Hingehört: Oberhofer – “Time Capsules II”

Ein einfaches Konzept hat Oberhofer für sein Debüt "Time Capsules II": Hits galore.

Ein einfaches Konzept hat Oberhofer für sein Debüt "Time Capsules II": Hits galore.

Künstler Oberhofer
Album Time Capsules II
Label Glassnote
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Es gibt wenig in der Musik von Brad Oberhofer, das man als “Mysterium” bezeichnen könnte. “Oberhofer sounds like he’s expressing the kind of happy, life-affirming jitters you get when waiting on line for a roller coaster, or when you win concert tickets on the radio”, hat Pitchfork über ihn geschrieben, und das trifft es ganz gut.

Mit anderen Worten: Dieser Mann macht Hits, aufmunternde, energische Indiepopsongs. Ich habe nichts dagegen: Ich mag die Kooks, Fountains Of Wayne, die Kaiser Chiefs, die Wombats. Ich mag sogar die dämlichen Pigeon Detectives. Genau in diese Reihe darf man Oberhofer einordnen, die offiziell ein Quartett sind. Allerdings hat der 21-jährige Brad Oberhofer, der aus Tacoma, Washington stammt und jetzt in Brooklyn lebt, auf diesem Debütalbum fast alles selbst eingespielt.

Und das will etwas heißen. Denn es ist gerade die opulente und fantasievolle Instrumentierung, die Time Capsules II davor bewahrt, vor lauter guter Laune zu eindimensional zu werden. Es gibt oft ein wuchtiges Fundament, aber dazu immer leichte Melodien oder filigrane Passagen von Flöte, Xylophon oder Oboe. Man kann da gerne an Ben Kweller denken oder an Bright Eyes, man darf auch gewiss sein, dass Star-Produzent Steve Lillywhite (U2, Morrissey, Rolling Stones) seinen Anteil an diesem faszinierenden Klangspektrum hat.

Alles wird auf Time Capsules II zum maximalen Effekt gebracht, und genau deshalb funktioniert diese Platte so unmittelbar. Landline beispielsweise ist sofort ein Hit, steigert sich dann immer weiter und klingt wie Weezer, wenn die weniger Metal und dafür mehr Springsteen gehört hätten. Away Frm U hat einen ähnlich packenden Drive und ein paar amüsant spacige Spielautomaten-Sounds.

I Could Go ist fast kindisch gut gelaunt, das famose Cruisin’ FDR sogar himmelhochjauchzend. Das restlos euphorische oOoO trägt den Inhalt seines Refrains schon im Titel, und auch sonst haben Oberhofer erfreulicherweise kein Problem damit, ihre Texte auf ein „ohoho“ oder „uhuhu“ zu beschränken. Auch eine schamlos offenherzige Liebeserklärung wie Gold oder eine sentimentale Hymne auf die Heimat wie der Rausschmeißer Homebro sind hier gern genommen.

Nur der Opener Heart versteckt ein bisschen von seiner Substanz unter der Oberfläche, weil er als schwermütige Pianoballade beginnt, dann zum schrägen Seemannslied im Stile von Port O’Brien wird und als Kirmesmusik endet. Auch Yr Face enthält zumindest ein kleines Rätsel, nämlich die Preisfrage, bei welchem Lied hier die Melodie der Strophe geklaut ist (Antwort: Chasing Cars von Snow Patrol). Ein kitschiger Wunsch wie „I want to build a house with you”, wird dann immerhin in einen Songtitel namens Haus verkleidet, auch wenn das womöglich nur daran liegt, dass die deutsche Schreibweise in Brooklyn ein Stückchen cooler wirkt.

Eine große Leidenschaft für Pop steckt in dieser Musik, in bester Sixties-Tradition. Die wird übrigens auch im Cover deutlich: Eine Schwarz-Weiß-Collage vor einem Bergmassiv ist da zu sehen, und davor eine Reihe junger Frauen in Retro-Ästhetik, die anscheinend so etwas zum Ausdruck bringen wollen wie „We salute you.“ Da darf man sich gerne einreihen.

Oberhofer spielen Away Frm U live bei, ähm, Lttrmn:

Oberhofer bei MySpace.

Hingehört: SoKo – “I Thought I Was An Alien”

Mit "I Thought I Was An Alien" legt SoKo ein offenherzerweichendes Debüt vor.

Mit "I Thought I Was An Alien" legt SoKo ein offenherzerweichendes Debüt vor.

Künstler SoKo
Album I Thought I Was An Alien
Label Babycat Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Machen wir uns nichts vor. Es geht hier nicht um die Musik. „Im Grunde ist alles, was ich tue: mich auf meiner Gitarre ausheulen“, sagt SoKo. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

So gibt auf es auf ihrem Debütalbum I Thought I Was An Alien denn auch reichlich Lieder, die entsprechend reduziert klingen. Der Opener I Just Want To Make It New To You hat einen Kinderkeyboardschlagzeugbeat und ein bisschen amateurhaften Bass (beides bekam SoKo übrigens von Stella Mozgawa geschenkt, der Drummerin von Warpaint). Der Titelsong als schüchternes Liebeslied kommt über weite Strecken mit bloß zwei Akkorden aus, der Rausschmeißer You Have A Power Over Me klingt wie ein Demo, das zerbrechliche No More Home, No More Love ist eines von mehreren Liedern, das nur aus Gitarre und Gesang besteht.

Freilich waren Virtuosität oder üppige Instrumentierung noch nie die Eigenschaften, die SoKo ausgemacht haben. Bei Stephanie Sokolisnki, geboren 1986 in Bordeaux, dann in Paris zuhause und seit 2008 in Los Angeles beheimatet, geht es um die Texte. „Wenn mich Leute noch meinem Musikstil fragen, antworte ich, dass ich vertonte Punk-Geheimnisse erzähle“, sagt sie, und das ist kein schlechter Fingerzeig. SoKo steht für den Willen zur Veränderung, für Wut, Radikalität, Spontaneität und Mut, aber auch für Verletzlichkeit.

Ihre Musik bringt wunderbar die Suche nach Orientierung, Sinn, Liebe auf den Punkt, die man ihrer Generation so gerne unterstellt. Es ist ein Lebensgefühl des Relativen, Ungefähren, Vorläufigen. Das macht es nicht nur schwierig, einen Standpunkt zu beziehen, sondern auch, einen Gegner zu bestimmen, gegen den man rebellieren könnte, um sich wenigstens darüber zu definieren. „Half folky / half punky, half french / half polish, half actress / half music-nerd, half singing / half talking, half dreaming / half dancing, half joking / half deep, half tearful / half crazy, half wise / half child, half orchestral / half lo-fi, half depressed / half joyful, half funny / half touching, half cat / half tiger, half sing along / half sing alone”, lautet bezeichnenderweise die Selbstbeschreibung von SoKo. Der möchte sie gerne noch hinzufügen: „komplett wild, komplett vegan und immer unberechenbar“.

Es ist die famos romantische Lyrik von SoKo, die ein perfektes Ventil dafür wird. Und es ist eine Freude, sie anhand dieser Texte beim Leben, Lieben und Lernen zu begleiten. „You will discover me through my songs”, kündigt sie in der ersten Zeile des Albums an, “learn my heartbreaks and fears and depression / hear all the cracks and the lack of talent / and I hope that you don’t hate me by then.”

Diese schmerzhafte Offenheit gibt es reihenweise auf I Thought I Was An Alien, sodass man sich mitunter wie ein Spanner vorkommen muss. In First Love Never Dies stürzt sich SoKo kopfüber in Nostalgie und Liebeskummer, begleitet von Orgel, Bläsern und der allerersten Liebe. Treat Your Woman Right ist eine bitterböse Abrechnung, die trotzdem keine Genugtuung verschafft, fast nur mit Gitarre und Gesang und der Intensität von Leonard Cohen.

In Don’t You Touch Me muss sie erkennen, dass so viel Ehrlichkeit nicht unbedingt der Normalfall bei ihren Mitmenschen ist. „I stayed pure as a dove for you my love / but you are a werewolf / aren’t you my love?”, lautet ihr Verdacht, und sie bringt ihn ausnahmsweise fast trotzig und aggressiv hervor, wie sich Kate Nash das neuerdings auch gerne mal erlaubt. Auch im ebenso putzigen wie herzzerreißenden Happy Hippie Birthday klammert sie sich an eine Liebe, die sich schon alleine dadurch erfüllen sollte, weil sie so stark daran glaubt, und doch ist da bereits die Ahnung, dass alle Hoffnung hier vergebens ist.

Glücklicherweise wird dieser Tagebuch-Charakter gepaart mit Rätseln wie dem beinahe verträumten People Always Look Better In The Sun (Part 1). Die zentrale Zeile von I’ve Been Alone Too Long heißt “I’m still looking for my father / so I cannot have a lover now”, und SoKo singt sie zu einer spannungsgeladenen Begleitung zuerst so, als sei ihr diese Erkenntnis gerade erst gekommen, genau in diesem Moment, und danach so, als wolle sie sich selbst darin bestätigen, dass es die Wahrheit ist, vielleicht sogar die Antwort auf alles.

Natürlich gibt es auch wundervolle Lebensweisheiten, sie so rührend und schlau sind, dass man beinahe heulen möchte: In We Might Be Dead By Tomorrow steckt eine davon, umgarnt von wenigen Paukenschlägen und himmlischen Streichern: “I don’t want to judge / what’s in your heart / but if you’re no ready for love / how can you be ready for life ?“ Noch ein göttlicher Vers fürs Poesiealbum steckt in Destruction Of The Disgusting Ugly Hate, das mit tollem Gesang und ganz viel Energie zum Höhepunkt dieser Platte wird. „I got a tattoo on my heart / your name is written in black / you have tattoos everywhere / but my name is not there.” Wenn PJ Harvey einmal nichts mehr fühlen sollte als Schmerz oder The Duke Spirit sich an die endgültige Ballade wagen sollten, dann könnte das so ähnlich klingen.

Das beeindruckendste der 15 Lieder auf I Thought I Was An Alien ist jedoch For Marlon, in dem SoKo vom vergeblichen Versuch erzählt, einen Süchtigen zu lieben, bis ihr klar wird, dass für ihn doch immer seine Drogen an erster Stelle stehen werden. Am Ende klingt diese Liebeserklärung wie eine Bitte um Vergebung, zugleich bedroht und verängstigt. Auch da ist wieder nur Gitarre und Gesang zu hören, trotzdem stecken ganz viel Dramatik und Emotion in diesem Lied. „If you get sober / I will be here for you”, heißt das Versprechen, doch das “if” zieht SoKo darin so sehr in die Länge, dass darin eine ganze Welt des Zweifels und Bangens steckt.

Diese Perfektion im Detail erklärt womöglich auch, warum SoKo so verdammt lange für ihr erstes Album gebraucht hat, nachdem sie mit ihren ersten Demos schon 2007 für reichlich Furore gesorgt hat. Offensichtlich war sie auch klanglich lange Zeit auf Sinnsuche, bis die Aufnahmen mit Produzent Fritz Michaud (Elliott Smith) im Jahr 2010 begannen. Der Rat eines guten Freundes wies ihr schließlich den Weg: „Das Album sollte so wie Du klingen.“ Ein besseres Erfolgsrezept scheint es für SoKo nicht geben zu können.

SoKo spielt I’ve Been Alone Too Long:

SoKo bei MySpace.

Hingehört: And Also The Trees – “Hunter Not The Hunted”

Herbstabendmusik und Doors-Ersatz - so klingt "Hunter Not The Hunted".

Herbstabendmusik und Doors-Ersatz - so klingt "Hunter Not The Hunted".

Künstler And Also The Trees
Album Hunter Not The Hunted
Label Normal Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors endet der Urheberrechtsschutz. Es sind also noch knapp 30 Jahre zu überstehen, bis sich jeder, wirklich jeder, über das Werk von Jim Morrison hermachen kann.

Gut also, dass es noch immer And Also The Trees gibt. Die Band, 1979 im beschaulichen Inkberrow/Worchestershire gegründet, ist mittlerweile der beste Doors-Ersatz, den man bekommen kann. Das liegt natürlich in erster Linie an der Stimme von Simon Jones. Von Singen kann man bei diesem Mann kaum sprechen: Er croont, er beschwört, er predigt. Die Texte wimmeln vor Metaphern über das Landleben und längst vergangene Zeiten. Und sein Bruder Justin Jones hat dazu immer wieder Gitarrenklänge zu bieten, als sei The End ein eigenes musikalisches Genre.

Mystisch, düster und erotisch aufgeladen ist Hunter Not The Hunted, das in einem Studio in England und einem verfallenen Haus in Frankreich aufgenommen wurde. Es gibt kaum mehr eine Katharsis aus Energie und Lärm, wie das früher bei And Also The Trees üblich war. Stattdessen bleiben Songs wie Burn Down This Town sehr reduziert und meist akustisch. Womöglich ist das der Einfluss des Vorgängeralbums When The Rains Come, auf dem die Band Akustikversionen ihrer alten Klassiker versammelt hatte.

Trotz dieses Minimalismus entwickelt jedes Lied eine ganz eigene Spannung, wie man das beispielsweise von Woven Hand kennt, und auch als Album hat Hunter Not The Hunted eine tolle Dynamik. Bloodline beispielsweise wogt wie die Wellen des Flusses, der hier besungen wird, integriert dezent mediterrane Einflüsse von Fado bis Sirtaki und hat auch noch einen Chor zu bieten, der beinahe nach den Donkosaken klingt.

My Face Is Here In The Wildfire (irgendwo im Père Lachaise rotiert jetzt womöglich jemand, weil ihm diese Zeile nie eingefallen ist) braucht nur Gitarre und Gesang, um ganz viel Verlorenheit, Tiefe und Unermesslichkeit zum Ausdruck zu bringen. Black Handled Knife pulsiert und pocht, als sei es in einem freischwebenden Magnetresonanztomographen aufgenommen, The Knave ist noch so ein sanft schunkelnder Sehnsuchtssong. The Woman On The Estuary könnte Leonard Cohen oder Scott Walker neidisch machen, Nick Cave hätte sicher gerne das eine oder andere Rendezvous mit der Whiskey Bride gehabt.

Unterm Strich ist das tolle Herbstabendmusik und in seiner konsequent melancholischen Romantik tausend Mal glaubwürdiger als all der Murks, den Interpol seit Jahren mit derselben Intention abliefern.

Auch das Outfit passt zu Mr. Morrison: And Also The Trees spielen The Woman On The Estuary:

And Also The Trees sind gerade live in Deutschland zu erleben:

18. Mai: Köln, Luxor

21. Mai: Hamburg, Knust

22. Mai: Berlin, Lido

23. Mai: Essen, Grend

24. Mai: Freiburg, Café Atlantik

And Also The Trees bei MySpace.

Hingehört: Kommando Elefant – “Scheitern als Show”

Kommando Elefant vermählen die Sportfreunde mit Systemkritik.

Kommando Elefant vermählen die Sportfreunde mit Systemkritik.

Künstler Kommando Elefant
Album Scheitern als Show
Label LasVegas Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

In genau einer Woche spielen die Sportfreunde Stiller in Hamburg. Die 300 Tickets für das Konzert im Molotow in St. Pauli sind längst ausverkauft. Wem das noch nicht reicht für die These, dass die Münchner auch im 776 Kilometer von ihrer Heimat entfernten Norden ankommen: Im Dezember 2010 waren die Sportfreunde in der Hamburger O2 World zu Gast, Kapazität 16.000 Plätze.

Kein Wunder also, dass sie auch locker 400 Kilometer nach Südosten abstrahlen können. Bis nach Wien. Dort sind Kommando Elefant zuhause, und die machen auf ihrem dritten Album Scheitern als Show in etwa das, was die Sportfreunde in Deutschland so groß gemacht hat: klassischen Poprock, bestens geeignet fürs Radio, kraftvoll, mitreißend und eingängig.

„Wir sind auf der guten Seite“, singen sie in einer Zeile von Ein schöner Tag – das war einst der Slogan der Münchner – und die Musik dazu wirkt wie eine Neuauflage von Wellenreiten. Am deutlichsten ist die Parallele aber im hübsch hymnischen Ozean: Der Text spielt zwar auf Ton Steine Scherben an, die Musik klingt aber wie eine Mischung aus Im Dunkeln von Madsen und In unmittelbarer Ferne von den Sportis.

Das ist zumindest der erste Eindruck. Auf den zweiten Blick stellt man dann aber doch zwei wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Bands fest. Erstens: Kommando Elefant verstehen sich nicht bloß als Band, sondern als Gesamtkunstwerk. Die vierköpfige Besetzung wird mit Stefan und Michael Tiefengraber auch durch zwei Mitglieder ergänzt, die für das visuelle Musikerlebnis zuständig sind, zudem steht Bandleader Alf Peherstorfer inmitten eines umtriebigen Netzwerks inklusive eigener Plattenfirma. Zweitens: Wo die Sportfreunde Stiller meist das große Einverstandensein zum Prinzip, vielleicht sogar zu ihrem Erfolgsgeheimnis gemacht haben, da werden Kommando Elefant ungemütlich. Sie sind dagegen.

„Und die Welt brennt / das ist Entertainment“, heißt die erste Zeile auf Scheitern als Show. Mit Castingsformaten wird da abgerechnet, mit Wegwerf-Politik und der allgemeinen Leere. Ein Pfeifen und eine Liquido-Orgel gaukeln gute Laune vor, und wenn am Ende ein ganzer Chor die Worte D.A.S.I.S.T.O.K. buchstabiert, dann ist der herrlich over the top und die perfekte Form für diesen, nunja, Protestsong.

Wer das schon überambitioniert findet, sollte gewarnt sein: Von da an entwickelt sich Scheitern als Show zu einem Konzeptalbum. Die Anziehungskraft des Scheiterns, verbunden mit unserem allgegenwärtigen Voyeurismus, wird in elf Songs seziert. Den Reiz dieser Kombination erklärt sich Alf Peherstorfer damit, dass „man sich abgrenzen kann, damit mein kleines Leben größer und schöner erscheint als das der anderen“.

Vor diesem Hintergrund werden Figuren wie die Sternenmarie eingeführt, deren Drogenrausch mit Orgel und Selig-Psychedelik vertont wird. Jennifer stürzt sich lieber mit Garagenrock in den Abgrund. In Michaelas Tanzbar schwingt man das Bein hingegen zu Quasi-Country, der an das jüngste Kettcar-Album erinnert.

Ansonsten gibt es auf Scheitern als Show, das in der zweiten Hälfte hörbar abbaut und sich gelegentlich auch ein bisschen arg schlau vorkommt, auch ganz normale Liebeslieder. Dein Fallendes Herz wird ein gebührend opulenter Rausschmeißer. Fluchtpunkt Kairo, inspiriert von einem Håkan-Nesser-Roman, lebt den Traum vom Abtauchen in die Anonymität, derart heiter und zackig, als hätten Superpunk neuerdings einen Sänger, der Nichtraucher ist. Das allerletzte Liebeslied ist fast akustisch und dürfte alle glücklich machen, die Virginia Jetzt nachtrauern. Und mit Wir sprengen Krokodile gibt es einen irren Track, der Deichkind mit einer sehr zynischen Variante von Franz Ferdinand vermählt, und die Popstar-Karriere als Selbstzweck geißelt.

Das Angenehme dabei: Kommando Elefant werden niemals belehrend, sondern schließen sich selbst gerne in ihrer Kritik ein. Das sehr amüsante Ich bin ein Arschloch ist das beste Beispiel dafür. Die Musik klingt, als würde sich Funny van Dannen an einem NDW-Track versuchen, der Text entlarvt die Strategie, sich freiwillig selbst als Arschloch zu titulieren – um dann erst recht einen Freifahrtschein für Schlechtigkeiten zu haben. Ein bisschen sind Kommando Elefant nicht zuletzt auch selbst an dieser Platte gescheitert: Als sie das ganze Material für Scheitern als Show im Kasten hatten, musste aussortiert werden – und ausgerechnet der Titelsong schaffte es dann nicht mehr ins endgültige Tracklisting.

Die schlechtesten Plattencover aller Zeiten vereinen Kommando Elefant im Video von Wir sprengen Krokodile:

Kommando Elefant bei MySpace.

Hingehört: TheeSatisfaction – “Awe Naturale”

Schwarz, clever, innovativ: So klingt "Awe Naturale" von Thee Satisfaction.

Schwarz, clever, innovativ: So klingt "Awe Naturale" von Thee Satisfaction.

Künstler TheeSatisfaction
Album Awe Naturale
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Das Cover sagt eine Menge aus über Awe Naturale. Darauf sind Stasia Irons und Catherine Harris-White zu sehen, die beiden Damen aus Seattle, die TheeSatisfaction bilden. Ihre Silhouetten wirken geheimnisvoll, ihre Pose selbstbewusst, der Blick in die Zukunft gerichtet.

Das sind die wichtigsten Eckpunkte für dieses Debütalbum. Es gibt hier, um aus dem Presse-Info zu zitieren, „positive energy“ und „black purity”, und zwar in Form von „funk-psychedelic feminista sci-fi epics“. Man kann auch einfach sagen: HipHop, clever, warm, innovativ und mit Sendungsbewusstsein.

Aw ist als Intro so etwas wie Jazz, aber rückwärts abgespielt, und dann noch einmal durch die Mangel von Lee Scratch Perry gedreht. Bitch besteht danach nur aus Bass, Percussions und Gesang, wobei die Stimmlage problemlos innerhalb einer Silbe von Raubkatze zu Schmusekätzchen umschwingen kann. Earthseed hat eine sehr schicke und doch bedrohliche Piano-Atmosphäre à la Portishead.

Damit sind nicht einmal fünf Minuten von Awe Naturale vergangen, und TheeSatisfaction haben schon einen enormen Klangkosmos entworfen. So geht es weiter: HipHop, komplex und mutig – da muss man natürlich an The Roots denken. Auch Ursula Rucker, Lauryn Hill oder das Ethos von Arrested Development sind offensichtlich Bezugspunkte für TheeSatisfaction, die 2008 mit ein paar Mixtapes anfingen, dann selbstgemachte CDs unters Volk brachten und auf selbst finanzierten Tourneen neue Fans gewannen.

TheeSatisfaction wissen um die betörende Kraft des Repetitiven. Vieles klingt opulent, ist aber in Wirklichkeit mit recht reduzierten Mitteln erschaffen. Niemals hat diese Musik so etwas wie Punch (auch wenn es zum Schluss in Naturale pulsierende, wilde Drums gibt), dafür aber eine Menge Sexappeal (wie im sanften Existinct). In Deeper wird nicht gerappt, sondern doziert. Der verschleppte Beat von Sweat kontrastiert schön mit den Latin-Bläsern, die aus einem Earth-Wind-And-Fire-Track gesamplet sind. Juiced klingt wie Jay-Z unter Wasser, Crash schafft es, den denkbar warmen Sound eines Fender Rhodes mit der denkbar kühlen Thematik des binären Zahlensystems zusammenzubringen.

Das sicher beste Beispiel für den faszinierenden Sound dieses Duos ist Needs. Ein irrer Track entwickelt sich da, mit flirrendem Bass und einem verschachtelten Beat, bis ganz am Schluss nur noch die beiden Stimmen von Stasia Irons und Catherine Harris-White zu hören sind. Und erst dann merkt man, was für die Minuten zuvor gilt und für Awe Naturale als Ganzes: Hier rumort es gewaltig.

Ha! Sendungsbewusstsein! TheeSatisfaction performen Deeper für eine Radioshow:

TheeSatisfaction bei MySpace.

Hingehört: Livingston – “Fire To Fire”

Direkt ins Stadion wollen Livingston mit "Fire To Fire".

Direkt ins Stadion wollen Livingston mit "Fire To Fire".

Künstler Livingston
Album Fire To Fire
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Zwölf Lieder sind auf Fire To Fire, dem zweiten Album von Livingston. Alle zwölf klingen, als könnten sie eine Single sein. Mehr noch: Alle zwölf klingen wie ein einziger Appell: „Liebe uns! Häng uns als Poster an deine Wand!“

Das ist die Stärke, aber auch die Schwäche des Quintetts aus London, von dem vier Fünftel mittlerweile in Berlin leben. Fire To Fire klingt in vielen Momenten herrlich atemlos, gerne hymnisch und im Zweifel optimistisch, von Anfang an nach Hollywood, als wollten Livingston nach dem erfolgreichen Debüt Sign Language (2009) nun ohne Umwege in die Stadion-Liga. Sänger Beukes Willemse hat die Art von Stimme, die seit Jahrzehnten kleine Mädchen in Ekstase versetzt und A&R-Manager auf der ganzen Welt glücklich macht. Und ihre Songs sind auf diesem Album, das vom dreifachen Grammy-Gewinner David Bottrill (Tool, Placebo, Muse) produziert wurde, im höchsten Maße gelungener und professioneller Poprock, um Welten besser als das, was beispielsweise Sunrise Avenue oder Maroon5 in diesem Genre veranstalten.

Die Band ist stolz darauf. „Ich denke, dass wir reifer geworden sind“, sagt Gitarrist Jakob Nebel. „Man hört dem Debüt schon an, dass dies unser Anfang war, eine Art Tagebuch der Jahre, die wir von der Gründung bis zum Debüt miteinander erlebt haben. Da ist vieles zusammen gemischt worden, wohingegen Fire To Fire eine Platte wie aus einem Guss ist, weil wir sie ja auch so geschrieben haben. Natürlich spürt man auch, dass da jetzt noch ein paar Jahre mehr Erfahrung in der Band stecken, zumal wir in dieser Zeit ja auch extrem viele prägende Erfahrungen gemacht haben.“

Am deutlichsten ist dabei nach wie vor die Verwandtschaft zu den Killers. Das meint nicht nur den Sound, sondern auch deren Hang zu obskuren, aber bedeutungsvoll klingenden Texten (ja, ich meine die Sache mit human und dancer). Bei Livingston heißen die Entsprechungen „we’re all slaves to gravity“ (im saftigen Opener Perfect Dream), „before we go supernova / I don’t mind if you make me cry“ (in der Vorab-Single Supernova) oder eben “set fire to fire” im Quasi-Titelsong.

Manchmal klingen auch Jimmy Eat World an (wie im leicht gebremsten No More Promises). Das hoch theatralische Beautiful klingt, als würden Muse den Existenzialismus simulieren, Drop The Halo hat eine Placebo-Gedächtnis-Strophe und Sink Or Swim ist eine 1A-Green-Day-Ballade, in deren Text man unmöglich noch mehr abgenutzte Metaphern unterbringen könnte.

Das führt zum Problem von Livingston: So etwas wie Individualität lässt sich hier kaum erkennen. Fire To Fire, das im Frühjahr 2011 im Fisher Lane Studio von Genesis-Gitarrist Mike Rutherford aufgenommen wurde, hat als Album keine gelungene Dramaturgie. Es gibt vor allem in der zweiten Hälfte der Platte einige Momente, in denen die Belanglosigkeit regiert. Dass Fire To Fire in Summe ein gutes Stück zu lang wirkt, liegt auch daran, dass keine der Balladen richtig zündet. Immerhin: Vieles klingt, als wollten Livingston es live gerne ein bisschen weg aus der Radio- und hinein in die Rock-Ecke holen.

Dazu passt auch die Definition von Drummer Paolo Serafini, der Livingston sieht „als eine Band, die ohne jeden Firlefanz auskommt, die die Ärmel hochkrempelt, auf der Bühne hart arbeitet und sich für nichts zu schade ist“. Das hat bisher durchaus gut funktioniert. Gerade live hat sich die Band ihr Publikum erspielt. Die Bandbreite der Acts, mit denen Livingston schon auf Tour waren (unter anderem The Duke Spirit, Revolverheld, Ich+Ich, Apocalyptica, Thomas Godoj, Unheilig oder Blind) macht aber auch stutzig: Wie soll das alles zusammenpassen? Wahrscheinlich ist das das Problem von Livingston, und der Grund, warum Fire To Fire trotz vieler guter Ansätze bloß ein solides Album ist: Sie wollen es wirklich allen recht machen.

Der Albumtrailer zu Fire To Fire:

Livingston bei MySpace.

Hingehört: Cats On Fire – “All Blackshirts To Me”

Cats On Fire fügen auf "All Blackshirts To Me" problemlos Eurokrise und Liebeskummer zusammen.

Cats On Fire fügen auf "All Blackshirts To Me" problemlos Eurokrise und Liebeskummer zusammen.

Künstler Cats On Fire
Album All Blackshirts To Me
Label Cargo Records
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Das hat man dann davon. Finnland, seit 2003 Seriensieger in der Pisa-Studie, hat die wohl schlausten jungen Leute der Welt. Und wie das so ist bei schlauen jungen Leuten: Sie fangen an nachzudenken. Sie werden überkritisch, und plötzlich kommen sie auf die wildesten Ideen. Womöglich stellen sie plötzlich sogar alles infrage.

So ist es jetzt auch bei Cats On Fire gekommen. Auf All Blackshirts To Me, ihrem dritten Album, werden sie unverhohlen politisch, frech, revolutionär. Smash It To Pieces etwa besingt die Rache des Steuerzahlers. Eine sinnlose, goldene, sündhaft teure Statue soll da zerstört werden, und man kann sie gut als Metapher für Rettungsschirme, Milliardenbürgschaften und Banken-Subventionen verstehen. Zu einem aufstachelnden Beat wird da ein fröhliches Liedchen angestimmt, das aber selbst durch das Pfeifen am Ende keine Spur von Harmlosigkeit bekommt. „They will never steal from us again“, heißt die stolze letzte Zeile – da steckt nicht nur eine Prise Occupy darin.

In 1914 And Beyond wird es noch ein bisschen grundsätzlicher. „The age of false kings will come to an end / this wicked system won’t survive this generation“, heißt die Prophezeiung. Mit einer Mischung aus Frust, Fatalismus und unerschütterliche Zuversicht in so etwas wie die Gerechtigkeit der Geschichte singt Frontmann Mattias Björkas darin, nur von einem Klavier begleitet, über die große europäische Krise, und es könnte fast ein Stück aus der Dreigroschenoper sein.

Freilich sind Cats On Fire nicht plötzlich zum Agit-Pop übergewechselt. Es gibt auf All Blackshirts To Me weiter sehr feine Indie-Songs voller Weltschmerz und Romantik, meist akustisch. Immer wieder sind selbst die Gitarrenmelodien so schön, dass man sie mitsingen möchte, permanent extrapoliert Mattias Björkas jede Zeile, die er singt, und lässt seine Texte damit mindestens so bedeutungsvoll klingen wie die Lyrik von Morrissey.

Es gibt bei Cats On Fire aber auch ein paar Neuigkeiten, auch jenseits der politischen Appelle. Mit Iiris Viljanen (Klavier, Gesang) und Yrjö Ylijoki (Schlagzeug) hat die Band zwei neue Mitglieder. Erstmals gibt es auf All Blackshirts To Me auch Synthies zu hören, und insgesamt ist der Klang des Albums etwas voller, vielfältiger als bei den Vorgängern The Province Complains (2007) und Our Temperance Movement (2009), was auch ihrer Live-Show zugute kommen dürfte.

Die Single My Sense of Pride ist ein gutes Beispiel dafür. Das Schlagzeug ist ausgelassen, die Gitarre von Ville Hopponen perlt und Kenneth Höglund sorgt am Bass für ein bisschen Polka-Feeling und reichlich Fifties-Atmosphäre. Auch A Different Light kommt danach fast wuchtig daher.

Das ist eine sehr willkommene neue Facette, denn sie lässt die zarten Momente von Cats On Fire noch ein bisschen besonderer wirken. Our Old Centre Back zählt dazu, fast übermäßig höflich für einen Opener, der zudem auch noch ein Hohelied auf einen Fußball-Verteidiger wird, There Goes The Alarm mit seiner Spontaneität und Belle & Sebastian-Zärtlichkeit, und auch It’s Clear Your Former Lover, das als Exegese einer Beziehung, die von einem Geist aus der Vergangenheit überschattet wird, auch sehr gut von Simon & Garfunkel stammen könnte.

Auch der Hintergrundgesang von Iiris Viljanen sorgt wiederholt für Höhepunkte. Das höchst elegante The Sea Within You hat auch dank ihres Beitrags den schönsten Refrain der Platte. Sie bringt auch ein bisschen Sonne in den Liebeskummer von Well Well What Do You Know.

Dazwischen entwickelt After The Fact eine herrliche Eighties-Szenerie im Stile von OMD, und ganz am Schluss strahlt und glänzt A Few Empty Waves mit einem herrlichen Refrain, tollem Zusammenspiel der Band und so viel Stil, dass man dieses wundersame Seefahrerlied am liebsten niemals in einer Hafenkneipe, sondern immer nur in einem todschicken Salon hören würde.

Vielleicht haben Cats On Fire mit All Black Shirts To Me tatsächlich ein sehr finnisches Album gemacht: ein bisschen schüchtern, ein bisschen wehmütig, sehr schön – und sehr schlau.

Der Albumtrailer zu All Blackshirts To Me:

Cats On Fire bei MySpace.

Hingehört: Sunrise Avenue – “Out Of Style Live Edition”

Die pure Ereignislosigkeit gibt es jetzt von Sunrise Avenue auf DVD.

Die pure Ereignislosigkeit gibt es jetzt von Sunrise Avenue auf DVD.

Künstler Sunrise Avenue
Album Out Of Style – Live Edition
Label Emi
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung *1/2

Ich hätte gewarnt sein sollen. Schließlich heißt diese Platte Out Of Style. Schließlich wusste ich schon, dass sie sehr, sehr schlecht ist. Schließlich ist diese DVD zur dazugehörigen Tour von Sunrise Avenue erst ab 6 Jahren freigegeben (ungewöhnlich für einen Konzertmitschnitt, aber womöglich wissen die Leute von der FSK um die Gefahren von frühkindlicher Schädigung). Schließlich steht auf der Hülle in aller Deutlichkeit, dass diese DVD eine Spielzeit von 73:18 Minuten hat – man weiß also, was einem bevorsteht. Nicht zuletzt heißt eine der Firmen, die die Out Of Style Live Edition produziert haben, auch noch „Get Nasty“.

Aber ich wollte all diese Warnungen in den Wind schlagen. Ich wollte ein Profi sein. Ich hatte mich schon durch das Album gequält, und trotzdem behaupteten die Sunrise-Avenue-Fans in ihren Userkommentaren, ich könne nur deshalb zu einem solch negativen Urteil kommen, weil ich die CD gar nicht gehört hätte. Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Ich wollte in meiner Kritik ganz deutlich zeigen, dass ich sehr wohl weiß, wovon ich spreche. Deshalb habe ich 73:18 Minuten meines Lebens in die Out Of Style Live Edition investiert. 73:18 Minuten, die auf immer verloren sind, und die sehr schlecht angelegt waren. Vier Dinge, die ich in dieser Zeit lieber gemacht hätte:

-          die Steuererklärungen der Jahre 2008 bis 2011

-          ein Schlammbad mit Cindy von Mahrzahn in einem Wellness-Hotel in der Vordereifel

-          einen Vortrag über die Homo-Ehe beim Parteitag der Tea Party halten, in einem Netzhemd und mit Nippelpiercing

-          eine Reise nach Libyen, um den Sarg von Muammar al-Gaddafi auszubuddeln und seiner Leiche eine gründliche, leidenschaftliche Pediküre zu verschaffen

Leider habe ich mich stattdessen für Sunrise Avenue entschieden. Das Gute an diesem Konzert, das am 27. Oktober 2011 in Berlin aufgezeichnet wurde: Sunrise Avenue sind bescheiden, mitunter sogar sympathisch. Als sie in Deutschland groß rauskamen, habe sich die eigene Plattenfirma gewundert, was das Publikum wohl an dieser Band findet, die weder witzig ist noch gutaussehend, erzählt Sänger Samu Haber. Das ist eine wohlwollend realistische Selbsteinschätzung. Sunrise Avenue haben einen brauchbaren Sänger und vier kompetente Musiker, aber sonst wenig zu bieten.

Das meint auch die Musik: Somebody Will Find You wäre ein okayer Popsong, wenn da nicht das elend lange Klaviersolo wäre. Stormy End wäre ein nettes Liedchen, wenn der Text nicht voller schrecklicher Plattitüden wäre. Sweet Symphony ist ganz hübsch, so ähnlich wie Only stellen sich Take That wohl einen Rocksong vor. Fairytale Gone Bad (von Samu Haber ironisch als neues Lied angekündigt) ist der beste Song, der hier geboten wird, und der einzige Moment, in dem dieses Konzert so etwas wie Dynamik bekommt.

Denn ansonsten ist die Live Edition von Out Of Style schockierend ereignislos, und deshalb noch peinlicher als das Album. I Gotta Go als zweiter Song ist ein gutes Beispiel dafür: Die Musik klingt wie Bad Religion, wenn sie schlecht geschlafen haben, aber selbst dann (und obwohl sie schätzungsweise doppelt so alt sind wie Sunrise Avenue) bewegen die sich noch doppelt so viel. Vor I Don’t Dance (das zwischendurch kurz wie Mr. Vain klingt) erklärt Samu Haber freiwillig, dass er bescheuert aussieht beim Tanzen und es deshalb lieber gleich bleiben lässt. Aber auch das ist keine Entschuldigung dafür, dass hier alles fehlt, was man ernsthaft eine Show nennen könnte.

Die Kameras geben sich alle Mühe, das zu übertünchen: Sie filmen Schatten, eine riesige Discokugel, Silhouetten und immer wieder Finger auf Instrumenten. Sie filmen wiederholt auch die Tattoos der Bandmitglieder, die nach wie vor durchweg aussehen, als hätten sie gerade eine Elefantenherde roh verspeist, und gerne auch Military-Klamotten und andere Accessoires harter Männer tragen. Womöglich versuchen die Finnen also noch immer, als Rockband wahrgenommen zu werden – was nicht einer gewissen Tragik entbehrt.

Besonders gerne dürfen auch die Mädchen im Publikum ins Bild. Ansonsten wird optisch fast nichts geboten außer einem Bassisten, der sich verdammt cool vorkommt in seinem permanenten Halbspagat, einem Schlagzeuger, der ständig schaut, als habe er chronische Verdauungsprobleme, und einem Keyboarder, der mit jedem Blick zu beweisen versucht, wie intensiv er diese Songs fühlt und wie sehr er in seine Musik versunken ist – sodass man schnell eine ganze Liste von grausamen Methoden im Kopf hat, wie man ihn in die Realität zurückholen könnte.

Auch das Publikum bleibt, wenn es nicht gerade explizit aufgefordert wurde, mit den Händen über dem Kopf zuklatschen, erstaunlich passiv. Die Passagen, in denen die Fans alleine singen sollen, sind kaum zu hören und bei den Einstellungen in der Totalen sieht man meist: ganz viele Körper und Köpfe, die sich nicht bewegen.

Das Schlimmste an Sunrise Avenue ist aber auch auf dieser DVD ihre kitschige Beschränktheit. Sie sind die finnische Entsprechung zu Unheilig: Es gibt hier scheinbar große Gefühle, die durchweg aus einem unbestimmten Gefühl der Orientierungslosigkeit, des Schmerzes, der Wut erwachsen. Dagegen wäre auch gar nichts zu sagen. Aber Sunrise Avenue bieten für diese Gefühlslage keine Lösung an, auch keinen richtigen Trost, sondern bloß ein Schulterzucken. Ihre Texte erzählen ganz oft klischeehaft von dem Einsamen, der auf der Suche nach der Richtigen, der Liebe und dem Glück ist (ungefähr in dieser Reihenfolge). Alle Sehnsucht wird in Träume verlagert, in eine unbestimmte Zukunft, ins Wonderland oder in ein Land „behind the great oceans“, wie es in einer Zeile des Hits Hollywood Hills heißt.

Das ist eine ekelhafte Schicksalsergebenheit, denn dieser Ansatz steht der Idee im Weg, selbst etwas zu ändern, im Hier und Jetzt. Die Frustrierten fühlen sich verstanden bei Sunrise Avenue, aber sie bekommen keinen Ausweg aufgezeigt, und vielleicht wollen sie auch gar keinen finden. Damit sie ewig schwelgen können in den wichtigsten Zutaten für diese Simulation eines Rockkonzerts: Selbstmitleid und schlechter Geschmack.

Sunrise Avenue spielen Forever Yours live bei Rock am Ring:

Sunrise Avenue bei MySpace.

Hingehört: The Cornshed Sisters – “Tell Tales”

Die Märchen auf "Tell Tales" sind schaurig schön.

Die Märchen auf "Tell Tales" sind schaurig schön.

Künstler The Cornshed Sisters
Album Tell Tales
Label Memphis Industries
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Darf man das? Zu einem sehr geschmackvollen Klavier und einer dezenten Gitarre singen die Cornshed Sisters einen zuckersüßen Refrain. Und der heißt: „If bombs were love / then you can call me Dresden.“

Ob das geschmacklos ist, dürfen gerne andere beurteilen. In jedem Fall ist es, obwohl Dresden im Original von den Punks von Les Cox Sportifs stammt, eine typische Methode für die Cornshed Sisters: Sie sehen aus wie die Unschuld vom Lande, aus einer Zeit, in der es noch nicht einmal Verhütungsmittel gab. Aber sie haben es faustdick hinter den Ohren.

Das Quartett aus Sunderland (Jennie, Cath, Liz und Marie sind, streng biologisch betrachtet, übrigens keine Schwestern) vermischt auf seinem Debüt Tell Tales immer wieder den zauberhaftesten Wohlklang mit schauderlichen, witzigen, grotesken Geschichten.

Es geht auf Tell Tales um Wildkatzen im Blutrausch (der Ocelot Song klingt wie eine vierköpfige Tori Amos), obsessive Wahrsager (The Beekeeper baut mit ganz wenigen Mitteln eine bedrohliche Atmosphäre auf) oder Wasserraten (in Tommy wird acappella gesungen, und man kann nicht sicher sein, ob da vier Engel am Werk sind, oder vier Sirenen, die einen ins Verderben locken wollen) – und das sind nur die Themen, die mit W beginnen.

Der Gesang das Quartetts ist gerne geister- und immer meisterhaft, dazu kommt auf dem von Peter Brewis (Field Music) produzierten Album so gut wie nichts: ein bisschen Klavier, gelegentlich eine Gitarre oder Ukulele. One By One oder der Rausschmeißer Sail To Me sind gute Beispiele dafür, in denen sich der Chorgesang in die Nähe der Corrs oder Wilson Phillips bewegt. Soft White klingt ein bisschen wie Nachhilfestunden für die Pipettes in der Musikschule. Wenn in If You Were Mine zum ersten und einzigen Mal auch ein vorsichtiger Bass und ein Besenschlagzeug das Klanggefüge bereichern und für etwas mehr Schwung sorgen, dann kann man auch an Kate Nash denken – obwohl die womöglich keinen Text übers Gärtnern schreiben würde.

Der vielleicht beste Bezugspunkt ist Amanda Palmer in ihren Tagen bei den Dresden Dolls: Auch da gab das Klavier den Ton an, auch da waren die Melodien einschmeichelnd, aber die Texte steckten voller schwarzhumoriger Abgründe. Das beste Beispiel dafür ist Pies For The Fair, das bloß aus Klatschen und Gesang besteht und nicht ohne Grund noch einer Murder Ballad klingt: Hier erzählen die Cornshed Sisters die Geschichte einer Frau, die Menschenfleisch zu Pasteten verarbeitet. Spooky.

Himmlisch: Die Cornshed Sisters unterstützen die Futureheads bei einem Sparks-Cover:

The Cornshed Sisters bei MySpace.

Hingehört: Roxette – “Way Out”

"Way Out" beweist: Roxette können es auch ohne Kalkül.

"Way Out" beweist: Roxette können es auch ohne Kalkül.

Künstler Roxette
Single Way Out
Label Emi
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

„Wenn ich ein Lied wie Way Out hinbekomme, bin ich zunächst immer extrem glücklich. Denn es ist ein ganz simpler Song – und gerade diese Einfachheit ist meistens besonders schwer hinzukriegen“, hat mir Per Gessle im Interview verraten, als Way Out noch nicht als Single feststand und das Album Charm School gerade in den Startlöchern stand. „Wenn man beim Komponieren gezielt versucht, diese Leichtigkeit zu erreichen, dann sind die Ergebnisse meistens Mist. Aber ein paar Mal in meinem Leben hatte ich das Glück, so ein Lied richtig gut hinzubekommen. Und Way Out ist auf jeden Fall eines davon.“

Er trifft damit den Kern dessen, was dieses Lied ausmacht. Way Out hat kein bisschen von dem bei Roxette sonst gerne mal üblichen Kalkül. Es ist ein enorm spontanes, fast freischwebendes Lied. Das fängt schon mit der seltsamen Maultrommel in den ersten Sekunden an („Das soll ein bisschen das Country-Feeling des Sounds verstärken“, erklärt Per). Danach kommt fast nur Beat und Gesang, sodass man kaum ausmachen kann, ob dieser Song überhaupt aus etwas so Gewöhnlichem wie Akkorden besteht. Effektiver geht es nicht. Und dann wird es denkbar plakativ: eine fette E-Gitarre und Stadiondrums setzen ein, pünktlich nach dem ersten Refrain.

Das vergleichsweise filigrane Break rettet Way Out dann nach dem zweiten Refrain davor, allzu plump zu werden, ein Gitarrensolo baut die Brücke zum letzten Drittel dieser nicht einmal drei Minuten. „Es ist wirklich kurz, und es klingt großartig, wenn man es im Auto hört“, formulierte Per im Interview weitere Vorzüge von Way Out. Stimmt alles.

Als B-Seite gibt es leider nur eine zehn Jahre alte Live-Aufnahme aus Brüssel, aber immerhin eine überraschende: Roxette kombinieren da Crash! Boom! Bang!, den Titelsong ihres 1994er Albums, mit Anyone, einer Single aus dem Jahr 1999. Das ist nicht gerade naheliegend, leuchtet aber trotzdem an: Beide Lieder eint die Liebeskummer-Thematik und der ¾-Takt. Der Übergang ist handwerklich gut gemacht, wirkt aber trotzdem etwas erzwungen.

Ansonsten wird weitgehend originalgetreu musiziert (Crash! Boom! Bang! wird um ein paar Percussions erweitert, Anyone bekommt einen sehr gelungenen Akustik-Schluss). Es gibt jeweils eine Stelle, an der die Fans im Mittelpunkt stehen, und dann wird diese Live-Aufnahme doch noch eine passende B-Seite für diese Single vom Roxette-Comeback-Album: Wenn in Crash! Boom! Bang! der Jubel nach der ersten Zeile losbricht oder in Anyone die Fans ganz alleine singen, dann zeigen sie: Wir kennen diese Lieder noch immer, wir lieben sie. Wir wollen sie immer haben.

Hatte ich schon “plakativ” gesagt? Roxette spielen Way Out live in Berlin: