Die schockierende Welt von Margot Honecker

Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist sich Margot Honecker keiner Schuld bewusst. Foto: NDR

Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist sich Margot Honecker keiner Schuld bewusst. Foto: NDR

La Reina heißt der Stadtteil in Santiago de Chile, in dem Margot Honecker heute lebt. Übersetzt bedeutet das: die Königin. Und genau so führt sich die ehemals mächtigste Frau der DDR auf in ihrem ersten Fernsehinterview seit mehr als 20 Jahren.

Das Ende der DDR? Eine Verschwörung! Die marode Wirtschaft? Eine Lüge! Ihre einstigen Gegner? Banditen, Kriminelle, suspekte Elemente! Die Vorwürfe gegen sie wegen des im SED-Regime begangenen Unrechts? Majestätsbeleidigung!

Keinen Moment lang kommt die 84-Jährige in Versuchung, sich selbst zu hinterfragen. Dass ihre Macht jedenfalls nie demokratisch legitimiert war, blendet sie aus. Dass das SED-Regime auch seine eigenen Ansprüchen (und den Versprechungen der eigenen Politik, etwa nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki) niemals gerecht wurde, ficht sie auch nicht an.

Man kann sich nur wundern über ihre Positionen. Und man kann anhand ihrer spektakulären, empörenden Aussagen erkennen, wie die 90 Minuten von Der Sturz – Honeckers Ende, die ursprünglich als Dokumentation über Erich Honecker geplant waren, mehr und mehr zu einem Porträt seiner Frau wurden.

4,2 Millionen Zuschauer schalteten ein und hatten das Vergnügen zu betrachten, wie gut es Filmemacher Eric Fiedler gelungen ist, beides miteinander zu verweben. Der Sturz ist eine sehr gelungene Collage, mit Zeitsprüngen, mit wichtigen Protagonisten, mit Bildern, die Geschichte gemacht haben, und immer wieder mit Aussagen von Margot Honecker. «Sie will aufräumen mit den Lügen über sie, ihren Mann und die DDR», erklärt eine Stimme aus dem Off die Ausgangsposition für das Interview. Doch es sind gerade ihre Aussagen, die dafür sorgen, dass man am Ende von Der Sturz nicht einmal ein bisschen Mitleid haben kann mit diesem Ehepaar.

Dabei hätte der Absturz kaum tiefer sein können, den die Honeckers erlebten. Der Film macht die Rasanz beeindruckend deutlich. Noch am 7. Oktober 1989 lassen sich die Honeckers beim 40. Jahrestag der DDR feiern. Niemand hat in der Geschichte des SED-Staates so viel Macht gehabt wie Erich Honecker. Zehn Tage später wurde er von den Mitgliedern des Politbüros abserviert, genau wie er einst seinen Vorgänger Walter Ulbricht abserviert hatte. Schnell spielt Honecker keinerlei Rolle mehr im politischen Geschehen.

Die nächsten Etappen reihen eine Demütigung an die nächste: Anklage wegen Hochverrats. Verhaftung aus dem Krankenbett heraus. Asyl ausgerechnet in einem Pfarrhaus, nachdem Honecker nach seiner Freilassung niemand sonst aufnehmen wollte. Todesangst, weil sich vor der Tür eine wütende Menge versammelt, vor der ihn niemand beschützt. Flucht nach zehn Wochen in ein anderes Quartier, schließlich eine Abreise aus der DDR, die einem Spießrutenlauf gleicht. Asyl in der chilenischen Botschaft in Moskau. Erneute Anklage, diesmal wegen des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze. Einstellung des Verfahrens wegen Haftunfähigkeit. Abflug nach Chile, den ihm die PLO bezahlen muss. Tod am 29. Mai 1994, einsam und 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt.

Was das für eine menschliche Tragödie war, bringt Der Sturz durchaus nahe. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende war nach seiner Freilassung aus der U-Haft Ende Januar 1990 «der berühmteste und wahrscheinlich einzige Obdachlose der DDR», sagt Ralf Romahn, der Volkspolizist, der für die Vernehmung Honeckers zuständig war. Honecker wurde behandelt «wie eine heiße Kartoffel», sagt Uwe Vollmer, der Pastor, der die Honeckers schließlich bei sich aufnahm und zehn Wochen lang beherbergte. Von «Pogromstimmung» spricht ein Augenzeuge, der Honeckers letzte Stunden in Deutschland miterlebt hat.

Unendlich einsam müssen sich Erich und Margot Honecker in diesen Tagen gefühlt haben, missverstanden, von allen verraten. «Die DDR war für mich mein Leben. Es ist eine Tragik, dass es dieses Land nicht mehr gibt», gesteht Margot Honecker an einer Stelle der Dokunentation. Ihr Mann hatte als junger Kommunist zehn Jahre Gestapo-Haft überstanden. Nun musste er fürchten, vom eigenen Volk gelyncht zu werden, in dem Land, das er mit aufgebaut hatte. Was muss das für ein Gefühl sein – vor allem für einen Mann, der von seiner Umgebung als «schlichtes Gemüt» beschrieben wird? Der Sturz lässt die Antwort nur erahnen. Vor allem aber lässt die Doku kein Bedauern zu. Denn dafür ist Margot Honecker in ihrem Rückblick zu eiskalt, schamlos, unmenschlich.

«Es gab keinen Schießbefehl, sondern nur Waffengebrauchsbestimmungen», doziert sie. Und macht dann deutlich, all jene, die auf Fluchtversuchen ihr Leben verloren haben, seien schließlich nicht gewzungen worden, «über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter.» Es ist der Höhepunkt von ganz viel Borniertheit. Bei solchen Sätzen bleibt einem als Zuschauer die Spucke weg – man mag sich kaum vorstellen, wie sich die Angehörigen der Opfer bei solchen Zitaten fühlen mögen.

Dabei präsentiert sich die ehemalige Ministerin für Volksbildung durchaus geistig fit und sogar rhetorisch trickreich. Aber sie ist verblendet, gefangen in ihrer eigenen Ideologie. Auch eine Generation nach dem Ende der DDR und dem Untergang des Kommunismus spricht sie von Klassenkampf und Konterrevolution. Den Mauerfall nennt sie «besorgniserregend», ihren Hass auf Gorbatschow kann sie kaum verhehlen.

Vor allem aber zeigt Margot Honecker, die mittlerweile von 1500 Euro Rente lebt und diesen Betrag als Schikane empfindet, nicht ein bisschen Reue. Es ist eine der Stärken der Dokumentation, dass der Film dies deutlich macht, ohne Stellung zu beziehen. Stattdessen wird die 84-Jährige direkt mit den Aussagen anderer konfrontiert, umgekehrt antworten beispielsweise Opfer des DDR-Regimes auf ihre Interview-Zitate. «Es wurden Fehler gemacht», gibt Margot Honecker zu, aber sie übernimmt nicht die geringste persönliche Verantwortung. Wenn es um Unrecht geht, dann formuliert sie im Passiv. Sie sagt «man hat» oder «du machst». Nur einmal sagt sie «ich», als sie erklärt, wie sie mit angeblich ungerechtfertigten Vorwürfen umgeht: «Da habe ich einen Panzer.»

Nur eine Schwäche hat Der Sturz: Der Fokus liegt so stark auf den biografischen Aspekten, dass die Rolle Honeckers während der friedlichen Revolution zu kurz kommt. Wie entscheidend es womöglich war, dass er zu Beginn des Umbruchs wegen einer Operation an der Galle außer Gefecht gesetzt war, wird nicht erwähnt. Wie sehr in der SED die Hörigkeit nach oben und die Fixierung auf den Staatschef ausgeprägt waren, was schließlich dazu führte, dass das Regime den Protesten erst tatenlos und dann fast ohnmächtig gegenüberstand, das wird allenfalls angedeutet. Wie sehr Honecker schließlich selbst von den Ereignissen (auch innerhalb seiner eigenen Partei) überrumpelt wurde, das kommt nur zwischen den Zeilen heraus.

Die Gründe dafür zeigt die insgesamt sehr gelungene Dokumentation trotzdem auf: Rund um Honecker herum wurde für ihn jahrzehntelang eine eigene Wirklichkeit aufgebaut. Erich Honecker war ein Mann, der sein eigenes Land und sein eigenes Volk nicht kannte – zudem ein Diktator, der die Wahrheit auch nicht kennen wollte. Und er schaffte es, ebenso wie seine Ehefrau, auch nach dem Ende der DDR nicht, diesen Fehler zu erkennen. «Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben», hat der DDR-Staatschef einst gesagt. Für die Mauer in den Köpfen der Honeckers gilt das in jedem Fall.

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Extrem schön – Dorian Gray bei RTL2

Sylvia schämt sich so sehr für ihr Aussehen, dass sie kaum aus dem Haus geht - eine OP soll helfen. Bild: RTL2

Sylvia schämt sich so sehr für ihr Aussehen, dass sie kaum aus dem Haus geht - eine OP soll helfen. Bild: RTL2

Ein 20-köpfiges Team begleitet die Protagonisten bei Extrem schön in jeder Staffel. Keiner von all den Chirurgen, Zahnärzten, Psychologen und Stylisten heißt Oscar. Keiner von ihnen heißt Wilde. Auch die Namen «Dorian» und «Gray» sucht man vergebens in der Liste der Macher der Schnippeldoku von RTL2.

Schaut man sich Extrem schön an, dann ist Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde trotzdem allgegenwärtig. Denn die uralte Geschichte des Romans aus dem Jahr 1890 wird hier in jeder Folge neu erzählt. Es ist der Traum von einem neuen Ich (Endlich ein neues Leben, heißt schließlich der Untertitel der Sendung), von Makellosigkeit und vom Vergessen alter Sünden.

Dorian Gray ist ein hübscher junger Mann. Er erblickt ein Porträt von sich und wünscht sich, das Gemälde würde an seiner Stelle altern, und er könne dafür ewig jung bleiben. Sein Wunsch erfüllt sich: Dorian Gray bleibt ein strahlender Schönling, während sich in seinem Gesicht auf dem Bild nach und nach nicht nur die Spuren des Alters abzeichnen, sondern auch all die Laster, Fressorgien und anderen Sünden, die Dorian Gray im Laufe der Jahre begeht.

So ähnlich stellt sich wohl auch Sylvia ihren Auftritt bei RTL2 vor. «Mein Spiegelbild – ich mag’s nicht sehen. Ich erschreck mich manchmal selbst davor», sagt die 45-jährige Reitlehrerin. Die zweifache Mutter leidet schon seit Jahren derart unter ihrem Körper, dass sie sich kaum mehr vor die Tür traut. Ihr Mann hat sie nach zwölf Jahren Ehe verlassen, weil sie auch vor ihm ihren Körper verbergen wollte. Auch die beiden Kinder wundern sich, warum die Mutter keine Nähe zulassen kann. Alle Hoffnungen setzt sie nun auf RTL2: Nach den 42 Minuten von Extrem schön will Sylvia ein neuer, strahlender Mensch sein, und ihre hässliche Vergangenheit soll unsichtbar werden wie das Bildnis des Dorian Gray, das von ihm in einer dunklen Dachkammer versteckt wird.

Ganz ähnlich sieht die Biografie der 43-jährigen Elke aus: Sie fühlt sich alt und entzieht sich am liebsten jeder Berührung. Ihr Ex-Mann hat ihr 15 Jahre lang eingeredet, sie sei hässlich. Auch sie sagt einen Satz in die Kameras, der von Dorian Gray stammen könnte: «Ich hoffe, wenn ich in den Spiegel schau, dass mir da jemand entgegen schaut, den ich mag.»

Natürlich sind die Experten von RTL2 da gerne zur Stelle. Sylvia legt sich insgesamt neun Stunden unters Messer und bekommt in ihrem Operationsmarathon neue Zähne für den Oberkiefer, ein Lifting, eine Nasenkorrektur und größere Brüste. Elke darf sich nach mehrwöchigen Behandlungen ebenfallls über ein strafferes Gesicht und straffere Brüste freuen.

Beide sind, gemessen an den Standards von Extrem schön, keine besondere Härtefälle – weder von ihrer Leidensgeschichte her noch von ihrem Äußeren. Bei Sylvia scheint schon die Nachricht zu genügen, dass sie an der Sendung teilnehmen darf, um ihr neuen Lebensmut zu geben. Elke ist frisch verliebt und hat vier Kinder, die sich eifrig um sie bemühen – auch das ist keineswegs Standard im Dokusoapland.

Umso mehr muss man sich im Verlauf der vorletzten Folge der aktuellen Staffel wundern. Warum können diese Frauen nicht akzeptieren, dass sie älter werden? Warum können sie einem Mann, der sie liebt, nicht ihre Brüste zeigen – präsentieren sie aber bereitwillig einem Millionenpublikum im Fernsehen? Warum erhoffen sie sich von einem chirurgischen Rundumschlag plötzlich die Lösung aller Probleme? Warum sagt ihnen niemand, dass ein Gesicht auch eine Identität ist? Dass es womöglich auch für die Psyche gesünder ist, die authentischen Spuren seiner Biografie zu tragen, als eine Lüge zu leben? Das Gesicht trägt «das Geheimnis seines Lebens und erzählt seine Geschichte», schreibt Oscar Wilde über Dorian Gray.

Was sein Romanheld erkennen muss: Die Trennung von außen und innen funktioniert nicht. Der ewigschöne Dorian Gray wird paranoid, herrisch, ein unausstehlicher Mensch. Am Ende des Romans zerstört Dorian Gray sein eigenes Porträt – es ist seine letzte Hoffnung, um wieder in seine echte Rolle schlüpfen zu können. Der Tausch gelingt, und er wird zum Selbstmord der Figur: Das Bildnis ist plötzlich wieder strahlend schön, Dorian Gray ist eine unförmige Leiche mit einem «verlebten, runzeligen, widerwärtigen Gesicht». Bestimmt kein schöner Anblick, sicher ein dankbares Einsatzgebiet für die RTL2-Chirurgen – aber immerhin sein wahres Ich.

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu Extrem schön auch bei news.de.

Die komplette Folge von Extrem schön gibt es hier in der Mediathek von RTL2.

Quelle:
News -
Medien News -
«Extrem Schön» – Der Horror im Spiegelbild

Willkommen in Günther Jauchs Zeitmaschine

Atomstrom oder Windkraft? Bei Günther Jauch waren die ideologischen Grenzen klar gezogen. Foto: obs/Deutscher Naturschutzring

Atomstrom oder Windkraft? Bei Günther Jauch waren die ideologischen Grenzen klar gezogen. Foto: obs/Deutscher Naturschutzring

Kann man mit Atomstrom eine Zeitmaschine betreiben? Oder mit Windkraft? Ich weiß es nicht. Ich bin mir, spätestens seit Zurück in die Zukunft Teil 1 – 3 nur sicher: Um durch die Zeit reisen zu können, braucht man ziemlich viel Energie. Oder Günther Jauch.

Denn der diskutiert wieder einmal den Atomausstieg und die Frage, ob Deutschland ohne Kernenergie auskommen kann. Doch so richtig stimmt zunächst nichts an dieser Sendung. Die Fairness? Die übliche Verteilung, die Befürworter und Gegner in etwa gleich große Lager aufteilt, wird sträflich ignoriert. Wolfgang Clement steht von Anfang an ganz alleine da als Liebhaber der deutschen Atomkraftwerke, und er muss sich gleich gegen dreieinhalb Kritiker wehren. Das Thema? Sündenfall Atomkraft – aber geht’s wirklich ohne Kernenergie? heißt der Titel der Sendung. Doch zwischendurch geht es plötzlich um Backpulver und den Bundespräsidenten. Das Timing? Als Aufhänger für das Thema hat Günther Jauch das Reaktorunglück von Fukushima gewählt – das jährt sich aber erst am kommenden Sonntag zum ersten Mal.

Doch die Sache mit der Zeit ist ohnehin nicht so entscheidend an diesem Abend im Berliner Gasometer. In weiten Teilen hätte die Debatte, mit denselben Teilnehmern und denselben Positionen, auch unmittelbar nach der Katastrophe von Fukushima stattfinden können.

Wolfgang Clement ist, wie damals schon, einer der wenigen, die sich öffentlich für die Kernenergie stark machen wollen. Nach wie vor schwört er, als Aufsichtsratsmitglied von RWE wohl nicht ganz unvoreingenommen, auf die unvergleichlichen Sicherheitsstandards hierzulande. Dass ein deutsches AKW in die Luft fliegen könne, sei so gut wie unmöglich. Gewiss sei hingegen, dass durch den Atomausstieg die Strompreise explodieren. Zudem weist Clement korrekterweise darauf hin, wie scheinheilig ein Ausstieg ist, wenn dann Atomstrom aus den Nachbarländern nach Deutschland importiert werden muss.

Glaubwürdig ist allerdings nichts davon. Spätestens dann nicht mehr, als Clement sich vehement gegen Subventionen für Solarstrom ausspricht. Damit würden künstlich und auf Kosten des Steuerzahlers Arbeitsplätze am Leben erhalten, sagt er. Das ist durchaus amüsant aus dem Mund eines Mannes, der einmal Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, wo eben dies jahrzehntelang für den unrentablen und zudem klimaschädlichen Steinkohlebergbau getan wurde.

Die Rolle von Ranga Yogeshwar, dessen Stern im deutschen Fernsehen während der Dreifach-Katastrophe von Japan noch heller strahlte als die Brennstäbe in Fukushima, übernimmt diesmal Ulrich Walter. Der Physiker und ehemalige Astronaut weist darauf hin, dass Radioaktivität ganz natürlich ist. Mit dem Geigerzähler rennt er durchs Studio, und wir lernen: Eine Packung Backpulver strahlt etwa sechs Mal so stark wie Günther Jauch. Das hat zwar durchaus Charme im Stile der Sendung mit der Maus, hilft aber weder im Falle eines Supergaus noch hinsichtlich der Frage der Zukunft der Energieversorgung.

Auch Gudrun Pausewang, Autorin des Anti-Kernkraft-Werkes Die Wolke, driftet vergleichsweise weit ab. Hatte Walter noch versucht, Radioaktivität quasi als bio zu verkaufen, ist die Strahlengefahr für die 84-Jährige ebenso bedrohlich wie die Nazis. «Was habt ihr dagegen getan?» – diese Frage hätte ihre Generation den Eltern gestellt, die das Dritte Reich womöglich mitgetragen hatten. Sie selbst müsse sich die Frage im Hinblick auf die Gefahren von Atomunfällen stellen lassen, glaubt Pausewang.

Umweltschützer Franz Alt gibt derweil den Apostel der Energiewende. Ein «grünes Wirtschaftswunder» propehzeit er der Republik. Auch er scheint dabei eher im Jahr 2011 denn im Hier und Jetzt zu verweilen, wo die Kürzung der Solarforderung und Arbeitsplatzabbau bei Solar-Herstellern die Schlagzeilen beherrschen.

Und dann ist da ja noch Klaus Töpfer. Immerhin er bringt eine Prise Aktualität in der Runde. Schließlich galt der ehemalige Bundesumweltminister als heißer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, bis die Kanzlerin von der FDP überrumpelt wurde und sich für Joachim Gauck begeistern musste. Der CDU-Mann, als Vorsitzender der Ethikkommission im vergangenen Frühjahr treibende Kraft für den Atomausstieg schwarz-gelber Prägung, gibt sich staatsmännisch und weltmännisch. Fast wirkt sein Auftritt wie eine nachträgliche Bewerbung für ein Ticket ins Schloss Bellevue.

Immerhin bleibt er der Einzige an diesem Abend, dessen Argumente von keinem anderen in der Runde widerlegt werden können. Kein Wunder: Töpfer hat schlicht die Logik auf seiner Seite. Dass man ein Restrisiko nicht mehr in Kauf nehmen muss, wenn man eine gleichwertige Alternative schaffen kann, die mit keinerlei Risiko verbunden ist – das leuchtet ein. Dass man keine Demokratie mehr braucht, wenn sich die Politik ständig in Situationen manövriert, die angeblich alternativlos sind – solch eine selbstkritische und grundsätzliche Erkenntnis hätte auch von Joachim Gauck kommen können.

Töpfer scheint derjenige zu sein, bei dem die Ereignisse von Fukushima wirklich zu einem grundsätzlichen Hinterfragen seiner Position und zu einer ernsthaften Suche nach Alternativen geführt haben. Alle anderen bei Günther Jauch verharren in ihrem ideologischen Schutzpanzer. Das zeigt vor allem eins: Wie wenig wir alle innerhalb des Jahres nach der Katastrophe von Fukushima gelernt haben.

Bestes Zitat: «Ich bin nicht Rot-Grün. Sondern ich bin Clement.» (Wolfgang Clement will nicht in Sippenhaft genommen werden für Positionen der Bundesregierung, der er angehörte).

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu den Atomkraftwerken in Deutschland auch bei news.de.

Was die Votings über das Dschungelcamp verraten

So sieht eine verdiente Dschungelkönigin aus: Bei allen Votings lag Brigitte Nielsen in der Gunst der Zuschauer vorne.

So sieht eine verdiente Dschungelkönigin aus: Bei allen Votings lag Brigitte Nielsen in der Gunst der Zuschauer vorne.

Brigitte Nielsen ist Dschungelkönigin. Die Schauspielerin gewann souverän, wie es news.de übrigens schon vor dem Start der sechsten Staffel vorhergesagt hatte. «Ich freue mich so! Dschungelkönigin 2012 – habe ich nie gedacht, mein Gott! Ich bin sooo froh, oberfroh und freue mich sehr!», jubelte sie im Interview nach ihrem Triumph. Auch der bisherige Amtsinhaber scheint zufrieden mit dieser Wahl. Peer Kusmagk lobte auf bild.de: «Ich könnte mir keine bessere Nachfolgerin vorstellen. Ich bin geehrt und gerührt zugleich.»

Auch in der Gunst der Zuschauer lag die laut RTL «offiziell 48-Jährige» deutlich vorne. Das zeigen die Voting-Ergebnisse der einzelnen Sendungen, die RTL nun öffentlich gemacht hat. Fast die Hälfte der Zuschauer stimmte beim ersten Final-Voting für Brigitte Nielsen. Kim Debkowski bekam nur ein Drittel der Stimmen, rund ein Sechstel der Anrufer stimmte für Rocco Stark ab. Im zweiten Voting lag die Dänin mit 56,7 Prozent ebenfalls deutlich vor der Zweitplatzierten Kim Debkowski.

Bei allen Abstimmungen, mit denen die Zuschauer entscheiden konnten, welche Kandidaten im Camp bleiben sollen, lag Brigitte Nielsen an der Spitze. Die Schauspielerin war auch die Kandidatin, die die meisten Zuschauer von Ich bin ein Star, holt mich hier raus bei Bewährungsproben sehen wollten: Bei der Frage «Wer soll in die Dschungelprüfung» kam Brigitte Nielsen sechs Mal unter die Top3.

Neben der Bestätigung für den klaren Sieg offenbaren die Zahlen aber auch interessante Details. So scheiterte beispielsweise Micaela Schäfer nur äußerst knapp am Einzug ins Finale. 16,01 Prozent der Anrufe reichten für sie nicht, um unter die letzten drei Dschungelcamper zu kommen. 16,88 Prozent wären genug gewesen – denn mit diesem Resultat erreichte Rocco Stark das Finale. Noch knapper erwischte es Ailton: Ihm fehlten nur 0,43 Prozentpunkte, um sich an Tag 13 zu retten – dann hätte es statt ihm Vincent Raven erwischt. Der Magier, der am Ende als Fünftplatzierter aus dem Dschungelcamp ging, lag übrigens in der Gunst der Anrufer nie unter den Top5 – da hat sich wohl einer geschickt im Hintergrund gehalten und das Beste daraus gemacht.

Ebenfalls überraschend: Bei der Frage, wen die Zuschauer weiterhin im Camp sehen wollen, lag Rocco immer vor Kim Debkowski – bis zum Tag vor dem Finale, in dem er dann den Kürzeren gegen die ehemalige DSDS-Kandidatin zog. Aber die beiden Turteltauben werden einander bestimmt schon verziehen haben.

Für Micaela Schäfer hingegen erwies sich der Borat-Bikini trotz seiner modischen Fragwürdigkeit als Glücksgriff. Nur 8,1 beziehungsweise 6,1 Prozent der Anrufer hatten sich in den beiden Folgen zuvor für ihren weiteren Verbleib im Dschungelcamp ausgesprochen. Nachdem sie im knappstmöglichen Outfit ihre Dschungelprüfung gemeistert hatte, schnellte der Wert auf 11,6 Prozent hoch. Da hat sie sich wohl doch ein bisschen Respekt erarbeitet. Oder die Zuschauer waren gespannt, ob sie beim nächsten Mal vielleicht noch weniger trägt.

Die vielen Verehrer von Micaela Schäfer

Die Wäsche ist schnell gemacht: Micaela Schäfer war im Dschungelcamp dauernackt. Foto: RTL/Stefan Menne

Die Wäsche ist schnell gemacht: Micaela Schäfer war im Dschungelcamp dauernackt. Foto: RTL/Stefan Menne

Das war’s dann also für die nackteste Dschungelcamp-Kandidatin aller Zeiten. «Holt mich hier raus» – den Gefallen haben ihr die RTL-Zuschauer gestern Abend getan. «Ich bin ein Star» – dieser Satz gilt nach ihren freizügigen Auftritten für Micaela Schäfer mehr denn je, auch ohne Dschungelkrone. Als «Deutschlands berühmtestes Erotikmodel» hatte sich die Berlinerin vor dem Start der aktuellen Dschungelcamp-Staffel gerne angepriesen. Nach ihrer barbusigen Dauerpräsenz bei RTL ist aus dieser Behauptung eine Tatsache geworden.

Doch wie geht es jetzt weiter für Micaela Schäfer? Die Wäsche dürfte ja schnell gemacht sein, angesichts von lediglich einem Mini-Bikini und ein paar Nippelhütchen, die offensichtlich das gesamte Gepäck für Micaelas Reise nach Australien ausmachten. Sicher wird jetzt ein Interview-Marathon folgen. Vielleicht gibt es auch lukrative Werbeangebote. Ein Kleinwagenhersteller («Weniger ist mehr») könnte sie als prominentes Gesicht verpflichten oder der Verband der deutschen Theaterintendanten («Auch aus ganz wenig Stoff kann man ganz viel herausholen»). Zu wünschen ist Micaela aber vor allem, dass sie endlich den passenden Mann findet.

Denn über ihr Single-Dasein klagte die Camp-Nudistin nicht nur bei Ich bin ein Star, holt mich hier raus. Ihre Brüste habe schon ewig keiner mehr angefasst, gestand sie. Sie stehe auf «dreckigen Sex» und habe «schon mit Frauen rumgeknutscht – aber das war nur so Spaß», lauten weitere Bekenntnisse. Auch auf ihrer Homepage plaudert sie freimütig über ihr nicht existentes Liebesleben. Seit vier Jahren geht sie einsam durchs Leben. Dabei träumt sie doch von einem Mann, einer Familie, einem Hund und Haus mit Garten, erzählt sie. Und sie betont: «Fortpflanzung hat mich schon immer interessiert.»

Nach den Auftritten im Dschungelcamp dürfte es ein Leichtes sein, ihr da auf die Sprünge zu helfen. Denn Micaela hat mit ihrer Abneigung gegen Textilien aller Art nicht nur für reichlich Empörung gesorgt. Sie hat auch viele Fans gewonnen – und Verehrer. In der RTL-Zuschauerredaktion sind zwar noch keine Heiratsanträge für oder Liebeserklärungen an Micaela angekommen, wie der Sender auf Anfrage von news.de mitteilte. Aber im Netz ist das Erotikmodel heiß begehrt. Auf ihrer Facebook-Fanpage  schwärmt beispielsweise Wolfgang Gläser: «Micaela ist einfach der Hammer!» Auch Michael Hase hat in der 28-Jährigen «eine megageile Frau» erkannt. Heinz Lammers geht sogar noch weiter und schwärmt: «Sie ist die Beste. Alle, die über sie meckern, sind nur neidisch. Micaela, ich liebe dich!»

Im Forum von Dschungelcamp-Sender RTL tummeln sich ebenfalls etliche Micaela-Liebhaber – und sie schätzen an der gelernten pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten nicht nur die äußeren und gerne hergezeigten Reize. «Ich finde, Micaela kann sich sehr gut artikulieren und ich sehe ebenfalls innere Schönheit. Meiner Meinung nach hat sie einen super Charakter, hat Mut und fällt nicht mit sinnlosen Zickereien auf – und das ist wieder etwas was dann absolut für ihre Intelligenz spricht», meint Flavo. Für einen anderen User mit dem Nickname CaptainD17 ist sie «auf jeden Fall die netteste Person im Camp. Lästert nie, sondern im Gegenteil, sie lobt ihre Mitstreiter auch noch. Ich finde sie toll. Und bei einem IQ-Vergleich wäre sie, so glaube ich, vor einer Jazzy oder Radost.»

Einige der news.de-Leser haben ebenfalls Gefallen an Micaela gefunden. «Das Mädel sieht doch reizend aus», meint Wulff. «Sehr clever! Endlich eine, die nicht spinnt und es absolut cool angeht», kommentiert Andy. Bei bild.de gibt es sogar ganz unverhohlene Offerten. «Ich finde sie sexy und attraktiv trotz der künstlichen Brüste. Und wenn sonst niemand sie will, dann beende ich ihr Single-Dasein», schreibt Paul Panther. Auch Ali Bubu ist rundum begeistert: «Micaela sieht super aus und macht keineswegs einen dümmlichen Eindruck. Viele, die Micaela für billig halten und der Meinung sind, sie wäre so einfach zu haben, träumen in Wahrheit nur davon, mit so einer tollen Frau zusammen zu sein.»

Stehen die Männer also bei Micaela dank ihres Dschungelcamp-Ruhms bald Schlange? Kann sie vielleicht doch noch bei Ailton landen? Oder hat gar Brigitte Nielsen an ihrer Dschungel-Mitstreiterin Gefallen gefunden (sie lobte Micaela nach deren Dschungelprüfung mit Kakerlaken, Maden und einem Blutcocktail immerhin als «starke Frau»)? Wir wünschen es ihr. Und wenn alle Bikiniträger reißen, bleibt ja immer noch Bata Ilic…

Diesen Artikel gibt es mit vielen Hintergründen und Fotostrecken zum Dschungelcamp 2012 auch bei news.de.

Bobbycar statt Aufklärung

Vielleicht ist Christian Wulff bloß deshalb noch nicht zurückgetreten, weil sie alle keine Zeit haben. Schauspielerin Nina Hoss muss sicher schon überlegen, welches Kleid sie zur Berlinale in drei Wochen tragen wird, sollte es einen Bären für ihre Rolle in Barbara geben. Ihre Kollegin Martina Gedeck ist gerade mit Dreharbeiten zu einer Neuauflage von Die Nonneeingespannt. Für Sänger Sebastian Krumbiegel steht bald eine Solo-Tournee ins Haus. Und Thomas Bach hat als Vizepräsident des IOC sicher jede Menge mit den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in London zu tun.

Was das alles mit dem Bundespräsidenten zu tun hat? All die Genannten saßen vor rund 17 Monaten in der Bundesversammlung und mussten sich im dritten Wahlgang zwischen Christian Wulff und Joachim Gauck entscheiden. Wir wissen nicht, wer wie abgestimmt hat. Aber man darf recht sicher sein: Insgeheim dürften sich mittlerweile fast alle von ihnen wünschen, Gauck hätte damals das Rennen gemacht.

Denn seit der Affäre, in der es erst um einen Kredit, dann um einen Anrufbeantworter und neuerdings um Kochbücher geht, kommt das Staatsoberhaupt nicht mehr aus den Negativschlagzeilen. Das nervt, stellt Günther Jauch sehr richtig fest. Und er will in seiner dritten Sendung zum Thema Wulff wissen: Ist der Bundespräsident mittlerweile Opfer einer Medienhatz?

Es mangelt nicht an kräftigem Vokabular. Von Denunzianten und Voyeuren ist die Rede, von Verfolgungswahn und Amtsanmaßung, von Politik als Selbstbedienungsladen. Eine Antwort findet die Talkrunde erwartungsgemäß trotzdem nicht. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo werden zunächst prophetische Gaben unterstellt (sein erster Text über Christian Wulff trug bereits vor 20 Jahren die Überschrift «Stehvermögen auf scheinbar verlorenem Posten»). Dann fordert der Journalist, sehr souverän und mit guten Argumenten, vernünftige Maßstäbe und einen korrekten Umgang miteinander ein. Und sorgt für die größte Überraschung, als er seine Co-Autorschaft von Karl-Theodor zu Guttenbergs Vorerst gescheitert als Fehler einräumt.

Moritz Hunzinger, ehemaliger PR-Berater, plädiert derweil für «mediterrane Contenance», praktiziert selbst aber von der ersten Minute an die maximale Empörung. Ansonsten empfiehlt er sich als Aushilfe, falls die Jauch-Redaktion mal wieder einen unbelehrbaren, arroganten Schlauberger braucht und FDP-Unsympath Martin Lindner gerade nicht verfügbar ist. Der Bundespräsident sei tapfer, jung und gut aussehend – das scheint für Hunzinger auszureichen, um in der Causa Wulff für die Methode «Schwamm drüber» zu plädieren.

FDP-Mann Wolfgang Kubicki (auch er war im Mai 2010 übrigens Mitglied der Bundesversammlung) wundert sich nicht, wenn Politiker offen für Annehmlichkeiten sind, schließlich seien sie schlecht bezahlt. Anke Domscheit-Berg, die passend zu ihrer Rolle als Internet-Aktivistin ein twitterndes Häkelschwein dabei hat, sieht das anders: Während sich jeder Hartz-IV-Empfänger vor dem Amt finanziell nackig machen müsse, um Stütze zu beziehen, pfeife unser Staatsoberhaupt auf Transparenz – und darf sich trotzdem seines Ehrensolds bis ans Lebensende sicher sein, klagt sie an.

«Wir wollen einen ethisch integren Bundespräsidenten in einer weitgehend unethischen Gesellschaft», lautet indes der schlauste Satz von Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth. Ansonsten sind ihre Beiträge so wenig nennenswert, dass man froh ist, als sie am Ende der Sendung klarstellt, nicht als potenzielle Wulff-Nachfolgerin zur Verfügung zu stehen.

Und wer ist nun schuld, sollte Wulff wirklich abtreten? Fakt ist: Fast alle Vorwürfe, die im Raum stehen, sind momentan nicht erwiesen. Gegen Wulff spricht, dass er bisher so gut wie nichts beiträgt, um sie zu entkräften. «Der Bundespräsident schafft es nicht, etwas so zu erklären, dass es nicht einen Rattenschwanz an Nachfragen und Ungereimtheiten gibt», stellt Domscheit-Berg sehr richtig fest. Für Wulff spricht, dass die Medien sich lächerlich machen, wenn sie selbst ein Bobbycar, das eines von Wulffs Kindern als Geschenk bekommen hat, als Skandal verkaufen wollen.

«Wer ist des Amtes noch würdig?», will Jauch schließlich wissen. Verlangen wir zu viel von unseren Politikern? Dürfen sie nicht auch menschlich sein? An diesem Punkt der Diskussion haben leider alle Teilnehmer schon den Überblick verloren – vielleicht ist ihnen schwindlig geworden, nachdem sie sich so lange im Kreis gedreht haben. Denn die Antwort lautet natürlich: Ja, das dürfen sie. Aber sie sollten danach dazu stehen – und nicht lügen, rumdrucksen und verschleiern.

Bestes Zitat: «Es kann nicht sein, dass wir eine Demokratie und Politik haben, die nur dann überlebensfähig ist, wenn sie Zuwendungen aus der privaten Wirtschaft erhält.» (Internet-Aktivistin Anke Domscheit-Berg über die Verflechtung von Politik und Wirtschaft)

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu Günther Jauch auch bei news.de.

Die ganz persönliche Schuldenkrise des Christian Wulff

Rücktritt oder nicht? Günther Jauch ließ es auf jeden Fall menscheln. Foto: ARD/Marco Grob

Rücktritt oder nicht? Günther Jauch ließ es auf jeden Fall menscheln. Foto: ARD/Marco Grob

Ein bisschen seltsam ist das schon. Eigentlich sind sich alle einig, auch an diesem Abend bei Günther Jauch, dass der Bundespräsident meist nicht viel mehr ist als der Grüßaugust der Republik. Das Staatsoberhaupt solle «Sinn stiften und Werte vermitteln», fasst Grünen-Fraktionschefin Renate Künast den Aufgabenkatalog zusammen. Der Bundespräsident hat also ähnlich viel konkrete politische Macht in Deutschland wie der Papst, der Bundestrainer und Thomas Gottschalk.

Eigentlich sind sich alle einig, dass dies auf Christian Wulff in besonderem Maße zutrifft. Nach dem Ärger durch Horst Köhlers übereilten Rücktritt wollte die Kanzlerin bloß einen Bundespräsidenten, der nicht aufmuckt – statt einen, der womöglich sogar Zeichen setzt. Einen «pflegeleichten» Kandidaten, nennt Günther Jauch den ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen ganz treffend.

Eigentlich sind sich alle einig, dass Wulff auch unter diesen bescheidenen Maßstäben als erster Mann im Staate bisher eine zumindest unscheinbare Figur abgibt. Selbst ZDF-Journalist Wolfgang Herles, der Wulff in der Kredit-Sache an diesem Abend mehrmals verteidigt, bezeichnet die Bilanz seiner bisherigen Amtszeit als «lausig».

Soll Christian Wulff doch zurücktreten, könnte man da meinen, wäre doch halb so wild. Zumal er, egal ob im Amt oder a.D., in jedem Fall bis zum Lebensende weiter seine vollen Bezüge als Ehrensold bekommen würde. Kein Mensch müsste sich aufregen, und Günther Jauch hätte wie ursprünglich geplant die Steilvorlage des Tatorts nutzen und über islamistischen Terror in Deutschland sprechen können.

Aber so einfach geht das natürlich nicht. Wie verwerflich es wirklich ist, einen günstigen Kredit über 500.000 Euro anzunehmen und dem niedersächsischen Landtag dann auf Nachfrage nicht die ganze Wahrheit zu sagen, darüber lässt sich im Gasometer trefflich streiten.

Für die eine Extremposition steht dabei Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Man solle die Kirche im Dorf lassen, fordert er ? und mahnt zugleich zur Vorsicht mit Vorverurteilungen, bevor alle Fakten auf dem Tisch liegen. Das wäre eine ganz vernünftige Position, wenn Altmaier nicht selbst sofort mit einem (Vor-)Urteil in die Debatte eingestiegen wäre: Juristisch sei Wulff «nichts vorzuwerfen».

Der Gegenpol dazu ist Hildegard Hamm-Brücher, die 1994 selbst für das Amt der Bundespräsidentin kandidiert hatte. Die 90-Jährige befürchtet angesichts der Wulff-Affäre einen Schaden für die Demokratie und sieht gar Parallelen zum Ende der Weimarer Republik.

Die ehemalige FDP-Grand-Dame übertreibt damit zwar, hat aber trotzdem die weitaus besseren Karten. Sie verweist auf die Vorbildfunktion, die man von Politikern – und erst recht von einem Staatsoberhaupt – verlangen müsse. Und sie bringt schon sehr früh Joachim Gauck ins Spiel, der bei der Bundespräsidentenwahl knapp gegen Wulff unterlegen war, und dessen moralische Integrität nun im Angesicht von Wulffs ganz persönlicher Schuldenkrise noch ein bisschen heller strahlt.

Altmaier hingegen steht früh auf verlorenem Posten: «Ich habe nicht vor, mich über Einzelheiten zu streiten», meint er allen Ernstes – und erntet Stöhnen aus dem Publikum. Nicht nur dort fühlt man sich angesichts der verzweifelten Verteidigungsversuche an die fatale Nibelungentreue der Union in der Causa Guttenberg erinnert. Immerhin muss man dem CDU-Mann zugute halten: Viele andere aus seiner Fraktion haben sich davor gedrückt, an diesem Abend für Wulff Stellung zu beziehen, wie Günther Jauch verrät.

Altmaiers einziges Ass im Ärmel ist der zutreffende Vorwurf: Auch in anderen Parteien gibt es Spitzenpolitiker, die nichts gegen die eine oder andere Gefälligkeit haben. Der CDU-Mann verweist etwa auf Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder – und kurz ist man froh, dass bei der Auflistung von dessen zweifelhaften Verstrickungen der Name «Putin» nicht einmal fällt, sonst wäre sicherlich auch noch die mutmaßliche Wahlfälschung in Russland diskutiert worden. Auch Künast lässt sich auf eine derart billige Diskussionskultur ein, als sie Wulff und Köhler in einen Topf wirft, um die Frage stellen zu können, ob die CDU überhaupt noch Bundespräsident kann, später auch noch Guttenberg mit dreingibt, um dann vollends an der Moral in der Union zu zweifeln.

Und Günther Jauch? Der will mal wieder menscheln. Wer von uns hat schon so reiche, großzügige und uneigennützige Freunde, fragt er die Runde. Sind Männer mit schwierigen Biographien wie Schröder und Wulff besonders empfänglich für die Einflüsterungen väterlicher Freunde wie Egon Geerkens? Rettet die Besinnlichkeit der Weihnachtstage vielleicht Wulff das Amt?

Immerhin sorgt seine Redaktion für zwei Glanzpunkte. Ein altes Statement von Wulff zur Flugaffäre von Johannes Rau zeigt, wie hoch Wulff selbst den moralischen Maßstab für den Bundespräsidenten anlegt. Ein anderes Zitat aus dem August diesen Jahres, in dem es um Kredit und Vertrauen geht, führt den Bundespräsidenten gleich völlig vor.

Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, wünscht sich derweil, passend zum Titel der Sendung, einen Telefonjoker ins Kanzleramt, um die Frage zu beantworten, ob Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident ist. Das Publikum kann auf derlei Entscheidungshilfe bereits verzichten. Als Günther Jauch die Zuschauer im Saal abstimmen lässt, sagen 70 Prozent: Dieser Bundespräsident ist nicht mehr glaubwürdig.

Bestes Zitat: «Ich bin keine Feministin. Aber die Männer machen das schlecht.» (Hildegard Hamm-Brücher über die Amtszeiten von Horst Köhler und Christian Wulff)

Diesen Text gibt es mit einer Fotostrecke zu Günther Jauch und den besten Zitaten aus der Sendung auch bei news.de.

Die komplette Sendung von Günther Jauch gibt es hier in der ARD-Mediathek.

Quelle:
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«Günther Jauch» – Wulffs ganz persönliche Schuldenkrise

Kuhscheiße und Lebensretter

Katastrophen und Amüsantes, und für alles eine Karteikarte: Hape Kerkeling bei Menschen 2011. Foto: ZDF/Tobias Hase

Menschen 2011? Wer fällt Ihnen da zuerst ein? Gaddafi, Bin Laden, Guttenberg? Kachelmann, Vettel, Lady Gaga? Beim ZDF hat man eine andere Vorstellung davon, wer in diesem Jahr wichtig war. Nadine Schellenberger, Regina Mayer oder Sigrid Eichner zum Beispiel. Die eine hat in ihrem Restaurant das schwedische Königspaar nicht bewirtet, die andere reitet auf ihrer Kuh, weil sie sich kein Pferd leisten kann, und die dritte ist zwar schon 71 Jahre alt, aber noch immer passionierte Marathonläuferin.

Die Auswahl zeigt schon: Menschen 2011 ist ein Jahresrückblick der seichtesten Art. Wenn das Ganze nicht von Gebührengeldern finanziert wäre, würde man wohl einfach «Boulevard» dazu sagen. Es dauert eine Stunde, bis zum ersten Mal das Wort «Fukushima» fällt, die Schuldenkrise, der Arabische Frühling, der Ehec-Virus oder die Occupy-Bewegung finden in dreieinhalb Stunden Sendezeit gar keinen Platz.

Das alles wäre gar nicht schlimm. Schließlich werden die Welt, die Nachrichten und unser Leben glücklicherweise nicht nur von den wirklich bedeutenden Figuren geprägt. Die kleinen Geschichten, die ganz normalen Leute, die sagen manchmal viel mehr aus über unsere Zeit als die großen Schlagzeilen. Aber selbst für eine Jahresbilanz, die bunt, unterhaltsam und emotional sein will, ist Menschen 2011 schwach. Moderator Hape Kerkeling müht sich zwar redlich, den Spagat zwischen Katastrophen, Amüsantem und, naja, Glamour (Andrea Kiewel, Blacky Fuchsberger, Boris Becker) zu schaffen. Er begrüßt die internationalen Gäste gerne in deren Muttersprache, bedankt sich doppelt und dreifach bei jedem fürs Kommen und schafft es auch, zumindest ein bisschen Spontaneität in die Mammutsendung zu bringen. Aber die Show bleibt unsagbar bieder und wirkt, auch wenn zwischen Aufzeichnung und Ausstrahlung zwei Tage lagen, wie mit heißer Nadel gestrickt.

Dazu tragen nicht nur ärgerliche Tonprobleme bei (einem Eisverkäufer, der Ärger mit dem Finanzamt hatte und so in die Schlagzeilen geriet, fällt zu Beginn das Mikrofon ab; der Text des Lieds, das die Ulk-Volksmusiker Anneliese und Wolfgang extra für Menschen 2011 komponiert haben, ist kaum zu verstehen). Auch die Schnitte sind oft wirr, die Kameraführung ist unsauber und die Auswahl der Gäste und Nachrichten wirkt, als habe ein Praktikant ziemlich hastig in ein paar wahllos herausgepickten Ausgaben der Bild-Zeitung gewühlt.

Recht schnell hat man so den Eindruck: Diese dreieinhalb Stunden (immerhin 0,04 Prozent des Jahres) hätte man wirklich sinnvoller verbringen können. In schöner Regelmäßigkeit dürfen die Gäste im Studio noch einmal das erzählen, was der Zuschauer schon aus dem Einspieler kennt, in dem ihre Geschichte zuvor vorgestellt wurde. Es gibt misslungene Gag-Versuche (Hape Kerkeling schlüpft noch einmal in seine legendäre Rolle als Königin Beatrix, um herauszufinden, ob man im Gasthaus der Schellenbergers als Hochadliger grundsätzlich keinen Platz bekommt), belanglose Interviews (Wolfgang Bosbach) und modische Fehlgriffe (das Kleid von Tennisspielerin Andrea Petkovic).

Ein paar bewegende Momente hat die Show dann aber auch zu bieten. Bei Regina Mayer fließen Freudentränen, als sie erst auf ihrer Kuh ins Studio reitet, und dann vom ZDF ein echtes Pferd geschenkt bekommt (während die Kuh, womöglich aus eifersüchtigem Protest, ins Studio kackt). Die Studentin Johanna Spielberg, die mit ihrer Familie als Japan-Touristin den Tsunami im März erlebt hat, trifft ihren japanischen Lebensretter wieder. Der sagt dann zwar nur zwei Sätze, doch schöner hätte man selbst bei Bitte melde Dich authentische Freude und Dankbarkeit nicht in Szene setzen können. Mit Michael Benfante (der sich an seine Rettungstat im World Trade Center am 11. September 2001 erinnert) und Marcel Gleffe (dem deutschen Tourist, der beim Massaker auf Utoya mehrere Jugendliche auf seinem Boot in Sicherheit brachte) werden noch zwei weitere Lebensretter gewürdigt. Beeindruckend ist auch der Auftritt der Eltern des entführten und ermordeten Mirco. Wie gefasst sie von ihrem Schicksal erzählen, das nötigt Respekt ab.

Ein kleines bisschen Spannung gibt es sogar auch noch, wenn auch bloß zwischen den Zeilen. Denn über der ganzen Sendung schwebt der Schatten von Wetten Dass. Nicht nur, dass ursprünglich Thomas Gottschalk die Menschen 2011 moderieren sollte. Es gibt auch einen Auftritt von Samuel Koch, der seit seinem fatalen Auftritt bei Wetten Dass querschnittsgelähmt ist. Harald Schmidt spielt in einem vollkommen informationsfreien Interview auf Johannes B. Kerner als Kandidat für die Gottschalk-Nachfolge an, und Anneliese und Wolfgang bringen sich gleich selbst für diesen Job ins Gespräch. Zudem ist auch das Format von Menschen 2011, ebenso wie Wetten Dass, einst von Frank Elstner erfunden worden. Heute Abend musste man den Eindruck gewinnen: Wenn beide aus der deutschen Fernsehlandschaft verschwinden, wäre es wirklich nicht schade drum.

Bestes Zitat: «Der Sommer war so verregnet, dass man überall einen Rettungsschirm brauchte.» (Hape Kerkeling bringt dann doch noch irgendwie das Thema Schuldenkrise unter)

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«Menschen 2011» – Kuhscheiße und Lebensretter

Verführung mit Sarah Wiener

Kurz vor 22 Uhr darf man im Ersten durchaus schon ein bisschen Masochismus praktizieren. Das jedenfalls deutet Günther Jauch an diesem Abend schon in seiner Anmoderation an: «Sie und ich stehen am Pranger.» Es geht unter dem Titel Wie stoppen wir den Wegwerf-Wahnsinn? um die Verschwendung von Lebensmitteln.

Wie viel jeder Deutsche pro Jahr unnötigerweise entsorgt, führt Jauch gleich zu Beginn vor Augen. Er hat einen entsprechend großen Berg von Lebensmitteln ins Studio gekarrt, wie er das früher bei Stern TV auch gerne zu Illustrationszwecken gemacht hat. Später dürfen die Zuschauer in einer Spontanumfrage noch per Knopfdruck kundtun, ob sie Brot, Obst oder Gemüse auch noch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums essen – und man muss unweigerlich an den Publikumsjoker bei Wer wird Millionär? denken. Die Anleihen bei seinen anderen Shows zeigen: Jauch fühlt sich wohl mit dem Thema. Hier ist er zuhause.

«Wo ist jetzt die Verschwörung?», möchte er wissen, als auch nach einer Dreiviertelstunde noch nicht klar ist, wer nun eigentlich warum wie viel wegwirft und ob man zuerst bei Bauern, Handel oder Verbrauchern ansetzen sollte. Warum die EU vorschreiben muss, wie rot ein Apfel sein darf, will er von seinen Gästen auch erklärt bekommen. Und den Zusammenhang zwischen unserem Überfluss und den hungernden Kindern in Afrika.

Jauch imitiert, wie immer, die Stimme des Zuschauers vor dem Fernseher, des Manns auf der Straße – in seiner Neugier, aber auch in seiner Bequemlichkeit («Ich esse zunächst mal, was mir schmeckt.») und in seiner Sehnsucht nach Versöhnung (am Ende stoßen alle Gäste in bester Doppelpass-Manier und zum Trinkspruch «Wenn, dann vergiften wir uns gemeinsam» mit Bier an, das seit fünf Jahren abgelaufen ist). Diese Masche, die bei harten politischen Themen schon einmal albern wirkt, funktioniert hier bestens. Auch, weil der Moderator immer wieder darauf hinweist, dass die Schuld diesmal nicht bei «denen da oben» zu suchen ist, sondern wir alle fleißig mitmachen beim Wegwerf-Wahnsinn.

Allerdings ist Jauch nicht nur an Selbstkasteiung und Einstecken gelegen. Er teilt auch aus. Von Ministerin Ilse Aigner (CSU) will er schon in der ersten Frage frech wissen, ob sie Lebensmittel aus der Mülltonne essen würde, wenn sie noch genießbar aussehen. Fernsehköchin Sarah Wiener konfrontiert er mit der Tatsache, dass bei den von ihr angebotenen Buffets auch oft jede Menge übrig bleibt und dann weggeworfen wird. Und Stefan Genth, der stellvertretend für die deutschen Supermärkte in der Talkrunde sitzt, wirft er vor, dass es für den Handel ja ganz praktisch ist, wenn man ein halbvolles Marmeladeglas wegwirft – weil man dann ja ein neues kauft.

Günther Jauch gibt damit die überzeugendste Figur in der ganzen Runde ab. Handelssprecher Genth gelingt es in keinem Moment, glaubwürdig zu wirken. Er appelliert einerseits an den gesunden Menschenverstand, andererseits wiederholt er ständig, dass kein Markt ein Interesse daran haben könne, Lebensmittel wegzuwerfen. «Die Händler müssen die Ware ja bezahlen.» Dass in Wirklichkeit nicht der Händler dafür zahlt, sondern der Verbraucher, das sagt Genth natürlich nicht – aber der gesunde Menschenverstand.

Buchautorin Hanna Poddig, die sich seit Jahren ausschließlich von dem ernährt, was sie in Mülltonnen von Supermärkten findet, ist auf Dauer arg anstrengend in ihrem Rund-um-die-Uhr-Aktionismus. Filmemacher Valentin Thurn, der von Mülltauchern wie ihr zur Dokumentation Taste The Waste inspiriert wurde, muss sich mehrfach falsche oder kaum zu belegende Zahlen vorwerfen lassen, ohne diese Kritik überzeugend widerlegen zu können.

Und Ilse Aigner, die Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz? Die vergisst mal wieder den letzten Teil ihres Titels und gibt stattdessen, wie stets, die Schutzgöttin der deutschen Bauern. Dass ein Landwirt die Hälfte der Kartoffelernte gleich auf dem Feld liegen lässt, weil er zu krumme, zu große oder zu kleine Kartoffeln ohnehin nicht verkauft bekommt, will sie nicht glauben, obwohl der Einspieler eben dies gerade gezeigt hat.

Den Vorwurf, die Politik habe das Thema Lebensmittelverschwendung verschlafen, kontert sie mit sagenhaften Argumenten. Bessere Kennzeichnung von Haltbarkeitsdaten? Kann man mal drüber nachdenken. Genaue Zahlen zum Thema? Eine Studie wurde gerade in Auftrag gegeben. Aufklärung für die Verbraucher? Ist natürlich wichtig, und deshalb sei es «gut, dass wir diese Sendung haben». Wie füllt diese Frau eigentlich ihr Amt aus, wenn sie gerade nicht im Fernsehstudio sitzt, will man sich da fragen, und auch Günther Jauch fühlt sich von so viel Dreistigkeit prompt ein bisschen provoziert. «Wir können ja nicht mit jeder Sendung die Welt retten», entgegnet er.

Ansonsten hat die CSU-Frau noch ein paar Küchentipps mitgebracht. Brot kann man wunderbar einfrieren und dann wieder aufbacken, lernen wir. Die Äpfel aus ihrem Garten sehen nicht so lecker aus wie die im Supermarkt. Und: «Man kann Tomatensaft pürieren.» Dieser Auftritt ist eindeutig für die Tonne.

Sarah Wiener, von der man eher derlei Praktisches erwartet hätte, treibt die Debatte derweil in Richtung Grundsatzdiskussion. Profitgier, Massentierhaltung, Globalisierung – das sind durchaus wichtige Stichworte bei diesem Thema, aber für mehr als Stichworte ist in der Runde dann leider keine Zeit mehr. Immerhin bringt Wiener das Dilemma bei der Lebensmittelverschwendung am besten auf den Punkt. «Handel und Verbraucher sind Verführer und Verführte.» Wenn man das so hübsch formuliert, klingt das schlechte Gewissen doch gleich nur noch halb so schlimm.

Bestes Zitat: «Ich fühle mich verarscht.» (Filmemacher Valentin Thurn kann nicht nachvollziehen, warum ein Mindesthaltbarkeitsdatum angegeben wird, obwohl man die Produkte teilweise noch Monate danach ohne Bedenken essen kann.)

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«Günther Jauch» – Verführt von Sarah Wiener

Diesen Artikel gibt es auch bei news.de – inklusive einer Fotostrecke zu Günther Jauch, ein paar guten Tipps, was man mit abgelaufenen Lebensmitteln noch anstellen kann und einem Videokommentar zur Verschwendung von Lebensmitteln.

Jobs zu killen kann tödlich sein

Alina Liebermann (Christiane Paul) und Tom Winkler (Devid Striesow) sind einer Korruptionsaffäre auf der Spur.

Alina Liebermann (Christiane Paul) und Tom Winkler (Devid Striesow) sind einer Korruptionsaffäre auf der Spur.

Es ist kein Job wie jeder andere. Tom Winkler und Alina Liebermann sollen die wirtschaftlich angeschlagene Salerno AG durchleuchten. Als Unternehmensberater sind sie das gewohnt. Doch ihr Chef hat Alina diesmal den Auftrag gegeben, den Aufpasser für den manchmal übereifrigen Tom zu spielen. Sie soll sein Kettenhund sein – zur Belohnung könnte sie ihn dann womöglich sogar an der Spitze des Teams ablösen. Schon bald wird der Fall aufregend: Alina und Tom entdecken zweifelhafte Überweisungen, fiese Machenschaften und einen toten Manager.

Ein mörderisches Geschäft macht daraus einen vielschichtigen, spannenden Krimi mit starken Figuren und einer sehr gelungenen Ästhetik. Gerade die Verbindung aus Privatem und Geschäftlichen ist es, die dabei für Brisanz sorgt.

Da sind auf der einen Seite die Unternehmensberater. Sie verbeißen sich in ihre eigene Professionalität, um von der Tatsache abzulenken, dass sie überall gehasst werden, wo sie auftauchen. Das Unprätentiöse an ihrem Selbstverständnis ermöglicht es ihnen auch, die Frage nach der Verantwortung völlig ausblenden zu können, wenn sie über Tausende Arbeitsplätze und Tausende Schicksale bestimmen. «Wir treffen keine Entscheidungen. Wir analysieren den Zustand und die Chancen der Firma. Die Entscheidungen treffen die Fakten», bringt Tom Winkler (Devid Striesow) diese Perspektive auf den Punkt, als die Arbeiter im Salerno-Werk von ihm wissen wollen, ob er nun als Retter oder als Zerstörer gekommen ist.

Striesow ist perfekt als Verkörperung des seelenlosen, kaltblütigen Erbenzählers. Sein Blick vermittelt permanent die Botschaft: «Arbeitsplatzvernichter machen auch bloß ihren Job.» Aber der smarte, messerscharf analysierende Unternehmensberater bekommt schon bald zu spüren, was die Salerno-Mitarbeiter von seiner Anwesenheit halten. Er wird bedroht, verprügelt, über den Haufen gefahren.

Gerade das macht ihm die Einsamkeit umso bewusster, die ihn und seine drei Kollegen umgibt. Oft fehlen nur Winzigkeiten, um so etwas wie Wärme und Menschlichkeit in ihren Alltag zu bringen, aber fast immer siegt das Misstrauen. Regisseur Martin Eigler fängt das geschickt ein, wenn ein Küsschen eben bloß ein kleines Stück neben dem Mund landet. Wenn eine Antwort den Bruchteil einer Sekunde zu lange auf sich warten lässt, um noch aufrichtig sein zu können. Wenn der Impuls da ist, den Kollegen im Hotelzimmer nebenan zu fragen, wie es ihm geht – man dann aber doch nicht an seine Tür klopft.

Es ist der eindrucksvollste Kniff in Ein mörderisches Geschäft, dass dieselben Prinzipien auch auf der Gegenseite am Werk sind, in der Belegschaft von Salerno. Die einen wollen aufklären, die anderen wollen vertuschen – aber auf beiden Seiten regieren Eifersüchteleien, Intrigen und Ellenbogen. Es scheint keine Figur in Ein mörderisches Geschäft zu geben, die zugunsten der Karriere nicht die Moral opfern würde. Es geht hier um Gewinn für das Unternehmen und ums Gewinnen für den ganz persönlichen Konkurrenzkampf. So etwas wie einen höheren Sinn, eine Rechtfertigung für die eigene Arbeit jenseits des Gehaltsschecks, sucht hier niemand in seinem Job.

Was Ein mörderisches Geschäft über das übliche Tatort-Niveau hebt, sind zum einen die Schauspieler. Fast alle Rollen wurden gegen den Strich besetzt. Jürgen Heinrich, Devid Striesow oder Christiane Paul kennt man sonst eher als Sympathen. Hier sind sie Fiesling, Marionette und harter Hund. Besonders stark: Friedrich von Thun als Salerno-Boss Rüdiger Siebert, der sich als anständiger Unternehmer vom alten Schlag präsentieren möchte, aber knietief im Korruptionssumpf steckt.

Dazu kommt eine sehr stimmige Optik. Wenn Alina, Tom und ihre Kollegen wie Todesengel auf dem Werksgelände einschweben, dann strahlen sie in ihrem grau-korrekten Einheitslook all die Kälte ihres Metiers aus. Die Kamera blickt immer wieder von außen auf das Geschehen, durch Fenster, Tore oder Autoscheiben – auch so wird die Undurchdringlichkeit dieses Geschäfts deutlich.

Nur eine Schwäche hat Ein mörderisches Geschäft. Wenn es am Ende nicht mehr bloß um den Fall Salerno geht, sondern plötzlich das große Ganze in der Wirtschaftswelt thematisiert wird, verhebt sich der Film. Als der zwielichtige Salerno-Chef seine Geschäftspraktiken mit dem Druck der globalisierten Wirtschaftswelt zu rechtfertigen versucht und Alina Liebermann ihm Skrupellosigkeit vorwirft, ist das nicht nur überambitioniert, sondern auch unnötig plump. Denn der Film hat es vorher geschafft, die großen Strukturen und persönlichen Duelle in der Welt der Betriebswirtschaft für sich sprechen zu lassen. Und zu zeigen: Wer immer nur Gewinn und Gewinnen will, der ist am Ende ein ziemlich armes Würstchen.

Bestes Zitat: «Überall lauern deine Gegner. Alle wetzen sie die Messer. Und wenn einer nah an dich rankommt, dann nur, um dich besser zu treffen.» (Tom Winkler schildert sein Weltbild als Unternehmensberater)

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