Die Wiege der Liebe

April 25, 2005 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 
Irgendwo hier soll Aphrodite aus den Wellen gestiegen sein.

Irgendwo hier soll Aphrodite aus den Wellen gestiegen sein.

Sandro Botticelli lag komplett daneben. Auf seinem Gemälde “Geburt der Aphrodite” in den Uffizien entsteigt die Liebesgöttin einer Muschel an einem dunklen Strand, Wiesen und Olivenbäume sind zu sehen. In Wirklichkeit gibt es kein Grün, keine Bäume und auch keine Muscheln an dem Ort, den er auf seinem Bild meint. Wo die mythische Geburt geschah, nicht weit von Zyperns viertgrößter Stadt Paphos, sieht man stattdessen: Licht, einen Strand, übersät von polierten Steinen, und eine imposante Steilküste. Dazu eine bizarre Felsformation, um die sich natürlich eine Sage rankt: Wer bei Vollmond nackt dreimal um den Felsen der Aphrodite schwimmt, soll sich kurz darauf unsterblich verlieben.

Botticelli ist wohl selbst nie da gewesen und malte nach der Schilderung in Hesiods Theogonie: “Rings erhob sich weißer Schaum aus unsterblichem Fleisch; es wuchs eine Jungfrau in ihm empor, sie nahte der heiligen Insel Kythera erst, doch gelangte sie dann zum ringsumflossenen Zypern, stieg dort schamhaft-schön als Göttin an Land, und die Wiese grünte unter den zierlichen Füßen ihr auf.”

Aphrodite hat auf Zypern überall ihre Spuren hinterlassen. Doch grüne Wiesen sind selten auf der äußerst regenarmen Mittelmeerinsel. Was früher die Schritte der Liebesgöttin erledigten, besorgen inzwischen internationale Hotelketten. Sie haben Zypern als Golfparadies entdeckt. Drei 18-Loch-Plätze gibt es inzwischen auf der Insel, weitere sind geplant. Die neueste Anlage gehört zum “Intercontinental Aphrodite Hills Resort Hotel”, das im März seine ersten Gäste empfing.

Die traumhafte Fünf-Sterne-Anlage liegt nur ein paar Hundert Meter vom Felsen der Aphrodite entfernt. An der Wiege der Liebe fühlt man sich der schaumgeborenen Göttin der Schönheit natürlich verpflichtet. Von der marokkanischen Schlammpackung bis zum Körper-Peeling mit Seegras-Extrakten reicht das Programm im luxuriösen Spa-Bereich. Hier treffen Moderne und Mythologie aufeinander, denn die 18 verschiedenen Entspannungs-Räume greifen antike Elemente auf: dorische Säulen, weiße Vorhänge, aufwendige Mosaike.

Im Aphrodite Hills Resort Hotel setzt man auf Golf und Entspannung.

Im Aphrodite Hills Resort Hotel setzt man auf Golf und Entspannung.

Die gesamte Anlage, inklusive des Golfplatzes und der Tennisakademie 234 Hektar groß, hat diese historischen Vorbilder. Beim geplanten Bau eines Swimmingpools stießen die Arbeiter sogar auf antike Überreste: die Mauern eines Klosters, die nun ein Denkmal inmitten des Resorts bilden. “Niemand weiß, wie alt das Gebäude ist. Die Regierung verbietet uns, irgendetwas daran anzurühren”, verrät Laura Hyland, Marketingmanagerin des Hotels.”Wir haben beim Bau auf traditionelle Materialien sowie Stoffe und Werke von Künstlern und Handwerkern aus der Region gesetzt. Die ganze Anlage soll wie ein typisches zypriotisches Dorf aussehen”, sagt sie.

Das ist wunderbar gelungen: Der weitläufige Gebäudekomplex mit 290 Zimmern und vier Restaurants integriert sich sehr harmonisch in die Landschaft und lässt den Gästen viel Privatsphäre. Gedränge gibt es nicht einmal am “Dorfplatz” mit Bars, Boutiquen und einer byzantinischen Kapelle, die auch gerne für Hochzeiten genutzt wird. “Das sind riesige Feiern mit ganz vielen Gästen”, erzählt Laura Hyland. “Aber es war noch kein Paar dabei, das vorher um den Felsen geschwommen ist.”

Hingehört: The Greater Good – “The Greater Good”

April 19, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Hinter The Greater Good steckt Craig Ross. Und hinter dem steckt John Lennon.

Künstler The Greater Good
Album The Greater Good
Label India Records
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Craig Ross scheint ein ziemlich schüchterner Zeitgenosse zu sein. Sein Name steht nicht auf der Platte, auf dem Cover ist er bloß als einer von 23 Bergarbeitern (ein anderer ist sein Großvater) zu sehen, und dass er fast alles an The Greater Good selbst gemacht hat, traut er sich auch kaum anzumerken.

Das passt zu der Tatsache, dass sich der Mann aus Austin (bis auf ein Solowerk von 1996) bisher vor allem einen Namen als Produzent gemacht hat – also auf der anderen Seite des Mikrofons tätig war.

Das ist allerdings ein Frevel. Denn was an The Greater Good als erstes auffällt, ist der Gesang. Gar nicht mal besonders kraftvoll oder facettenreich, aber ausdrucksstark. Und vor allem: Genau wie der späte John Lennon, um die Zeit von Mind Games. Neben dem allgegenwärtigen Lennon lassen sonst Neil Young und Tom Petty grüßen.

Bei solchen Parallelen möchte man Craig Ross zurufen: “Keine falsche Bescheidenheit!” Denn es gibt hier durchweg überzeugende Gitarrenkunst, meist entspannt, stets sehr hübsch. Auf Slip wird kurz Hendrix zitiert. Get Out Of The Water ist brillantes Understatement. Beim etwas robusteren I’m The Moon darf die langjährige Mitstreiterin Lisa Germano mitsingen.

How The West Was Won lässt mit seinen Glam-Anklängen auch Ross’ Vorliebe für David Bowie durchschimmern. Eine rund Sache. Und die richtige Platte zum ganz langsamen Frühlingserwachen.

Pantomime für wirklich ganz blutige Anfänger: Ein charmanter Clip zu How The West Was Won:

Craig Ross bei MySpace.

Hingehört: Arcade Fire – “Funeral”

April 12, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

"Funeral" ist ein bombastisches, erlösendes Werk.

Künstler Arcade Fire
Album Funeral
Label Rough Trade
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****1/2

Dem Daily Mirror war kürzlich eine interessante Statistik zu entnehmen: die beliebtesten Lieder bei Beerdigungen, geordnet nach Ländern. Demnach verabschieden sich die Briten am liebsten mit dem Robbie-Williams-Song Angels von dieser Welt. Europaweit haben Queen mit The Show Must Go On die Nase vorn. In Deutschland wähnen sich nicht wenige mit AC/DC auf dem Highway To Hell.

Dazu kommen die üblichen Verdächtigen: Time To Say Goodbye von Andrea Bocelli (beliebtester Abschiedssong der Norweger), Eric Claptons Tears In Heaven (Nummer Eins in Schweden), Mozarts Requiem (in Spanien und Italien beliebt), natürlich auch Elton Johns ultimative Schluchz-Schnulze Candle In The Wind.

Ein paar dieser Lieder werden im letzten Jahr auch die sieben Mitglieder von Arcade Fire gehört haben. Denn die Band aus Montreal musste insgesamt neun Beerdigungen miterleben, während sie an ihrem Album arbeitete, das nun folgerichtig Funeral heißt. Zehn ausgetüftelte Stücke gibt es, eine Art Post-Rock, reichlich Streicher und Glockenspiele, alles mit einer feinen Dramaturgie und Dynamik.

Kein Wunder bei solch düsteren Begleitumständen: Tod und Verlust sind die bestimmenden Themen der Platte – verpackt in wunderbare Lyrik. “My family tree is losing all its leaves” heißt es etwa im Rausschmeißer In The Backseat.

Wer nun allerdings glaubt, Funeral sei ein Trauerkloß, sieht sich getäuscht. Denn die Kanadier schaffen es, aus der Beschäftigung mit Abschied und Vergänglichkeit ein bombastisches, positives, erlösendes Werk zu machen. Wenn sich das programmatische Wake Up in höchste Motown-Höhen aufschwingt oder sich das zunächst verdrießliche Crown Of Love plötzlich zu einem Discobeat aufrafft, dann ist das beinahe eine Party-Platte.

Arcade Fire ziehen aus den widrigsten Umständen den erstaunlichsten Optimismus, und passend dazu versucht Win Butler mit seiner brüchigen Stimme andauernd, Hymnen zu singen. Funeral ist ein Triumph des Trotzes.

David Bowie ist ein großer Fan – und singt gemeinsam mit Arcade Fire auch gleich Wake Up:

Arcade Fire bei MySpace.

Durchgelesen: Hermann Hesse – “Siddhartha”

April 12, 2005 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Vorsicht! Dies ist keine religiöse Erbauungsschrift.

Autor Hermann Hesse
Titel Siddhartha
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1950
Bewertung ****1/2

Wer nach der Lektüre zum Buddhismus konvertieren will, hat nichts verstanden. Nicht die Lehre vom Buddhismus und nicht den Sinn von “Siddhartha”, der nichts anderes ist als die Geschichte des Lebens. So groß, so elend so rührend, so sinnlich, so brutal ist es.

Hesse gibt dem Leser diese Warnung selbst mit auf den Weg: “Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.”

Grandios ist darin zum einen die Sprache, die an religiöse Schriften denken lässt und so anders ist als Hesses üblicher Tonfall, dass man sofort das Exotische des Schauplatzs spürt. Zum anderen ist es die Form: Die Handlung sich beschleunigt sich ebenso wie das Leben. Zu Beginn ist ein Tag eine ganze Ewigkeit, zum Ende rauscht ein Jahrzehnt einfach so vorbei.

Die beste Stelle ist Siddharthas Erwachen, sein Zu-sich-Kommen (im wahrsten Wortsinn) nach einem Selbstmordversuch: “Ich habe sündigen müssen, um wieder leben zu können. Wohin noch mag mein Weg mich führen? Närrisch ist er, dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht im Kreise. Mag er gehen, wie er will, ich will ihn gehen.”

At The Zoo: Die besten (und schlechtesten) Bands mit Tiernamen

April 11, 2005 · Posted in Charts, Ich · Comment 

Zunächst mal etwas Allgemeines vorweg: Tiere kann ich nicht leiden. Aber es ist erstaunlich, wie viele Bands sich nach dem Viehzeug benannt haben. Hier die besten von ihnen und noch eine Auswahl an besonders obskuren Beispielen.

Die 40 besten Recording Artists, in deren Name Tiere vorkommen:

1. The Beatles
2. Sheryl Crow
3. Pet Shop Boys
4. The Byrds
5. Counting Crows
6. Dinosaur Junior
7. Eels
8. T. Rex
9. The Monkees
10. Echo & the Bunnymen
11. Seahorses
12. Buffalo Springfield
13. The Animals
14. The Yardbirds
15. Tortoise
16. Buffalo Tom
17. Bee Gees
18. Dog Eat Dog
19. Gorillaz
20. Fischmob

21. Lovebugs
22. Jayhawks
23. Def Leppard
24. Super Furry Animals
25. International Pony
26. The Eagles
27. Sparklehorse
28. Black Crowes
29. Grant Lee Buffalo
30. Hootie & The Blowfish

31. The Turtles
32. Seal
33. Iron Butterfly
34. Rainbirds
35. Lassie Singers
36. 16 Horsepower
37. Eagle-Eye Cherry
38. 22 Pistepirkko
39. Lambchop
40. Whale

Die zehn schlechtesten Recording Artists, in deren Name Tiere vorkommen:

1. Wolfsheim
2. Pantera
3. Bloodhound Gang
4. Scorpions
5. Guano Apes
6. Bananafishbones
7. Fury In The Slaughterhouse
8. Cucumber men
9. Der Wolf
10. Skunk Anansie

40 weitere Recording Artists mit lustigen Tiernamen (alle diese Formationen haben tatsächlich irgendwann unter diesen Namen Platten veröffentlicht):

1. The Secret Goldfish
2. The squirrel nut zippers
3. Dackelblut
4. Butterflies of love
5. Llama Farmers
6. Ass Ponys
7. Motorsheep
8. Giant Ant Farm
9. Flying pigs
10. Groop Dogdrill
11. Scottsville Squirrel Barkers
12. Schwanensee
13. Fat Possum
14. Bright Blue Gorilla
15. The Hamsters
16. Jesus Lizard
17. Die Krähen
18. Animals that swim
19. Fred Eaglesmith & the flying squirrels
20. Reindeer section
21. Donna the buffalo
22. Pluto monkey
23. Shopmouse
24. Modest Mouse
25. Schweinehund
26. Die like a dog quartet
27. Soulfly
28. The Detroit Cobras
29. Space Monkeys
30. Hunting cows
31. Dauerfisch
32. Bitch and animal
33. Rhinoceros
34. Tigerbeat
35. Hammerhai
36. Pedro the lion
37. Bronco Bullfrog
38. The Oysterband
39. Mountain goats
40. The Chameleons

Hingehört: Mouse Machine – “The Complexity Of Lucy”

April 1, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Mouse Machine haben eine Überdosis Zynismus im Gepäck.

Künstler Mouse Machine
Album The Complexity Of Lucy
Label Hazelwood
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung *

The Complexity Of Lucy ist eine harte Nuss. So etwas Düsteres, Morbides und Hoffnungsloses bekommt man nicht alle Tage zu Ohren. Man sollte sich nur heranwagen, wenn man schon einmal den Electro-Shock Blues der Eels gehört, Songs Of Love And Hate von Leonard Cohen gar gekauft und Bob Dylans Time Out Of Mind auf der Liste seiner Lieblingsplatten hat.

Aber selbst dann wird man am Debüt von Mouse Machine (hinter dem Projekt stecken zwei Berliner Schauspieler) zu kauen haben. Denn statt Liedern im herkömmlichen Sinne gibt es hier kakophonische Klangcollagen, die nicht nur stimmlich gelegentlich an die Beta Band erinnern. Dazu eine Riesendosis Zynismus und Depression. This Is Not A Happy Song, We Don’t Make Sense oder Down, That’s The Way It Goes heißen die Botschaften. Das alles ist sehr anders und durchaus interessant. Aber das Gegenteil von Spaß.

Achtung, Kunst! Eine Performance von Mouse Machine:

Mouse Machine bei MySpace.