Gebt diesem Mann eine Talkshow!

Saboteur und Selbstdarsteller: Jan Böhmermann liefert auch als Humor-Experte eine tolle Show. Foto: © Stefan Fischer / S-WOK

Saboteur und Selbstdarsteller: Jan Böhmermann liefert auch als Humor-Experte eine tolle Show. Foto: © Stefan Fischer / S-WOK

Es ist vielleicht eine besonders deutsche Eigenart, dass man über Humor nicht einfach lachen kann. Man muss ihn analysieren. Auch dann, wenn er im Fernsehen stattfindet. Erst recht, wenn man auf einem Podium sitzt. Und unvermeidlich, wenn dieses Podium auch noch bei einem Branchentreff wie dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland steht.

Spaßdefizit im Programm? lautet die Frage, die dort diskutiert wird. Die Viererrunde auf dem Podium ist zwar nicht unbedingt typisch für das Humor-Angebot im deutschen Fernsehen. Niemand repräsentiert das klassische politische Kabarett à la Neues aus der Anstalt, auch Vertreter der Kategorie Cindy aus Marzahn fehlen, ebenso wie eine Abordnung der nach wie vor beliebten Comedy-Serien von Die dreisten Drei bis Ladykracher oder Stand-Up-Formaten wie dem Dauerbrenner Quatsch Comedy Club. Trotzdem entwickelt sich eine kurzweilige, sehr amüsante Debatte.

Immer wieder kann man auch den Satz „Jetzt mal im Ernst“ hören – und dann versucht sich das Quartett sogar an Antworten auf die großen Fragen des TV-Humors.

Gibt es ein quantitatives Spaßdefizit? Nein, sagt Christian Sieh, beim NDR zuständig für das Satiremagazin Extra 3. Er erkennt stattdessen sogar eine Übersättigung. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das noch mehr werden soll. Es gab eine große Nachfrage, und deshalb wurde ganz viel produziert. Eigentlich müsste das jetzt sein wie beim Schweinezyklus, also eher weniger werden.“

Gibt es ein qualitatives Spaßdefizit? Oh ja, meinen alle. „Über schlechte Comedy kann ich nicht lachen“, attestiert Sieh, aber er sieht trotzdem eine Menge davon im TV. „Ein guter Witz fällt einem nicht alle zwei Minuten ein. Man kann nicht 24 Stunden Programm mit Witzen füllen“, lautet seine Erklärung für das oft niedrige Niveau.

Gibt es ein personelles Spaßdefizit? Wie man’s nimmt, lautet der Tenor. Sieh verrät, dass es im NDR mittlerweile sogar eine Teamleiterin Humor gebe, die unter anderem den Tatortreiniger gegen Widerstände durchgesetzt habe. Reinhard Bärenz von MDR Sputnik glaubt, dass man sich um Nachwuchs keine Sorgen machen müsse. Es gebe immer genug junge Leute mit komischem Talent: „Humor braucht die richtige Persönlichkeit“, sagt er „wir brauchen da keinen Ausbildungszweig“.

Ist das Publikum überhaupt reif für richtig guten Humor? Nein. Man würde den Zuschauern ja gerne bessere Comedy bieten, aber die seien leider meist nicht daran interessiert. „Was die Macher lustig finden, wird vom Publikum oft nicht verstanden“, erklärt Bärenz dieses Dilemma. „Je anspruchsvoller der Humor ist, desto später rückt die Sendung in den Abend hinein“, hat Moderator Michael Bollinger erkannt. Sieh kommt zu einem ähnlichen Schluss, auch für seine eigene Sendung: „Es gibt ein breites Angebot im deutschen Fernsehen. Das Problem ist nur: Es guckt ja keiner. Ich weiß, dass wir intelligenten Humor machen. Ich weiß aber auch, dass wir nicht massentauglich sind.“

Es ist voll im Studio 5 - vor allem dank der Böhmermann-Fans. Foto: Stefan Fischer / S-WOK

Es ist voll im Studio 5 - vor allem dank der Böhmermann-Fans. Foto: Stefan Fischer / S-WOK

Sehr wenig davon ist neu, nichts davon ist überraschend. Aber da ist ja auch noch Jan Böhmermann, laut Programmheft des Medientreffpunkts Mitteldeutschland mit der Berufsbezeichnung „Satiriker“ nach Leipzig gekommen und bis kurz vor dieser Debatte Chefreporter der Harald-Schmidt-Show. Er ist der Grund dafür, dass alle Stühle im Studio 5 besetzt sind, viele davon mit Studentinnen. Und er ist der Grund dafür, dass die Debatte um das Spaßdefizit viel witziger ist als fast alles, was im Fernsehen als Comedy angeboten wird. „Spaß ist, wenn mein Publikum lacht“, heißt seine lapidare Antwort, als nach einer Definition von Humor gesucht wird, und das macht er an diesem Nachmittag in Leipzig zum Prinzip.

Man darf durchaus vermuten, dass ein Stückchen Ernst enthalten ist, wenn man ihn sagen hört: „Ich hätte gerne mit meiner guten Freundin Monika Piel über den Gottschalk-Sendeplatz gesprochen. Aber sie wusste nicht, wer ich bin.“ Und man muss definitiv bedauern, dass das so ist. Gebt diesem Mann eine Talkshow! (und zwar nicht bloß eine halbe bei ZDFkultur) – diese Forderung würden wohl die meisten hier unterschreiben.

Böhmermann genießt diesen Auftritt auf ungewohntem Terrain, und gerade die seltsamen Rahmenbedingungen machen diese Podiumsdiskussion für ihn zu einer idealen Bühne. Er ist der Einzige, der von Beginn an die Absurdität der Situation thematisiert: Vier Clowns sitzen da und sollen als ganz seriöse Experten über Wesen, Kritik und womöglich gar Zukunft des Humors dozieren.

In Moderator Michael Bollinger findet er ein dankbares Opfer. Der ehemalige Radiomacher, mittlerweile Intendant einer selbst gegründeten Kleinkunstbühne, hört sich gerne reden – besonders gerne über sich selbst. Schon zum Auftakt dichtet er Goethe um (“vom Geiste befreit ist das deutsche Fernsehen”), danach verheddert er sich hoffnungslos im Versuch einer Verbrüderung mit dem Publikum (alle werden geduzt) und gleichzeitigem Zwang zur Akademisierung der Debatte (ewig lang reitet er auf einer angeblich notwendigen Nachwuchsförderung rum, auf die keiner eingehen will). “Ich alter Hase erzähl euch mal, wie es geht” – dieser Ansatz bringt zunehmend schmerzverzerrte Gesichter auf dem Podium (und im Publikum) mit sich. Spaß geht anders.

Böhmermann hebelt all das geschickt aus. Er ist vorlaut und aggressiv und hat keine Angst davor, sich angreifbar zu machen (beispielsweise mit dem Bekenntnis, dass er bei Mario Barth lachen kann). Von Anfang an nimmt er die Rolle des Saboteurs ein. „Wie? Man sollte sich vorbereiten?“, fragt er ketzerisch, als MDR-Mann Bärenz seinen ersten Wortbeitrag um eine Audio-Einspielung anreichert (eine reichlich misslungene Privatradio-Persiflage, die Bärenz selbst noch immer rechtfertigt: “Wir fanden es lustig, aber nach sechs Jahren wegen Erfolglosigkeit eingestellt.”).

Böhmermann ist Selbstdarsteller – und er ist deshalb so gut, weil er keine Schere im Kopf hat. Gefühlt gibt es bei diesem Mann keinen Filter zwischen Hirn und Mund. Das macht seine Beiträge so bissig. Das führt auch dazu, dass er trotz etlicher Spitzen gegen die Zuschauer in Leipzig immer wieder verschwörerische Blicke ins Publikum werfen und sich sicher sein kann: Die Leute sind auf seiner Seite.

In Sieh hat er einen perfekten Mitstreiter, gelegentlich spielen sie sich die Bälle zu, meist über den verdutzt in der Mitte sitzenden Bollinger hinweg. Erstaunlich: Böhmermann funktioniert nicht nur als Sidekick, sondern auch mit Sidekick.

Bei allem Klamauk hat er aber auch ein paar essentielle Beiträge zu bieten. Er wird sehr ernst, wenn es um die Unfähigkeit der ARD geht, ihre Inhalte online-gerecht aufzubereiten. Auch sonst ist die Bürokratie wohl der bisher größte Feind seiner Karriere gewesen. „Humor ist im Öffentlich-Rechtlichen besonders schwierig. Nichts ist der ARD fremder als Humor. Denn zum Humor gehört Anarchie, und die ist ihrer ganzen Organisationskultur fremd.“

Böhmermann plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen („Es sind tendenziell Nerds, die sich mit Humor professionell und erfolgreich beschäftigen“) und glänzt mit Anekdoten über Harald Schmidt („Eine Redaktionskonferenz bei Schmidt dauert vier Stunden, davon dreieinhalb Stunden Monolog von Harald. Im Rest der Zeit holen die Mitarbeiter Schnitzel und nicken“). Er erzählt auch, dass Spaß hinter den Kulissen zum sehr seriösen Geschäft werden kann. Und er betont, dass es heutzutage keinen Sinn mehr macht, Formate oder Gags aus dem Ausland abzukupfern, weil die Originale auch hierzulande im Netz verfügbar sind. „Man muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen und sich selber Sachen ausdenken“, lautet seine Schlussfolgerung.

Ein Spaßdefizit, um noch einmal kurz zum Thema zu kommen, kann Böhmermann übrigens nicht feststellen. Seiner Ansicht nach gibt es „sehr viele lustige Sendungen im TV. Viele sind nicht lustig gemeint, sind aber trotzdem sehr lustig. Vor allem im MDR.“ Andere Shows seien komisch gemeint, würden aber nicht funktionieren. „Die entwickeln dann eine eigene Tragik, die auch auf ihre Art komisch ist. Komiker im BR ist so ein Beispiel. Der beste Beweis: Die ARD kann Meta-Comedy.”

Einen anderen Beitrag von mir zu diesem Event gibt es bei news.de.

Urheberrecht – Argumente für die Müllhalde

Urheberrechtsverstöße sind auch im Netz strafbar - und können schnell teuer werden. Foto: obs/Advocard Rechtsschutzversicherung AG

Urheberrechtsverstöße sind auch im Netz strafbar - und können schnell teuer werden. Foto: obs/Advocard Rechtsschutzversicherung AG

Von den „halbgaren Versuchen, sich in die Moderne hineinzuzwängen“ habe ich vor zwei Jahren geschrieben, als ich gerade zurück kam vom Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig. Damals ging es um das Leistungsschutzrecht. Zwei Jahre später sind die Medienkonzerne diesem Blödsinns-Ziel dank beharrlicher Lobbyarbeit deutlich näher gekommen. Diskutiert wird trotzdem noch, Sven Regener sei Dank. Diesmal geht es ums Urheberrecht an sich.

Die Debatte spannt einen erstaunlichen Bogen. Es geht um Details wie die Nutzung von Schulbüchern im Unterricht oder die Frage, wer bei einer Kulturflatrate auswerten soll, welche Angebote überhaupt genutzt werden, bis hin zur Forderung nach einer weltweiten Internetverfassung oder dem Heraufbeschwören eines „Kulturkampfs“ ums Netz. Und es ist erstaunlich, wie renitent sich die etablierte Medienindustrie weiterhin weigert, die Realität anzuerkennen.

„Weltfremd“, sagt eine junge Dame hinter mir, als sich die Podiumsdiskussion zum Thema Der Konflikt ums Urheberrecht. Freiheit, Eigentum, Vielfalt dem Ende nähert. „Wo leben die denn?“, fragt sich ihr Nachbar wenig später. Ein paar Mal müssen beide kichern, und es wundert, dass auch bei den anderen Zuhörern im Saal offensichtlich die Höflichkeit regiert. Denn die Argumente von Plattenfirmen, Verlagen oder Filmstudios sind nach wie vor hanebüchen.

These 1: Wer alles kostenlos herunterlädt, kauft nichts mehr. Falsch! Moderatorin Vera Linß (Deutschlandradio) zählt gleich eine ganze Reihe von Studien auf, die das widerlegen. Filesharer gehen besonders oft ins Kino, in Norwegen wächst die Musikindustrie wieder – nicht trotz, sondern wegen eines besonders liberalen Umgangs mit der Thematik.

Dem hält Holger Enßlin aus dem Vorstand der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) einen Schaden von mehr als 20 Milliarden Euro im Jahr 2010 in Deutschland entgegen. Doch solche Größenordnungen zweifelt inzwischen selbst die US-Regierung an. Die Entwicklung habe sich in den vergangenen vier bis fünf Jahren „dramatisiert“, jetzt finde eine Konsolidierung auf hohem Niveau statt, mahnt Enßlin.

Doch wie solche virtuellen Beträge gemessen werden, ist schleierhaft. Man kann diese widersprüchlichen Aussagen ganz nüchtern betrachten wie Jan Engelmann, der für Wikimedia auf dem Podium sitzt. „Der Urheberrechtsdebatte mangelt es an empirischem Material“, sagt er, „wir wissen beispielsweise nicht, wie es mit der Zahlungsbereitschaft oder dem Unrechtsbewusstsein aussieht.“ Man kann auch auf den gesunden Menschenverstand setzen: Dass Filesharer alle Produkte auch kaufen würden, die sie sich im Netz kostenlos beschaffen, ist höchst unrealistisch.

These 2: Alle Urheber wollen Geld verdienen. Falsch! Permanent ist in der Debatte, nicht nur in Leipzig, die Rede von Intellektuellen, Produzenten, Kreativen. Doch keiner hat im Blick, dass es auch Kreative gibt, die in erster Linie ein Werk kreieren wollen, unabhängig von der Vergütung. Ein Bildhauer, der eine Skulptur schafft – weil es ihm ein Bedürfnis ist. Ein Musiker, der ein Lied schreibt – weil ihm eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Journalist, der einen Text verfasst – weil er die Ergebnisse seiner Recherche oder seine Meinung an die Öffentlichkeit bringen will. Ein Wissenschaftler, der eine Studie veröffentlicht – weil er sich Lob und Anerkennung erhofft.

Natürlich brauchen sie alle die Rahmenbedingungen, um überhaupt geistiges Eigentum schaffen zu können. Aber all diese Menschen zu „Urhebern“ zu machen, ist eine unzulässige und unnötige Justifizierung. Die Debatte wird dadurch auf einen finanziellen Aspekt verengt. „Es gibt nicht nur einen Typus Urheber“, stellt Engelmann endlich klar – er bleibt der einzige auf dem Podium, dessen Horizont so weit reicht.

Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang gesagt werden: Die Freiheit der Kunst, auch die Pressefreiheit, meint natürlich nicht die Freiheit, dass sich jeder einfach das geistige Eigentum eines anderen aneignen darf. Gemeint ist aber auch nicht, dass geistige Eigentum automatisch kostenpflichtig ist oder dass die Freiheit unmittelbar an eine Garantie auf Geldverdienen geknüpft ist. Im Gegenteil: Beispielsweise die Pressefreiheit soll es ermöglichen, dass jeder – als Produzent und Konsument von Medien – an der öffentlichen Debatte teilnehmen kann. Angestrebt wird also eine möglichst große Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit wird umso größer, je einfacher (also auch: günstiger) diese Medien (also auch: Kopien von ihnen) verfügbar sind. In letzter Konsequenz bedeutet das: Kostenlose Inhalte, die jeder ungehindert verbreiten kann, sind der beste Nährboden für eine lebendige, informierte, pluralistische Öffentlichkeit.

These 3: Die Urheber brauchen Distributoren, um Geld zu verdienen. Falsch! Durch Piraterie würden in erster Linie die Kreativen getroffen, die Geld verdienen wollen, sagt Enßlin. Stimmt. „Dazu brauchen sie nach wie vor Vertriebswege wie Plattenfirmen, Verlage oder Kinoverleih“, ergänzt er. Stimmt nicht.

Gerade diese Behauptung führt zum Kern der Debatte: Das Internet macht nicht das Urheberrecht überflüssig, sondern die Distributoren. Jeder Kreative kann sein geistiges Eigentum heutzutage selbst vermarkten – weltweit, vom eigenen Schreibtisch aus und vor allem, ohne Zwischenhändlern ein saftiges Stück vom Kuchen abgeben zu müssen. Wer Videos bei YouTube hochlädt, kann sie von Google vermarkten lassen, Blogger können auf AdSense setzen oder auf Bezahlmodelle wie Flattr. Natürlich ist es schwierig, aus solchen Erträgen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber es zeigt, dass das Netz die Macht der Urheber stärkt.

Plattenfirmen oder Verlage, die sich nun vorgeblich für die Urheber in die Bresche werfen, haben jahrzehntelang prächtig an den Leistungen der Künstler verdient (und zudem immer wieder versucht, deren Anteil am Erlös so gering wie möglich zu halten). Sie kämpfen auch jetzt nicht für die Kreativen, sondern um ihre eigene Existenz.

These 4: Ohne die Finanzkraft großer Konzerne entsteht kein neues geistiges Eigentum. Falsch! „Wir müssen Geld verdienen, nur dann können wir in neue Inhalte investieren“, erklärt Michael Müller, bei ProSiebenSat.1 für den Bereich Distribution zuständig. Weiter gedacht bedeutet das: Wenn die Distributoren nicht mehr zahlen, entstehen keine neuen Inhalte – die Medienkonzerne werden zum Motor der Produktion geistigen Eigentums.

Das Gegenteil ist der Fall: Zum einen gibt es etliche Kreative, die auch ohne finanzielle Anreize produzieren (siehe These 2). Zum anderen waren und sind die Medienkonzerne bei weitem nicht nur Förderer, sondern in mindestens ebenso großem Maße auch Verhinderer von Kultur. Jahrzehntelang haben Buchverlage die Manuskripte abgelehnt, die sie für unverkäuflich hielten. Plattenfirmen haben Demobänder weggeschmissen, denen sie keine Marktchancen einräumten. Bei Produktionsfirmen landeten Drehbücher im Müll, die unrentabel erschienen. All diese Werke sind niemals veröffentlich worden. Die Distributoren haben daraus eine riesige Müllhalde der Kreativität gemacht, weil sie in diesen Werken für sich selbst keine Gewinnchancen sahen. Das macht ziemlich gut deutlich, wie weit es her ist, mit dem Kulturförderungsbewusstsein der Rechte-Industrie.

Im Netz können all diese Werke das Licht der Welt erblicken. Jeder Urheber kann sie selbst veröffentlichen und verbreiten. Mehr noch: Durch die Digitalisierung sind die Produktionsmittel deutlich günstiger geworden, auch für die Vermarktung gibt es ganz neue, zum Teil kostenlose Werkzeuge. Kein Künstler braucht mehr Unternehmen, die behaupten, nur sie könnten ihm den erfolgreichen Zugang zum Markt gewähren.

Lange, bevor das Patentrecht erfunden wurde, gab es Erfindungen und Innovationen. Genauso würde auch ohne Urheberrechte weiter geistiges Eigentum produziert. Lediglich die Distributoren verlören dann die Macht, Gatekeeper für dessen Entstehung und Verbreitung zu sein.

These 5: Die User und die Politik müssen sich bewegen, nicht die Rechte-Industrie. Falsch! Viola Bensinger, die als Anwältin unter anderem große Medienkonzerne berät, macht auf dem Podium in Leipzig einen zunächst einleuchtend klingenden Vergleich. Es sei unsinnig, den Anbietern von Musik oder Filmen in Deutschland ein fehlendes legales Vertriebsmodell vorzuwerfen und damit Piraterie zu rechtfertigen. Übertragen auf die Analog-Welt würde dies bedeuten: „Du willst dein Auto nicht verkaufen, dann nehme ich es mir eben einfach so.“ Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: In der digitalen Welt geht es nicht um einmalig verfügbare Güter, sondern es geht um identische Kopien, bei denen das Original voll und ganz erhalten bleibt.

Dass es also um ein ganz anderes Verhältnis gibt, und dass die Digitalisierung hier längst Fakten geschaffen hat, die sich nicht mehr werden auslöschen lassen, ignoriert ein solcher Ansatz. „Man kann den Nutzern nicht vorwerfen, dass keine Geschäftsmodelle entwickelt wurden“, dreht Engelmann den Spieß um und fordert: Die Rechte-Industrie sollte nicht Kopien hinterherjagen, sondern ihre Kreativität lieber in die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle stecken.

Mehr noch: Das bisherige Treiben von Plattenfirmen, Filmstudios & Co. war kontraproduktiv, meint er: „Durch den Fokus auf die Rechtedurchsetzung wurde womöglich eine ganze Generation von Kunden verprellt.“ Da widersprechen nicht einmal die Piraterie-Gegner. Die Abmahnindustrie (pro Jahr gibt es 3,6 Millionen Auskunftsersuche bei Providern wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen) sei ein „fragwürdiges Geschäftsmodell“, erkennt Bensinger an. Aber dieses Vorgehen zeige eben auch die Hilflosigkeit der Anbieter.

These 6: Das Urheberrecht hat jahrzehntelang funktioniert. Es muss nicht reformiert werden. Falsch! Eine ganz außergewöhnliche Vielfalt der Angebote habe das System des Urheberrechts in Deutschland hervorgebracht, schwärmt Michael Müller. Und er warnt sogleich vor Änderungen: „Da können wir stolz drauf sein und da sollten wir vorsichtig mit umgehen.” Auch Viola Bensinger sieht beim Urheberrecht keinen grundsätzlichen Reformbedarf, sondern lediglich die Notwendigkeit „flankierende Rechte“ der digitalen Welt anzupassen.

Beides stimmt nicht (zumal man Müller entgegen halten möchte: Die Vielfalt ist nicht dem Urheberrecht zu verdanken, sondern den Urhebern) und unterschätzt die Wucht des digitalen Wandels. Engelmann macht das mit einem banalen Beispiel deutlich: „Wir sind alle potenzielle Urheber. Schon mit einem Handyfoto, das wir bei Facebook einstellen, können wir dazu werden“, erklärt er und führt damit die Dimension des Problems vor Augen: „Früher war das Urheberrecht nur für Kulturschaffende relevant, heute regelt es Alltagshandlungen.“ Auch Antje Karin Pieper, Medienanwältin und Sprecherin des Berliner Initiativkreises öffentlich-rechtlicher Rundfunk, lässt daran keinen Zweifel. „Das Urheberrecht muss auf jeden Fall geändert werden. Das Prinzip, dass jede Nutzung einzeln abgegolten wird, wird nicht mehr funktionieren“, sagt sie. Es gelte, Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit, Datenschutz, Persönlichkeitsrechte oder geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter in Einklang zu bringen. Genau so ist es.

Nein heißt Nein – Der Slutwalk in Leipzig

Nein heißt Nein - das ist das Motto der Slutwalk-Bewegung.

Nein heißt Nein - das ist das Motto der Slutwalk-Bewegung.

Hautenge, knallrote Jeans. Knappes schwarzes Top. Weste mit Leopardenmuster. Und ein Mützchen, das kokett ein bisschen schief über den roten Haaren sitzt. So sieht eine Schlampe aus, würde man wohl sagen, wenn man für die Kostüme in einer Daily Soap zuständig wäre. Das Erstaunliche: Der Mensch, der in diesem Outfit steckt, ist stolz darauf, Schlampe zu sein. Und er ist ein Mann. „Es passiert eigentlich nicht, dass mich jemand Schlampe nennt. Ich bin also nicht persönlich betroffen. Aber ich möchte einstehen für die Leute, die davon betroffen sind“, sagt der Mann mit der Leopardenweste, der gerne „Ginger“ genannt werden möchte. „Jeder soll sich kleiden, wie er will. Jeder soll leben und lieben, wie er will – deshalb bin ich heute hier.“

Hier bedeutet: beim Slutwalk in Leipzig. Rund 400 Teilnehmer sind zum Aufmarsch der Schlampen gekommen. Die pünktlichen unter ihnen wirken am Treffpunkt am Connewitzer Kreuz noch einigermaßen konventionell. Die extrovertierten von ihnen kommen, wie es sich für Schlampen gehört, ein bisschen zu spät und sorgen dann doch noch dafür, dass schon rein optisch keinerlei Gefahr besteht, diesen Protestzug mit der zeitgleich stattfindenden Demo gegen die Macht der Banken zu verwechseln.

Es gibt grell geschminkte Gesichter, Miniröcke und Netzstrümpfe – jeweils bei Männern und Frauen. „Ich liebe Sex, aber ich hasse Sexismus“, „Liebe, wen Du willst“ oder „Nein heißt Nein“ steht auf den Transparenten. Es geht um sexuelle Selbstbestimmung, gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt und vor allem gegen das Vorurteil, vergewaltigte Frauen seien selbst schuld, wenn sie sich aufreizend kleiden.

Dieser Vorwurf stand am Anfang der Slutwalk-Bewegung. „Frauen sollten sich nicht wie ,Schlampen’ anziehen, wenn sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden wollen“, hatte ein kanadischer Polizist bei einem Vortrag geraten. Am 3. April gingen deshalb 3000 Teilnehmer beim ersten Slutwalk der Welt in Toronto auf die Straße. Längst ist die Bewegung auch in Europa angekommen. In London, Paris, Amsterdam oder Stockholm gab es schon Slutwalks. Am 13. August fand die erste deutsche Auflage in Berlin statt.

Auch in Leipzig lassen sich neben Elementen der viel beschworenen neuen Protestkultur (derzeit 357 Mal „Gefällt mir“ bei Facebook, Live-Berichterstattung bei Twitter) auch die gute alte deutsche Bürokratie und Verkopftheit beobachten. Zu Beginn des Protestzugs werden die Auflagen des Ordnungsamts verlesen, dann hält jemand eine Rede, die eher einer Zusammenfassung aktueller Gender-Studien gleicht als einem Aufruf zum gesellschaftlichen Wandel.

In allen offiziellen Dokumenten zum Slutwalk in Leipzig, vom Flyer bis zur Homepage, wird natürlich feinsäuberlich darauf geachtet, dass hier auch mit Sprache nicht diskriminiert wird. „Die Demonstrant_innen des SlutWalk eignen sich den Begriff [Schlampe] daher an, um ihn zu dekonstruieren und gehen hierzu als solidarische Gemeinschaft auf die Straße“, heißt es etwa in der Pressemitteilung. Statt des legendären Binnen-I hat man also eine ganz neue Form der Terminologie gefunden. Demonstranten für die Männer, Demonstrantinnen für die Frauen und der Unterstrich für alles, was es dazwischen noch so gibt.

Zu derlei politischer Überkorrektheit kommt, erstaunlich für eine Veranstaltung, mit der man doch die Öffentlichkeit erreichen will, eine übertriebene Medien-Paranoia. Die Perspektive, dass Medien tendenziell im Lager des Feindes stehen und dass Journalisten einen im Zweifel lieber missverstehen (wollen) – das kennt man sonst eigentlich nur in der rechten Szene. Bittet man um ein Interview, wird zuerst misstrauisch gefragt, für welches Medium man denn zu berichten gedenke. Als zwei der Organisatorinnen ein paar Statements für ein Kamerateam abgeben, tarnen sie sich mit putzigen Masken.

Andererseits: Über die eigene Sexualität in der Öffentlichkeit zu sprechen, sich als transsexuelle Hausfrau oder als schwuler Fußballfan vor aller Welt zu positionieren (oder sich auch bloß mit Opfern sexueller Diskriminierung zu solidarisieren) – das ist nach wie vor heikel. Insofern protestieren die Teilnehmer des Slutwalk auch dafür, irgendwann ihre eigene Vorsicht ablegen zu können. Seinen echten Namen will jedenfalls niemand nennen, und schon gar nicht möchte irgendjemand für die gesamte Bewegung sprechen. „Es gibt dazu ganz unterschiedliche Ansichten bei uns im Plenum“, das ist ein ebenso niedliches wie typisches Zitat – und man möchte den Machern etwas mehr von der Lockerheit wünschen, die von den Teilnehmern hier an den Tag gelegt wird. Höhepunkt der Strenge (oder eine Sicherheitsmaßnahme nach schlechten Erfahrungen bei anderen Slutwalks) ist wohl die eigens eingerichtete Awareness-Gruppe, die solche Teilnehmer aussortieren soll, die bloß da sind, um vielleicht ein paar nackte Brüste erspähen zu können oder sich wenigstens heimlich über die Kerle in Stöckelschuhen zu amüsieren.

Für allzu viel nackte Haut ist es an diesem sonnigen Oktobertag in Leipzig allerdings ohnehin zu kalt. „Es wird sicherlich die Standard-Gaffer geben, die aus dem Fenster gucken. Aber solange niemand belästigt wird, ist das kein Problem. Wir haben ja Lust uns zu zeigen, und wir zeigen uns ganz bewusst so“, sagt Die Wölfin, eine der Initiatorinnen des Leipziger Slutwalks. „Schlampe ist ein Begriff, der von außen kommt, den wir uns aber angeeignet haben. Er bedeutet für mich, dass man seine Sexualität selbst steuert und selbst darüber bestimmen kann“, sagt sie. In ihren Augen ist es kein Problem, wenn man Schlampe ist und gleichzeitig verheiratet, Bond-Girl oder Bundeskanzlerin. „Das ist bloß eine Frage der Definition. Wir wollen zeigen: Von sexueller Gewalt sind letztlich alle Menschen betroffen.“

Die Message kommt an: Als der Slutwalk dann nach mehr als einer Stunde tatsächlich mit dem Laufen in Richtung Innenstadt anfängt, trifft er bei den Passanten offensichtlich eher auf Sympathie und Amüsement denn auf Empörung oder Feindseligkeit. Es wird getanzt, eine fast komplett in pink gekleidete Samba-Truppe spielt ihre eigene Version des MC-Hammer-Hits U Can’t Touch This, aus den Lautsprechern des einzigen Begleitfahrzeugs erklingen Lieder von Madonna und Hole. Es ist ein seltsamer, aber sympathischer Mix aus Flashmob und Love Parade, Facebook-Party und Christopher Street Day, Aktivisten und Sympathisanten.

Auch Ginger, der über einen Flyer an der Uni vom Slutwalk erfahren und dann über Facebook weitere Freunde eingeladen hat, fühlt sich in diesem Umfeld sichtlich wohl und muss trotz seiner Leopardenweste keinen Moment befürchten, dass ihn hier jemand als Schlampe beleidigen könnte. Er hofft, dass sich der Begriff nach und nach wandeln wird – ebenso wie das Bewusstsein der Menschen. „Man braucht solche aggressiven Begriffe, um die Leute zu provozieren und sie auf ein Problem aufmerksam zu machen. Vor ein paar Jahren war ,schwul’ auch noch ein Schimpfwort. Das hat sich geändert. Vielleicht kann es mit ,Schlampe’ genauso sein.“

Eine Kurzversion dieses Artikels gibt es auch bei news.de – samt Fotostrecken zu Slutwalks weltweit und in Deutschland.

Weißes Gold und schwarze Füße

Der Auftrag kam vor einer Weile. Mein bezaubernder Arbeitgeber hatte die Idee, dass sich das Team von news.de den Usern noch ein bisschen besser vorstellen sollte. Und zwar mit einer Serie namens “Meine Heimat” – jeder Kollege erzählt ein bisschen von der Gegend, aus der er kommt, und macht dabei den Usern noch ein bisschen Lust darauf, auch mal dorthin zu fahren. Touristisch sollte der Text also werden, aber auch persönlich.

Damit stellte sich für mich natürlich erst einmal die Frage: Was ist Heimat? Schließlich habe ich fast die Hälfte meines Lebens dort und mittlerweile schon mehr als zehn Jahre hier verbracht – und dazwischen war ich noch einmal eine reichliche Weile ganz woanders. Ist die Heimat dort, wo man sich zuhause fühlt? Kann sie noch immer da sein, wo man inzwischen nur noch Gast ist?  Home is where the heart is? Oder doch eher: Home is where the start is?

Die Antwort fiel dann doch nicht schwer. Heimat ist da, wo man die Dinge und Menschen kennt. Die Straßennamen und die Schleichwege. Die Macken der Leute, die hier früher mal gewohnt haben. Die Legenden, die sich um den riesigen Baum am Waldrand spinnen. Wo man all das weiß – und zwar nicht aus dem Reiseführer, sondern weil man es gelernt hat, im Ort selbst – und vom Ort selbst.

Die Entscheidung fiel also auf Merkers, meine Heimat. Und glücklicherweise hat der Ort dann nicht nur die Anekdote vom kleinen Michael mit den schwarzen Füßen zu bieten. Sondern auch noch eine ziemlich spektakuläre Geschichte von einem Goldschatz der Nazis, einem Naturschauspiel und dem ewigen Sommer unter der Erde.

Meinen Beitrag zur Serie “Meine Heimat” gibt es in voller Länge auf news.de.

Der Terror ist längst da

Ich hatte es schon länger geahnt. Der Innenminister warnt vor Terror, erstmals wird dabei sogar ein Zeitraum genannt. Auch verschiedene konkrete Anschlagsziele geistern durch die Medien. Doch seitdem hat man nichts mehr davon gehört. Stattdessen gibt es andere aufsehenerregende Neuigkeiten. Ein Emirat, bei dem man sich noch nicht einmal einig ist, ob es nun Qatar heißt oder Katar, bekommt die Erlaubnis, eine Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten. Und es wird immer kälter draußen.

Mir war klar: Irgendwie musste das alles zusammenhängen. Als ich mich nun durch Schnee und Eis auf den Weg nach Hause quälte, fand ich plötzlich die Lösung. Hinter dem ganzen steckt eine völlig neuartige Geheimwaffe des Terrors.

Den kompletten Artikel gibt es auf news.de.

Roxette kommen auf Tour – die perfekte Setlist

Feiertag: Im Juni kommen Roxette für vier Konzerte nach Deutschland. June Afternoon! Dass man sie noch einmal live erleben kann, war ja nach der Krebs-Erkrankung von Marie höchst unwahrscheinlich (Almost Unreal!), umso mehr werden diese Shows zum Pflichttermin. Vor allem, weil Roxette sogar ein neues Studioalbum angekündigt haben – nachdem es zuletzt immer mehr Greatest-Hits-Nachlassverwaltung gegeben hatte.

Damit Per und Marie schon mal wissen, welche Songs sie üben müssen, habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und die ultimative Roxette-Setlist erstellt. Und – zur allgemeinen Freude – ein paar nette Performances oder die passenden Videoclips rausgesucht und jeweils verlinkt. Es wird zwar mit 28 Liedern (wobei das neue Album natürlich noch gar nicht berücksichtigt ist) ein recht langes Konzert. Aber dafür haben Roxette die Fans ja auch lange genug warten lassen. Und Per hat gerade in einem Interview meine Hoffnung bestätigt, dass es auch ein wenig Platz für Abseitiges geben soll: “Of course the show will be based on the obvious hits, that’s what most fans want to hear and you know us, we aim to please!!! However, that doesn’t mean that we can’t play the odd album track or your semi-forgotten, hidden favourite gem. February is the rehearsing month, we’ll decide these issues then. I hope. By the way, let us know your thoughts on the setlist. We’re known to pay attention.” Also: gut aufgepasst!

June Afternoon (1995, vom Don’t Bore Us, Get To The Chorus-Album). Der Schlagzeug-Wirbel ist ein perfekter Auftakt. Danach wird das Hohelied auf die Musikkassette, den Sommer und das Kaugummi gesungen – dieser Song ist die Quintessenz von Roxette. Und außerdem findet die Tour ja im Juni statt, nicht wahr?

How Do You Do! (1992, vom Tourism-Album). Per hat dieses Lied einmal “a million ideas put into one” genannt, und das ist die perfekte Umschreibung für diesen Hit. Und dazu natürlich die ultimative Begrüßungsformel als Auftakt nach dem Auftakt.

Dressed For Success (1988, vom Look Sharp!-Album). Ein unkaputtbares Riff und mit ein bisschen Garagen-Gelassenheit auch nach 20 Jahren noch frisch, wie Per zuletzt bei Gessle Over Europe bewiesen hat. Spätestens “Watcha gonna tell your brother?” dürfte dann die erste Textzeile sein, die jeder bei diesem Konzert mitsingt.

The Big L. (1991, vom Joyride-Album) Viel mehr Optimismus kann man nicht in 266 Sekunden packen. The Big L. ist ein Kinderlied, ein Evergreen und für Roxette ein Selbstbekenntnis.

She Doesn’t Live Here Anymore (1995,vom Don’t Bore Us, Get To The Chorus-Album). Vielleicht der beste Rocksong überhaupt von Roxette. Wie sehr Per das Lied mag (und wie gut es noch immer funktioniert), wurde auch bei Gessle Over Europe deutlich, als er regelmäßig Wahnsinns-Versionen davon hinlegte.

Fingertips 93 (1993, von der Fingertips 93-Single). Viel mehr Schmackes als die akustische Version auf dem Tourism-Album und deshalb live die bessere Wahl. Fingertips 93 hat fast die Riff-Power von Dressed For Success, dank der abwechselnd gesungenen Strophen aber mehr Raffinesse. Sie werden es wohl nicht rauskramen, aber es wäre ein Traum.

Stars (1999, vom Have A Nice Day-Album). Perfekt wäre natürlich, wenn sie die Eurodance-Singleversion spielen und dazu beispielsweise Scooter (und natürlich den Kinderchor) auf die Bühne holen. Aber auch die zuletzt gespielte quasi-Country-Version zeigt: Stars hat einen der besten Roxette-Refrains überhaupt.

Staring At The Ground (1999, vom Have A Nice Day-Album). Gleich nochmal Have A Nice Day. Mit Staring At The Ground bewiesen Roxette damals, wie toll sie klingen können, wenn sie nicht eine Sekunde lang an den eigenen Erfolg denken, sondern ganz spontan und reduziert musizieren. Es wäre freilich unfassbar, wenn sie sich für die neue Tour tatsächlich an diese eher unscheinbare Großtat erinnern.

Church Of Your Heart (1991, vom Joyride-Album). Danach könnte dieser Klassiker auch die eher oberflächlichen Fans wieder begeistern. Church Of Your Heart ist das Roxette-Himmelreich (und Per könnte gleich die Mundharmonika in der Hosentasche behalten, die er auch bei Staring At The Ground gebraucht hat).

Dangerous (Unplugged-Version,1993, B-Seite von Fireworks) Dieser Song, in der Originalversion auf dem Look Sharp!-Album vertreten könnte der erste Beitrag einer kleinen Verschnaufpause werden. Die Idee: Roxette verlassen die große Bühne und legen auf einer kleinen Bühne eine kleine Akustiksession ein, so wie das die Rolling Stones gerne machen oder auch Mando Diao zuletzt praktiziert haben. Noch ein Vorteil dabei: Dangerous verliert als Blues all seinen Eighties-Staub.

Paint (die Live in Sydney-Version, 1992, B-Seite von Queen Of Rain) Noch so ein Fall, wo man einen Look Sharp!-Höhepunkt entschlacken und zugleich modernisieren kann. Melodisch ist Paint noch immer eines der besten Roxette-Songs – und selten hat das Zusammenspiel der Stimmen von Per und Marie so gut funktioniert wie hier. Wäre ein feines Bonbon für die Fans der ersten Stunde.

Better Off On Her Own (1999, B-Seite von Stars) Ähnlich wie Staring At The Ground ein völlig unterschätzter Mega-Kracher. Nur Gitarre, ein Tamburin und die Stimmen von Roxette – das würde ebenfalls herrlich auf die Akustikbühne passen.

Cinnamon Street (1993, vom Super-Mario-Bros-Soundtrack) Hat ein Stück mehr Klasse als die Version mit Pers Gesang von Tourism. Der Refrain ist noch immer zu Niederknien.

Here Comes The Weekend (1992, vom Tourism-Album) Bekanntlich aufgenommen in einem Hotelzimmer mit einem Samsonite-Koffer als Schlagzeug-Ersatz. Dieser Song, vielleicht der eleganteste, den Roxette je gemacht haben, ist wie gemacht für die kleine Unplugged-Passage.

You Don’t Understand Me (1995, B-Seite von Anyone) Die Singleversion, von Per gemeinsam mit Hit-Fließbandschreiber Desmond Child komponiert, war damals ein bisschen zu sehr auf Powerballade gebürstet. Nur mit Marie am Klavier offenbart der Song aber seine ganze Klasse.

Place Your Love (1994, vom Crash! Boom! Bang!-Album) Noch einer meiner all-time-favourites. Auch hier schielt Per nicht auf die Charts, sondern ist ganz bei sich selbst – und landet einen Volltreffer. Marie könnte das Flötensolo beisteuern, und dann geht es runter von der kleinen Bühne und mit der gesamten Band wieder in die Vollen.

Sleeping In My Car (1994, vom Crash! Boom! Bang!-Album) Als Per schnell noch einen Hit für die Vorab-Single zum neuen Album brauchte, schüttelte er damals Sleeping In My Car aus dem Ärmel. Noch heute der beste Beweis, wieviel Rock in Roxette steckt.

Pearls Of Passion (1986, vom Pearls Of Passion-Album) Das Debütalbum (einst bin ich extra nach Halmstad gereist, um dort eine bulgarische Bootleg-Version zu erstehen, die dann aber ausverkauft war) muss natürlich auch vertreten sein, und zwar am besten mit diesem herrlich heiteren Titelsong.

Jefferson (2001, vom Room Service-Album) Klassisch, knochentrocken und unwiderstehlich wie sonst höchstens noch Tom Petty – und damit so, wie ich Roxette am liebsten mag.

Looking For Jane (2001, vom Room Service-Album). Das ist die Sorte Song, mit denen Roxette auch all die Leute zum heimlichen Mitsingen bringen, die sich eigentlich zu fein sind für Roxette.

Spending My Time (1991, vom Joyride-Album) Angeblich war damals der Vertrieb schuld, dass ausgerechnet mit dieser Hammer-Ballade die Serie von Roxette-Mega-Hits in den US-Charts riss. Am Lied kann es jedenfalls nicht gelegen haben, wie vor allem Maries Piano-Version beweist, die bei den letzten Touren immer einer der Gänsehaut-Momente war. Wäre ein schöner Rausschmeißer.

Joyride (1991, vom Joyride-Album) Natürlich nur bis zur Zugabe. Und wie könnte die besser beginnen als mit dem legendären Zweizweiler “Hello, you fool / I love you”? Joyride ist natürlich eine Pflichtnummer bei jeder Roxette-Show und könnte als erste Zugabe zudem das Signal sein: Jetzt geht es erst richtig los.

I Was So Lucky (1999, Vom Have A Nice Day-Album) Das Attribut “erwachsen” bringt man nicht allzu oft mit Roxette-Songs in Verbindung. Aber bei dieser traumhaften Ballade trifft es voll und ganz zu. Deshalb passt es perfekt zur Tour 2010 – zumal sich nach Maries Krankheit und der unerwarteten Wiedersehensfreude noch eine zusätzliche Dimension ergibt.

Listen To Your Heart (1988, vom Look Sharp!-Album) “This is pretty much the eighties to me”, hat Per diesen Hit zuletzt einmal angekündigt. Doch schon bei den vergangenen Tourneen haben Roxette gezeigt, dass Listen To Your Heart kein bisschen altbacken klingt, wenn man es ganz reduziert und akustisch auf die Bühne bringt. Dann zeigt sich der Kern des Songs: Listen To Your Heart ist schlicht das perfekte Liebeslied. Und irgendwann wird es bei so einem Konzert ja auch mal Zeit für die Feuerzeuge.

It Must Have Been Love (1990, vom Pretty Woman-Soundtrack). Noch so eine Monster-Ballade – und dazu vielleicht der wandlungsfähigste Song im Roxette-Repertoire. Nach der 1986er-Version wurde It Must Have Been Love für den Pretty Woman-Soundtrack ein bisschen aufgemotzt, für Tourism dann zum Countrysong, zuletzt bei den Roxette-Auftritten im Rahmen der Night Of The Proms eine Orchesternummer. Vielleicht gibt es ja auch diesmal eine Überraschung. Auf jeden Fall, schon wieder: ein irrer Rausschmeißer.

The Look (1988, vom Look Sharp!-Album) Ohne diesen Song gehen wir natürlich nicht nach Hause. Im nächsten Juni wird zwischen “heute” und The Look zwar genauso viel Zeit liegen wie zwischen The Look und beispielsweise We Can Work It Out von den Beatles. Aber statt sich die Frage zu stellen, ob man vielleicht alt geworden ist, kann man ja auch einfach “nanananana” singen.

Sommartider (1982, vom Puls-Album). Es wird natürlich ein Traum bleiben. Aber diese kleine Exkursion ins Gyllene-Tider-Oeuvre wäre schlicht und ergreifend der Wahnsinn.

Love Is All (1994, vom Crash! Boom! Bang!-Album) Wie jede gute Band haben Roxette viel zu viele Lieder, mit denen man ein Konzert anfangen kann und auch viel zu viele potenzielle Rausschmeißer. Mein Favorit für das Konzertende wäre dieser fast vergessene Albumtrack. Love Is All ist nicht nur eines der Lieder, die am meisten vom Kontrast der Stimmen von Per und Marie profitieren. Es ist auch ein glorioser Schmachtfetzen, zu der man den Kinderchor von Stars nochmal rausholen kann. Und schließlich ist es eine ganz banale Hymne an die Liebe – damit schließt sich der Kreis zur Hippie-Romantik von June Afternoon am Anfang der Show.

Roxette bei MySpace.

Das einzig wahre A-Team

Das echte A-Team - nicht zu toppen.

Das echte A-Team - nicht zu toppen.

Der gestrige Abend war sehr unterhaltsam, litt aber unter einer seltsamen Fehlbesetzung. Nein, ich meine nicht Petri Pasanen als Linksverteidiger bei Werder Bremens Krimi in der Champions-League-Qualifikation.

Ich rede vom A-Team. Gestern habe ich mir den ganz amüsanten Kinofilm angeschaut. Und neben etwas zu viel militärisch-amerikanischem Pathos litt der Film vor allem unter der Besetzung. Wer – wie ich – mit dem A-Team aufgewachsen ist und auf dem Schulhof die besten Szenen aus dem Vorabendprogramm nachgespielt hat, der hat höhere Ansprüche an die Reinkarnation dieser Kult-Truppe. Deshalb hier: meine Idealbesetzung für die A-Team-Kinoversion:

Leslie Nielsen als Hannibal Smith. Mister Nackte Kanone heißt zwar ganz ähnlich wie Liam Neeson, hat aber eine deutlich größere Ähnlichkeit mit dem Original-Hannibal aus der Fernsehserie (George Peppard). Er ist auch fast genauso alt. Zugegeben: Mit mittlerweile 84 hätte Leslie Nielsen ein bisschen trainieren müssen, um die Stuntszenen zu bewältigen. Trotzdem hätte man ihm die Verschmitzheit, Weisheit und auch das Draufgängertum besser abgenommen als Liam Neeson. Noch ein Bonus: Die Rolle als Hannibal wäre für Leslie Nielsen quasi der Wechsel ins ernste Fach geworden – wer kann das bei einem Auftritt im A-Team schon von sich behaupten?

Arnold Schwarzenegger als B.A. Ein Koloss mit riesigen Kräften und dem Herz am rechten Fleck? Ein bisschen dämlich, aber voller Loyalität? Immer mit einem frechen Spruch auf den Lippen, aber auch mit sentimentalen Momenten? Niemand hätte für diese Rolle besser gepasst als Arnie. Zugegeben: Er ist nicht schwarz. Aber wenn die Produzent des A-Team-Films sogar Panzer fliegen lassen können, dann dürfte das für sie doch das geringste Problem sein.

Sascha Hehn als Face. Wer soll sonst den blonden Beau vom Dienst, den schießwütigen Seitenscheitel spielen? Helge Schneider?

Jim Carrey als Murdoch. Das ist ohne Frage der schwierigste (und reizvollste) Part. Meine erste Idee war Weird Al Yankovic. Aber Jim Carrey könnte als Murdoch endlich mal wieder seine Grimassenfähigkeit ausleben. Und im Kreise netter Kameraden vielleicht sogar seine privaten Probleme vergessen.

Der Trailer zum aktuellen A-Team-Film:

Die fünf besten WM-Momente

Sebastian Kehl wurde Vize-Weltmeiste 2002. Foto: obs/Adveniat

Heute geht die Fußball-WM in Südafrika los. Und das ist eine große Freude. Denn nun ist nicht nur ein großer Teil der Vorab-Berichterstattung zu Ende, die zwischen westlicher Betroffenheit und guck-mal-so-schlimm-ist-dieser-Kontinent-gar-nicht schwankte. Und stattdessen gibt es das, worum es geht: Fußball. Ich freu mich drauf (übrigens: Spanien wird Weltmeister!) und habe aus aktuellem Anlass meine fünf schönsten WM-Momente zusammengestellt.

Platz 5. WM 1990. Das Turnier in Italien ist in meinem Fall ein schönes Beispiel dafür, wie sehr inzwischen auch unsere Erinnerung medial geprägt ist.  Einen persönlichen Moment, den ich mit der WM 1990 verbinde? Gibt es quasi nicht. Ich habe den offiziellen WM-Song (Un’Estate Italiana von Gianna Nannini und Edoardo Bennato, wer es genau wissen will), auf Kassette aufgenommen. Freunde meiner Eltern haben mir eine Sporttasche im offiziellen DFB-Design (die ich zunächst mit etwas Unbehagen trug, weil mir Nationalstolz suspekt war – das blieb sogar noch bis 2006 so, als ich mich beim Southside-Festival über all die jungen Männer wunderte, die “Deutschland, Deutschland” riefen). Aber das war’s. Vielleicht habe ich damals noch lieber selbst auf dem Bolzplatz gekickt, statt im Fernsehen den Stars zuzuschauen. Vielleicht war ich auch zu beschäftigt damit, dass es in meiner Welt plötzlich Worte wie “Fernbedienung”, “Markenjeans” und “Arbeitslosigkeit” gab. Und deshalb ist alles, was ich mit dieser WM verbinde einfach das, was danach als kollektive Erinnerung inszeniert wurde. Im Prinzip ist das meine Goodbye, Lenin-WM: die Sat-Schüsseln an den Fenstern, die Wir-sind-wieder-wer-Feiern, der Elfmeter von Brehme: Das hat wohl alles stattgefunden, ich kann mich aber nur medial daran erinnern.

Platz 4. WM 1998, Viertelfinale Deutschland – Kroatien 0:3. Das Spiel an sich war wohl eine der schwärzesten Stunden in der deutschen WM-Historie. Auch ich war schwer geknickt, nachdem erst Christian Wörns vom Platz geflogen war und wir dann völlig chancenlos ausgeschieden waren. Trotzdem wurde das Spiel noch zu einer schönen Erinnerung. Denn ich habe es in Amsterdam gesehen, wo ich mit ein paar Freunden war, um das Ende von Bundeswehr (bei mir)/Zivildienst (bei den anderen) zu feiern. Und erstens kann man in Amsterdam ganz wunderbar seinen Fußballkummer wegfeiern, was wir dann auch gemacht haben. Zweitens war es irre, die Holländer beim Feiern zu beobachten. Sie haben am selben Tag Argentinien aus dem Turnier geworfen. Die ganze Stadt war Oranje, ein paar zahnlose Kiffer schwärmten stundenlang vom “Ajax-System”, in der Innenstadt war selbst mit dem Fahrrad praktisch kein Durchkommen mehr. Und es war ganz leicht, sich von dieser Begeisterung einfach mitreißen zu lassen. So viel Euphorie, Harmonie und Ausgelassenheit gab es dann erst wieder acht Jahre später zum Sommermärchen.

Platz 3. WM 1994, Schweden – Bulgarien 4:0. Meine Begeisterung für Schweden war damals schon uralt, wurde bei der WM in den USA aber ins fast Unermessliche gesteigert. Vor dem Turnier hatte ich meinem Englischlehrer noch angekündigt, dass Schweden diesmal Dritter werden würde. Er hatte natürlich gelacht, und es war auch nur halb im Ernst gemeint. Aber dass sie es dann tatsächlich schafften, war ein Traum. Ich hatte mir bei einem Urlaub in Kalmar das Trikot der Trekronors gekauft und trug es nun stolz bei jedem Spiel, in dem Brolin, Dahlin und Larsson wirbelten und Ravelli hinten für Sicherheit sorgte. Das 4:0 im Spiel um Platz 3 gegen Bulgarien setzte dem Ganzen die Krone auf. Nicht nur, weil es eine Demütigung für Bulgarien war (schon zur Pause stand es 4:0), das vorher Deutschland aus dem Turnier geworfen hatte. Sondern auch, weil zwei Tore nach schnell ausgeführten Freistößen in meinen Augen der endgültige Beweis für die Überlegenheit der schwedischen Spielkultur waren.

Platz 2. WM 2002, Brasilien – Deutschland 2:0. Natürlich war es eine schmerzhafte Niederlage. Deutschland hatte das ganze Turnier über nicht gut gespielt, war aber dank Ballack und Kahn ins Endspiel gekommen. Und dort zeigten die Jungs von Rudi Völler dann endlich eine starke Leistung (obwohl Ballack gesperrt war) – bis Kahn patzte. Ironie des Schicksals. Das Finale ist mir trotzdem in angenehmer Erinnerung. Wir haben es in riesiger Runde im Garten eines Freundes geschaut. Die Idee war, dass wir ins Endspiel reinfeiern, also von Samstagmittag bis Sonntagmittag durchmachen. Ich habe mich frühzeitig von dieser Idee verabschiedet und war deshalb einer der wenigen, die einen ordentlichen Schlafplatz hatten. Als ich dann morgens wieder wach war, bot sich mir ein herrlicher Anblick: Keiner hat die Idee mit dem Durchmachen wirklich durchziehen können, und nun waren überall im Garten schlafende Leute verstreut. Pünktlich zum Anpfiff waren aber alle wieder hellwach – und ich war froh, dass ich nicht zu wild gefeiert hatte. Denn nach dem Spiel musste ich dienstlich kurzfristig Reaktionen zur Niederlage sammeln, vom Erzbischof bis zum Oberbürgermeister. Das echte Highlight der WM-Nachspielzeit kam aber noch: Als die Mannschaft von Rudi Völler wieder in Deutschland war, sollte sich Lokalmatador Sebastian Kehl ins Goldene Buch der Stadt Fulda eintragen. Als der entsprechend pompöse Empfang fast vorüber war, ging ich dann auch noch auf die Bühne, um Interviews zu machen. Und als ich wieder runterkam, hielten ein paar japanische Touristen offensichtlich mich für den Fußballer, der gerade Vize-Weltmeister geworden war. Ich habe minutenlang versucht, ihnen das auszureden – vergeblich. Also habe ich doch ein paar Autogramme gegeben und für Fotos posiert. Ich frage mich noch heute, was sie zuhause erzählen, wer dieser berühmte deutsche Fußballer sein soll, den sie getroffen haben.

Platz 1. WM 1986, Argentinien – England 2:1: Das ist eine meiner ersten Fußball-Erinnerungen überhaupt. Wie jeden Sommer war ich mit meinen Eltern beim Camping an der Ostsee. Natürlich gab es dort keinen Fernseher im Zelt. Aber es gab eine Imbissbude, in der hinter dem Tresen ein kleiner Apparat stand, mit schwarz-weiß-Bild. Zu den großen Spielen versammelten sich dort viele Urlauber. Ich war eigentlich nur da, um Eis zu kaufen. Und dann sah ich diesen kleinen Mann mit wilden dunklen Locken, ein bisschen pummelig, aber verflixt schnell. Er holte sich in der eigenen Hälfte den Ball, legte einen Wahnsinns-Sprint mit gefühlt 1000 Körpertäuschen und vier Millionen Tricks hin, und traf. Der kleine Mann war Diego Armando Maradona, und dieses Solo gegen England wurde später zum “Tor des Jahrhunderts” gewählt. Für einen Achtjährigen wie mich war es ein Erweckungserlebnis: all die Faszination, Eleganz und Dramatik von Fußball, komprimiert auf 30 Sekunden. Unvergesslich.

Ganz ruhig, es läuft

Zehn Minuten nach dem Sieger im Zeil, das bedeutet: Platz 698.

Heute steigt der 3. Leipziger Firmenlauf. Um mal zu schauen, wie gut ich noch in Schuss bin, und um mein Lieblingsnachrichtenportal www.news.de zu repräsentieren, bin ich natürlich dabei. Und ganz schön erstaunt.

Zunächst hatte jemand die großartige Idee, uns für d mit scharzen Trikotsrad und drückender Schwüle mit scharzen Trikots auszustatten. Was das eine Bewerbung für die Kategorie “originellstes Outfit”? In jedem Fall war es ein bisschen unpraktisch. Und sofort erinnert es mich an meine letzte Teilnahme bei einem offiziellen Lauf-Event: Beim Fulda-Marathon 2004 hatte ich ähnliches Glück mit dem verschissen heißen Wetter.

Im Gegensatz dazu stehen diesmal aber nur 5000 Meter an. Trotzdem sind die Teilnehmer offensichtlich extrem motiviert. Vor dem Start in der Arena Leipzig wird gedrängelt (und geschwitzt und gestunken). Es gibt jede Menge Leute, die sich dehnen, imposante Muskelberger, und ich treffe sogar einen alten Fußball-Kumpel, der Red Bull trinkt – und ankündigt, dass er schneller sein wird als ich (er wird Recht behalten).

Dabei dachte ich, das alles soll ein nettes Beisammensein werden. Ein bisschen Plaudern, Netzwerken und dabei in aller Ruhe den Rundkurs absolvieren. Offensichtlich habe ich unterschätzt, wie ehrgeizig die versammelte Leipziger Wirtschaft ist. Muss das so sein, wenn man in einer Stadt mit einer Arbeitslosenquote von 14,7 Prozent einen Job haben will? Oder wollen es alle dem Hauptsponsor Commerzbank zeigen: Nun könnt ihr mal sehen, wie leicht man erfolgreich sein kann – ganz ohen Steuergelder? Oder ist es vielleicht die Hoffnung, dem Chef auch bei dieser Gelegenheit die eigene Motivation und Leistungsfähigkeit zu beweisen?

In jedem Fall kann von Entspanntheit keine Rede sein, und auch ich rege mich langsam auf, nämlich über die dämliche Ballermann-Musik vor dem Start. Ich hatte extra meinen iPod zuhause gelassen, weil ich ja dachte, dass es um Plaudern und Netzwerken geht. Scheiße.

Auf der Strecke gibt es dann (neben viel Hitze und erstaunlich vielen Zuschauern) ein paar Samba-Gruppen. Deren Sound ist tatsächlich sehr motivierend – trotzdem frage ich mich, ob man für das Geld nicht lieber ein paar besser sichtbare Weg-Markierungen angeschafft hätte. Als ich noch rätsle, ob ich nun schon vier oder erst drei Kilometer gelaufen bin, steht da plötzlich ein aufblasbarer Bogen, der das nahe Ziel ankündigt. Weil ich mir ja noch die Kraft für ungefähr zwei Kilometer aufgespart hatte, kann ich so einen lockeren Schlussspurt hinlegen, und dann bin ich nach 24:19 Minuten im Ziel. Das bringt mir immerhin noch einen Platz unter den besten 700 von rund 3200 Teilnehmern.

Wie ich höre, sind die Sieger allerdings schon seit fast zehn Minuten hier. Ein paar von ihnen haben kurz nach dem Ziel gekotzt. Bei so viel Einsatz stimmt der alte Slogan des Stadtmarketings vielleicht doch: Leipzig kommt.

Mozart für Gruftis

Unmittelbar Vor dem Konzert wird noch einmal geprobt. Und besonders gruselig sieht das nicht aus.

Die Peterskirche ist „städtebaulich prägend für die Leipziger Südvorstadt“, behauptet eine Infotafel im Seitenschiff. Das ist eine gewagte These. Denn die Kirche, die erstmals 1213 erwähnt wird und die in der jetzigen Form 1882 erbaut wurde, ist zwar – steht man erst einmal direkt davor – höchst imposant. Ihr 88 Meter hoher Turm überragt locker die höchste Spitze der berühmteren Thomas- und Nikolaikirche. Trotzdem kann man diese Kirche auch gut übersehen. Sie ist rundum so dicht bebaut, dass man 50 Meter an ihr vorbeispazieren kann, ohne sie auch nur annähernd zu bemerken.

Ich habe jahrelang nicht weit entfernt von der Kirche gewohnt, ohne überhaupt zu wissen, dass sie da steht. Dann, eines Nachts, wählte ich auf dem Weg nach Hause eine Abkürzung – und plötzlich ragte da diese Kirche in den dunklen Himmel, als sei sie klammheimlich binnen weniger Stunden von Mainzelmännchen gebaut oder von Aliens kurz hier zwischengelagert worden. Das war ein ziemlicher Schock.

Ähnlich überrascht müssen die Spaziergänger gewesen sein, die gestern Nachmittag an der Peterskirche vorbeikamen. Denn obwohl es ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch ist, regiert in der Kirche die Trauer. Obwohl niemand gestorben ist, erklingt Mozarts Requiem in d-Moll. Und obwohl es keinen Gottesdienst gibt (oder gerade deshalb), ist die Kirche rappelvoll.

Wer von den Spaziergängern womöglich gar einen Blick durch die prachtvoll bemalten Fenster wagt, bekommt ein höchst ungewöhnliches Spektakel zu sehen. Im Altarraum musiziert ein Universitäts-Orchester höchst gekonnt, dazu erklingt ein ebenso kompetenter Chor aus Gesangsstudenten. So weit, so erwartbar. Aber das Publikum! So etwas gibt sonst wohl nicht einmal beim Kostümball und höchstens in den weniger schlimmen Träumen von Tim Burton. Da sitzt Napoleon Bonaparte neben jemandem, dessen Uniform an ein finsteres autoritäres Regime der Zukunft denken lässt. Da kommen Damen herein, die geradewegs den Seiten von Interview mit einem Vampir entsprungen zu sein scheinen, und ältere Herren, die wohl erst reagieren, wenn man sie mit «Fürst der Finsternis» anspricht. Auf der Empore steht das Phantom der Oper – und direkt neben mir sitzt jemand, der sonst wohl eher zu Satan betet als in der Gemeinde St. Petri.

Denn das Konzert findet im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens statt, der jährlichen Zusammenkunft der Schwarzen Szene in Leipzig. Immer an Pfingsten wird die Stadt zum Walhalla für an die 20.000 Gruftis. Sie kommen aus ihren dunklen Kellern aus aller Welt – und bringen, so weit ich mich erinnern kann, erstaunlicherweise fast immer die Sonne mit. Es regieren Dark Wave, Industrial und das, was aus mir noch immer unerfindlichen Gründen „Electronic Body Music (EBM)“ heißt, in den Clubs der Stadt. In dieser Szene hat man natürlich ein Faible für das Morbide – und durchaus auch für Mozart. Das gilt zumindest für Mary Machregor-Reid. Wie die meisten, die sich kurz vor Einlassbeginn auf dem Kirchvorplatz tummeln, sieht sie nicht aus wie jemand, der regelmäßig eine Kirche besucht. Und erst recht nicht wie ein Fan von klassischer Musik.

«Man kann eben nicht nach dem Aussehen gehen. Ich sehe zwar wie ein Punk aus, aber ich bin mit viel klassischer Musik aufgewachsen. Und das Requiem von Mozart gehört neben dem von Brahms zu meinen absoluten Favoriten», erzählt die Neuseeländerin. Nach dem Mozart-Konzert geht es weiter zu einer Rockshow an der Moritzbastei. Und ganz besonders freut sie sich auf den Auftritt von Alien Sex Fiend. Sie hat 24 Stunden Anreise auf sich genommen, um beim Wave-Gotik-Treffen dabei zu sein. «Alle Goths kennen das Festival, auch am anderen Ende der Welt. Und es ist großartig hier. ich werde auf jeden Fall wieder nach Leipzig kommen», schwärmt sie.

Auch eine Gruppe junger Damen aus Mannheim und Stuttgart, deren Kleider so ausladend sind, dass sie später nicht die enge Wendeltreppe auf die Empore heraufkommen werden, ohne den Putz von den Wänden zu scheuern, beteuert: «Das ist für uns nicht nur ein schräges Event. Wir hören auch zuhause Mozart.» Sie waren tags zuvor beim Viktorianischen Picknick dabei und übernachten extra in einer Pension, um genug Zeit, Platz und sanitäre Grundausstattung zu haben, sich jeden Tag neu zu stylen. Das Trio war schon im vergangenen Jahr dabei, als das Requiem in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals aufgeführt wurde.

Auch da war schon die Stüba-Philharmonie am Werk. „Das war wirklich strange“, erzählt mir der Trompeter kurz vor dem Konzert (während er einen Zigarillo raucht und damit wohl nicht gerade seine Blechblaskarriere befeuert). „Die Leute wussten zum Beispiel nicht, dass man zwischen den einzelnen Sätzen nicht klatscht. Aber für uns ist so etwas natürlich spannender als ein normales Konzert“.

In der Kirche muss man derweil zweifeln, ob die Peterskirche einen vergleichbar imposanten Schauplatz abgeben wird wie der Völkerschlachts-Koloss. Denn die im Zweiten Weltkrieg stark ramponierte Peterskirche ist eigentlich ein vergleichsweise ungruseliger Ort. Kurz vor dem Konzert, als das Orchester noch einmal probt, ist hier wenig von der besonderen Atmosphäre zu spüren, die Sakralbauten sonst auszeichnet. Die Gemeinde sitzt auf hellen Holzklappstühlen und schaut auf einen Altar, der aus Beton gemacht scheint. Den Fußboden ziert höchst profaner PVC-Belag und irgendwo baumelt noch ein bisschen Baustellen-Absperrband.

Doch für das Andächtige soll schließlich die Musik sorgen, und als das Konzert beginnt, wird es tatsächlich zu einem Erlebnis der besonderen Art. Ich kann zwar nach wie vor nichts mit klassischer Musik anfangen, aber in dieser Umgebung bekommen die Klänge noch einmal eine neue, spannende Dimension.

Auch Dirigent Wieland Lemke ist danach überaus angetan. «Für uns ist das natürlich auch ein besonderes Konzert. Aber dieses Publikum ist ungeheuer offen und begeisterungsfähig. Und wir können bei solchen Gelegenheiten klassische Musik vielleicht auch Leuten nahe bringen, die sie sonst nicht so gut kennen.» Wenn er wählen müsste zwischen dem regulären Publikum bei einem klassischen Konzert und der schwarzen Szene, fällt seine Entscheidung nicht schwer: «Wave-Gotik-Treffen, definitiv.»

Vor dem Konzert hatte er die Gäste diesmal vorsichtshalber instruiert, erst ganz am Schluss zu klatschen. Und auch sonst ist erstaunlich, wie hoch anständig (ja: beinahe konservativ) das Publikum ist. Vor dem Einlassbeginn stellen sich alle brav vor dem Hauptportal an, obwohl man sich (wie ich) auch problemlos durch einen Seiteneingang in die Kirche schleichen kann. Es gibt einen extrem höflichen Begrüßungsapplaus und während des gut einstündigen Konzerts (bis auf ein paar Babyschreie und den Typ vor mir, der seinem Nachbarn eine Flasche reicht mit dem Satz: „Das ist Wermut, Du Sau!“) andächtige Stille.

Als der letzte Ton verklungen ist, spenden die Zuhörer stehende Ovationen. Als erster springt ein Kerl ganz begeistert auf, der in seinem Militaria-Outfit den Eindruck erweckt, als habe er auch schon damals bei Goebbels immer am lautesten gejubelt. Und nach der schwarzen Messe spenden viele auf dem Weg zum Ausgang noch brav für die Restaurierung der Peterskirche. Vielleicht, damit es im nächsten Jahr noch ein bisschen düsterer werden kann.

Eine gekürzte Version dieses Artikels mit einer spektakulären Fotostrecke und einem amüsanten Video vom Wave-Gotik-Treffen gibt es auch bei news.de.