Hingehört: Beck – “Midnite Vultures”

November 17, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 

Beck produzierte diesmal selbst - noch ein bisschen abgedrehter.

Künstler Beck
Album Midnite Vultures
Label Geffen
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung ***

Ich verdanke dieses Album der Deutschen Bahn AG. Ich hatte eine Bahnfahrkarte gekauft, die ich dann nicht brauchte. Und so konnte ich mir großzügigerweise am Schalter den Fahrpreis (minus 14 Mark Bearbeitungsgebühr) zurückerstatten lassen. So hatte ich 30 frische Mark in der Tasche, die ich sofort in neue CDs investierte. Naja, eigentlich nicht ganz neue.

Ich ging nämlich zum Gebraucht-CD-Händler und war erstaunt, dass er dieses Album, das gerade einmal zwei Wochen zuvor erschienen war, schon im Angebot hatte. Dazu kaufte ich gleich noch eine Platte, ich glaube Monster von REM.

Ein Monster ist diese Scheibe freilich auch. Beck hatte ja zuvor auf einem Indie-Label ein paar Platten mit lateinamerikanischer Musik rausgebracht, und ein bisschen hört man das auch noch. In der Bläser-Verliebtheit von Sexx Laws, den dampfenden Percussions am Anfang von Nicotine & Gravy und vor allem der unheimlichen Physis des ganzen Albums. Sex als roter Faden, wenn auch stets nur angedeutet.

Beck hat diesmal fast alles selbst produziert, als Resultat sind die Tracks noch ein Stück abgedrehter geworden, durchschreiten erstaunliche Entwicklungen, rasen vor, hüpfen zur Seite in ein schwarzes Loch, machen dort ein paar Salti und kommen irgendwann wieder zurück. Oder auch nicht.

Erster Höhepunkt ist Get Real Paid, das in Großraumdiscos auf dem dritten Jupiter-Mond der große Renner sein soll. Wie man hört. Unbedingt auf die Habenseite gehört auch Milk And Honey, das mit Rockgitarren beginnt und über eine Old-School-HipHop-Reminiszenz in einem Eagles-Verschnitt mündet.

Eines von leider nur noch zwei Stücken mit den genialen Dust-Brothers ist Hollywood Freaks: unglaublich groovy, noch ironischer. Peaches And Cream soll wohl eine Prince-Persiflage sein, hat der kleine Mann aus Minneapolis  ja sowohl Peaches als auch Cream zu Hits gemacht. Textlich und gesanglich durchaus gelungen, musikalisch aber bis auf den Schluss zu ereignislos.

Deutlich besser gelungen und absolutes Highlight des Albums ist das ebenfalls mit den Dust Brothers produzierte und ebenfalls nach Minneapolis schielende Debra. Das beste Stück, das Prince seit Jahren nicht geschrieben hat. Kein Mensch hätte Beck einen solchen Gesang zugetraut, dazu ein erotischer Standbass, Bläser und ein herrlich anzüglicher Text.

Im hidden track scheint er dann sein ganzes Equipment zu zerknüppeln. May I introduce: Beck Hansen, greatest weirdo on earth.

Famos (nicht nur, weil auch der weiße Anzug gut zu Prince passen würde): Debra live:

Beck bei MySpace.

Hingehört: Oasis – “Familiar To Millions”

November 3, 2000 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Oasis sind in der Tat "Familiar To Millions". Und der beste Beweis für: Great Britain.

Künstler Oasis
Album Familiar To Millions
Label Big Brother Records
Erscheinungsjahr 2000
Bewertung *****

Zwei Jahre nachdem Oasis ihr letztes Konzert in der englischen Hauptstadt gegeben hatten, betraten sie am 21. Juli 2000 wieder eine Londoner Bühne. Das erste Wort, das Liam den 70.000 Fans entgegenschleuderte, war “Shithole”. Damit war das Wembley-Stadion gemeint, der Ort des Geschehens. Die altehrwürdige Arena sollte sich für die Beleidigung rächen. Denn der Sound ließ zu Beginn des Konzerts zu wünschen übrig. Alles, was Saiten hatte, wurde vom Winde verweht, einzelne Lautsprecher fielen komplett aus.

Von diesen Schwierigkeiten ist auf Familiar To Millions, dem 2-CD-Dokument der Show, nichts mehr zu hören. Der Klang stimmt von Anfang an, die Stimmung natürlich auch. Die Band beweist, was sie schon bei den Konzerten ohne Noel auf dem Kontinent angedeutet hatte: Noch nie waren Oasis als Musiker so gut.

Dennoch ist es natürlich ein Gewinn, dass der Kapitän wieder an Bord ist – stimmlich in Bestform. Die Passagen, die bei den Konzerten ohne Noel schlicht weggelassen worden waren, sind nun wieder mit Gesang gefüllt. So können sich Band und Fans in Acquiesce einander “Because we need each other / we believe in one another” zuschreien. Und man weiß gar nicht, wer von beiden dabei Recht hat.

Noel hat noch mehr mitgebracht: Eine live zuletzt selten gespielte B-Seite (Step Out) und eine kompakte Coverversion von Neil Youngs Hey Hey, My My. Letzteres wirkt ob der Auflösungserscheinungen, die Oasis zuletzt gezeigt hatten, besonders heikel. “It’s better to burn out than to fade away” könnten Zyniker als Wink mit dem Zaunpfahl an die Jungs aus Manchester auslegen.
Doch von Routine, überschrittenem Zenit oder gar Zerfall ist an diesem Abend nichts zu spüren: Today is gonna be the day that they’re gonna throw it back to you. Jedes Stück ein Hit, ein Höhepunkt, ein Manifest: Wir sind Oasis, und wir sind noch da.

Auch die Fans sind noch da (wenn auch inzwischen völlig entrückt tanzend oder in selbstvergessener Bewunderung verharrend) und sie dürfen den Refrain von Don’t Look Back In Anger singen. When you’re happy and you’re feeling fine, then you know that it’s the right time.

Okay, die Zeit, in der Oasis die aufregendste Band der Welt waren, ist vorbei. Aber wenn sie auf der Bühne stehen, sich ihre magischen Verbal-Duelle liefern, an Cigarettes & Alcohol eine Whole Lotta Love-Reprise anhängen oder die letzten Takte von Rock’n'Roll Star vor lauter Energie beinahe zum Implodieren bringen, dann muss das erst einmal jemand beweisen.

Was auf der Video-Leinwand passiert, ist ein Ereignis. Aber was auf der Bühne passiert, ist das Paradies: Don’t Look Back In Anger, live in Wembley:

Oasis bei MySpace.