Hingehört: Katherine Jenkins – “Daydream”

Einen kruden Mix präsentiert Klassik-Queen Katherine Jenkins auf "Daydream".

Einen kruden Mix präsentiert Klassik-Queen Katherine Jenkins auf “Daydream”.

Künstler Katherine Jenkins
Album Daydream
Label Warner
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Man muss im Leben nicht alles verstehen. Das Konzept „klassische Musik“ zum Beispiel. Viele der heute populärsten Stücke dieses Genres waren schon zur Zeit ihrer Entstehung Straßenfeger – also für die Zeitgenossen quasi Pop, nicht Klassik. So gut wie alles, was heutzutage in diesem Genre hinzukommt, wird zwar als klassische Musik rubriziert, ist von einem Status als „Klassiker“ aber weit entfernt.

Die Wertschätzung für Menschen, die ihr Instrument nicht bloß gerne spielen, sondern dieses Spielen auch studiert haben, das zu Spielende von einem Notenblatt ablesen und womöglich gar nach dem Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern bezahlt werden, ist dennoch ungebrochen. Vor einem Fußball-Länderspiel wird immer noch gerne ein ganzes Stadion voller Fans mit irgendeiner Opernstimme gequält. Und jede Menge Klassikradios erobern die Digitalkanäle.

Dort spielt man gerne auch Katherine Jenkins. Die Mezzosopranistin aus Wales ist zumindest in ihrer Heimat so etwas wie der Megastar der zeitgenössischen klassischen Musik: Sie hat 2004 den bislang höchstdotierten Plattenvertrag der Klassischen Musik Großbritanniens unterzeichnet, sie hat sieben ihrer Alben in die englischen Top10 bekommen und sie hat natürlich auch schon in einem Stadion vor Tausenden Sportfans gesungen (allerdings waren es in ihrem Fall keine Fußball-, sondern Rugby-Anhänger). Und die 32-Jährige hat es seit 2004 auf sagenhafte zwölf Alben gebracht.

Dieser imposante Output ist kein Wunder, wenn man sich Daydream anhört, ihre neuste Veröffentlichung. Das Album ist ein derart kruder Mix aus Musik, die offensichtlich möglichst virtuos, pathetisch und langweilig klingen soll, dass man sich bloß wundern kann. Catherine Jenkins mischt pompösen Pop im Stile von Shania Twain (Can’t Slow Down) mit Chopin-Adaptionen (L’alba verrà), neu arrangierten Traditionals (Carrickfergus), Musicalelementen (A Flower Tells A Story), Schlagerschmonz in septischen Duetten mit Semino Rossi (Because We Believe, The Music Of My Heart) und setzt Abigail’s Song noch obendrauf, ihren Beitrag aus der TV-Serie Doctor Who.

Der Opener Black Is The Colour klingt, als würde man sieben Monate lang dem Untergang der Titanic zuschauen, die folgende Pianoballade Your Silhouette ist US-Fließbandpop im Stile von Celine Dion, später gibt es ein kaum wieder zu erkennendes Ave Maria mit reichlich Harfe, dazwischen immer wieder ernste Klassik und dann mit Break It To My Heart auch noch eine Ballade, die zu Avril Lavigne passen würde, wenn man sie eine Oktave tiefer legte. Im Booklet von Daydream dankt Katherine Jenkins „all the men and women of our armed forces“. Wie gesagt: Man muss nicht alles verstehen.

Lieber tanzen als singen – das sollte das Motto für Katherine Jenkins sein:

Homepage von Katherine Jenkins.

Hingehört: Texas – “The Conversation”

"The Conversation" ist typisch Texas: solide, nett, aber ohne Ecken und Kanten.

“The Conversation” ist typisch Texas: solide, nett, aber ohne Ecken und Kanten.

Künstler Texas
Album The Conversation
Label Pias
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

“Ich lebe. Ich fühle mich wohl. Ich weiß, dass diese Feststellung auf irgendeine Art und Weise den Eindruck erzeugt, mir fehle die Tiefe. Das liegt daran, dass das Leid bei uns einen höheren Stellenwert besitzt als stilles, angenehmes, bloßes Dasein. Das Positive gilt als leicht, als unbedacht, als dümmlich, während das Gefühl des Unglücks als existenziell wichtig und richtig wahrgenommen wird. Der heitere Mensch erscheint in der Zeitung auf der Panoramaseite, die Heulsuse im Feuilleton. Wollen wir tiefsinnig sein, sehen wir den Tod mit traurigem Blick als unausweichliche Quintessenz des Lebens, nicht das Leben als zu Glück und Demut verpflichtende, im besten Falle langjährige Chance. Vergnügen ist flach, Verzweiflung tief. Wer immer das erfunden hat, zum Leben hatte er kein Talent. Er floh wahrscheinlich weinend in den tiefen Tann, wo ihn die Geister des Waldes in den Wahnsinn trieben.”

Diese weisen Worte schreibt Dieter Nuhr in seinem aktuellen Buch Das Geheimnis des perfekten Tages. Die Tendenz zur Überhöhung des Unglücks, des Negativen, der Verzweiflung ist wahrscheinlich der beste Ansatz, um das Image von Texas zu erklären. Die Band wird geliebt von ihren Fans. Weltweit haben Texas mehr Alben verkauft als der gleichnamige US-Bundesstaat Einwohner hat, und das sind immerhin so etwa 30 Millionen. Doch die Band wird, höflich ausgedrückt, allenfalls belächelt von den Kritikern. „We inevitably anticipated another helping of antiseptic soul and asexual healing, and Texas – bless their impeccably sculpted hair – do not disappoint”, schrieb beispielsweise der NME über das 1999er Album Hush.

The Conversation, das achte Album in der Karriere von Texas, wird daran wenig ändern. Es ist genau die Platte, die man erwarten durfte von der Band, die vor 25 Jahren auf einer Studentenparty an der Universität von Dundee ihr erstes Konzert spielte. „Das Lustige ist, wenn du mich fragen würdest, wie ein Texas-Album klingen sollte, könnte ich dir das gar nicht sagen. Aber ich weiß, dass The Conversation exakt wie ein Texas-Album klingt“, stellt Sängerin Sharleen Spiteri treffend fest.

Es gibt schöne Musik, mellow, bestens geeignet für den Hintergrund. Die Platte bietet stets mindestens solides Handwerk und atmet durchaus auch den Geist von angenehmer Spontaneität. Es gibt unter den zwölf Liedern auf The Conversation kein einziges, das schlecht wäre, und es gibt sogar zwei richtig gute. Aber das Schlagzeug ist hier deutlich zu oft bloß auf Bums aus, die Streicher klingen mitunter zu künstlich und das Einatmen, bevor Spiteri eine angeblich besonders bedeutende Zeile singt, ist oftmals ein bisschen zu gewollt erotisch. Was Texas vor allem fehlt, ist das, was man in England „edge“ nennt: Ecken und Kanten, etwas Unkonventionelles, Individuelles, Provokantes.

I Need Time, der semi-akustische Schlusspunkt der Platte, ist ein gutes Beispiel dafür. Auch Be True passt in diese Kategorie, mit Streichern und ein wenig Motown-Feeling. An beiden Stücken (und an fünf weiteren auf The Conversation) hat übrigens Richard Hawley mitgeschrieben, kurzzeitiges Mitglied von Pulp und anerkanntermaßen einer der besten Songwriter Großbritanniens. In seinem Proberaum in Sheffield haben Texas an den Liedern des Albums gefeilt. „Mit Richard zu schreiben war ein Traum“, schwärmt Spiteri. „Der Mann hat einfach Musik in jeder Fingerspitze.”

Die Liste der prominenten Gäste ist damit nicht beendet. “Little Barrie” Cadogan (Primal Scream) spielt auf einigen Stücken Gitarre. Das vor Optimismus strotzende Big World entstand gemeinsam mit Bernard Butler (ehemals Suede), mit dem Texas auch die ersten Demos für das Album aufnahmen. Und dann ist da noch ein einigermaßen überraschender Mitstreiter: Ally McErlaine. Der Gitarrist ist zwar Gründungsmitglied von Texas. Dass er noch einmal auf einer Platte seiner Band würde mitwirken können, war zwischendurch trotzdem höchst fraglich. Im September 2009 wurde bei ihm ein Gehirn-Aneurysma diagnostiziert, mit einer Überlebenschance von etwa 20 Prozent. Jetzt ist McErlaine wieder vollständig erholt, nach seiner Genesung wurde er sogar zur treibenden Kraft für das Live-Comeback der Band und das neue Album. „So wie sein Aneurysma fast das Ende von Texas war, so wurde seine Genesung ein neuer Anfang“, sagt Spiteri.

Als solchen kann man The Conversation auch unabhängig von der Erkrankung betrachten. Schließlich hatte die Band sich 2005 zu einer Pause auf unbestimmte Dauer entschlossen, Spiteri nutzte die Zeit für ein Soloalbum. „Nach dem letzten Album Red Book und der Tour danach war 2005 einfach die Zeit gekommen, mal eine Pause einzulegen. Wir dachten so an ein, zwei Jahre, um Zeit für die Familien oder andere Projekte zu haben. So lange sollte es eigentlich nicht werden“, sagt die Sängerin. Dann kam noch der erwähnte Schicksalsschlag hinzu, doch ab 2011 waren Texas wieder gemeinsam live zu sehen.

Bei diesen Konzerten waren einige der neuen Songs, beispielsweise der Opener und Titelsong (The Conversation vereint mit seinem frischem Refrain, der sexy Gitarre und der schlicht schönen Stimme die wichtigsten Texas-Zutaten) oder Detroit City (eingängig und mitreißend und irgendwo zwischen Blondie und Roxette zuhause) schon zu hören. „Dann weißt du, ob ein Song wirklich was taugt oder nicht“, sagt Spiteri. „Worüber wir aber kaum hinwegkamen, das waren all diese 19-, 20-jährigen Kids, die jetzt unsere alten Hits mitsangen. Und ich dachte so: Wie könnt ihr die kennen? Aber das sind wohl einfach die Kids, die damals hinten im Auto auf dem Weg zur Schule saßen, als man das Radio nicht anmachen konnte ohne irgendwann Texas zu hören. Unsere alten Fans sind noch da, während eine neue Generation hinzugekommen ist. Und auch deshalb fühlt es sich genau richtig an, jetzt wieder mit der Band durchzustarten.“

Hearts Are Made To Stray ist das Lied, das dieses Gefühl am ehesten zum Ausdruck bringt. Es geht um Zusammenhalt und die Stärke, die Hoffnung, den Trost, den man daraus ziehen kann. Ansonsten dominiert als Thema die Kraft der Liebe. If This Isn’t Real macht das am deutlichsten, als Lied über die emotionale Sicherheit, die Liebe vermitteln kann, und über die Zweifel, die dennoch mitschwingen, weil man um diese ersehnte Sicherheit so sehr bangt.

Auch etliche der Lieder, an denen Richard Hawley beteiligt war, gehen in diese Richtung. Dry Your Eyes setzt auf einen gebremsten Beat, eine zahme akustische Gitarre und einen „uhuhu“-Chor, die auch Smokie nicht verschmähen würden. Maybe I ist luftig, überrascht mit einer ungewohnt tiefen Stimme und könnte auch gut zu Chris Isaak passen.

I Will Alaways setzt auf ¾-Takt und dezenten Surfsound und wird ein durchaus glaubwürdiges Liebeslied, in dem das Potenzial sowohl zur Tiefe als auch zum Seichten stecken: Von Johnny Cash oder Marianne Faithful gesungen, könnte es markerschütternd sein. Von Enrique Iglesias oder Jeanette Biedermann interpretiert, wäre es plump und hohl. Die Version von Texas steht genau in der Mitte – und zeigt damit erneut die Diskrepanz in der möglichen Wahrnehmung dieser Band.

Texas spielen The Conversation live bei Jools Holland:

Homepage von Texas.

Hingehört: The Ruby Suns – “Christopher”

Entspannt reisen - das ist das Motto der Ruby Sons.

Entspannt reisen – das ist das Motto der Ruby Sons.

Künstler The Ruby Suns
Album Christopher
Label Memphis Industries
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

„Für Naturen wie die meine, die sich gerne festsetzen und die wichtigen Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie berichtigt, belehrt und bildet.“

Diese schöne Erkenntnis hat Johann Wolfgang von Goethe 1797 in einem Brief an Friedrich Schiller formuliert. Ich bin natürlich weit davon entfernt, Ryan McPhun – den Mann, der einhundert Prozent der Musik der Ruby Suns schreibt und grob geschätzte 33 Prozent ihrer Besetzung ausmacht – mit Goethe zu vergleichen. Aber wie prägend das Reisen sein kann, davon kann McPhun definitiv auch ein Lied singen. Oder im Falle von Christopher, dem vierten Album der Ruby Suns, sogar gleich zehn.

Denn zuerst zog McPhun aus seiner kalifornischen Heimat nach Neuseeland, wo er die Ruby Suns gründete. Im Winter 2010 hatte er dann genug von seiner Wahlheimat und siedelte nach Norwegen über, um neue Kraft zu schöpfen. Dort entstand der größte Teil von Christopher (der Albumtitel ist “part of an Auckland-based inside joke”, erklärt McPhun). Man kann das unstete Wesen eines Herumtreibers durchaus erkennen in dieser Platte, auch wenn man diese Hintergründe nicht kennt: Alles auf Christopher schwebt, gleitet und segelt durch den Äther. Rush, das sich mit einem bouncenden Bass irgendwo zwischen The Temper Trap und Everything Everything einnistet, und das folgende Jump In, ein eher muskuköser und zupackender Moment, deuten die Reiselust auch mit ihren Titeln an.

Auch der Opener Desert Of Pop, zugleich das beste Lied auf Christopher, wäre ohne Reisen niemals möglich gewesen. Das Lied handelt von dem Moment, in dem Ryan McPhun bei einem Festival in Köln kurz das Vergnügen hatte, Robyn zu begegnen. Er scheint sich sofort verknallt zu haben angesichts der Zeilen, die er für die Schwedin gedichtet hat: „Flower among the leaves is what you are / cold glass of water in the desert of pop.“ Auch der Drumcomputer scheint in einen Liebesrausch verfallen zu sein, der Rest klingt wie die Schnittmenge aus Zoot Woman und den Pet Shop Boys.

Fast alles ist bei den Ruby Suns synthetisch erzeugt, Effekte sind ebenso gerne genommen wie Eighties-Referenzen und eine entspannte, leichte Atmosphäre. Eine gefilterte Gitarre ist (neben der Zeile „I’m not ready fort he real life“) das markanteste an In Real Life. Komplex und dabei sehr gekonnt wird Boy, das sehr hübsche Heart Attack setzt auf einen Latin-Rhythmus, Starlight ist so etwas wie House für die Chillout-Zone.

Manche Lieder, wie Futon Fortress oder Kingfisher Call Me (das fast nur aus der Beschwörung „Dry your eyes“ zu bestehen scheint) sind für sich genommen ein bisschen arg mellow oder sogar tendenziell öde. Aber als Ganzes ist Christopher durchaus gefällig – fluffig im besten Sinne.

The Ruby Suns spielen In Real Life. Live.

The Ruby Suns bei MySpace.

Hingehört: Frank Turner – “Tape Deck Heart”

Frank Turner ist auch auf "Tape Deck Heart" so cool, weil er nie cool sein will, sondern bloß echt und gut.

Frank Turner ist auch auf “Tape Deck Heart” so cool, weil er nie cool sein will, sondern bloß echt und gut.

Künstler Frank Turner
Album Tape Deck Heart
Label Xtra Mile Recordings
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Es gibt ein paar Dinge, die tut man als Mann viel zu selten. Seine Kumpels in den Arm nehmen. Seine Schwester anrufen. Um seine Vorfahren weinen. Seien wir ehrlich: Die meisten von uns Kerlen sind emotionale Wichte.

Zum Glück haben wir aber Frank Turner. Einen Mann, der für BlutSchweißUndTränen steht, für NoBullshitAuthentizität, für DasHerzAmRechtenFleck. Wir können seine Musik hören. Seine Stimme, die immer ein bisschen lauter, höher und leidenschaftlicher singt, als sie eigentlich zu vermögen scheint. Seine Lieder, die Pferde stehlen, Trost spenden, Leben retten können. Und dann können wir für einen kurzen Moment merken, wie schön, intensiv und hoffnungsvoll das Leben doch wäre, wenn man nicht ständig versuchte, cool zu sein.

An Frank Turner kleben eine Menge Begriffe, die absolut nicht cool sind: sympathisch, ehrlich, politisch. Seinem stetigem Aufstieg stand all das nicht im Weg: Der 31-Jährige, der als Sänger der Post-Hardcore-Band Million Dead begann, hat mittlerweile 300.000 Platten verkauft und durfte im vergangenen Jahr gemeinsam mit Paul McCartney, Duran Duran und den Arctic Monkeys die Olympischen Sommerspiele in London eröffnen. Natürlich macht ihn all das dann doch unfassbar cool.

Tape Deck Heart, sein fünftes Studioalbum, kann mit einigem Recht als bisheriger Höhepunkt seiner Karriere angesehen werden. Nicht nur, weil die Platte ihm mit Platz 2 in seiner englischen Heimat die mit Abstand höchste Chartplatzierung eingebracht hat. Sondern vor allem, weil es ein Meisterwerk von zwölf famosen Songs ist, die einen Künstler zeigen, der genau weiß, was er will und kann, ohne auch nur in die Nähe von Abgehobenheit zu gelangen.

Dazu passt auch ein gut funktionierender Shit Detector, der Frank Turner davor bewahrte, Tape Deck Heart zu überfrachten. Das Album sollte auf keinen Fall länger als 45 Minuten werden, hatte er sich vorgenommen: „Wir hatten rund 25 Songideen, als wir uns ins Studio begaben, und nicht alle davon waren wirklich gut“, sagt er. „Also dampften wir das Material auf die besten zwölf Songs zusammen. So passt es auch ganz wunderbar auf eine Seite einer C90-Kassette.“

Am Beginn steht die erste Single Recovery, ein Lied, das vordergründig von Liebeskummer, Schuldgefühlen und Flucht in den Rausch erzählt, aber eigentlich von Romantik und Zusammenhalt handelt. Schon in den ersten Sekunden, wenn nur Gesang und Gitarre zu hören sind, kann man sich der Dringlichkeit nicht entziehen, die Frank Turner ausstrahlt. Im Refrain steckt dann all die Hoffnung und Zuversicht der Welt: Er singt wie ein Gefangener, der endlich seine Ketten gesprengt hat, wie ein Taugenichts, der sein erstes selbst verdientes Geld in der Tasche hat, oder wie ein Jungspund, der gerade ein Kuss von einem Mädchen bekommen hat, von dem er sich nicht mal ein Lächeln zu erhoffen gewagt hätte.

Immer wieder überrascht Tape Deck Heart mit enormer Eingängigkeit. Produzent Rich Costey (Franz Ferdinand, Weezer) dürfte daran einigen Anteil haben. Vielleicht hat auch die kalifornische Sonne während der Aufnahmen in Burbank mitgeholfen. The Way I Tend To Be beispielsweise ist schlicht ein sehr hübscher Popsong über Einsamkeit und die Suche nach dem Glück. Das beinahe pompöse Oh Brother gönnt sich ein paar Flöten, ein mächtiges Klavier und ein Gitarrensolo. Losing Days ist damit beschäftigt, sich mit dem Älterwerden abzufinden, und nicht nur wegen der prominenten Mandoline klingt das wie REM oder gar die Hooters.

Den Vogel schießt Four Simple Words ab, das bisher schlicht und ergreifend beste Lied des Jahres: Der Track beginnt wie eine Musicalnummer, wird dann zum Folk-Schunkelliedchen und zum Punkrockfeger, jeder Part ist dabei grandios gelungen. Wenn dann nach dem zweiten Refrain nichts weniger als die Essenz des aufrichtigen Rock’N’Roll eingefordert wird, dann ist das schlicht atemberaubend.

Bei allem Hitpotenzial wird die Platte dennoch niemals oberflächlich oder gar anbiedernd. Immer wieder bricht Frank Turner aus aus dem mitunter glamourösen Sound, gönnt sich reduzierte, intime Momente wie das Break in The Way I Tend To Be oder das akustische, wehmütige Good & Gone (mit der wunderbaren Textzeile „Fuck you Motley Crue“).

Nicht zuletzt sind seine Themen mitten aus dem Leben. Polaroid Picture trauert den noch gar nicht so lange zurückliegenden Jahren des eigenen Sturm und Drang nach und erkennt doch an, dass eine neue Generation nachfolgt, die ihre eigene Party feiert. Das am Ende hymnische The Fisher King Blues blickt sagenhaft weise und gelassen auf das Leben („We’re all broken boys and girls, at heart / Come together fall apart“), schüttelt beinahe amüsiert den Kopf über all das amouröse Treiben und ist dennoch kein bisschen immun gegen den Schmerz, den dieses Treiben mit sich bringen kann. Anymore erzählt ganz unsentimental vom Ende einer Liebe, und wird gerade deshalb so herzzerreißend.

Plain Sailing Weather handelt von Unrast und Verlockungen, mit einem blutenden Herzen gesungen und einem Geist, der die eigene Unvollkommenheit zu 99 Prozent verflucht und doch zu 1 Prozent genießt: „The problem with falling in love in late bars / Is that there’s always more nights, there’s always more bars / The problem with showing your lover your scars / Is that everybody’s lover is covered in scars“, singt Frank Turner, und wenn es gegen Ende dazu reichlich Schlagzeugwirbel gibt, dann könnte man ihn fast für einen Flagellanten halten ob all dieser Aufrichtigkeit und Selbstanklage.

Nach einem Song wie dem unfassbaren Tell Tale Signs dürfte man eigentlich keinen anderen auf der Welt mehr guten Gewissens als „Liebeslied“ bezeichnen, so viel Gefühl, Bitterkeit und Wärme steckt in diesen 253 Sekunden. Es ist eines von vielen Liedern, die man gerne so schnell wie möglich selbst auf der Gitarre spielen möchte, um ihnen noch ein bisschen näher zu kommen, um sie noch ein bisschen besser nachfühlen zu können.

Ganz wenige Musiker haben diese Mischung aus Echtheit und Feuereifer hinbekommen, aus Bodenständigkeit und Attraktivität, aus dem, was unser aller Leben ist, und der Kunst, daraus die ganz besonderen Momente (und Zeilen) zu destillieren. Bruce Springsteen hat es vor langer Zeit geschafft, The Streets, die Arctic Monkeys in ihren Anfangsjahren. Frank Turner gelingt das jetzt schon seit sieben Jahren, immer intensiver, immer besser. Tape Deck Heart ist ein Album, das man sofort an alle Freunde verschenken will, auf dass auch sie daraus Kraft schöpfen können. Frank Turner ist ein Name, den man sich sofort tätowieren lassen muss. Mitten aufs Herz.

Ein Making Of von Tape Deck Heart:

Homepage von Frank Turner.

Hingehört: French Films – “White Orchid”

"White Orchid" steckt voller Teenagerlust und Lebensfreude.

“White Orchid” steckt voller Teenagerlust und Lebensfreude.

Künstler French Films
Album White Orchid
Label Odyssey Music Network
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Finnland und Surfen? Das scheint auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Nimmt man – bei einem zweiten Blick – aber die Landabschnitte, die an die Ostsee grenzen, und dann auch noch alle Seen und Inseln dazu, dann gibt es in Finnland mehr Küstenkilometer als Einwohner, nämlich etwa sechs Millionen. Man kann erfahren, dass Yyteri als das beste Surfgebiet Skandinaviens gilt. Und dann versteht man auch die Musik von French Films.

Das Quintett benennt als seine wichtigsten Einflüsse zwar „dreaming, cold & dark winter, being alive, music“. Aber White Orchid, das gerade erschienene zweite Album von French Films ist ganz eindeutig eine Sommerplatte. Ein Album für laue Nächte, sonnige Nachmittage – und gerne auch für Surfausflüge.

Das sehr schöne All Summer Long, das sie gerade kostenlos als MP3 verschenken, ist zwar gar nicht drauf. Doch auch die letztich für das Album ausgewählten zehn Lieder sind Beweis genug für diese These. Schon die Texte deuten das an mit Zeilen wie diesen: „I never wanted to come down / when I was riding over the sun” (White Orchid), “I’ll take it all with me / across the seven seas” (Where We Come From), “The sun is high” (Special Shades), “Lay down all the summer’s fears” (Into Thousand Years). Im letzten Track, dem famosen 99, reimt sich dann, begleitet von einer Surfgitarre, auch noch “my little holiday” auf “better ways”.

Wem das noch nicht genug Beweise für die Surftauglichkeit der Finnen sind, der wird in der Musik fündig. Der Opener White Orchid lässt sich eine Minute Zeit, bevor das Schlagzeug dem Song so etwas wie eine Struktur gibt und dann noch einmal 30 Sekunden, bevor das Lied wirklich zum Punkt kommt. Aber dafür wird man mit einem himmelhochjauchzenden Refrain belohnt und einem Ende, an dem es völlig schlüssig klingt, mit ein paar „nananas“ das Gitarrensolo mitzusingen.

White Latter Days klingt wie The Cure im Adrenalinrausch und hat einen klasse Refrain. Juveniles ist unwiderstehlich optimistisch, das forsche Where We Came From lässt an Ash oder The Drums denken. Vieles auf diesem Album hat so viel Hitpotenzial, dass man sich kaum mehr wundern muss, dass French Films kürzlich den European Border Breaker Award gewonnen haben – einen Preis, den zuvor Adele, Mumford & Sons oder Lykke Li bekommen hatten.

Besonders reizvoll wird diese Eingängigkeit dadurch, dass French Films ganz offensichtlich nicht nur den Sonnenschein kennen. Die Stimme von Sänger Johannes Leppänen lässt immer wieder erahnen, dass er in seinem Leben auch schon genug Regentage erlebt hat. Dazu kommt der sehr charmante Lo-Fi-Sound dieses selbst produzierten Albums, der an britische Vorbilder erinnert. „Wir wollten der Platte ein leicht psychedelisches Feeling verleihen, ohne von der drei-Akkord-Mentalität abzuweichen“, erklärt Johannes Leppänen.

Special Shades bekam deshalb dezente Baggy-Anspielungen verpasst, All The Time You Got ist eines von vielen Liedern mit einem sehr krachigen Bass, die Quasi-Ballade Into Thousand Years hätte auch sehr gut ins Repertoire von Suede gepasst. Auch in diesen Momenten steckt White Orchid immer voller Teenagerlust und Lebensfreude. Man darf sicher sein: In der Welt dieser fünf Finnen sehen alle französischen Filme aus wie La Boum.

Ein Trailer für White Orchid:

French Films bei MySpace.

Hingehört: Arbouretum: “Coming Out Of The Fog”

Expressionistische Texte und viel Liebe zur Gitarre haben Arbouretum im Gepäck.

Expressionistische Texte und viel Liebe zur Gitarre haben Arbouretum im Gepäck.

Künstler Arbouretum
Album Coming Out Of The Fog
Label Thrill Jockey
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

An absurden Musikgenres besteht seit ungefähr 1952 (damals wurde der NME gegründet) kein Mangel mehr. Aktuelle Beispiele finden sich zuhauf: Niveaulectro. Witch House. Smartcore. Shroomadelica. Deutscher HipHop. Arbouretum können da aber noch locker einen draufsetzen: Die Band aus Baltimore macht Doomfolk. Sie hat mit ihrem letzten Album The Gathering 2011 sogar „the best doom-folk record of all time” (XLR8R) gemacht beziehungsweise, laut Mojo, „the #1 underground album of the year“.

Was man sich darunter vorstellen darf? Jan Schwarzkamp hat das Wesen von Doomfolk aus Anlass von The Gathering in der Visions so umschrieben: “Dieser Folkrock ist näher am Doom als am Lagerfeuer. Der lavaartig fließende Doomfolk entwickelt (…) eine enorm hypnotische Sogkraft. Da gibt es kein Entrinnen.” Hört man Coming Out Of The Fog an, das fünfte Album von Arbouretum, dann bekommt man einen guten Eindruck davon, was er meint. Beispielsweise auf das träge Renouncer trifft seine Beschreibung perfekt zu, dazu gibt es im Text Bilder wie aus dem Alten Testament.

Auch der Rausschmeißer Coming Out Of The Fog darf als Definition des Genres gelten: Der Song klingt, als würde man hinein gehen in einen Nebel oder in ein Meer, in dem man sich Erlösung, Untergang und Wiedergeburt erhofft wie Hermann Hesses Klingsor. Klavier und Pedal-Steel-Gitarre sorgen dafür, dass Angst und Bedrohung, die dieser Gedanke ausstrahlt, zugleich beseelt und versöhnlich wirken.

Ganz am Anfang steht The Long Night, Gesang und E-Gitarre von Bandleader Dave Heumann (er hat übrigens schon mit Bonnie Prince Billy zusammen im Nebenprojekt Anomoanon gespielt) haben die Attitüde von Progrock, aber im Text zeigt er sich als ganz auf sich selbst zurückgeworfen – und wirkt gerade deshalb so verloren.

Die Basstrommel in The Promise klingt derart tief, als versuche sie, mit jedem Schlag dem Klöppel der Fußmaschine von Drummer Brian Carey ein bisschen mehr zu entfliehen. Rundherum entspinnt sich ein Track, der an eine abstraktere Variante von Pearl Jam denken lässt, an einen Festivalauftritt in der Nachmittagssonne oder zu ganz später Stunde, wenn die Sonne fast schon wieder herauskommt.

Im sanften Ocean’s Don’t Sing sind Arbouretum nahe am Country, das Lied wird herrlich schön und am Ende herzzerreißend wie die Counting Crows. Das angriffslustige Instrumental Easter Island setzt hingegen auf nervöse Percussions. All At Once, The Turning Weather ist gleichzeitig geerdet und sphärisch, Alltag und Geheimnis. World Split Open (in dem Dave Heumann singt wie Ed Kowalczyk von Live) könnte mitten aus den Siebzigern stammen.

Viele der Lieder wären für sich genommen im schlimmsten Fall ein wenig langweilig und nichtssagend, aber im Albumkontext werden sie ebenso mächtig wie erhaben. Letztlich machen Arbouretum Musik, die Raum und Luft liebt, und vor allem die elektrische Gitarre. Mit kann Doomfolk also auch viel prägnanter umschreiben, mit den einfachen Worten: Neil Young.

Ha! Gegen Ende ist im Video zu Coming Out Of The Fog dann doch noch ein Lagerfeuer zu sehen:

Homepage von Arbouretum.

Hingehört: Isbells – “Stoalin”

Akustischer Minimalismus ist bei Isbells kein Dogma.

Akustischer Minimalismus ist bei Isbells kein Dogma.

Künstler Isbells
Album Stoalin
Label Zeal Records
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

“To me songwriting has always been a way to keep my sanity. And with every album I make, I get to know myself a little better”, sagt Gaëtan Vandewoude, der einzige Mann in der Ein-Mann-Band Isbells. Nach dem Debüt, das in seiner belgischen Heimat Goldstatus erreichte und auch sonst reichlich Lob einheimste, legt er mit Stoalin nun sein zweites Album vor. Wenn er selbst so viel über sich erfahren hat, müsste das für den Hörer ja auch machbar sein. Schauen wir also mal, was man daraus über ihn lernen kann.

1. Gaëtan Vandewoude ist ein sehr bescheidener Mann. “I’m by no means a very accomplished singer, nor am I an outstanding musician”, sagt er beispielsweise, wenn er darauf verweisen will, wie viel er in Bezug auf seine Musik noch lernen kann. Hört man allerdings Lieder wie Illusion, das ebenso toll gesungen wie gespielt ist, dann kann man hinter dieser Aussage nur Understatement erkennen.

2. Wer Isbells (auf Tour wird aus der Ein-Mann-Band ein Quartett) nach dem melancholischen Debüt für Trauerklöße gehalten hatte, lag falsch. Lieder wie das heitere Heading For The Newborn oder Elation, das sogar mit Handclaps, Glockenspiel und Kinderchor daherkommt, strahlen eine enorme Zuversicht aus, das zarte Baskin’ bewegt sich sogar ein kleines Stückchen in die Nähe von Jack-Johnson-Leichtigkeit.

3. Auch der Minimalismus, den man in der Welt des akustischen Singer-Songwritertums so gerne pflegt (und der auch auf dem Isbells-Debüt eine wichtige Rolle spielte) ist hier bei weitem kein Dogma. One Day beispielsweise profitiert enorm vom Einsatz einer Trompete. Erase And Detach, das letzte der zehn Lieder auf Stoalin, wartet nach drei Minuten mit einem ganzen Orchester auf. “The moment I wrote it, I knew I wanted this song to erupt like a volcano at some point”, erzählt Gaëtan Vandewoude. “If I told you how many tracks we used and how many layers of instruments we piled on top of each other with a view to this, I’m sure you would never believe me.”

4. Seine Stimme klingt zauberhaft, wenn sie nur von einer Gitarre begleitet wird wie im zerbrechlichen, reflektierten Heart Attacks, in dem nicht einmal die erschütternde Zeile „I never want to see you again“ wirklich unversöhnlich zu wirken vermag. Sie klingt aber noch besser, wenn sie von der Stimme von Chantal Acda begleitet wird wie in Falling In And Out.

5. Der Mann aus Leuven legt nicht allzu viel Wert auf Perfektionismus. Die Lieder für Stoalin (ein Fantasiewort, das er für den verhuschten Titelsong selbst improvisiert und dann einfach beibehalten hat) nahm er teilweise in seinem eigenen Wohnzimmer auf, und wenn dann ein Geräusch von draußen hereindrang, vorbeifahrende Autos, kläffende Hunde oder der Regen, der ans Fenster prasselt, dann blieben sie einfach erhalten. “I suppose I could have got rid of these sounds while mixing the record, if I had really wanted to. But I could not be bothered. To me they just belonged to the overall picture.”

6. Recycling ist eine gute Sache, auch in der Musik. Das reduzierte Letting Go hat Gaëtan Vandewoude schon vor langer Zeit geschrieben, das Lied dann aber völlig aus dem Blick verloren, bis er es irgendwann während der Aufnahmen zu Stoalin wieder auf seinem Rechner entdeckte. „I got hooked on its rawness and vulnerability. I was not sure whether it would fit the package, but when we put it in the the middle of the song sequence everything fell right into place. To me, it’s one of the key tracks on the record”, sagt er nun.

Was sagt all das also aus über Gaëtan Vandewoude? Es zeigt zunächst, dass er ein talentierter Songwriter ist, der sich nicht vor Vorbildern wie Bon Iver oder dem Bony King Of Nowhere verstecken muss. Und es liegt nahe, dass in einer Kontaktanzeige von Isbells wohl folgender Text stehen müsste: „Romantiker, der Herzschmerz kennt und an die Hoffnung glaubt, sucht das Glück. Bitte nur ernst gemeinte Zuschriften mit Gitarre.“

Das Video zu Heading For The Newborn zeigt, tatsächlich, eine Party:

Isbells bei Facebook.

Hingehört: Phoenix – “Bankrupt!”

Mehr Kraft, mehr Finesse: Phoenix haben ihren Sound noch stärker poliert.

Mehr Kraft, mehr Finesse: Phoenix haben ihren Sound noch stärker poliert.

Künstler Phoenix
Album Bankrupt!
Label Warner
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

Das wäre natürlich was gewesen. Ein Protest-Album ausgerechnet von Phoenix. Bankrupt! heißt ihr fünfter Longplayer, und natürlich muss man dahinter in Zeiten wie diesen eine Anspielung auf die Schuldenkrise vermuten. Doch schon im zweiten Satz des Presse-Infos, das die Platte begleitet, stellen Phoenix klar: „Es ist kein politisches oder finanzielles Statement.“

Worum es viel eher geht auf Bankrupt!, macht Sänger Thomas Mars deutlich: „Vieles handelt vom Mittelmaß, von Dingen, die nicht danach streben, besser zu werden. Das ist etwas, womit die Band jeden Tag kämpfen muss. Jede Entscheidung, die du treffen musst, ist eine nicht endende Verwicklung. Das Ziel ist nicht, rebellisch zu sein, sondern etwas loszuwerden. Denn wenn du das tust, kannst du erleichtert sein und weiter nach vorne gehen.“

Ein wenig klingt dieses Statement, als hätten sich Phoenix nach dem Mega-Erfolg von Wolfgang Amadeus Phoenix (unter anderem gab es für das 2009er Album Gold in den USA und einen Grammy) entschlossen, einfach wie bisher weiter zu machen. Davon kann allerdings keine Rede sein. Im Vergleich zum federleichten Vorgänger (und erst recht zum verhuschten Frühwerk der vier Franzosen) klingt Bankrupt! stellenweise wie Heavy Metal.

Entertainment, zugleich erste Single und Opener, weist den Weg für Bankrupt!: Das Schlagzeug ist ein bisschen lauter, die Stimme ein bisschen höher, der Pophimmel und die Achtziger (für Phoenix ist das vielleicht dasselbe) sind noch ein bisschen näher. Zudem gibt es in Entertainment, wie später auch im todschicken Trying To Be Cool und im mitreißenden Drakkar Noir, dank pentatonischer Tonleitern ein paar asiatische Anklänge.

The Real Thing macht die neue Kraft des Quartetts aus Versailles noch deutlicher: Das ist ebenso funky wie riesig – die Sorte von Musik, zu der Godzilla tanzt. SOS In Bel Air ist gleich danach noch so ein Lied, das zunächst sphärisch klingt, verspielt und filigran, aber wie von Bodybuildern gespielt. Chloroform schafft es, zugleich nach Chillout und doch monströs zu klingen. „Dieses Album hat mehrere Schichten“, eklärt Gitarrist Laurent Brancowitz diesen Effekt: „Je öfter du es auflegst, desto mehr hörst und verstehst du, was dort passiert. Gleichzeitig wollten wir aber auch, dass es richtig flüssig und einfach ist, wie eine Kugel aus Marmor. Zunächst siehst du einfach nur eine Kugel – aber es gibt einen Typen, der sie ein Jahr lang poliert hat.“

Auch dieses Bestreben ist Bankrupt! deutlich anzumerken. Es gibt innerhalb dieser gut 40 Minuten quasi keinen Klang, der in seinem Urzustand belassen wurde. Bei den Aufnahmen mit Produzent Philippe Zdar, die in Manhattan begannen und sich dann nach Montmartre erstreckten, wurde offensichtlich jeder einzelne Ton bearbeitet, optimiert, stilisiert, verknüpft.

Der Rausschmeißer Oblique City ist ein guter Beleg dafür. Das Lied berauscht sich förmlich an der eigenen Komplexität und Ausgefeiltheit. Noch deutlicher wird es im Titelsong: Bankrupt! beginnt mit nervösen Funkfrequenzen, dann erklingt eine verrückt gewordene Flöte, die durch eine Alien-Invasion aus dem Jahr 1976 abgelöst wird, die wiederum wenig später mit einer Zeitreise in die Ära des Barock verschmilzt – und all das geschieht, bevor nach viereinhalb Minuten überhaupt erst der Gesang einsetzt. Viel irrer (und schöner) hätten das auch MGMT nicht hinbekommen können.

Auch die Texte funktionieren nach diesem Prinzip: Anspielungen auf die Antike lassen sich ausmachen, gerne zeigen sich Phoenix als polyglott wie im famosen Bourgeois. Die Orte, an denen sich diese Lieder abspielen, dürfen bevorzugt exotisch sein oder gar den Eindruck erwecken, als sei die ganze Welt ein einziges Duran-Duran-Video. Ein Sinn ist in diesen Zeilen schwer zu erkennen. Aber es klingt himmlisch.

Phoenix sind im Video zu Entertainment im Asien-Rausch:

Homepage von Phoenix.

Hingehört: Tommy Finke – “Unkämmbar”

Nett, aber zu brav ist das dritte Album von Tommy Finke.

Nett, aber zu brav ist das dritte Album von Tommy Finke.

Künstler Tommy Finke
Album Unkämmbar
Label C&P Noteworks
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung  

„Es gibt sie noch, die guten Dinge. Und die guten Dinge sind oft die einfachen Dinge, also zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und ein brunftiger Sänger.“

Dieser Satz steht in Sommerfest, dem aktuellen Roman von Frank Goosen. Ein Protagonist namens Stefan denkt sie, der in dem Buch zurück in seine alte Heimat im Ruhrpott kommt. Man kann daraus schließen: Frank Goosen mag einfache, ehrliche, authentische Musik. Und er liebt den Ruhrpott.

Frank Goosen mag auch Tommy Finke, und zwar aus genau denselben Gründen: „Nennen wir ihn ‚Songwriter’, weil das cool und modern und leicht melancholisch klingt – und all das passt auf Finke wie Arsch auf Eimer, wie man in seiner Bochumer Heimat sagen würde“, schreibt Goosen in einem Begleittext zum dritten Album des Musikers. Und er gerät sogar noch mehr ins Schwärmen: „Traurig können viele. Das Einzigartige an Tommy Finke ist diese Mischung aus Melancholie und Abgeklärtheit.“

Man kann gut verstehen, was er meint, wenn man Unkämmbar hört, eben jenes Album von Tommy Finke. Da ist einer zu hören, der das Herz ganz sicher am rechten Fleck hat, der keine Eitelkeit kennt und keine faulen Tricks. Live tritt Finke gerne nur mit Gitarre und Mundharmonika auf, und wer sich musikalisch derart nackt ausliefert, der muss seine Lieder und sein Publikum schon sehr, sehr lieben. Passend dazu betrachtet Tommy Finke als seine größten Erfolge „alle bisherigen Veröffentlichungen. Denn darum geht es doch am Ende: Dass die Leute etwas von mir hören, dass ich spannendes Feedback auf meine Musik bekomme und mich mit den Menschen austausche.“

Genau das ist die Stärke, aber zugleich auch die Schwäche von Unkämmbar: Diese Lieder sind sagenhaft ehrlich und kennen keine Angst vor Peinlichkeit. Aber ihnen fehlt etwas Gefährliches, Verrücktes, Unberechenbares. Es gibt einige Stellen auf dieser Platte, in denen man sich wünschte, Tommy Finke könne zugeben (oder wenigstens so tun als ob), dass er auch ab und zu mal ein Arschloch ist.

Wenn er in Weltkrieg zum Schunkelrhythmus und Glockenspiel die Zeile „Ich warte auf den Weltkrieg“ singt, dann sieht man ihn mit einer Blume im Haar und Peace-Zeichen vor sich, und das passt nun einmal nicht. Schon zu Beginn in L. ♥ L. möchte man ihn am liebsten in die Arme nehmen und trösten, so brav und putzig ist dieses Lied, das zu akustischer Gitarre und Cello eine schöne Kettcar-Atmosphäre verströmt und vage an die Thematik von Die Ballade von Wolfgang und Brigitte (Wir sind Helden) erinnert. Skeptic bestätigt später, dass die alte Weisheit nach wie vor gültig ist, wonach „gut gemeint“ etwas anderes ist als „gut“.

Unkämmbar (mit der Benennung von Alben hat es Tommy Finke nicht so, seine beiden bisherigen Werke hatten mit Repariert, was euch kaputt macht! und Poet der Affen ebenfalls völlig misslungene Titel) hat durchaus seine Momente. Gelegentlich gibt es eine richtig gute Idee, aber das reicht nicht. Vor allem, weil sich Tommy Finke mit Vorliebe an universelle Themen wagt. Mit 17 in Hamburg handelt beispielsweise vom Tod seines Vaters und lässt ganz am Ende des Albums die Streicher ins Rampenlicht. „Ich schreibe gern Songs mit einem großen Thema. Themen, mit denen sich jeder identifizieren kann, die viel mehr in der Seele liegen als im Kopf“, sagt er – aber leider verhebt er sich dabei meist.

Das liegt zum einen an der bereits erwähnten Harmlosigkeit, die hier regiert. Zum anderen fehlt dem Bochumer, der in seiner Heimatstadt elektronische Komposition studiert hat, oft das Rüstzeug, um mit seinen eigenen Ambitionen (zu seinen Vorbildern zählt er beispielsweise Rio Reiser) Schritt halten zu können. In Haldern setzt er auf etwas Mumford & Sons-Stomp und ein ohoho-Finale, muss aber die Wörter „brauchst“, „Gruß“ und „Kind“ plötzlich singen, als hätten sie zwei Silben, weil das Metrum sonst nicht passt. Die existenzielle Frage Wer hat mich gemacht? klingt bei ihm, als würde er ein lapidares „Hey, wie geht’s?“ singen. Sag ihnen, dass du sie liebst ist so blutleer, dass man sich fast ein bisschen Pathos à la Tote Hosen wünscht, um dem Lied und all seinem herbeigesehnten Himmelssturm ein wenig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Heimathafen kommt deutlich zu nah an peinliche Schlager-Gewässer. Unrasiert & fern der Heimat soll Urlaubsfeeling suggerieren, aber es klingt nicht, als berichte Tommy Finke da von einem eigenen, unvergesslichen Erlebnis am Strand, sondern bloß von einem Diavortrag, den er gesehen hat. Die erste Single Canossa ist mit Disco-Beat und Sportfreunde-Zwangszuversicht ebenfalls pseudo-unbeschwert. „Es geht darum, etwas einzufordern, was einem versprochen wurde, dafür aber sich selbst eine Schuld einzugestehen. Letzten Endes wird nichts durch Wunder gelöst, nur durch handeln. Aber handeln ist ohne Konsequenzen kaum möglich“, erklärt Tommy Finke dazu.

Man würde ihm wünschen, dass er für solche Gedanken irgendwann die passende Form findet. Tommy Finke ist bestimmt ein lieber Kerl. Aber diese Lieder sind nicht so besonders wie die von Olli Schulz, nicht so eingängig wie die von Fabian von Wegen und nicht halb so schlau wie die von Gisbert zu Knyphausen.

Das Video zu Heimathafen kann den Schlagerverdacht keineswegs ausräumen:

Homepage von Tommy Finke.

Futter für die Ohren mit Foxes, Gleis 8, French Films, Brasstronaut und Thomas Azier

Tragikomisch mag es Foxes - das glaubt man sofort. Foto: Benameur Promotion

Tragikomisch mag es Foxes – das glaubt man sofort. Foto: Benameur Promotion

L. Rose Allen? Da war doch was! Wir sprechen diesmal allerdings nicht von Lily, sondern von Louisa. Unter dem Namen Foxes (das Pseudonym geht auf einen ihrer ganz frühen Songs zurück, der von einem verrückten Traum ihrer Mutter handelt, in dem Füchse die schönste Musik der Welt aufführen) hat die 22-Jährige aus Southhampton mit ihrer Debüt-EP Warrior für einiges Aufsehen gesorgt. Bis in diesem Jahr ihr erstes Album erscheinen wird, kann man sich mit dem Song White Coats (***) behelfen, den es derzeit als Free Track bei Soundcloud gibt. Ein ebenso nervöser wie eleganter Beat bildet das Fundament für ein bisschen Florence-Dramatik und dezente Trip-Hop-Einflüsse. Der Song handelt übrigens von einem Krankenhausaufenthalt und beschreibt „wie ich mich darüber lustig mache, dass ich dachte, ich werde verrückt“, sagt Louisa Rose Allen Foxes. Das passt durchaus zu ihrem Ansatz: „Ich schreibe immer traurige Songs, aber ich mag es eigentlich eher tragikomisch. Lieder, bei denen man am Anfang das Gefühl hat, dass alles Mist ist und am Ende stellt sich dann heraus, dass alles ganz großartig ausgeht. Diese Art von Hoffnung. Ich bin ein großer Fan von solchen Sachen und ich denke, dass auch mein Leben ein wenig so verläuft.“

Gleis 8 ist das neue Projekt von AnNa R., ehemals Rosenstolz. Timo Dorsch, Manne Uhlig und Lorenz Allacher sind die drei weiteren Mitstreiter, die zu gleichen Teilen in Berlin und Hamburg ansässig sind. In drei Wochen erscheint das Debütalbum Bleibt das immer so. Den Titelsong (**) gibt es im Tausch gegen ein „Gefällt mir“ derzeit auf der Facebook-Seite von Gleis 8. „Den ersten Song schenken wir euch einfach mal, weil ihr so super seid ;-) “, sagt AnNa R. Man hört ihr an, wie sehr sie es genießt, erstmals ihre eigenen Lieder singen und sich mit einem „Wohlfühlgebilde“ (so nennt sie ihre neue Band) ausleben zu können. Ein sehr warmer, organischer Sound prägt das Lied, das auch über ordentlich Druck verfügt. Was fehlt, ist etwas Besonderes: Die recht langen Instrumentalpassagen machen den Musikern definitiv mehr Spaß als dem Hörer, und auch der Refrain ist eher solide als gut.

Mean Sun heißt das zweite Album von Brasstronaut. Den Titeltrack (***1/2) kann man derzeit (wie übrigens reichlich andere tolle Musik) auf der Homepage von Snowhite im Tausch gegen eine Mailadresse gratis als MP3 bekommen. Das Sextett aus Vancouver beweist dabei ein tolles Gespür für Atmosphäre: Nach elektronischem Beginn wird der Song mit viel Hall, einem trägen Beat und dem verlorenen Gesang ein feines Stück Melancholikerpop à la Band Of Horses oder Evening Hymns. „Look how mean the sun can shine“, heißt die zentrale Zeile – und diesen Ekel vor den banalen Freuden des Lebens, den man eben verspürt, wenn es die Welt gerade nicht gut mit einem meint, fängt das Lied ganz vorzüglich ein.

Thomas Azier ist definitiv auch jemand, der gerne einen Blick auf die nicht so hellen Momente des Lebens wirft. Isolation und Einsamkeit sind die wichtigsten Themen auf Hylas 002, seiner zweiten EP nach (sinnigerweise) Hylas 001. Den Track Fire Arrow (***) gibt es bei Soundcloud derzeit zum kostenlosen Herunterladen. Der Mittzwanziger, der in Berlin lebt, vereint darin eine düstere Stimmung, die fast dem Hirn von Marilyn Manson entsprungen sein könnte, mit eleganten Elektro-Sounds und einem Gesang, der im genau richtigen Maße theatralisch ist. Im Sommer soll übrigens sein Debütalbum herauskommen.

Apropos: All Summer Long (***1/2) von French Films kann man im Tausch gegen eine Mailadresse gerade bei Pledgemusic kostenlos ergattern. Die Band aus Finnland hat sich vor allem live einen Namen gemacht (woran das liegt, kann man im Mai wieder recherchieren, wenn sie sieben Shows in Deutschland spielen) und veröffentlicht am Freitag ihr zweites Album White Orchid. „Wir wollten der Platte ein leicht psychedelisches Feeling verleihen, ohne von der Drei-Akkord-Track Mentalität abzuweichen“, umschreibt Gitarrist und Sänger Johannes die Zielsetzung. All Summer Long ist nicht auf dem Album vertreten, steigert aber trotzdem die Vorfreude: Das Lied hat einen wunderbaren Lo-Fi-Sound und eine gute Prise Slacker-Attitüde, aber trotzdem viel Punch und dank des hymnischen Refrains vor allem Hitpotenzial. Besser kriegen das The Drums auch nicht hin.