, denn Jakob Bruckner ist unlängst Vater geworden, was ihm nach eigenen Angaben auch geholfen hat, etwas optimistischer und zukunftsorientierter auf die Welt zu blicken. Die zweite Vorab-Single Magnolien () bringt das Leitmotiv vom Zusammenhalten, auch vom Verständnis für die gegenseitigen Schwächen und vom Verzeihen, schön zur Geltung. Die eingangs erwähnte Formel wird dabei durch viele Details im Hintergrund angereichert. Am 18. Oktober sind Bruckner in Leipzig im Werk 2 zu sehen.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und berichtet auf shitesite.de seit 1999 bevorzugt über Popkultur: Musik, Literatur, Film und TV. Außerdem über alles, von dem er denkt, die Welt müsse davon wissen. Bevorzugt erfolgt das aus der schönsten Stadt der Welt: Leipzig.

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