Durchgelesen: Armin Müller-Stahl – „Hannah“


Musik als Metapher - Armin Müller-Stahl überzeugt auch als Autor.

Autor Armin Mueller-Stahl
Titel Hannah
Verlag Aufbau-Verlag
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***1/2

Wenn Schauspieler plötzlich Bücher schreiben, reagiert man naturgemäß skeptisch. „Warum lassen die das nicht jemanden machen, der sich damit auskennt?“, ist eine der berechtigten Fragen, die sich schnell stellen. Zu befürchten sind literarischer Pfusch und unerträgliche Selbstdarstellung. Bei „Hannah“ bekommt man jedoch keines von beiden.

Armin Mueller-Stahl (74), bekannt vor allem als Höfel in „Nackt unter Wölfen“, als Chef der grauen Männer in „Momo“ oder als Thomas Mann aus „Die Manns – ein Jahrhundertroman“, hat schon Anfang der 1980er Jahre seine ersten Bücher veröffentlicht. Dass er (auch) etwas von diesem Handwerk versteht, daran lässt sein neuestes Werk keinen Zweifel.

Nach der Lektüre von „Hannah“ kommt es einem gar nicht mehr so seltsam vor, dass Schauspieler plötzlich Bücher schreiben. Im Gegenteil: Es wirkt wie eine ganz natürliche Fortsetzung ihres eigentlichen Metiers. So wie ein Schneider, der plötzlich eigene Klamotten entwirft. Oder ein Sänger, der zu komponieren anfängt.

Womit wir schon mitten im Buch sind. Denn die Titelfigur ist eine ebenso begabte wie berühmte Geigerin. Ihr Vater, ein erfolgreicher Schriftsteller, trifft sich nach deren Tod mit einem alten Schulfreund. Sie schwelgen in Erinnerungen, wollen sich aber auch aussprechen. Der eine ist gespannt, wie sich die jahrzehntelangen Beziehung der beiden alten Männer nun entwickeln wird, der andere will einen Betrug rechtfertigen, der sich am Ende als dreifacher Betrug herausstellen wird. Sie stehen sich, wie es an einer Stelle heißt, „am Ende des Lebens anklagend gegenüber und nicht weiser als früher, nicht wissend, was richtig oder falsch ist“.

Untermalt wird das Treffen von Hannahs Konzerten, so himmlisch beschrieben, dass man als Leser fast vergeht vor Sehnsucht nach diesen Klängen, die doch bloß Buchstaben sind. Hannah spielt auf den Aufnahmen Bach oder Brahms, und damit ihr eigenes Requiem.

Es geht auch um eine Hochzeitsreise, um den Kampf der Generationen mit- und gegeneinander. Und schließlich gibt es noch einen interessanten Effekt: Mueller-Stahls intellektueller, etwas selbstgerechter Übervater von „Hannah“ ist auch deshalb so beeindruckend, weil man ihm sofort das Gesicht des Taxifahrers Helmut geben kann, den der Autor in Jim Jarmuschs grandiosen „Night on Earth“ gespielt hat.

Beste Stelle: „Wie hätte ich die Leine einfach loslassen sollen, wie Hannah in dem Brief schrieb? Die Leine loslassen bedeutet doch auch, die Liebe loslassen. Wie kann man, wenn man liebt, die Liebe einfach loslassen?“

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