Disziplin, Kaffee und Salbeibonbons

Mai 19, 2003 · Posted in Bücher, Lesungen · Comment 

Der junge Mann gibt sich wirklich alle Mühe. Er springt ausgelassen vor dem Schaufenster herum, er tanzt, zieht Grimassen. Wie ein Fußballprofi, der gerade ein Tor geschossen hat, zeigt er stolz auf sein T-Shirt. “Mein letzter Tag als Junggeselle” steht darauf. Dann leckt er tatsächlich die Schaufensterscheibe ab.

Julika Thomas bleibt davon unbeeindruckt. All das spielt sich vor ihren Augen ab, doch sie sitzt eisern hinter der Scheibe – und liest. Sie darf nicht aufhören, keine Pause machen. Schließlich wird sie überwacht. Eine Kamera hat sie ständig im Visier, auf dem Boden flimmert ein Monitor. Daneben sind Kekse verstreut, Plastikbecher liegen umher. Die Nudeln aus der Mikrowelle sind längst kalt. Hinter Julika sieht es ähnlich aus: zerwühlte Schlafsäcke, Handtücher, ein Kuscheltier. Und Bücher. Überall Bücher.

Auf der ersten Seite von Kapitel 26 in Henning Mankells Die Rückkehr des Tanzlehrers, haben sie es dann endlich geschafft: Weltrekord! Seit 52 Stunden und fünf Minuten lesen Julika und ihre fünf Mitschülerinnen aus der 10L2 der Winfriedschule Fulda. Damit haben sie die bisherige Bestmarke im Dauerlautlesen um eine Minute überboten. Thomas Keune, technischer Leiter von Optiker Sauerborn in Fulda, hatte die Idee zu der Aktion und sieht vor seinem Laden nun eine spontane Party entstehen: Uta Greis zählte die letzten Sekunden herunter, dann brandet Jubel auf.

Im Überschwang stößt jemand gegen das Mikrophon, es kracht in den Lautsprechern. Magdalena Zeiler umarmt stürmisch eine Freundin: “Wir ham’s, wir ham’s!” Markus Bente, Klassenlehrer der sechs Schülerinnen, geht zum Schaufenster und streicht stolz das Wort “Versuch” von dem Plakat, auf dem eben noch “Weltrekord-Versuch” stand. Blaue Prosecco-Fläschchen machen die Runde. “Trinkt nicht so viele, die brauchen wir doch noch heute Nacht”, warnt Simone Schwarze.

Denn die 16-Jährigen wollen den Rekord nicht nur brechen, sondern auch möglichst lange behalten. 60 Stunden haben sie sich zum Ziel gesetzt. Jede von ihnen liest 35 Minuten, dann wird gewechselt. Während drei immer im Schaufenster sitzen, können sich die anderen drei ausruhen. “Die erste Nacht haben wir fast gar nicht geschlafen. Aber wenn man dann richtig müde ist, geht es”, erzählt Sabrina Rippl.

Neben der Müdigkeit ist die Stimme das größte Problem: Salbeibonbons schützen nach stundenlangen Lesen vor Heiserkeit. Daneben bekommen die Leseratten auch jede Menge moralische Unterstützung. Viele Lehrer, Mitschüler und Freunde schauen rein. “Wildfremde Menschen haben den Mädchen Eis vorbeigebracht”, erzählt Markus Bente. Motivierend waren auch die zahlreichen interessierten Passanten. “Zwei Jungs haben sich wirklich zweieinhalb Stunden hingesetzt und zugehört”, freut sich Markus Bente.

Er dokumentiert die Aktion in einem Logbuch, damit die Bestmarke auch im Guinness-Buch der Rekorde anerkannt wird. “Seit Donnerstagnachmittag habe ich drei Stunden geschlafen”, erzählt er – wohlgemerkt – am Samstagabend. Dennoch ist er zuversichtlich: “Die 60-Stunden-Marke packen wir auf jeden Fall.”

Sechs Stunden später nimmt sich Thomas Keune noch einen Becher Kaffee. “Was die Mädels hier schaffen, ist wirklich eine Riesenleistung”, sagt er leise. Den angebotenen Stuhl lehnt er ab: “Wenn ich mich jetzt hinsetze, komme ich nicht mehr hoch.”

Auch den Mädchen fällt es jetzt immer schwerer, die Augen offen zu halten. Ann-Kathrin Stidronski kann sich nicht einmal mehr erinnern, was sie beim Durchbrechen der Bestmarke gerade vorgelesen hat. “Es ging um irgendeinen Peter”, weiß sie noch. Von Büchern hat sie für die nächsten Tage erst einmal genug. 61 Stunden und 16 Minuten Dauerlautlesen haben sie am Ende geschafft. Julika Thomas fühlt sich nach dieser Zeit – und einer Sektdusche zum Abschluss – im Optikerladen “fast ein bisschen zu Hause. Aber wir sind trotzdem froh, wenn wir uns endlich ins eigene Bett legen können”. Dort können die sechs dann gleich den nächsten Rekord aufstellen: im Dauerlangschlafen.

Hingehört: The Cardigans – “Long Gone Before Daylight”

Mai 9, 2003 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Long Gone Before Daylight" zeigt die Cardigans am Scheideweg.

Künstler The Cardigans
Album Long Gone Before Daylight
Label Stockholm Records
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****

Long Gone Before Daylight hätte sehr wahrscheinlich das letzte Cardigans-Album werden können. Denn mit ihrer fabelhaften A-Camp-Platte hatte sich Sängerin Nina Persson räumlich und musikalisch enorm vom Rest der Band entfernt, auch wenn sie dabei stets beteuerte, das Solo-Projekt bedeute auf keinen Fall das Aus für die Cardigans. Wie man hört, stand die Auflösung dann doch zur Diskussion, wochenlang. Erst dann raufte sich das Quintett wieder zusammen und machte ein Album, das nicht der Schwanengesang der Cardigans ist, sondern der Beginn ihres Alterswerks.

Easy Listening ist schon lange nicht mehr, auch der Hedonismus wurde über Bord geworfen – und geblieben ist etwas, das wohl Melancholie heißt. Der Sound ist deutlich näher an A-Camp als am Cardigans-Vorgänger Gran Turismo. Das bedeutet: Nina Persson steht noch mehr im Mittelpunkt, hat noch mehr Raum für ihre betörende Stimme und kann endlich auch ihre wundervollen Texte angemessen zur Geltung bringen.

Der Opener Communication gibt bereits die Themen vor und schwelgt in seiner Unentschiedenheit zwischen Resignation und Hoffnung. Ebenso widersprüchlich und noch ein Stück unwiderstehlicher gerät dann You’re The Storm: “I like the sweet life and the silence / but it’s the storm that I believe in.” Auf A Good Horse darf dann ein bisschen gerockt werden, Howlin Pelle Almqvist singt mit, Sheryl Crow scheint Pate gestanden zu haben. Mit And Then You Kissed Me kommen die Cardigans schließlich ganz und gar in Amerika an.

Couldn’t Care Less ist das untröstlichste Lied, das die Cardigans je gemacht haben – und sie haben eine Menge untröstlicher Lieder gemacht. “My blood don’t flow anymore / and you couldn’t care less, could you?” Keiner hat das Ende gewollt, doch nun ist es da – und auf dem Weg dahin war nur eines sicher: die eigene Schuld. Gerade, weil diese Erkenntnis so klar ist und weil sie so lakonisch hingenommen wird, ist der (Selbst-)Vorwurf so erbarmungslos. Sehr weise ist das, und Blues.

Der Mittelteil schwächelt dann etwas. Please Sister könnte fast ein Roxette-Track sein, wenn sich Roxette noch ein bisschen Mühe geben würden. For What It’s Worth zerfasert ein wenig, auch Lead Me Into The Light verschenkt seine wundervolle Strophe (textlich: Dylan, melodisch: ein Traum) leider. Live And Learn könnte die nächste Single sein, ist ein bisschen cleverclever, schrammt aber haarscharf daran vorbei, bemüht unbeschwert zu klingen.

Ein ganz großer Wurf gelingt erst wieder mit dem Rausschmeißer. 03:45: No Sleep beginnt mit einer magischen Strophe, man erwartet einen Harmoniewechsel, doch Nina Persson lässt uns erst noch ein paar Zeilen lang zappeln, um dann mit dem Refrain doch alle Versprechen einzulösen. “If I had one wish fulfilled tonight / I’d ask for the sun to never rise”, singt sie. Man möchte sie in den Arm nehmen, trösten und festhalten. Wenigstens noch eine Weile.

Wunderschön: Der Clip zu You’re The Storm:

Die Cardigans bei MySpace.

Durchgelesen (schon wieder): Benjamin von Stuckrad-Barre – “Soloalbum”

Mai 3, 2003 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

"Soloalbum" ist eine Hölle von einem Debüt.

Autor Benjamin von Stuckrad-Barre
Titel Soloalbum
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 1998
Bewertung *****

Es ist vielleicht wie bei Bands: Das erste Album bleibt irgendwie immer das beste, weil es den Entdeckungs- und Überraschungsfaktor hat. Benjamin von Stuckrad-Barre haut hier jedenfalls ein Höllen-Debüt raus.

Erst durch dieses Buch habe ich überhaupt wieder angefangen zu lesen. Hin und wieder mal krame ich es nochmal hervor und kann mich jedesmal neu daran erfreuen. Was dann auffällt: Zynismus, Wut und Arroganz sind in der Rezeption vollkommen überbewertet worden. Denn erstens richten sie sich meist gegen die Medien (und sind dann fast immer angebracht), zweitens stehen Zynismus, Wut und Arroganz der Jugend zu.

Was man oft vergisst, ist, wie viel Wahrheit über Jugend und natürlich vor allem über Liebeskummer in diesem Buch steckt, wie angreifbar und verletzlich der Erzähler dadurch auch ist. Deshalb ein Klassiker.

Beste Stelle: “Sie war es, das war es.”

Durchgelesen: Reinhard Janssen – “Der Wolfsritter”

Mai 3, 2003 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Der Wolfsritter" ist passable Hobby-Literatur.

Autor Reinhard Janssen
Titel Der Wolfsritter
Verlag Books on demand
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung **1/2

In mancher Hinsicht ist Reinhard Janssen ein Spätzünder. Als immerhin schon 68-Jähriger brachte er jüngst sein erstes Buch heraus. “Der Wolfsritter” ist ein Roman, der im 9. Jahrhundert spielt.

Auch sein Interesse für historische Themen entstand bei Reinhard Janssen spät, nämlich erst nach seiner Pensionierung. Zuvor hatte er 28 Jahre lang als Forstbeamter in Wildflecken in der Rhön gearbeitet.

Diesen Hintergrund merkt man seinem Debüt auch an. Der Erzähler ist jemand, der die Natur kennt – und sie liebt. “Der Wolfsritter” überzeugt mit sachkundigen und faszinierenden Schilderungen der Landschaften und der Tiere, die im Roman keine unbedeutende Rolle spielen.

So führt am Anfang die Wolfshündin Liesa den Leser zur Hauptfigur. Wolfram von Brahmberg, der Wolfsritter, ist zu Beginn der Handlung 14 Jahre alt. Er erlebt mit, wie seine Eltern getötet werden und die Burg der Familie niedergebrannt wird. Sein Sinnen nach Rache und sein Kampf um die angestammten Rechte stehen im Zentrum des Buches.

Reinhard Janssen strukturiert den Weg des Wolfsritters geschickt, wechselt die Schauplätze und liefert Rückblenden. Die Handlung wird in größere geschichtliche Zusammenhänge eingebettet, etwa die Dänen-Einfälle ins Karolingerreich und die Entfernung der Landesfürsten vom König, die zur Entstehung der so genannten jüngeren Stammesherzogtümer führte. An manchen Stellen ist das Werk allerdings unhistorisch – etwa gab es Mitte des 9. Jahrhunderts weder Ritterturniere noch Wappen oder Ahnengalerien.

Trotz solcher Mängel ist “Der Wolfsritter” eine spannende Geschichte, die alles bietet, was zu einem Ritterroman gehört: Liebe, Leid und Abenteuer.

Hingehört: Blur – “Think Tank”

Mai 1, 2003 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Blur lassen ihrem Forschungsdrang auf "Think Tank" freien lauf.

Künstler Blur
Album Think Tank
Label EMI
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ***1/2

Man hatte sich im Vorfeld wirklich Sorgen um Blur machen müssen. Graham Coxon, der auf den letzten beiden Alben nicht mehr nur Gitarrist, sondern musikalisches Mastermind war, hatte die Band verlassen. Sänger Damon Albarn hatte seinen Hang zum Spinnerten mit den Gorillaz ausgelebt. Das letzte Lebenszeichen der Band war eine politisch motivierte White-Label-Single, die nur in einer Auflage von 500 Stück erschien. Albarn war dann nach Mali gereist, um dort Harmonika zu spielen und Inspirationen zu sammeln. Mein Gott!

Ein Teil des Albums wurde schließlich in Marrakesch aufgenommen. Auch der Titel, Think Tank, klang schwer nach Kopfgeburt. Man hatte Dancefloor befürchten müssen, Jazz, Worldmusic gar. Doch schon der erste Eindruck beruhigt: Die Platte ist anhörbar. Ein paar mehr Durchläufe machen klar: Die Platte ist sogar ganz gut.

Ambulance macht den Auftakt, erinnert von der Botschaft und dem Mantra-artigen Refrain her an Tender, klingt musikalisch aber eher, als hätten Depeche Mode endlich entdeckt, wie ihre Instrumente funktionieren. Out Of Time, die erste Single, und On The Way To The Club entfalten eine fantastisch-spröde Schönheit. Caravan ist herrlich träge, der Sweet Song in der Tat zuckersüß.

Gene By Gene transportiert The Clash ins 21. Jahrhundert. Battery In Your Leg, an dem Graham Coxon noch mitgewirkt hat, ist herzzerreißend. Crazy Beat hüpft unwiderstehlich auf den Spuren von Jubilee und B.L.U.R.E.M.I. umher.

Überhaupt gehen Blur den Weg konsequent weiter, den sie vor vier Jahren mit 13 eingeschlagen haben. Damals war Damon Albarn von seiner Freundin verlassen worden, deshalb war die Platte so perfekt: Seine Zerstörungswut hatte ein Ziel, die Destruktion war ihm ein wahres Anliegen. Diesmal ist sie manchmal nur noch Selbstzweck, etwa beim überfrachteten Brothers And Sisters, dem überflüssigen Moroccan Peoples Revolutionary Bowls Club oder Klimbim wie Jets mit einem – jawohl – Saxophon-Solo.

Doch solche misslungenen Experimente muss man wohl in Kauf nehmen, wenn man erleben möchte, wohin Blur ihr Forschungsdrang und ihr Erweiterungswille geführt haben. Natürlich ist das alles höchst unkonventionell und längst weder Brit- noch sonst ein Pop. Doch im Gegensatz zu Radiohead haben sich Albarn & Co. nicht in die Unhörbarkeit verabschiedet. Blur bleiben bei uns. Und sie bleiben spannend.

Bizarr: Das wunderbar zarte und untröstliche Out Of Time vor einem völlig enthusiastischen Publikum bei Top Of The Pops:

Blur bei MySpace.